Rezension über:

Katrin Joos: Gelehrsamkeit und Machtanspruch um 1700. Die Gründung der Berliner Akademie der Wissenschaften im Spannungsfeld dynastischer, städtischer und wissenschaftlicher Interessen (= Stuttgarter Historische Forschungen; Bd. 13), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2012, 334 S., ISBN 978-3-412-20714-4, EUR 46,90
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Rezension von:
Sebastian Kühn
Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften, Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Sebastian Kühn: Rezension von: Katrin Joos: Gelehrsamkeit und Machtanspruch um 1700. Die Gründung der Berliner Akademie der Wissenschaften im Spannungsfeld dynastischer, städtischer und wissenschaftlicher Interessen, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2012, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 11 [15.11.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/11/20029.html


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Katrin Joos: Gelehrsamkeit und Machtanspruch um 1700

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Die Geschichte der Berliner Akademie der Wissenschaften, insbesondere ihre Gründungs- und Anfangsphase um 1700, konnte seit den gründlichen älteren Untersuchungen von Harnack und Brather als gut erforscht gelten. [1] Katrin Joos unternimmt in ihrer Stuttgarter Dissertation nun den Versuch einer Neubewertung der Vorgänge um die Akademiegründung. Doch sie möchte nicht nur bisher schon weitgehend Bekanntes vertiefen und neu gewichten, sondern wählt einen sehr weiten Fokus, der wichtige Anregungen, allerdings auch einige Probleme mit sich bringt.

Denn Joos möchte die unterschiedlichen Interessen an der Gründung der Berliner Akademie in einem "kaleidoskopartigen Gesamtbild" (18) untersuchen, wobei sie drei vorrangige Bereiche ausmacht: die Dynastie, die Stadt und das Gelehrtentum. Die divergierenden Interessen und Motive zur Gründung einer Akademie sollen in ihrer gegenseitigen Beeinflussung deutlich gemacht werden. Damit geht der Untersuchungsrahmen deutlich über vergleichbare Arbeiten hinaus. Die immer noch in Institutionengeschichten anzutreffende Fokussierung auf einzelne "große Männer" wird durch diesen Ansatz aufgelöst zu einem relationalen Gefüge mit anspruchsvoller Weite. Methodisch heißt das die Verknüpfung von Ideengeschichte, Sozialgeschichte und Politikgeschichte zu einer Institutionengeschichte. In diesem breiten Zuschnitt schnürt sich Katrin Joos ein außerordentlich anspruchsvolles Programm, thematisch und methodisch. Arbeitspragmatisch, allerdings kaum analytisch, ist so verständlich, dass sie den Untersuchungszeitraum auf die Zeit zwischen 1695 und 1707 (den ersten und letzten Leibnizschen Engagements für die Berliner Akademie) beschränkt.

Nach der Einleitung (11-42) stellt ein gut informiertes, ausführliches Kapitel die Rahmenbedingungen der Akademiegründung in den drei Bereichen dar (43-91): der Aufstieg Brandenburg-Preußens im 17. Jahrhundert, die Entwicklung der Residenzstadt Berlin-Cölln und die Symbiose von europäischer Akademiebewegung und absolutistischem Staat. Diese breite Kontextualisierung besitzt in der beeindruckenden Zusammenführung der Forschungsliteratur zum Thema mitunter nahezu Handbuchcharakter, hätte aber insgesamt pointierter und weniger weitläufig und detailreich formuliert werden können. Mitunter verliert sich der rote Faden der zentralen Fragestellung in den Ausführungen etwa zur Erlangung der hannoverschen Kur oder zu den Kosten des preußischen Krönungszeremoniells.

Das dritte Kapitel - das Kernstück der Arbeit - untersucht, inwieweit sich die Pläne für eine Akademiegründung in die dynastischen, städtischen und gelehrten Interessen einfügten (93-225). Unter dynastischen Interessen fasst Joos vor allem die machtpolitischen Motive Friedrichs III./I., dann auch Sophie Charlottes und des Hofes. Die Analyse der städtischen Interessen überrascht. Gewählt wurde etwa nicht ein sozialhistorischer Zugang, sondern ein institutioneller: die multikonfessionelle Situation Berlins, das höhere Bildungswesen und das gelehrte Leben in Zeitschriften und gelehrten Zirkeln. Für die Untersuchung der gelehrten Interessen wählt Joos unterschiedliche Ansätze: die Frühaufklärung in Berlin wird personengeschichtlich über Mediziner, Theologen, Pädagogen und Hofgelehrte erschlossen; dann auch über die Gründungsmitglieder Rabener, Chuno, Jablonski und Leibniz. Eher als Exkurs kann die Verbindung zwischen Akademiegründung und protestantischen Kirchenreunionsverhandlungen verstanden werden.

