Rezension über:

Benoît Grévin: Le parchemin des cieux. Essai sur le Moyen Âge du langage, Paris: Éditions du Seuil 2012, 414 S., ISBN 978-2-02-087894-4, EUR 25,00
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Rezension von:
Gisela Naegle
Gießen
Redaktionelle Betreuung:
Jessika Nowak
Empfohlene Zitierweise:
Gisela Naegle: Rezension von: Benoît Grévin: Le parchemin des cieux. Essai sur le Moyen Âge du langage, Paris: Éditions du Seuil 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 3 [15.03.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/03/21843.html


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Benoît Grévin: Le parchemin des cieux

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Ausgangspunkt der Überlegungen von Benoît Grévin ist der am Beginn des 21. Jahrhunderts festzustellende Wendepunkt und die erhebliche Beschleunigung der Entwicklung der sprachlichen Kulturen (cultures linguistiques). Es sei jedoch noch zu früh, die Auswirkungen abzuschätzen. Der spektakulärste Aspekt sei der Siegeszug des Englischen, das sich auf dem gesamten Globus durchsetze (7). Parallel dazu komme es in ihrem jeweiligen Verbreitungsgebiet auf Kosten anderer Sprachformen zu einem umfassenden Erfolg der "Nationalsprachen" und zur Marginalisierung der früher gepflegten "klassischen" Sprachen. Das Buch hat sich vor allem zwei Aufgaben gestellt: Am Anfang steht die Feststellung, es sei erforderlich, die literarische und administrative Praxis und die Theorie gemeinsam zu untersuchen. Der zweite Gesichtspunkt betrifft die Ausdehnung des geographischen Beobachtungsraumes auf den islamischen Bereich, der der "lateinischen" Christenheit gegenübergestellt wird. Grévin geht es nicht um das Studium von Übergängen, Transfervorgängen, Abstammungs- oder Beeinflussungsprozessen. Durch den Vergleich möchte er gewisse, die "économie linguistique" traditioneller Kulturräume kennzeichnende Konstanten aufzeigen und einen Beitrag zur Anthropologie der sprachlichen Kulturen leisten (368). Dabei nimmt er eine Ablehnung seiner Studie durch Linguisten bewusst in Kauf. Linguisten definierten sich als Vertreter einer exakten Wissenschaft und lehnten eine Modellbildung im von ihm vorgenommenen Sinn und "gewagte" Gegenüberstellungen ab ("Les linguistes n'aimeront sans doute pas ce livre. Ils ont, de leur point de vue, raison. Leur science, ennemie du vague, ne peut se satisfaire de modélisations simples ou de rapprochements téméraires. [...] Le commode schéma ternaire qui a servi à présenter la circulation médiévale entre les différents niveaux du langage ne résisterait guère à la critique linguistique s'il devait être considéré comme autre chose qu'une stylisation [...]", 369). Diese methodischen Bemerkungen sind sehr berechtigt, zumal die Darstellung sich mit Vergleichen einer enormen Vielzahl von Sprachen beschäftigt und unter anderem auf sehr spezielle Phänomene der Sprachentwicklung und des metrischen Systems im Arabischen eingeht. Inwieweit die daraus abgeleiteten Ergebnisse überzeugen, können letztlich nur Leser mit profunden Arabisch-Kenntnissen beurteilen, so dass dieser Gesichtspunkt hier nicht diskutiert werden kann. Im Mittelpunkt des Interesses des Verfassers stehen die Funktion von Sprachen in sozialen Gruppen, Sprachbewusstsein und -konzeptualisierung, sprachliche Ausdrucksformen, Techniken des Spracherwerbs, der Habitus sowie kreative Schaffensvorgänge.

