Rezension über:

Wiebke Porombka / Heinz Reif / Erhard Schütz (Hgg.): Versorgung und Entsorgung der Moderne. Logistiken und Infrastrukturen der 1920er und 1930er Jahre, Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2011, 187 S., diverse s/w-Abb., ISBN 978-3-631-59962-4, EUR 34,80
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Rezension von:
Martin Kalb
Department of History, Northern Arizona University
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Martin Kalb: Rezension von: Wiebke Porombka / Heinz Reif / Erhard Schütz (Hgg.): Versorgung und Entsorgung der Moderne. Logistiken und Infrastrukturen der 1920er und 1930er Jahre, Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 11 [15.11.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/11/21001.html


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Wiebke Porombka / Heinz Reif / Erhard Schütz (Hgg.): Versorgung und Entsorgung der Moderne

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Der Sammelband Versorgung und Entsorgung der Moderne befasst sich mit Logistiken und Infrastrukturen der 1920er und 1930er Jahre. Die Herausgeber Wiebke Porombka (Humboldt-Universität Berlin), Heinz Reif (Technische Universität Berlin) und Erhard Schütz (Humboldt-Universität Berlin) ist es dabei gelungen, Autoren aus den verschiedensten Bereichen für ihre Publikation zu gewinnen. Demnach deckt der Sammelband einen weiträumigen und durchaus komplexen Themenbereich ab und ist eine Bestandsaufnahme zu bestimmten Diskussionen und Ansätzen. Im Mittelpunkt der Publikation stehen dabei "Theorieansätze, Modelle und exemplarische Einzelperspektiven" sowie die "Wechselbeziehungen von Menschen und Netzwerken, technischen Systemen, sozialen Beziehungen und kollektiven Träumen in ihrer Komplementarität" (7). Dieser Ansatz wird anhand von mehreren Beispielen veranschaulicht, wobei die Stadt Berlin in den meisten Beiträgen im Mittelpunkt steht.

Der interessierte Leser findet zuerst eine kurze Einleitung vor. Auf gerade einmal zwei Seiten versuchen die Herausgeber, den Themenbereich vorzustellen sowie Inhalt und Ansatzpunkte der verschiedensten Beiträge kurz zu erläutern. Als Leser wünscht man sich eine detaillierte Einführung, befasst sich der Sammelband doch mit komplexen und vielfach weitgefächerten Themen.

Der erste Beitrag von Dirk van Laak holt zumindest etwas in dieser Hinsicht nach. Van Laak betitelt seinen Aufsatz "Just in Time"- Zur Theorie von Infrastruktur und Logistik und konzipiert diesen als Überblicksdarstellung zu Theoriemodellen. Hier erhält der Leser zahlreiche erste und umfassende Einblicke in die Materie, Diskussionen, Literatur und Ansätze, bevor bestimmte Themenbereiche genauer abgedeckt werden. Die Literaturhinweise zu diesem Aufsatz sind besonders hilfreich und erlauben einen guten Einstieg. Van Laak gibt einen Überblick zu den verschiedensten Ansätzen von Kommunikationsformen über Infrastrukturen bis hin zur Bedeutung von Sprache. Er schließt mit dem Hinweis, dass "die Theorien über Infrastrukturen und Logistik [...] fast notwendiger Weise zu komplexeren, netzwerkorientierten und umweltorientierten Vorstellungen hinüberleiten, welche die sozialen Analysen von heute charakterisieren - gerade weil heute nach wie vor alles darauf angelegt ist, 'just in time' zur Verfügung zu stehen" (21).

Im Folgenden bezieht sich der Sammelband auf vier Bereiche, beginnend mit der Implementierung von Strukturen (27). Die Elektrifizierung der Stadt und der Aufbau von Straßenbeleuchtung wird in Teil 1 von Thorsten Dame und Sabine Rock diskutiert. Beide nehmen das Berlin während der 1920er and 1930er Jahre in den Blick und beleuchten die politischen Entscheidungsprozesse, finanziellen Hintergründe und weltwirtschaftspolitischen Einflüsse auf Umsetzungsprozesse. Anschauliche Grafiken helfen dabei, weitreichende Veränderungen darzustellen. Dame macht deutlich, dass die Bauprogramme zur Elektrifizierung Berlins keine quantitativen oder qualitativen Bemühungen anzeigen, "auch nur im Ansatz sparsam mit den verfügbaren Mitteln umzugehen" (38). Sabine Rock dagegen beleuchtet die Nachkriegssituation und gibt zahlreiche Eindrücke in die verschiedensten Leuchtenarten. Beide Beiträge würden von einer besseren Einbindung in breitere wissenschaftliche Diskussionen und zeitgenössische Entwicklungen profitieren.

Verkehrsinfrastrukturen stehen im zweiten Teil im Vordergrund, vor allem Verkehrsnetze und Großstadtentwicklung (54). Berlin spielt wiederum eine zentrale Rolle, auch wenn der Aufsatz von Stefan Höhne die so genannten Token des New Yorker U-Bahn-Netzes genauer unter die Lupe nimmt (73). Die Verbindung der Aufsätze ist hierbei nicht ganz klar, was wohl an geographischen und zum Teil zeitlichen Differenzierungen liegt. Hier wären genauere Vergleiche hilfreich oder wiederum die Hilfestellung einer breiter angelegten Einführung.

Nach einer eher technischen Diskussion von Umschlagplätzen und Relaisstellen (105) endet der Sammelband schließlich mit einem Teil zu Infrastruktur-Visionen (153). Erhard Schütz stellt die Wünsche vom Fliegen genauer dar und greift damit einen naheliegenden Themenbereich auf (153). Andy Hahnemann diskutiert "Räume der Angst" (168). Hier rückt die Postmoderne etwas mehr ins Zentrum der Diskussion, was dem Leser mehr Raum für abstrakt-theoretische Denkansätze eröffnet. Die Publikation schließt somit mit mehr Fragen als Antworten, was in diesem Zusammenhang nicht negativ sein muss.

Grundlegend ist der Sammelband weniger ein hilfreicher Einstieg in die Thematik als ein Ansatzpunkt, um die Verschiedenartigkeiten von momentanen Themen und Diskussionen zu beleuchten. Durch den weitreichenden Überblick erlauben die Herausgeber Lesern mit wenig Vorwissen zur Thematik die ersten Einblicke in die Vielseitigkeit von Themenbereichen im Zusammenhang mit Versorgung, Entsorgung und Moderne. Die Literaturhinweise sind dabei besonders hilfreich und könnten etwas mehr aufeinander abgestimmt sein. Vier Absätze als Einleitung, auf weniger als einer Seite, bleiben auch nach genauerer Studie der Publikation jedoch einfach zu wenig, auch wenn die folgenden kurzen Überblicke zu den verschiedensten Beiträgen hilfreiche Ansatzpunkte und Raum für Interessierte lassen. Einschränkungen bei der Darstellung von größeren Zusammenhängen sowie Fragen zum grundsätzlichen Aufbau der Publikation erlauben daher keinen schlüssigen Einstieg in den Themenbereich. Hier muss weiterhin auf die Standardwerke und Handbücher verwiesen werden.

Martin Kalb