Rezension über:

Dietmar Elger (Hg.): Gerhard Richter. Catalogue Raisonné, Bd. 1: Werknummern 1-198 1962-1968, Ostfildern: Hatje Cantz 2011, 512 S., 539 Abb., ISBN 978-3-7757-1978-0, EUR 248,00
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Rezension von:
Stefan Gronert
Kunstmuseum Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Olaf Peters
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Gronert: Rezension von: Dietmar Elger (Hg.): Gerhard Richter. Catalogue Raisonné, Bd. 1: Werknummern 1-198 1962-1968, Ostfildern: Hatje Cantz 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 11 [15.11.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/11/21394.html


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Dietmar Elger (Hg.): Gerhard Richter

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Das Werkverzeichnis eines zeitgenössischen Künstlers wird häufig von dem (vielleicht nicht unberechtigten) Argwohn begleitet, entweder Produkt einer eigentlich noch gar nicht existenten wissenschaftlichen Forschung oder Instrument des Kunsthandels zu sein. Dieser Verdacht scheint besonders dann prekär, wenn es um das Werkverzeichnis des merkantil erfolgreichsten Künstlers der Gegenwart geht, nämlich um Gerhard Richter. Doch sollte man sich aus dem Unbehagen an einer ökonomischen Funktionalisierung der Kunst keinen Papiertiger konstruieren, denn wovor muss sich die Wissenschaft - sofern sie ihren eigenen Ansprüchen folgend arbeitet - eigentlich fürchten? Die inhaltliche Ausführung eines Werkverzeichnisses muss also letztlich der entscheidende Maßstab bei dessen wissenschaftlicher Beurteilung sein und unter genau dieser Perspektive ist auch der erste Band des von Dietmar Elger, dem Leiter des Gerhard Richter Archivs an der Staatlichen Kunstsammlung Dresden, bearbeiteten Catalogue raisonné der Bilder und Skulpturen von Gerhard Richter zu betrachten.

Den Beginn des "Gesamtwerks" des 1932 geborenen Künstlers hat dieser selbst auf das Jahr 1962 datiert. Sein in der damaligen DDR entstandenes Frühwerk sowie diverse Arbeiten, die nach Richters Übersiedlung in den Westen 1961 entstanden sind, werden damit also ausgeblendet. Der Wunsch einer derartigen Konstruktion ist ein legitimes Anliegen eines Künstlers, solange er als solcher transparent gemacht wird - was im vorliegenden Band auch geschieht (23). Genau betrachtet, handelt es sich hier also nicht wirklich um ein Werkverzeichnis der Gemälde und Skulpturen im herkömmlichen Sinne. Mit Rücksicht auf die keineswegs zurückhaltende Werkherrschaft des Künstlers sollte man vielmehr von einem Werkverzeichnis der nummerierten Werke sprechen. Denn Richter verleiht Nummern nur dann, wenn er ein Gemälde tatsächlich als ein "Werk" anerkennt. Es liegt auf der Hand, dass die Aufnahme in das Werkverzeichnis ein Statement des Künstlers bedeutet, genau so wie dies umgekehrt für das nach wie vor im Werkverzeichnis enthaltene, de facto längst zerstörte Porträt "Hitler", 1962, gilt (52). All dies macht der vorliegende Band klar, zumal diverse frühe bzw. nicht ins aktuelle Werkverzeichnis aufgenommene Gemälde und Materialien Richters bereits an anderer Stelle und teilweise auch im vorliegenden Band publiziert worden sind (vgl. 401f., 407). [1]

Symptomatisch für die praktische Autorität des Künstlers ist auch, dass die erste Werkliste von Richter selbst stammt. In der Grafik "Bilderverzeichnis" (1969) hat er eine knappe Liste zum Gegenstand seiner Kunst gemacht hat - eine durchaus nicht seltene Adaption kunsthistorischer Arbeitsformen im Werk Richters. [2] Interessanterweise kann Elger nun erstmals zeigen, dass Richter bereits im Dezember 1961, also unmittelbar nach seiner Flucht in den Westen, erste Vorarbeiten dazu ausgeführt hat (41f.). Das erste wissenschaftlich anspruchsvolle Werkverzeichnis der Gemälde hingegen hat Elger während seiner Zeit als Assistent des Künstlers 1986 selbst publiziert. Ihm folgte aus Anlass einer großen Retrospektive 1993 eine numerisch fortgeschriebene, aber inhaltlich unzureichende Fassung, die 2005 für den Zeitraum von 1993 bis 2004 in gleicher Form fortgeschrieben wurde. [3] Jene letzten beiden, von Richter initiierten Werkverzeichnisse konnten wissenschaftlichen Ansprüchen nicht im Entferntesten genügen, beschränkten sie sich doch auf maßstabsgerechte Kleinstabbildungen, Titel, Jahreszahl sowie die Angabe von Format und (in Ausnahmefällen) Technik. Mag diese Publikationsform den Wissenschaftler keineswegs befriedigen, so darf der Künstler als Urheber selbstredend so verfahren. Manch ein Informationsbedürfnis (vorzugsweise des Handels) konnte damit gestillt werden, wenngleich entscheidende inhaltliche Lücken bestehen blieben.

