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Jürgen Dendorfer: Canossa - keine Wende?
Mehrfachbesprechung von Johannes Fried: Canossa. Entlarvung einer Legende. Eine Streitschrift, Berlin 2012. Einführung, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 1 [15.01.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
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Canossa - keine Wende?
Mehrfachbesprechung von Johannes Fried: Canossa. Entlarvung einer Legende. Eine Streitschrift, Berlin 2012

Einführung

Von Jürgen Dendorfer

Nur selten finden Diskussionen um Ereignisse der hochmittelalterlichen Geschichte ein breites mediales Echo. Große Aufmerksamkeit erregte jedoch vor wenigen Jahren Johannes Fried, als er 2008 in einem Festschriftenbeitrag die bisherigen Deutungen des Gangs nach Canossa (1077) in Frage stellte und die seit dem 19. Jahrhundert übliche Rekonstruktion des Ereignisverlaufs verwarf. [1] Eine interessierte Öffentlichkeit hatte noch kurz zuvor die Möglichkeit, die Paderborner Ausstellung Canossa 1077. Erschütterung der Welt zu besuchen, was sie in Scharen tat [2]; ihr wurde zur selben Zeit durch Stefan Weinfurters Buch "Canossa" als "Chiffre" für einen tiefgreifenden gesellschaftlichen und geistigen Umbruch, eine "Entzauberung der Welt" nahe gebracht [3] und nicht zuletzt konnte sie noch im Oktober 2008 im ZDF Heinrich IV. mit pathetisch aufgeladenen Gesten barfuß im Schneegestöber vor der winterlichen Burg Canossa büßen sehen. [4]

So viel Canossa war zuvor schon lange nicht mehr. Johannes Frieds Festschriftenthesen, in einer Kurzfassung wirkungsvoll in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung platziert, trafen deshalb auf breites Interesse. [5] Die gerade noch so eindrücklich verbreitete Sicht des Geschehens schien auf einmal hinfällig. Hatten sich Generationen von Historikern getäuscht? Waren Sie den Erinnerungsmodulationen der Autoren ihrer Quellen aufgesessen? Und sollte die vorgeblich epochale Konfrontation von Papst und Kaiser, die im Bußgang von Canossa gipfelte, nur das Ergebnis mehrfacher historiographischer Überformungen, nicht zuletzt des 19. Jahrhunderts sein? War es wirklich vorstellbar, dass stattdessen - wie Fried ausführte - 1077 in und um Canossa Gregor VII. und Heinrich IV. einen schon länger geplanten "Friedenspakt" schlossen?
Einhellig positiv nahm diese Thesen ob ihres Neuigkeitswerts die Presse auf, die Fachkollegen waren hingegen eher zurückhaltend, wenn nicht offen ablehnend. [6] Der Gewichtung der Quellen, die der Frankfurter Historiker auf der Grundlage der von ihm entwickelten Methode der "Memorik" vornahm, wurde ebenso widersprochen, wie der Ausgangspunkt des Zweifels an der bisherigen Rekonstruktion des Geschehens nicht vollständig überzeugte:
Aus Plausibilitätserwägungen über Reisegeschwindigkeiten und witterungsbedingte Kommunikationserschwernisse sei abzuleiten, dass der Papst entweder schon vor oder zumindest kurz nachdem ihn eine Einladung der Fürstenversammlung von Tribur (Oktober/November 1076) erreichte, ins Reich zu kommen, von Rom aus nach Norden aufbrach. Unabhängig von der Gesandtschaft aus Tribur sei es somit schon länger anvisiertes Ziel dieser vorbereiteten Reise gewesen, mit dem König Frieden zu schließen. [7]

