Rezension über:

James P. Hubbard: The United States and the End of British Colonial Rule in Africa, 1941-1968, Jefferson, NC: McFarland & Company 2011, VIII + 413 S., ISBN 978-0-7864-5952-0, USD 55,00
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Gerhard Altmann
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Gerhard Altmann: Rezension von: James P. Hubbard: The United States and the End of British Colonial Rule in Africa, 1941-1968, Jefferson, NC: McFarland & Company 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 9 [15.09.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/09/21465.html


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James P. Hubbard: The United States and the End of British Colonial Rule in Africa, 1941-1968

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"Eine Sache, für die wir sicher nicht kämpfen, ist der Zusammenhalt des Britischen Empire." [1] Das Diktum der US-amerikanischen Zeitschrift Life vom Herbst 1942 hilft verstehen, weshalb Leo Amery, Indienminister unter Churchill, Hitlers Neue Ordnung dem Amerikanischen Jahrhundert vorzog. Nachdem der japanische Angriff auf Pearl Harbor den einst von George Washington und James Monroe in den Rang eines amerikanischen Credos erhobenen Isolationismus ad absurdum geführt hatte, musste sich Whitehall notgedrungen mit dem Gedanken anfreunden, in absehbarer Zukunft weltpolitisch nur mehr die zweite Geige zu spielen. Das erdrückende wirtschaftliche Potential der USA und die in der Endphase des Zweiten Weltkriegs länger werdenden Schatten eines Ost-West-Konflikts waren die Vorboten einer neuen globalen Ordnung.

Freilich gab es noch das Britische Empire, für das das Life-Magazin ebenso wenig in die Bresche zu springen gedachte wie die Roosevelt-Administration, die Churchill 1941 die Unterschrift unter die Atlanta-Charta abgerungen hatte, um im ideologischen Wettstreit der Systeme bestehen zu können. Allein: Das Empire existierte trotz erheblicher Blessuren auch am Ende des Krieges noch und sollte in der Folgezeit sogar eine Renaissance der klammen britischen Finanzen befördern. Ohnehin kann James Hubbard in seiner überblicksartigen Darstellung zeigen, dass sowohl Amerikaner als auch Briten in ihren transatlantischen Beziehungen und mit Blick auf das Empire jeweils an einem grundlegenden Dilemma laborierten. Washington schwankte beharrlich zwischen der bedingungslosen Unterstützung seines wichtigsten sicherheitspolitischen Partners und einer Strategie, die den Blick auf die Zeit nach dem Ende der Kolonialära richtete. Die panische Furcht vor einer kommunistischen Unterwanderung der dekolonialisierten Gesellschaften ließ es angebracht erscheinen, bisweilen auf Distanz zu den alten Imperialmächten zu gehen, um sich - etwa in Abstimmungen bei den Vereinten Nationen - die Sympathien der Afrikaner zu sichern. London wiederum konnte es sich nicht leisten, auf den Rückhalt Washingtons zu verzichten. Gleichzeitig durfte nicht der Eindruck entstehen, die britische Kolonialpolitik gehorche den Imperativen des Weißen Hauses.

Diese Gefahr wurde indes dadurch minimiert, dass, so Hubbard, weder die USA noch Großbritannien über eine Kolonialpolitik im engeren Sinne verfügten. Einer der wenigen Fixpunkte Londons 1945 bestand in der strikten Ablehnung eines Zeitplans für die Dekolonisation. Ansonsten verlegte man sich auf eine gewisse semantische Vagheit, die im Fluidum zwischen "self-government" und Unabhängigkeit viel Spielraum für pragmatische Handlungsalternativen ließ. Der Versuch, nationalistischem Aufbegehren die Spitze abzubrechen, indem vermeintlich traditionelle Verwaltungsstrukturen wiederbelebt wurden, glich nach dem Krieg bestenfalls einem "house constructed of recycled materials" (35). Denn nach dem Fall Singapurs 1942 war der Mythos europäischer Unbesiegbarkeit dahin. Die nach Afrika heimkehrenden Soldaten hatten europäisches Gedankengut im Gepäck, und die öffentliche Meinung - vor allem jene, die in den Vereinten Nationen ein Forum fand - zeigte sich zusehends ungeduldig angesichts eines schleppenden Dekolonisationsprozesses, den britische wie amerikanische Beamte in Dimensionen von Jahrzehnten ablaufen sahen.

