Rezension über:

Eva Roth Heege: Ofenkeramik und Kachelofen. Typologie, Terminologie und Rekonstruktion im deutschsprachigen Raum (CH, D, A, FL) mit einem Glossar in siebzehn Sprachen (= Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters; Bd. 39), Basel: Verlag Schweizerischer Burgenverein 2012, 380 S., 326 Farb-, 557 s/w-Abb., ISBN 978-3-908182-23-8, EUR 65,00
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Rezension von:
Gerald Volker Grimm
Institut für Kunstgeschichte und Archäologie, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Gerald Volker Grimm: Rezension von: Eva Roth Heege: Ofenkeramik und Kachelofen. Typologie, Terminologie und Rekonstruktion im deutschsprachigen Raum (CH, D, A, FL) mit einem Glossar in siebzehn Sprachen, Basel: Verlag Schweizerischer Burgenverein 2012, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 10 [15.10.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/10/21552.html


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Eva Roth Heege: Ofenkeramik und Kachelofen

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Kacheln sind Keramiken, Ofen- und Architekturteile, aber auch Bildträger, die in den gesellschaftlichen Zentren des Mittelalters, den Stuben, zusammen mit Malereien und anderen Ausstattungsstücken, der Repräsentation und Identifikation der führenden Schichten dienende, komplexe ikonografische Programme zum Ausdruck brachten. [1] Aufgrund der verschiedenartigen Zugriffe entstand in der Vergangenheit eine geradezu babylonische Sprachverwirrung, bei der unterschiedliche und zu verschiedenen Zeiten vorkommende Kacheln denselben Namen tragen, während für gleichartige Stücke verschiedene Bezeichnungen im Gebrauch sind.

Um diesem Missstand zu begegnen, traf sich im März 1993 in Lohr am Main ein Kreis von Keramikforschern. Ziel war ein Leitfaden zur Beschreibung der Ofenkeramik. Das Rohmanuskript verfasste Werner Endres, dem das nun vorliegende Werk zum 75. Geburtstag gewidmet ist. Die Autorin übernahm 2002 die Federführung innerhalb des Autorenteams und stellte 2007 erste Proben vor. [2]

Bereits die Vorworte von Hans-Georg Stephan (eine kurze Forschungsgeschichte) und Renate Windler, die die Erfindung des Kachelofens als "eine der bedeutendsten Innovationen" für die mittelalterliche Wohnkultur hervorhebt, führen in das Thema ein.

Roth Heege grenzt den Kachelofen von anderen Heizstätten ab. Sie überlegt, ob Kachelöfen über den Zwischenschritt einer Verwendung von Gefäßen in Warmluftheizungen entwickelt wurden (35ff.). Den Begriff Ofenkeramik definiert sie als "Synonym für alle keramischen Bauteile des Kachelofens" (29) und plädiert dafür, nur diese und nicht alle formal entsprechenden Objekte als Ofenkacheln zu bezeichnen. Vielleicht wäre eine etwas weniger strenge Definition möglich, da bei der Produktion noch nicht feststeht, welche Kachel in einem Ofen verbaut wird und welche andernorts oder nie. Voltaires dem Band vorangestellten Motto (2) folgend, sei hier ergänzend auf eine vor 1499 in einem Gewölbescheitel montierte Nischenkachel in St. Martin, München-Untermenzing hingewiesen. [3] Andreas Heege und Julia Hallenkamp-Lumpe schildern, den zweiten Teil abschließend, den Forschungsstand zur Furnologie.

Im dritten Teil folgen die wichtigsten "Aspekte der Ofenkachelherstellung". Roth Heege erläutert den Druck aus Patrizen und Modeln; Harald Rosmanitz vertieft diesen Aspekt in "Das Phänomen von Ur- und Sekundärpatrize". Oft wurden Kacheln allein aufgrund der Darstellungen einzelnen Produzenten oder Produktionszentren zugeschrieben, obwohl die Bilder häufig andernorts abgeformt wurden. Anschließend geht er chronologisch differenzierend auf die Verwendung von Druckgrafiken als Vorlagen ein. Heege und Katja Lesny erklären das oft mit Engoben verwechselte Verfahren der "Behautung". Ausführlich beschreibt Heege weitere "Dekortechniken auf Ofenkeramik" (68-99) und Uwe Lamke "Die Überschlagtechnik im Ofenbau". Monika Dittmar schlägt in "Industriell gefertigte Ofenkacheln aus Velten bei Berlin" (103-115) einen Bogen vom späten 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Hilfreich für die Beurteilung von Sammlungsbeständen ist der restauratorische Beitrag von Klaus Hufnagel "Herstellungs- und Oberflächenfehler historischer Kacheln". Hervorzuheben sind die Fotoserien zur Abformung von Kacheln und Kachelmodeln von Roth Heege und Günter Unteidig.