Abgesehen von geringfügigen Akzentverschiebungen blieb ob dieser Zweifel die Darstellung von Canossa in Überblicksdarstellungen fast auf gewohnte Weise erhalten. [8] Achselzuckend schien man zum Tagesgeschäft überzugehen; Wortmeldungen, die sich eingehender mit Frieds Darlegungen auseinander setzten, blieben aus. [9] Es ist deshalb verständlich, dass Johannes Fried nachlegte, in gewisser Weise erklärt sich daraus auch die unübliche Form, in der er dies tat. In der in diesem Jahr erschienenen 180-seitigen "Streitschrift": "Canossa. Entlarvung einer Legende", die in Form einer "Replik" (16) auf die wenigen, knappen Einsprüche gegen seine These angelegt ist. Namentlich erwähnt werden die Opponenten gegen die neue Sicht zwar nur in den Fußnoten, denn "um billiger Polemik zu entgehen" solle die Diskussion "entpersonalisiert, nur auf Argumente bezogen" (15) dargelegt werden, sine ira et studio geht diese Streitschrift mit Kritikern aber wahrlich nicht ins Gericht.

Dem Anspruch nach wird Grundsätzliches verhandelt. Der Blick von Generationen von Forschern sei verformt worden durch ein "kollektives Forschungsgedächtnis", das sich durch konfessionell und politisch bedingte Wertungen vom 16. bis ins 19. Jahrhundert entwickelt habe (83-97). Dermaßen fehlgeleitet stützten sich diese fast ausschließlich auf nordalpine und damit dem Geschehen fern stehendere Autoren, die das Geschehen aus der Perspektive der Gegner Heinrichs IV. und der Kenntnis späterer Entwicklungen deuteten. Am Fall "Canossa" lasse sich somit exemplarisch die "Konstruktion, Modulation und Deformation" von Erinnerung zeigen, und zwar nicht nur der "gegenwärtiger Historiker", sondern auch "mittelalterlicher Geschichtsschreiber" (31). Den ständigen Modulationen der Erinnerung schon der weitestgehend zeitgenössischen Quellen hätten sich nur wenige Tatsachen entziehen können. Im Fall Canossa diejenigen des Datengerüsts von der Versammlung zu Tribur (Oktober/November 1076), in der dem König auferlegte wurde, sich bis zum Jahrestag der Bannung durch den Papst von dieser zu lösen, über die Bannlösung vor Canossa (25. Januar 1077) und darüber hinaus bis zum geplanten, aber nicht zustande gekommenen colloquium zwischen König, Papst und Fürsten in Augsburg (2. Februar). Doch Vorsicht, eine Quelle, gleichsam ein Augenzeugenbericht über die Triburer Synode (das "Königsberger" Fragment), berichtet davon, dass der Papst nicht erst für den 2. Februar, sondern schon für den 6. Januar nach Augsburg geladen wurde, andere scheinen nahezulegen, dass er sich schon längere Zeit zuvor in Norditalien aufgehalten habe. Die Gesetzmäßigkeiten des Raumes aber könnten auch die Erinnerungsmodulation des Gedächtnisses der Geschichtsschreiber nicht verändern. Die möglichen Reisegeschwindigkeiten für die Boten der Fürsten und des Königs an den Papst sowie des Papstes und seines Gefolges selbst ließen nur den Schluss zu, dass sich der Papst schon vor oder zumindest unmittelbar nach dem Eintreffen der Triburer Boten nach Norden aufgemacht hatte. Solche päpstliche Eile, sei aber ohne umfangreiche Reisevorbereitungen nicht möglich. Mehr noch, es gebe flankierend Indizien, dass bereits vor Tribur diskrete Verhandlungen zwischen König und Papst an den Fürsten vorbei angebahnt worden wären, die dann aus der Gunst der Situation heraus im Januar 1077 in und um Canossa zum Abschluss gekommen seien. Quellen aus Italien, die dem Geschehen näher stünden, verdienten stärkere Beachtung als die nordalpinen Historiographen Lampert von Hersfeld, der Sachse Bruno oder Berthold von der Reichenau. In diesen, vor allem, aber nicht nur bei Arnulf von Mailand, fänden sich Hinweise auf einen "Friedenspakt" (pacis federa) Heinrichs IV. mit Gregor VII. Dieser "Friedensvertrag", von dem sogar Spuren wechselseitiger Absprachen erkennbar seien (117-128), ist der Kern der umstürzenden Neudeutung von Johannes Fried. Aus dieser Sichtweise erscheint das bisherige Bild von "Canossa" tatsächlich als "Chimäre", als "Inbegriff eines grandiosen Irrtums, der Trümmerberg gelehrten Vertrauens in Fehlerinnerungen, die einst Hass diktierte, leichtgläubige frühneuzeitliche Historiker rezipierten und kritische Forscher fortschrieben nicht ahnend, wie sehr Emotionen Erinnerung konstituieren und lenken und Vergangenheit konstruieren" (12).

