Rezension über:

Kaspar Maase: Die Kinder der Massenkultur. Kontroversen um Schmutz und Schund seit dem Kaiserreich, Frankfurt/M.: Campus 2012, 424 S., 25 Abb., ISBN 978-3-593-39601-9, EUR 34,90
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Rezension von:
Tobias Becker
Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Tobias Becker: Rezension von: Kaspar Maase: Die Kinder der Massenkultur. Kontroversen um Schmutz und Schund seit dem Kaiserreich, Frankfurt/M.: Campus 2012, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 10 [15.10.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/10/21020.html


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Kaspar Maase: Die Kinder der Massenkultur

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Zeitgleich mit der Entstehung der Populärkultur kam es während der 'langen Jahrhundertwende' zwischen 1880 und 1930 zu einem erbitterten Kampf gegen "Schmutz und Schund". In den Augen vieler Intellektueller und Bildungsbürger, aber auch Volksschullehrer und Arbeiterfunktionäre ging von der neuen, kommerziell vertriebenen und massenhaft produzierten Unterhaltung eine Bedrohung für die Gesellschaft und insbesondere für die Jugend aus. Nun hat der Tübinger Kulturwissenschaftler und Historiker Kaspar Maase mit Die Kinder der Massenkultur eine breit angelegte Synthese des deutschen "Schundkampfes" zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und dem Ersten Weltkrieg vorgelegt.

Maase stellt den Amoklauf eines Schülers in Winnenden 2009 und die nachfolgende mediale Auseinandersetzung, in der verrohenden Computerspielen eine Mitschuld an der Tat gegeben wurde, an den Beginn seiner Studie. Damit sind bereits drei zentrale Probleme angerissen, denen der Band systematisch nachgeht: die verbreitete Neigung, im Konsum populärkultureller Medien eine moralische und soziale Gefahr zu wittern, die Distanz zwischen Erwachsenen und Kindern in der Nutzung derselben und die Kontinuität mancher Argumente des Schundkampfes bis heute. Da Schund eine Zuschreibung ist, die immer wieder neu ausgehandelt wurde und die ganz im Auge des jeweiligen Betrachters lag (des einen Kunst war des anderen Schund), lässt sich Schund weder definieren noch auf einen Corpus von Texten und Bildern reduzieren. "Schund ist keine Sache, sondern ein Argument" (58), meint daher Maase, der sich deshalb die ganze Breite des Schundkampfes ansieht. Dabei grenzt er sich in mehrerlei Hinsicht von der bisherigen Forschung ab: Erstens betrachtet er die Kampagnen gegen die Groschenromane und den Film zusammen, zweitens bleibt er nicht bei den Schundkämpfern stehen, sondern nimmt zugleich die Konsumenten der Populärkultur in den Blick und drittens betrachtet er ausgehend von der Idee, dass der Schundkampf eine "praktische Auseinandersetzung, vollzogen in sicht- und greifbaren Aktionen" (19) war, weniger dessen theoretische Erörterung als die Praxis der Boykotte, Bücherverbrennungen, Ausstellungen und Lesehallen.

Im zweiten und umfangreichsten Kapitel des Bandes verfolgt Maase systematisch die Entwicklung des Schundkampfes von seinen Anfängen bis zu seiner Radikalisierung im Ersten Weltkrieg. Er kartografiert in aller Kürze "die gesteigerte Präsenz populärer Künste" (32), die eine der zentralen Ursachen des Schundkampfes war. Denn die Alphabetisierung der Bevölkerung und die leichtere Verfügbarkeit kultureller Güter rief bei den Gebildeten, die bislang die ästhetische Deutungshoheit besessen hatten, Abwehrreaktionen hervor. Vor allem Heftchenromane und Kinofilme standen im Kreuzfeuer der Kritik, weshalb ihnen je ein Unterkapitel gewidmet ist. Anschließend betrachtet Maase ein Element, das seiner Ansicht nach in der Forschung gegenüber den repressiven Maßnahmen bislang zu kurz gekommen ist, nämlich der "positive Schundkampf", worunter er Versuche versteht, durch Alternativen zum Schund, wie günstige Klassikereditionen und "Emporlese-Bibliotheken" (166) den Geschmack der breiten Bevölkerung zu verbessern.