Hubbard zeichnet minutiös das Bemühen Großbritanniens nach, den nationalen Befreiungsbewegungen überschaubare Konzessionen zu machen, um Zeit zu gewinnen. Allerdings verliefen diese Beschwichtigungsversuche meist im Sande, da Zugeständnisse bei Fragen des Wahlrechts und des Zuschnitts kolonialer Repräsentativkörperschaften nur den Appetit auf Mehr weckten und zudem die afrikanischen Politiker anderer Territorien auf den Geschmack nach vergleichbaren Fortschritten brachten. Da half es den britischen Kolonialministern beider großer Parteien auch nichts, die sich unablässig beschleunigenden Veränderungen in die bewährte Rhetorik des evolutionären Wandels hin zu einer sozioökonomisch abgestützten Selbständigkeit zu kleiden. Der "resigned pragmatism" (92), den der Tory-Minister Oliver Lyttelton im Kabinett Churchill ab Herbst 1951 an den Tag legte, erschien angemessen, bedenkt man, welche Lasten das Vereinigte Königreich im Gefolge des Zweiten Weltkriegs und des Koreakriegs zu schultern hatte. Andrew Cohen, liberaler Beamter im Kolonialministerium und ab 1952 Gouverneur von Uganda, gab sich zwar der Hoffnung hin, London könne die Afrikaner mittels vertrauensbildender Maßnahmen für eine längere Übergangszeit bis zur Unabhängigkeit gewinnen, doch zugleich entfremdete die britische Politik im Lauf der Jahre die europäischen Siedler, die in Ost- und vor allem im südlichen Afrika ihre eigenen Vorstellungen von Unabhängigkeit hegten. Aus Angst, die Siedler in Njassaland und den beiden Rhodesien in die Arme des Apartheidregimes in Pretoria zu treiben, musste London einen wahren Eiertanz vollführen, der am Ende beide Seiten - Siedler wie afrikanische Nationalisten - frustrierte. Immer neue Verfassungsentwürfe vermochten die Situation ebenso wenig zu entschärfen wie die Gründung der Zentralafrikanischen Föderation 1953.

Unter Präsident Dwight D. Eisenhower näherte sich die amerikanische Afrikapolitik regierungsamtlichem Zynismus. Der General im Weißen Haus empfand einerseits die Weltsicht Churchills als antiquiert und dessen Glauben an eine Special Relationship als infantil. Andererseits traute Eisenhower auch den Afrikanern nicht über den Weg. Der Gedanke, die neuen Staaten würden sich als demokratische Gemeinwesen etablieren, war in den Augen des Vizepräsidenten Nixon naiv. Nach dem Suezdebakel von 1956, das Premierminister Eden das Amt kostete, dauerte es bis zum Wendejahr 1959, ehe sich die britisch-amerikanischen Beziehungen mit Blick auf den Prozess der Dekolonisation wieder entspannten. Premierminister Macmillan ernannte den progressiven Tory Iain Macleod zum Kolonialminister. Obwohl dieser den die-hards innerhalb der konservativen Fraktion wie ein rotes Tuch erschien, fungierte er zugleich als "lightning rod for Conservative attacks" (296) und genoss das Vertrauen Macmillans, der Großbritannien nicht in einem Atemzug mit kolonialpolitischen Dinosauriern wie Portugal genannt hören wollte. Obendrein hatte Frankreichs Algerienkrieg vor Augen geführt, dass das Zeitalter blutiger Rückzugsgefechte vorüber war. Zudem zerschlug sich die Hoffnung auf britisch-amerikanische Entwicklungsprojekte in den Kolonien, und gewaltsame Todesfälle in Njassaland und Kenia drohten die Kolonialveraltung in den Ruch eines Polizeistaats zu bringen. Unter Präsident John F. Kennedy änderte sich Hubbard zufolge an der Haltung der USA weniger als gemeinhin suggeriert werde, auch wenn der junge Präsident den Nationalismus als das wirksamste Gegengift im Kampf gegen den Kommunismus betrachtete. [2] Es blieb dabei: Die USA "fidgeted on the sidelines" (270).

Hubbard muss in seiner Tour de force durch die britisch-amerikanischen Beziehungen im Kontext des Dekolonisationsprozesses ein ums andere Mal protokollieren, dass amerikanische Stellen bestenfalls oberflächlich über die Geschehnisse in Afrika Bescheid wussten. Am ehesten traf dies noch auf die Vorgänge in Ägypten und Sudan zu, da sie einen wunden Punkt der westlichen Sicherheitspolitik berührten. Dass das State Department 1957 in Afrika weniger Mitarbeiter beschäftigte als in der Bundesrepublik Deutschland, spricht Bände. Hubbards Einschätzung, die US-Politik habe nicht unter rassistischen Vorurteilen gegenüber Afrikanern gelitten, ist - gelinde gesagt - unbedarft. Zu viele der von ihm selbst zitierten Aussagen amerikanischer Beamter und Politiker spiegeln ein tiefsitzendes Unbehagen wider, das sich an einschlägigen Stereotypen festmachen lässt. Abgesehen davon, lernt man jedoch viel vor allem über die britische Afrikapolitik am Ende des imperialen Zeitalters, während die Vereinigten Staaten weniger als Akteur denn als meist passiv-ratloser Zuschauer erscheinen.


Anmerkungen:

[1] An Open Letter from the Editors of Life to the People in England, in: Life, 12.10.1942, 34.

[2] Mit anderer Wertung jüngst Philip E. Muehlenbeck: Betting on the Africans. John F. Kennedy's Courting of African Nationalist Leaders, New York 2012.

Gerhard Altmann