Diese methodisch grundsätzlichen und differenzierten Argumente eines der führenden Mittelalterhistoriker verdienen eine angemessene Diskussion, die noch aussteht. An anderer Stelle wird Steffen Patzold sich ausführlich mit der "Memorik", der methodischen Grundlage für diese Neuinterpretation beschäftigen. [10] In diesem FORUM, das aus vier Besprechungen besteht, sollen hingegen einzelne Glieder der Argumentationskette überprüft werden. Claudia Zey wird sich den von Fried zu Recht hervorgehobenen italienischen Quellen und hier insbesondere Arnulf von Mailand zuwenden. Matthias Becher wiederum geht dem zentralen Argument, den Boten- und Reisegeschwindigkeiten, nach. Hans-Werner Goetz erörtert umfassender die Tragfähigkeit und Reichweite der neuen Bewertung; daran schließt sich Ludger Körntgen an, der bei der Forschungsgeschichte ansetzt, insbesondere aber die neue Sicht auf den Anteil der Fürsten am Scheitern des "Friedenspakts" einordnet, die wie eine Rückkehr zu alten Bewertungsmustern anmutet.

Anmerkungen:
[1] Johannes Fried: Der Pakt von Canossa. Schritte zur Wirklichkeit durch Erinnerungsanalyse, in: Wilfried Hartmann / Klaus Herbers (Hgg.): Die Faszination der Papstgeschichte. Neue Zugänge zum frühen und hohen Mittelalter (Forschungen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters, Beihefte zu J.F. Böhmer, Regesta Imperii 28), Köln / Weimar / Wien 2008, 133-197.
[2] Vgl. die Ausstellungskataloge: Christoph Stiegmann / Matthias Wemhoff (Hgg.): Canossa 1077. Erschütterung der Welt. Geschichte, Kunst und Kultur am Aufgang der Romanik, 2 Bde., Paderborn 2006.
[3] Stefan Weinfurter: Canossa. Die Entzauberung der Welt, 3. Aufl. München 2007.
[4] In der Serie Die Deutschen. Vgl. dazu: http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/web/ZDF.de/Die-Deutschen/22587150/5244140/6dabf2/Heinrich-und-der-Papst.html (zuletzt aufgerufen am 29.11.2012)
[5] Johannes Fried: Mythos Canossa. Wir sollten die Legende vergessen, in: FAZ vom 29.1.2009.
[6] Gerd Althoff: Kein Gang nach Canossa?, in: Damals 41/5 (2009), 59-61; Stefan Patzold: Gregors Hirn. Zu neueren Perspektiven der Forschung zur Salierzeit, in: geschichte für heute 4 (2011), 5-19; Stefan Weinfurter: Canossa, in: Christoph Markschies / Hubert Wolf (Hgg.): Erinnerungsorte des Christentums, München 2010, 221-246, der Beitrag lässt sich implizit ebenfalls als Gegendarstellung zu Frieds Sicht lesen.
[7] Fried, Pakt von Canossa (wie Anm. 1), 161-177.
[8] Vgl. etwa einige Überlegungen Frieds aufgreifend Rudolf Schieffer: Gregor VII., München 2010, 53-63.
[9] Ausnahmen sind die oben genannten eher überschaubaren Stellungnahmen (wie Anm. 6). Zeitgleich mit Frieds "Streitschrift" und noch ohne Kenntnis von ihr erschien allerdings der tiefgehende Artikel von Stefan Weinfurter: Canossa als Chiffre. Von den Möglichkeiten historischen Deutens, in: Wolfgang Hasberg / Hermann-Josef Scheidgen (Hgg.): Canossa. Aspekte einer Wende, Regensburg 2012, 124-140.
[10] Steffen Patzold: Frieds Canossa. Anmerkungen zu einem Experiment, in: geschichte für heute 5 (2012).

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