Im vierten Teil erläutert Roth Heege die Konstruktion und Rekonstruktion von Kachelöfen. Grundlegende Erkenntnisse für Rekonstruktionen ergaben sich durch exakte Dokumentation und "Bergung sämtlicher(!) Funde" (142), also vor allem des bei Grabungen oft entsorgten Ofenlehms. Vorbildlich und praxisnah ist die Rekonstruktionsanleitung (144-147). Bei einzelnen Befundabbildungen wären Erläuterungen für den archäologisch Ungeschulten wünschenswert gewesen. Matthias Henkel fasst wichtige auf zeitgenössischen Darstellungen beruhende Ergebnisse seiner Dissertation zusammen. Künstler und Kontext der Bilder bleiben meist ungenannt, Herkunft und Datierungen werden regelhaft angegeben. Einzelne Thesen hätten einer Revision bedurft. So sind beim Züricher Kachelfresko (Abb. 248) nicht alle Kacheln gleichmäßig über die Wandung verteilt, auch bedarf es nicht "spezieller Eck- und Gesimskacheln" (152), um den Feuerungskasten vom Oberofen zu trennen (vgl. z.B. Abb. 231, 233, 236). Keinesfalls handelt es sich bei allen abgebildeten Räumen um Stuben, wie Henkel selbst bemerkt (vgl. etwa 159, 166). Aufschlussreich sind die beiden Kapitel über Ofenmodelle von Rosmanitz und Margret Ribbert.

Roth Heege erläutert im Folgenden die Hauptcharakteristika einer guten Kachelbeschreibung. Zweiundzwanzig gerade in ihrer individuellen Gestaltung vorbildliche Texte zeigen verschiedene Möglichkeiten des Zugangs auf. Hier wird nicht ein bestimmtes Schema propagiert. Dies und die profunde Durchdringung der Materie ist unter Beschreibungsleitfäden eine löbliche Ausnahme.

Der Hauptteil des Werkes ist die "Typologie und Terminologie" (200-319): Ofenbauteile werden technologisch und nicht den kunsthistorischen oder regionalspezifischen Bezeichnungen folgend definiert, typische Kachelformen anhand einer Reihe von Idealbildern von Öfen (nicht Rekonstruktionen) vorgestellt (Abb. 319-325). Die Fachbegriffe wurden in Zusammenarbeit mit Roth Heege von fachkundigen Muttersprachlern, teils ausgewiesenen Spezialisten, in bis zu 17 Fremdsprachen übersetzt und jedem Typus in einer multilingualen Liste beigefügt.

Die einzeln durchnummerierten Typen werden von guten, fortlaufend nummerierten Abbildungen, Erklärungen zu Form und Verbreitungsraum sowie zumeist von als Orientierungshilfen gedachten Datierungsrahmen begleitet. Die bekannten Abgrenzungsprobleme sind anhand der Zuweisung zu verschiedenen Subtypen überzeugend gelöst. Lediglich in Einzelfällen (Typ 4,3, 4,4, 5,2) griff sie auf traditionelle Bezeichnungen zurück, obwohl sie begründet für eine andere Subsummierung plädiert. Die Typologie ist besonders dann hilfreich, wenn modellogleich dekorierte Kachelblätter auf verschiedene Massenblätter montiert sind (vgl. Nr. 241 mit 247 und Nr. 265-267 mit 332-334). Selbst wenn man andere Bezeichnungen vorziehen möchte, ist es nun für nahezu alle bekannten Kacheln bis zum 17. Jahrhundert möglich, diese mithilfe der Typennummer klar zu definieren oder auf die entsprechenden Stücke direkt zu verweisen.

Der neu erstellte Leitfaden erweitert den bisherigen Kenntnisstand. Dies macht das vorliegende Buch als umfassendes Referenzwerk unverzichtbar.


Anmerkungen:

[1] Harald Wolter-von dem Knesebeck: "Hûsêre" and the "Topography of Contrasts" in 15th Century Mural Paintings from Tyrol and Trentino, in: Luís Urbano / Vítor Serrão: Out of the Stream. Studies in Medieval and Renaissance Mural Painting, Newcastle 2007, 22-41, hier 22-26.

[2] Eva Roth Heege: Leitfaden zur Ofenkeramik. Ein Werkstattbericht zur Kacheltypologie und Kachelterminologie im deutschsprachigen Raum, in: 40 Jahre Keramikforschung. Rückblick - Stand der Forschung - Ausblick. Tagungsband des 40. Internationalen Hafnereisymposiums vom 16. bis zum 21. September 2007 in Obernzell (D), hg. von Ralph Mennicken u.a., Raeren 2008, 61ff.

[3] Martin Hirsch: Die spätgotische Tonplastik in Altbayern und den angrenzenden Regionen, Petersberg 2010, Nr. 72, 180.

Gerald Volker Grimm