Rezension über:

Jens Gering: Domitian, dominus et deus? Herrschafts- und Machtstrukturen im Römischen Reich zur Zeit des letzten Flaviers (= Osnabrücker Forschungen zu Altertum und Antike-Rezeption; Bd. 15), Rahden/Westf.: Verlag Marie Leidorf 2012, 433 S., ISBN 978-3-89646-736-2, EUR 74,80
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Rezension von:
Florian Sittig
Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Florian Sittig: Rezension von: Jens Gering: Domitian, dominus et deus? Herrschafts- und Machtstrukturen im Römischen Reich zur Zeit des letzten Flaviers, Rahden/Westf.: Verlag Marie Leidorf 2012, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 9 [15.09.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/09/21592.html


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Jens Gering: Domitian, dominus et deus?

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War Domitian ein grausamer Tyrann und autokratischer Revolutionär des Prinzipats oder lieferte er das Vorbild für die "guten" Adoptivkaiser? [1] Dieser Frage geht Jens Gering in seiner Dissertation anhand einer Analyse der Herrschafts- und Machtstrukturen am Ende des 1. Jahrhunderts nach. Die Studie verfolgt das Ziel, die Vielzahl an Einzelstudien, die zu diesem Prinzeps erschienen sind, in einer umfassenden Gesamtschau auszuwerten (37) und Domitians Herrschaft in den größeren Prozess der "Principatsgenese" (35) einzuordnen.

An das Vorwort schließt sich eine äußerst knapp gehaltene Einleitung an (8-9). Es folgen Kapitel über die Quellenlage (10-27) sowie den Forschungsstand und die Methodik der Studie (28-37). Die inhaltliche Auseinandersetzung mit den hier entwickelten Fragestellungen erfolgt in den anschließenden drei Kapiteln. Sie beschäftigen sich mit der Legitimation und Repräsentation der Flavier (39-199), mit der Herrschafts- und Verwaltungspraxis Domitians (200-304) sowie mit dem Verhältnis von Prinzeps und Senat (305-348). Die Studie schließt mit einer Zusammenfassung (349-357) und einem ausführlichen Anhang (359-433).

Im Mittelpunkt der Quellenkritik steht die bekannte Problematik der negativen Tendenz in der nachdomitianischen Historiographie (16-25). Die panegyrische Dichtung der Zeitgenossen Martial und Statius spricht Gering dagegen zumindest von einer direkten Einflussnahme des Prinzeps frei (10-14; s.a. 34; 193-199). Grundsätzlich ist Gering geneigt, die positiveren Darstellungen des letzten Flaviers stärker als bislang zu berücksichtigen. Die Vorstellung aller literarischen Quellen bietet in jedem Fall eine gute Einstiegsmöglichkeit für eine Beschäftigung mit der flavischen Epoche.

Das gilt auch für den Forschungsüberblick, der die größeren Entwicklungslinien der Domitian-Forschung seit dem 19. Jahrhundert sowie aktuelle Problemfelder und methodische Ansätze aufzeigt. Die Entwicklung einer eigenen Methodik fällt demgegenüber äußerst knapp aus. Auf einzelne Kontroversen, die hier nur angerissen werden können, geht Gering im weiteren Verlauf seiner Studie detailliert ein, so dass einige Kapitel den Charakter einer Zusammenfassung und Diskussion des Forschungsstandes haben (z.B. 332-338). Stets kommt er dabei auf Basis seiner eigenen Analyse verschiedener Quellengattungen zu kritischen und differenzierten Würdigungen der bisherigen Resultate. Die Bereitschaft zur Interdisziplinarität ist mithin eine der Stärken der Arbeit.

Als maßgebliche Kategorie der inhaltlichen Analyse fungiert die Dichotomie von Kontinuität und Diskontinuität. Dieser Ansatz hat den Vorteil, dass er einen objektiven Maßstab für die Urteile der antiken Autoren zur Verfügung stellt. Folglich vergleicht Gering exemplarisch die drei oben genannten Aspekte der Herrschaft Domitians mit dessen iulisch-claudischen und flavischen Vorgängern sowie seinen unmittelbaren Nachfolgern, insbesondere mit Trajan. Dabei wird das Bemühen deutlich, Domitian in einem Prozess evolutionärer Entwicklung zu verorten und seinem Prinzipat jeglichen revolutionären Charakter abzusprechen (z.B. 354, Anm. 28).

