Rezension über:

Stefan Bürger (Hg.): Erfurt. Führer zu den kulturhistorischen Kostbarkeiten des Mittelalters, Weimar: VDG 2011, 221 S., ISBN 978-3-89739-648-7, EUR 16,00
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Rezension von:
Rocco Curti
Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Hannover
Redaktionelle Betreuung:
Tobias Kunz
Empfohlene Zitierweise:
Rocco Curti: Rezension von: Stefan Bürger (Hg.): Erfurt. Führer zu den kulturhistorischen Kostbarkeiten des Mittelalters, Weimar: VDG 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 11 [15.11.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/11/21759.html


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Stefan Bürger (Hg.): Erfurt

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Entstanden ist die Idee eines Kulturführers, der laut Vorwort von Bruno Klein "zur eigenständigen Erforschung Erfurts mit offenen Augen anregen" (9) soll, im Rahmen eines Seminars zum mittelalterlichen Erfurt an der Technischen Universität Dresden im Bereich Kunstgeschichte unter der Leitung des Herausgebers. Doch mit einer rasch hergestellten Seminararbeit hat der Führer nichts gemein. Er entstand in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, dem Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie und dem Angermuseum Erfurt, und somit floss das bereits vorliegende Wissen der örtlich tätigen Experten und Institutionen in die Publikation ein. [1] Was die Konstruktion der Buchwerdung angeht, handelt es sich also um ein interessantes Zusammenwirken unterschiedlicher Personen.

Erfurt gilt als "Juwel der europäischen Stadtentwicklung" (9). Es ist laut Stefan Bürger als Lehrstück aufzufassen, "denn kein anderer Ort bietet sich besser an, um eine Kulturgeschichte zu einer mittelalterlichen Stadt zu schreiben" (11). Im Unterschied zu anderen Städten, die aus heutiger Perspektive bedeutender seien mögen, vermochte es Erfurt jedoch nicht, die vielen gesellschaftlichen Kräfte und die "Bemühungen Einzelner zu bündeln und in den Dienst einer großen Idee zu stellen" (11). Die Menschen verfolgten individuelle Anliegen, je nach Stand und Herkunft. Dies führte laut Stefan Bürger aufgrund des vielfältigen multikulturellen Hintergrundes zu einem reichhaltigen und kleinteiligen Stadtbild. In nachvollziehbarer Art und Weise grenzen die Autoren das Erfurter Mittelalter auf die Zeitspanne zwischen der Einteilung des hessisch-thüringischen Gebietes in drei Diözesen im Jahr 741 und dem Jahr 1527 ein, als die katholische Predigt nach der Reformation in mehreren Kirchen wieder erlaubt wurde, sodass beide Glaubensrichtungen nebeneinander existieren konnten.

Gegliedert ist das Buch in 26 thematische Bereiche. Ihnen wurden kurze Einführungstexte vorangestellt, in denen der Leser Grundlegendes erfährt, etwa zu Städtebau und Stadtorganisation oder zum Kirchenraum und seiner Ausstattung. Auch Aspekte, die erst in den letzten Jahren in den Fokus der Forschung geraten sind, wie die Themen der mittelalterlichen Glasmalerei und des jüdischen Kulturerbes, werden knapp und prägnant erläutert. Wichtig sind auch die seitenblickartigen Erläuterungen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie zur politischen Geschichte der Stadt, welche in die Texte zur Bürgerschaft, zum Färberwaid und zur Rolle des Wassers in der Stadt eingefügt wurden. Erfurt ist für seine überlieferten Sakralbauten und deren Ausstattung bekannt. Dass sich in der Stadt auch zahlreiche mittelalterliche Wohnbauten erhalten haben, mag hingegen manchem Leser neu sein. Verdienstvoll ist somit das Kapitel hierzu.

Die Stadt lag verkehrsgünstig an der Via Regia und am Schnittpunkt dieses Weges mit der Nord-Süd-Verbindung von Flandern, den Hansestädten im Ostseeraum bis nach Nürnberg, Augsburg und in den Mittelmeerraum. In ihr befand sich eine seichte Furt, die den Übergang über den heute Gera genannten Fluss erleichterte. Archäologische Funde sprechen für eine Besiedelung auf beiden Seiten des Geralaufs bereits im 10. und 11. Jahrhundert. Wichtige Stadtbausteine, wie die topografisch exponierten historischen Orte auf dem Domhügel, die dort ansässigen Kanonikerstifte St. Marien und St. Severi und das auf dem Petersberg befindliche Benediktinerkloster, werden mit den bedeutendsten Teilen ihrer Ausstattung im Buch zu Recht ausführlich erläutert. Für die Zeit der Romanik sind einige steinerne Zeugnisse früher mittelalterlicher Entwicklungsphasen der Stadt überliefert. Die Peterskirche, die romanischen Elemente des Domes, die sogenannte Kirche ohne Namen, deren Wandfundamente als Mauerreste im Jahre 2005 am Fuße des Domberges entdeckt wurden, die Schottenkirche, die mittelalterliche Synagoge und die Mikwe, deren Bauteile auch romanischen Bauphasen zuzuordnen sind, wird der Leser mithilfe des Führers erkunden können.