Zum Glück aber konnte sich der Verfasser des neuen Werkverzeichnisses nach 15 Jahren erneut wieder mit seinen wissenschaftlichen Ambitionen beim Künstler durchsetzen. Band 1 des auf 5 Bände angelegten Werkverzeichnisses umfasst 198 Werk-Nummern, die freilich zahlreiche Unternummern enthalten, und deckt die Periode von 1962 bis 1968 ab. Die von Richter vorgegebene Nummerierung folgt, wie Elger betont (40), keineswegs der Chronologie der Entstehung der Werke.

Das alles sowie die Werkgenese wird klar durch die allgemeine Einleitung zum Werk von 1962 bis 1968 (23-33) und die nicht minder hilfreichen Vorbemerkungen zum Catalogue raisonné (40-44). Diese Beiträge sind zweisprachig (Englisch-Deutsch) abgedruckt, während das folgende Werkverzeichnis (46-399) sich dann auf die englische Sprache beschränkt. Der Band schließt mit einer knappen Biografie des Künstlers und einem 58 Seiten umfassenden, chronologisch sortierten Literaturverzeichnis (451-508), das ebenso wie die nur wenig kürzere Ausstellungsliste (413-449) atemberaubend umfangreich ist und von bislang weitgehend unbekannten Dokumentationsfotos diverser Ausstellungen durchsetzt wird.

Diese Detailfülle charakterisiert auch das gesamte Werkverzeichnis, das nicht nur Provenienzen, Ausstellungen, Literatur sowie diverse Details der einzelnen Arbeiten offenlegt, sondern vor allem dadurch besticht, das es erstmals zahlreiche Bildvorlagen zu den bekannten "foto-realistischen" Gemälden zeigt. Der sich fortwährend erweiternde "Atlas" von Richter reicht dafür nicht aus. Die Recherche dieses neuen Materials verdankt sich nicht etwa einem Künstler, der diese in einem bislang unzugänglichen Archiv der Öffentlichkeit vorenthalten hätte, sondern Elger und seinen Mitarbeitern am Gerhard Richter Archiv. Dank der entdeckten Vorlagen konnten immerhin sieben der ersten 15 Werknummern neu datiert oder erstmals überhaupt ins Werkverzeichnis integriert werden (40). Zudem bietet die angeregte Aufarbeitung eines bereits historischen Kontexts der größtenteils durch Massenmedien vermittelten Bilder einen guten Ausgangspunkt für nun anstehende inhaltliche Deutungen seiner Gemälde, die Richter einst in Abrede gestellt hatte. Inwieweit man das Material wirklich interpretatorisch fruchtbar machen kann, muss man jedoch im Einzelfall prüfen.

Was liefert das Werkverzeichnis darüber hinaus für Neuentdeckungen? Trotz aller Dokumentationsfreude des Künstlers sind einige Arbeiten zu entdecken, die hier erstmals publiziert werden oder bislang nahezu unbekannt waren. Hervorzuheben ist etwa ein bemaltes "Klavier" aus dem Jahr 1963 (87). Gleiches gilt für das merkwürdige "Abstrakte Bild" von 1964 (112), das die aus dem System fallende Nummerierung "36b" besitzt, eine ungewöhnlich objekthafte Qualität aufweist und wohl unter dem Eindruck der von Richter beobachteten "Fluxus"-Aktivitäten entstanden ist. Gänzlich unbekannt waren bislang auch die beiden Porträts "Soraya" von 1967 (135) und die extrem abstrahierte Frauendarstellung "Ohne Titel" von 1964 (138). Neu ist auch der Befund, dass es neben den "Acht Lernschwestern" von 1966 insgesamt drei verschiedene spätere Fassungen gibt, die von den malerischen Vorlagen abfotografiert worden sind (272ff.) - eine Produktionsform des Künstlers, die in ihrer werk-immanenten Konsequenz in der Forschung noch viel zu selten berücksichtigt wird. [4]

Über diese Details hinaus findet man zu jeder Arbeit in diesem Band umfangreiches Material, sodass das Werkverzeichnis seine wissenschaftliche Funktion eines Steinbruchs für die kunsthistorische Praxis voll erfüllt. Dietmar Elgers überzeugendes Werkverzeichnis ist somit ein neues Standardwerk für die Richter-Forschung und deshalb darf man sich auf die Publikation der vier weiteren Bände, die bis 2018 abgeschlossen sein soll, freuen.


Anmerkungen:

[1] Vgl. u.a. die Dokumente in dem vom Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels herausgegebenen Heft Nr. 7 der Reihe "sediment": Richter, Polke, Lueg & Kuttner ... ganz am Anfang / How it all began, Nürnberg 2004.

[2] Vgl. Stefan Gronert: Art History as Art: A Survey, in: Gerhard Richter: Early Work, 1951-1972, ed. by Christine Mehring / Jeanne Anne Nugent / Jon L. Seydl, Los Angeles 2010, 125-144.

[3] Vgl. Jürgen Harten (Hg.): Gerhard Richter, Bilder 1962-1985 (Ausst.-Kat. Kunsthalle Düsseldorf u.a.O.1986); Gerhard Richter (Ausst.-Kat. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1993; Bd. 2); Gerhard Richter (Ausst.-Kat. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf / Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 2005).

[4] Vgl. Stefan Gronert: Bild-(Re)Produktionen. Zum Stellenwert der Fotografie im Werk von Gerhard Richter, in: Gerhard Richter - Editionen 1965-2004, hgg. von Hubertus Butin / ders., Ostfildern 2004, 85-106.

Stefan Gronert