Von Vorwort, Einleitung und abschließender Bilanz umrahmt, gliedert sich der Text in fünf, jeweils durch eine Zusammenfassung abgeschlossene Teile. Der erste beschäftigt sich mit "akustischen Landschaften" (paysages sonores). Er enthält einen chronologischen Abriss, der von der Antike bis in die Zeit um 1500 reicht. Darüber hinaus geht es um die Dynamik der Bewahrung, des Aufstiegs und des Niedergangs von Sprachen und deren Hierarchisierungsmechanismen. Vor allem Latein und Arabisch standen als langues référentielles und als Sprachen der Bibel, des Korans und der Gelehrten an der Spitze der Hierarchie und bildeten lange Zeit den allgegenwärtigen Bezugspunkt. In diesem Zusammenhang spielten die Höfe als politische und kulturelle Zentren eine wichtige Rolle, wobei einzelnen Herrschern wie Kaiser Friedrich II. oder Alfons X. von Kastilien, aber auch Städten wie Bagdad, Palermo und Toledo und zwischen unterschiedlichen Sprachräumen tätigen Kaufleuten eine wichtige Funktion zugeschrieben wird. Der zweite Abschnitt wendet sich der babylonischen Sprachvielfalt und theologisch-religiösen Erklärungen, der "Magie" der Schriften und Laute und dem Prozess der grammatikalischen Durchdringung zu. Im dritten Abschnitt stehen Spracherwerb und sakrale und profane Texte mit Vorbild- und Referenzcharakter im Mittelpunkt. Ergänzend ist von Rhythmen, Lyrik und ihrem Versmaß und Techniken zur Verankerung im Gedächtnis die Rede. Der vierte Teil beschäftigt sich mit kreativen sprachlichen Vorgängen, die in Unterkapiteln zu Wiedergabe (re-produire), Übertragungsvorgängen (transposer), Erfindungen (inventer) und Übersetzen (traduire) präsentiert werden. Der abschließende fünfte Teil bezieht sich auf wissenschaftliche Transferbewegungen, Legitimationsstrategien und eurasische Sprachkontakte bzw. die unterschiedliche Wahrnehmung Chinas und der Mongolen in Orient und Okzident. Dabei werden auch mehrsprachige Glossare wie der "Codex cumanicus" (um 1330) oder der mit dem Namen des jemenitischen Sultans al-Malik al Afdal in Verbindung gebrachte "Hexaglotte rasûlide" vorgestellt. Der durch eine Reihe von Abbildungen illustrierte Darstellungsteil des Essays wird durch ein sehr nützliches Glossar mit Erklärungen von Fachausdrücken und arabischen Bezeichnungen ergänzt. Hinzu kommt ein Register zu Sprachen und linguistischen und literarischen Stichworten (ohne Orts- oder Personennamen).

Insgesamt gesehen handelt es sich um ein sehr interessantes, ideenreiches und außerordentlich anregendes Buch. Allerdings ist auch festzustellen, dass die große Anzahl und die extreme Heterogenität der diskutierten Sprachen eine fundierte Beurteilung der vorgebrachten Thesen und Argumente sehr schwierig machen und im Einzelnen Experten der betroffenen Philologien überlassen sei. Da die behandelten Sprachen von Gälisch, über Sanskrit, Chinesisch, germanische und romanische Sprachen, die unterschiedlichsten orientalischen Sprachen und diverse Entwicklungsstufen des Arabischen reichen, stützt sich auch der Autor in weiten Teilen zwangsläufig ausschließlich auf die Lektüre von Sekundärliteratur, da ein solches Spektrum von einem Einzelnen nicht durch eigene Forschungen abgedeckt werden kann. Auch diese Untersuchungen wurden wiederum häufig von Wissenschaftlern außerhalb der betroffenen Sprachgemeinschaft aus einer "Außenperspektive" verfasst. Selbsteinschätzungen aus der "Innenperspektive" könnten deshalb möglicherweise zu ganz anderen Urteilen und Bewertungen gelangen.

Zu den Stärken des Buches gehört, dass erfreulicherweise in erheblichem Umfang neuere innovative wissenschaftliche Arbeiten ausgewertet wurden, die in mehreren europäischen Sprachen veröffentlicht sind. Auf diese Weise leistet das Buch auch einen wichtigen Beitrag zur sprachübergreifenden Rezeption weiterführender Forschungsergebnisse. Besonders hervorzuheben und sehr lesenswert sind die auf gründliche eigene Studien des Verfassers zurückgehenden Erörterungen zum romanischsprachigen Mittelmeerraum, vor allem zu Sizilien, Italien und den in diesem Raum stattfindenden intensiven sprachlichen Kulturkontakten am Hof Friedrichs II. und der Anjou sowie deren Beziehungen zu Aragón, Katalonien und der Provence. In diesem Zusammenhang sei auch auf frühere, hochinteressante Forschungen Benoît Grévins zur mittelalterlichen Rhetorik, Formelbüchern und deren Verbreitung und Rezeption und zu Petrus de Vinea hingewiesen (Siehe unter anderem: Benoît Grévin, Rhétorique du pouvoir médiéval: les "Lettres" de Pierre de la Vigne et la formation du langage politique européen (XIIIe- XVe siècle), Rom 2008).

Gisela Naegle