Eine Besonderheit der heute noch erlebbaren mittelalterlichen Stadtgestalt stellt die Abfolge des damals entstandenen Systems von Stadtplätzen und Straßenräumen dar. Das hoch komplexe Zusammenwirken der mittelalterlichen Marktplätze, das dichte Netz von Straßen, Gassen, Parzellen, Bürgerhäusern, Lagerhäusern, Einfahrten, Höfen und Nebengebäuden wird im Buch beispielsweise zwischen den Absätzen über die Krämerbrücke und über das Haus zum Güldenen Stern in der Allerheiligenstraße 11 dargelegt. [2]

Das Buch leitet den Leser - durch die gewählte Struktur - von der Betrachtung der großen übergeordneten Zusammenhänge hin zur Detailbetrachtung der Bauten und Objekte. Innerhalb der Kapitel werden im Führer zu den kulturhistorischen Kostbarkeiten insgesamt 50 Objekte benannt und beschrieben. Die Detailtiefe der Texte ist dabei relativ unterschiedlich. Sie reicht von der reinen Beschreibung und ikonografischen Deutung einer Pietà bis hin zur Erläuterung von Bau-, Umbau-, Restaurierungs- und Deutungsgeschichte der Häuser zur Engelsburg und zum Schwarzen Ross, deren älteste Bauteile in das 12. Jahrhundert datieren.

Der vorliegende Führer zu den wertvollen mittelalterlichen Objekten, Bauten und Orten der Stadt ist nicht allein für die Experten oder Fachleute geschrieben worden, die sich seit Jahren mit diesem Thema befassen. Er wird dank seiner kompakten Form und Bebilderung auch einem allgemeinen Publikum bei der Entdeckung der Stadt hilfreich sein. [3] Bislang bot der Buchmarkt nur eine höchst begrenzte Auswahl an brauchbaren Führern zu diesem Thema. [4] Der Führer zu den kulturhistorischen Kostbarkeiten schließt diese Lücke. Zudem vermag er dem Leser durch die genaue Beschreibung, durch die Herstellung übergeordneter Bezüge und durch Vergleiche anschaulich die Bedeutung der dargestellten Objekte näher zu bringen.

Mit dem Führer liegt im Grunde genommen eine kunst- und baugeschichtliche Denkmaltopografie des Mittelalters im Taschenbuchformat vor. Benannt werden konnten verständlicher Weise nicht alle überlieferten Spuren dieser Zeit. Die Beschränkung auf die Hauptwerke erscheint sinnvoll, denn die Aufzählung und Beschreibung sämtlicher erhaltener Objekte und Ausstattungsstücke hätte den Umfang des Buches gesprengt und die Zielsetzung des Titels - nur die Kostbarkeiten dazustellen - verfehlt. Eine größere oder genauere Darstellung des Stadtgrundrisses fehlt der Publikation. [5] Mancher aktuellen Fotoabbildung fehlt es zudem an Kontrast. Auch ist dem Werk sprachlich anzumerken, dass zahlreiche Personen an der Erstellung der Textbeiträge beteiligt waren. Dabei handelt es sich um kleinere Mängel, die später in der wünschenswerten zweiten Auflage des Werkes beseitigt werden können. Dem Leser mag man trotzdem viel Vergnügen bei der spannenden Erkundung der kulturhistorischen Kostbarkeiten des Mittelalters in Erfurt wünschen.


Anmerkungen:

[1] Hier sind als Mitarbeiter des Landesamtes Christian Misch und Rainer Müller zu nennen, ausgewiesene Kenner des historischen Profan- bzw. Sakralbaus. Weiterhin wurden die Studenten von den Landesamtsmitarbeitern Ortrud Wagner und Uwe Wagner unterstützt, welche für die Bereiche des Kunstgutes und der Wandmalerei verantwortlich zeichnen. Konsultativ wirkte zudem Karsten Horn, Kurator der Mittelaltersammlung des Angermuseums Erfurt, mit.

[2] Das Raumgefüge des mittelalterlichen Stadtkerns der Stadt Erfurt, in das zudem einige hoch bedeutende Sakralbauten eingeflochten sind, ist in Textform alleine kaum zu beschreiben. Es hätte besser zusätzlich als Stadtgrundriss oder Isometrie dargestellt werden sollen. Der in der Publikation abgebildete Merianplan aus dem Jahr 1625 ist hier nur bedingt aussagekräftig.

[3] Alle Leser werden vom Anhang, einem Glossar mit Nennung der wichtigsten Fachbegriffe und einer Anzahl weiterführender Literatur (44 Positionen auf drei Seiten) profitieren oder in die vertiefende Betrachtung einsteigen können. Sämtliche beschriebenen Objekte werden fotografisch abgebildet. Von den vorgestellten Bauwerken wurden nur die Sakralbauten mit erläuternden Grundrissen versehen.

[4] Zu nennen ist hier beispielsweise das aktuelle Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler - Thüringen, welches sich auf 112 Seiten mit den bekanntesten Kunstdenkmalen in Erfurt beschäftigt. Es ist nicht bebildert und erschien bereits 1998. Somit ist es mittlerweile überarbeitungsbedürftig. Der farbig bebilderte DuMont-Kunstreiseführer Thüringen widmet den Kunstdenkmalen der Stadt lediglich 32 Seiten (Ausgabe 2005, Neuausgabe 2011). Beide genannten Publikationen gehen freilich nicht ausschließlich auf das Thema der mittelalterlichen Kunst- und Kulturdenkmale ein. Werke wie die vorliegenden Bände der Erfurter Studien zur Kunst und Baugeschichte sowie die Bände der Schriftenreihe des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt gehen über den Anspruch eines kompakten Kulturführers hinaus.

[5] Der dem Buch beigefügte Stadtplan auf der vorderen Umschlaginnenseite wurde viel zu klein abgedruckt. Die sich auf die entsprechenden Kapitel beziehende Nummerierung der Objekte lässt sich noch gut entziffern. Die Objektbenennung auf dem Plan und die Kartenlegende sind dagegen nur noch sehr schwer lesbar.

Rocco Curti