Die Ergebnisse von Joos lassen Ernüchterung aufkommen: Innerhalb der dynastischen Interessen habe die Akademiegründung nur eine untergeordnete Rolle gespielt, wurde aber mit hochgesteckten Erwartungen auf schnelle Reputation überfrachtet. Bei den verschiedenen protestantischen Konfessionen konnte, trotz Nähe zur Frühaufklärung, kein Interesse an der Akademiegründung festgestellt werden. Das Gleiche gilt für das höhere Schulwesen, gelehrte Zeitschriften und Zirkel. Dieses "Desinteresse auf städtischer Ebene" (225) korrespondiere dann mit einem Desinteresse der Berliner Gelehrten. Die Akademie wurde daher kein "Organisationsträger der Wissenschaften für alle Gelehrte [sic!] der Stadt" (190), sondern wurde nur von einigen wenigen Vertretern aktiv erstrebt. Und auch deren Interessen gingen zum Teil weit auseinander - von dem pragmatischen Ziel der Errichtung eines astronomischen Observatoriums, wie es Chuno und Rabener planten, bis hin zu den weitgesteckten, nahezu utopischen Plänen eines Leibniz.

In einem vierten Kapitel überprüft Joos diese Gemengelage sich überschneidender und vor allem behindernder Interessen in den Anfangsjahren der Akademie (227-275). Die Realität blieb weit hinter den geweckten Erwartungen zurück. Nur weniger Mitglieder konnten für die Akademie gewonnen werden; Regelungen für die praktische Arbeit wurden nicht getroffen; die Akademie existierte in erster Linie durch die Produktion von Kalendern. Die Ursachen für diesen schleppenden Beginn sieht Joos vor allem in einem Erlöschen der Anfangseuphorie, das durch gegensätzliche Erwartungen ausgelöst wurde: Der Hof habe schnelle Erfolge gewollt und bei deren Ausbleiben seine Förderung zurückgezogen; das Konzil der Sozietät erhoffte zunächst aber die volle Unterstützung des Hofes, ehe es die Arbeit vorantrieb, und sei mit der Zeit immer passiver geworden. Allein Leibniz versuchte immer wieder, die Akademie zu aktivieren, sei aber vom Hof und vom Konzil darin behindert worden. Gescheitert sei die Akademie aber nicht, denn auch in ihrem begrenzten Rahmen wurde ein "Potential geschaffen" - eine Option auf die Zukunft (275).

Die Arbeit verbleibt damit dann doch im klassischen Modernisierungsnarrativ des vorläufigen Scheiterns der Akademie bis zur Glanzzeit unter Friedrich II. Unter der Hand mutiert so die Frage nach den Interessen an der Akademiegründung dazu, das Scheitern der Akademie zu begründen, ohne dass offen gelegt würde, was Maßstäbe für das Scheitern wären. Insgesamt sind die kategorialen Zuordnungen häufig unklar. Das wirkt sich mitunter drastisch bei analytisch gebrauchten Interpretamenten aus: Was waren Gelehrte, was der "Staat", was vor allem konnte eine wissenschaftliche Institutionen in dieser Zeit sein? Implizit werden Maßstäbe angelegt, die kaum angemessen sein dürften: Der Hof hätte vorbehaltlos eine Akademie unterstützen sollen; alle Gelehrten hätten sie aktiv mit gründen sollen; die verschiedenen konfessionellen Lager hätten zur Gründung der Akademie beitragen, sie als Ort des Konfessionsausgleichs nutzen sollen (152). War es zu erwarten, dass Hof, Konfessionen und höhere Bildung und schließlich alle Gelehrten verknüpft werden konnten in einem Akademieprojekt, unter Hintanstellung von Konflikten und Eigeninteressen? Angesichts dieser implizit geweckten Erwartungen können nur Negativergebnisse gewonnen werden.

Gerade in diesen Problemen bietet die Arbeit dann aber - neben vielen interessanten Einzelbefunden - durchaus ein interessantes Ergebnis. Indem vor allem Negativbefunde vorgestellt werden, zeigt sich (und das ist Wissenschaft im besten Popperschen Sinne): Offenbar ist so ein Institutionenverständnis, so ein Verständnis von Wissenschaft und Gesellschaft und deren Interaktionen nicht angemessen für die Situation um 1700. In dem (wohl ungewollt) gründlichen Aufzeigen dieser Negativergebnisse wird diese Studie anschlussfähig und nutzbar für weitere Forschungen. Denn gerade der Ansatz der Verknüpfung von Dynastie, Stadt und Gelehrtentum scheint weiterführend zu sein. Die divergierenden Interessen und Motive - nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Bereiche Dynastie, Stadt und Gelehrtentum - machen die Fragilität der Institution Akademie überdeutlich und könnten die Frage aufkommen lassen, wie überhaupt Dauerhaftigkeit erreicht werden konnte. Zur Beantwortung einer solchen Frage müsste aber der Methodenkatalog der aktuellen Wissenschafts- und Institutionengeschichte stärker genutzt werden.


Anmerkung:

[1] Harnack, Adolf: Geschichte der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 3 Bde., Berlin 1900; Brather, Hans-Stephan: Leibniz und seine Akademie. Ausgewählte Quellen zur Geschichte der Berliner Sozietät der Wissenschaften 1697-1716, Berlin 1993.

Sebastian Kühn