In vielen Bereichen kann Gering überzeugend nachweisen, dass Domitian bewusst an die von seinen Vorgängern begründeten Traditionen anknüpfte, besonders anschaulich im Bereich der Religionspolitik (118-129) und der Münzprägung (143-151). Darüber hinaus kann Gering das zunehmend anerkannte Bild von Domitian als einem umsichtigen Verwalter des Imperiums [2] auch dadurch stützen, dass er die Fortsetzung vieler seiner Maßnahmen durch seine Nachfolger herausarbeitet - etwa bei der Kaisertitulatur (152-158), der Baupolitik (206-214) und der Institutionalisierung der aula Caesaris (222-231). Auch Domitians Politik in Britannien, Germanien und an der Donau fügt sich nahtlos in eine Entwicklung, die sich von der spätaugusteischen Zeit bis zum Ende des 2. Jahrhunderts nachvollziehen lässt (245-292).

Doch wird die Kontinuität und Konformität der Herrschaft Domitians teilweise wohl zu stark betont: Fast bekommt man den Eindruck, Domitian habe während seiner Herrschaft kaum eigene Akzente gesetzt, sondern lediglich den Evolutionsprozess des Prinzipats verwaltet - ein Urteil, das sowohl der domitianfreundlichen wie -feindlichen Überlieferung entgegensteht. [3] Zudem wird es vor diesem Hintergrund schwierig, das negative Urteil der antiken Historiographie über Domitian zu erklären. Streiten lässt sich z.B. darüber, ob Domitian die Anrede als "dominus et deus" offiziell führte und einforderte (130-139); dass die dominus-Anrede aber "vermutlich schon recht früh als relativ harmlos empfunden wurde" (130), geht in der relativierenden Tendenz zu weit - zumindest in Bezug auf das Verhältnis von Prinzeps und Senat. [4]

Richtig ist sicherlich, dass Domitian keine gezielte Hellenisierung des römischen Kaisertums verfolgte (350-351). Da Gering in seiner Studie mehrfach auf die Nonkonformität der als wahnsinnig geltenden Kaiser zu sprechen kommt (28, Anm. 2; 35-36, bes. Anm. 57 u. 60; 332, mit Anm. 4), zu denen auch Domitian gezählt wurde, wäre eine Auseinandersetzung mit Aloys Winterlings Thesen über den letzten Flavier wünschenswert gewesen. [5] Auch Gering muss letztlich wieder auf die zuvor relativierten "Stilfehler" (338; 355, Anm. 30) zurückgreifen, um das negative Domitian-Bild der Antike zu erklären. Sein Hauptargument ist aber das Fehlen eines Nachfolgers mit dem Interesse, ein positives Domitian-Bild zu lancieren (339-348). Hiermit greift der Autor einen wichtigen Punkt auf, da die letzten Prätendenten einer Dynastie regelmäßig in äußerst schlechtem Licht erscheinen. Mit Tiberius, Caligula und Claudius existieren jedoch drei Beispiele aus dem 1. Jahrhundert, die in der Antike ebenfalls keinen guten Leumund hatten, obwohl ihr jeweiliger Nachfolger derselben Dynastie entstammte. Dies scheint dafür zu sprechen, dass das Fehlen eines Verwandten als Nachfolger die Negativdarstellung in den Quellen zwar begünstigte, sie jedoch nicht monokausal erklären kann.

Insgesamt gehört Gering zu den Autoren, die bemüht sind, Domitian zu rehabilitieren. Zugleich bringt sein Buch aber jeden, der sich mit der Herrschaft des letzten Flaviers beschäftigen möchte, schnell auf den aktuellen Stand der Forschung, ermöglicht einen einfachen Zugang zu gegenwärtig verhandelten Kontroversen und setzt eigene Akzente. Vor allem gelingt es Gering, Interesse für die domitianische Zeit zu wecken, indem er die Komplexität der Herrschafts- und Machtstrukturen des ausgehenden 1. Jahrhunderts aufzuzeigen vermag und die Schwierigkeiten einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Thematik klar benennt; einfache Antworten zu liefern, ist nicht seine Absicht. Die Studie regt so zu einer weiteren Beschäftigung mit dieser Materie an. In der Zusammenfassung seiner Arbeit präsentiert er seine Ergebnisse daher zu Recht als Thesen, die er zur Diskussion stellt.


Anmerkungen:

[1] In Anlehnung an K. H. Waters: Traianus Domitiani Continuator, in: AJPh 90 (1969), 385-405.

[2] So bereits H. W. Pleket: Domitian, the Senate, and the Provinces, in: Mnemosyne 14 (1961), 297-315.

[3] Pointiert Suet. Dom. 7,1.

[4] Dazu s. Suet. Aug. 53,1; Suet. Tib. 27; Tac. ann. 2,87; Dion Chrys. 1,22, auf die Gering teilweise sogar selber verweist (130, Anm. 95). Noch in der Spätantike war Caligulas Wunsch nach der dominus-Anrede einer Erwähnung wert; Aur. Vict. Caes. 3,13.

[5] A. Winterling: Cäsarenwahnsinn im Alten Rom, in: Jahrbuch des Historischen Kollegs 2007, München 2008, 115-139, bes. 132-134.

Florian Sittig