Für Maase trug der Schundkampf Züge eines Klassenkonflikts, auf den er aber nicht reduziert werden kann. Dagegen spricht in seinen Augen bereits die große Beteiligung von Volksschullehrern. Zum Klassen- trat vielmehr ein Generationenkonflikt, der im Mittelpunkt des dritten, mit "Soziales Theater" überschriebenen Teil des Bandes steht. Maase versteht den Schundkampf als eine Bühne, auf der Schundkämpfer und Schundnutzer, Erwachsene und Jugendliche symbolisch Konflikte austrugen. Seiner Ansicht nach ist gerade das bislang kaum berücksichtigte Moment der Interaktion einer der Schlüssel zum Verständnis des Schundkampfes. Da Jugendliche sich in der neuen Mediengesellschaft besser zurechtfanden als ihre Eltern, entstand eine "Angst vor den eigenen, durch skrupellose Medien verrohten Kindern" (297). Der Schundkampf hatte zum Zweck Freizeit und Kulturkonsum der Jugendlichen zurück in die Sphäre elterlicher Kontrolle zu überführen. Die Jugendlichen hingegen suchten umgekehrt im Schund Räume, "in denen sie sich praktisch und symbolisch von Bedrückungen und Kontrollen im erwachsenendominierten Alltags frei" (261) machen konnten. Vollständig zu erklären ist der Schundkampf für Maase aber auch als Generationenkonflikt nicht, handelte es sich doch um einen Widerstreit, der "zunächst einmal in und unter Erwachsenen ausgetragen wurde" (294).

Abschließend skizziert Maase in groben Strichen die weitere Entwicklung des Schundkampfes, der ihm zufolge eine Brücke war, "über die nicht nur Bildungsbürger ins Nazireich gelangten" (324) - und vom Nazireich in die Bundesrepublik könnte man ergänzen, beschäftigte sich der deutsche Bundestages doch gleich in einem seiner ersten Gesetzesvorhaben mit dem Schund. [1] Auch Unterschiede zu anderen Ländern erörtert Maase. So sticht der deutsche Schundkampf durch die "enge Beziehung der Schundkämpfer zum Staatsapparat" (29) hervor und dadurch, dass Schund in Deutschland weniger mit moralischen als mit ästhetischen Maßstab bewertet wurde: "unübersehbar ist die Tendenz, das künstlerisch Misslungene mit dem sittlich Schlechten und sozialmoralisch Minderwertigen gleich zu setzen" (29). Das mag insgesamt richtig sein, doch war die Hochkultur in Deutschland keineswegs sakrosankt. Das zeigt etwa der von Karl Brunner - einem Kronzeugen Maases - losgetretene Prozess gegen die Inszenierung von Arthur Schnitzlers Reigen 1921 in Berlin. Überhaupt vermisst man das Theater, das Maase vorschnell mit den gehobenen Schichten gleichsetzt (250). Dabei übersieht er, dass das von ihm mehrfach en passant erwähnte Varieté ebenso populär und umkämpft war wie Heftchenroman und Film. Wenig Raum erhalten auch die Produzenten des Schundes. Wie nahmen beispielsweise Verleger und Filmemacher die Abqualifizierung ihrer Produkte als Schund wahr und wie reagierten sie darauf? Und schließlich unterbleibt auch die inhaltliche Analyse des Schundes weitgehend. Das ist angesichts der Ausrichtung der Studie zwar verständlich, dennoch wüsste der Leser gern mehr über Kapitän Stürmer, Texas Jack und Wanda von Brannburg. Denn nicht nur der Schundkampf, auch das, was als Schund klassifiziert wurde, ist historisch von großem Interesse.

Trotz dieser Anmerkungen bietet Die Kinder der Massenkultur unbestritten die bislang umfassendste und beste Gesamtdarstellung des deutschen Schundkampfes im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Als solche leistet das Buch einen wichtigen Beitrag sowohl zur Geschichte der deutschen Populärkultur wie zu der des Kaiserreiches allgemein, aber auch zu der Frage nach mentalen Kontinuitäten in der deutschen Geschichte. Wurden tatsächlich damals "in den Wissensvorrat der Deutschen jene negativen Bedeutungen der Massenkünste aufgenommen [...], die bis heute fortwirken" (245), dann kann ihre historische Aufarbeitung vielleicht dazu beitragen, sie zu überwinden. Es wäre jedenfalls zu wünschen.


Anmerkung:

[1] Zum Schundkampf in der Bundesrepublik siehe auch Sybille Steinbacher: Wie der Sex nach Deutschland kam. Der Kampf um Sittlichkeit und Anstand in der frühen Bundesrepublik, München 2011.

Tobias Becker