Rezension über:

Dagmara Jajeśniak-Quast: Stahlgiganten in der sozialistischen Transformation. Nowa Huta in Krakau, EKO in Eisenhüttenstadt und Kunčice in Ostrava (= Studien zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Ostmitteleuropas; 20), Wiesbaden: Harrassowitz 2010, 349 S., ISBN 978-3-447-06384-5, EUR 54,00
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Rezension von:
Marcel Boldorf
Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Marcel Boldorf: Rezension von: Dagmara Jajeśniak-Quast: Stahlgiganten in der sozialistischen Transformation. Nowa Huta in Krakau, EKO in Eisenhüttenstadt und Kunčice in Ostrava, Wiesbaden: Harrassowitz 2010, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 9 [15.09.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/09/22131.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Dagmara Jajeśniak-Quast: Stahlgiganten in der sozialistischen Transformation

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Dagmara Jajeśniak-Quast betrachtet die sozialistische Transformation - das heißt die Anpassung an das System der zentralen Planwirtschaft - eines polnischen, eines tschechoslowakischen und eines DDR-Großbetriebs. Für die Zeitspanne zwischen 1945 und der Mitte der 1950er Jahre widmet sich das Buch vor allem dem Bereich Arbeitskräfte und Personal in drei Kapiteln, Investitionen und Kosten sowie Außenwirtschaft in jeweils einem Kapitel. Mit dieser Auswahl werden wesentliche Aspekte des betrieblichen Lebens abgedeckt. Gleichwohl wird die ökonomische Basis, zum Beispiel die betriebliche Rentabilität oder Produktionsorganisation, nicht beiseitegelassen, sondern unter dem Kostenaspekt behandelt.

Die untersuchten Betriebe spielten unterschiedliche Rollen für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Umlandes. Nowa Huta und Kunčice rekrutierten in hohem Maße agrarische Arbeitskräfte, während das Eisenhütten-Kombinat Ost (EKO) von der (Binnen-)Umsiedlung der Vertriebenen profitierte. Infolge der Kombinatsstruktur traten Kopplungseffekte nicht unbedingt in der Region auf. Insbesondere für Ostrava lässt sich festhalten, dass die Existenz des Werkes den regionalen Strukturwandel sogar behinderte.

Die Agitation der sozialistischen Staatsparteien erfüllte in allen drei Werken eine Doppelfunktion: Einerseits führte sie zu einer Art "corporate identity" (172) innerhalb der Arbeiterschaft, andererseits verfolgte sie ökonomische Ziele, insbesondere im Hinblick auf die Erhöhung der Arbeitsproduktivität im Zuge des sozialistischen Wettbewerbs. Bei der Durchführung dieser Ziele lässt die Detailuntersuchung aber deutliche Unterschiede hervortreten. Am stärksten war die sozialistische Durchdringung beim DDR-Kombinat ausgeprägt, wo es eine starke Werbung für die Jugendweihe, eine totale Einbindung der jungen Arbeiter in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) und eine herausgehobene Position der sogenannten Kampfgruppen gab. In den anderen Werken war zum Beispiel die religiöse Resistenz weitaus ausgeprägter. Der Organisationsgrad in der jeweiligen Staatspartei blieb an allen drei Standorten unbedeutend, nirgendwo traten ihr mehr als 20 Prozent der Belegschaft als Mitglieder bei. Während der landesweiten Krisenjahre 1953 in der DDR, 1956 in Polen und 1968 in der Tschechoslowakei motivierten vor allem Lohnkonflikte, das heißt der Unmut über die Erhöhung der Arbeitsnormen, den Protest der Arbeiter. Gegen solche Unzufriedenheit agitierten im Betriebsalltag die Gewerkschaften, die einen hohen Mobilisierungsgrad erreichten. Zur Befriedung der innerbetrieblichen Konflikte fokussierten sie ihre Arbeit fast vollständig auf die soziale und kulturelle Integration der Belegschaften.

Das Kapitel "Investitionen und Kosten" behandelt Fragen der Finanzierung der Staatsbetriebe und streift dabei auch ökonomische Grundprobleme der Planwirtschaften. Eine Investitionssicherheit war wegen der zentralen Mittelzuweisungen kaum gegeben, entsprechend waren immer wieder viele Korrekturen an den Plänen nötig. Unter dem Stichwort "Kosten" werden allerlei Probleme behandelt, die von negativen externen Effekten (zum Beispiel Umweltkosten) bis zur mangelnden Rentabilität der Stahlherstellung reichten. In einer für die Planwirtschaft typischen Manier schrieben die Akteure im EKO die hohen Produktionskosten den Leistungsmängeln bei den Mitarbeitern und der schlechten Arbeitsorganisation zu. Bezeichnenderweise suchte ein Bericht des Werkdirektors von 1953 die persönlichen Defizite auf der mittleren Führungsebene (257). Das Problembewusstsein für die zugrunde liegenden planwirtschaftlichen Defizite war unterentwickelt.

Das Kapitel zur Außenwirtschaft behandelt zentrale Aspekte wie die Beschaffung von Inputs (also des zu verarbeitenden Materials), die Zusammenarbeit der RGW-Länder und interessanterweise auch den Technologietransfer. Letzteren Punkt hätte man mit guten Gründen auch im Kapitel zu den Investitionen vermuten dürfen. Die hier vorgenommene Zuordnung weist aber auf den augenfälligen Mangel an eigener Forschung und Entwicklung in den Stahlwerken der drei behandelten Volkswirtschaften hin. Insofern wurden Innovationen beziehungsweise deren Adaptation meist als ein Problem des Transfers wahrgenommen. Vielfach verließ man sich auf die Beschaffung von Know-how durch Industriespionage oder durch Besuche zum Beispiel auf der Leipziger Messe. Ein Beispiel für die daraus resultierenden Defizite war, dass Feinbleche des EKO auf Grund der Ermangelung eines eigenen Warmwalzwerks an der Ruhr gefertigt wurden, was eine erhebliche Devisenbelastung bedeutete.

Die Arbeit meistert die anspruchsvolle Aufgabe eines Drei-Länder-Vergleichs und fördert zahlreiche interessante Aspekte zur Wirtschafts- und Kulturgeschichte der Stahlwerke zu Tage. Dabei wertet sie nicht nur die umfangreiche Fachliteratur, sondern auch ergiebige Archivbestände auf Unternehmens-, Regional- und Zentralebene aus.

Marcel Boldorf