Rezension über:

Alexandra Curvelo / Madalena Simões (Hgg.): Portugal und das Heilige Römische Reich (16.-18. Jahrhundert) (= Studien zur Geschichte und Kultur der Iberischen und Iberoamerikanischen Länder / Estudios sobre Historia y Cultura de los Países Ibéricos e Iberoamericanos; Bd. 15), Münster: Aschendorff 2011, 304 S., ISBN 978-3-402-14901-0, EUR 39,00
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Rezension von:
Andreas Morgenstern
Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Morgenstern: Rezension von: Alexandra Curvelo / Madalena Simões (Hgg.): Portugal und das Heilige Römische Reich (16.-18. Jahrhundert), Münster: Aschendorff 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 9 [15.09.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/09/21189.html


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Alexandra Curvelo / Madalena Simões (Hgg.): Portugal und das Heilige Römische Reich (16.-18. Jahrhundert)

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Mit den Beziehungen zwischen Portugal und dem Heiligen Römischen Reich in der Zeit vom 16. bis 18. Jahrhundert beschäftigte sich 2009 ein hochkarätiges, binational zusammengesetztes Kolloquium, veranstaltet unter anderem von der Universität Hamburg und der Universidade Nova de Lisboa. Ausgeleuchtet werden sollten insbesondere "sich ergänzende und verwandte Perspektiven in Hinblick auf eine sich überschneidende Geschichte in der Neuzeit, konkret der europäischen Überseeexpansion" (9). Die Ergebnisse der Veranstaltung fasst der vorliegende Band fokussiert auf die vier Themenblöcke "Politische Beziehungen", "Verbreitung von Informationen über Portugal und das portugiesische Weltreich", "Portugal und Hamburg" sowie "Künstlerische Beziehungen" zusammen. Neben das Handeln politischer Akteure und den Großkomplex ökonomische Verflechtungen treten somit zwei auf den ersten Blick weniger prominente Felder: zum einen die Frage nach einer möglichen gegenseitigen kulturellen Befruchtung, zum anderen die auf Wurzeln wirtschaftlicher Beziehungen fußenden Verbindungen zwischen der deutschen Hansemetropole Hamburg und einer maritimen Weltmacht der Zeit, Portugal.

Das Anliegen der Herausgeber war offensichtlich die Präsentation eines zwar nicht allumfassenden, jedoch heterogenen und breitgefächerten Blicks auf Wahrnehmung und Interaktionen zwischen beiden Imperien. Die ausgewählten Einzelaspekte ergeben ein Kaleidoskop des Verhältnisses zwischen dem zentraleuropäischen Reich und der Seemacht im tiefsten Südwesten des Kontinents. Das bedeutendste Verdienst des vorliegenden Bands ist darin zu sehen, dass seine detailreichen Einzelstudien die Felder herausarbeiten, in denen trotz oder gerade wegen der tiefgreifenden Unterschiedlichkeit beider Länder Entwicklungen hin zu sozialer Interaktion einsetzten. Der binationale Ansatz wird dabei so konsequent umgesetzt, dass etwa die Hälfte der Aufsätze auf Portugiesisch publiziert wurde. Allerdings erschwert das selbstverständlich die Rezeption in Deutschland - wie auch im umgekehrten Sinne in Portugal -, woran auch die jeweiligen kurzen Zusammenfassungen in der anderen Sprache nichts Grundlegendes zu ändern vermögen.

Leider haben die Herausgeber auf ein einführendes Überblickskapitel für den Leser, der nicht tiefgehend mit der Geschichte Portugals in der Frühen Neuzeit vertraut ist, verzichtet. Diese Lücke kann auch Horst Pietschmanns Darstellung der Forschungskontroversen nicht schließen, da er sich auf die direkte Vorgeschichte, das 15. Jahrhundert, beschränkt. Pietschmann bietet aber einen dichten Parforceritt durch dieses epochemachende Jahrhundert. Wann genau die Zäsur des Aufbruchs in die Neuzeit anzusetzen sei, werde aber noch bis in die Gegenwart in beiden Ländern unterschiedlich datiert. Stehe in Deutschland der Aufbruch in die Neue Welt 1492 am Beginn der Neuzeit, beginne diese für portugiesische Historiker bereits mit dem Humanismus im frühen 15. Jahrhundert. Terra incognita waren die beiden Länder aber auf keinen Fall füreinander. So erinnert Pietschmann an den spätmittelalterlichen Konziliarismus, der neben den politischen und wirtschaftlichen Interaktionen auch Beziehungen auf der persönlichen Ebene festigte.

Einen gewissen Ersatz für die fehlende Einführung im Sinne einer überblicksartigen Flankierung der einzelnen Beiträge bieten die Aufsätze zu den politischen Beziehungen. Alle Texte durchzieht dabei die Suche Portugals nach Verbündeten, gerade auch im Reich. Seinerzeit erschien es als zwingend notwendig, Unterstützer der längst noch nicht gesicherten Unabhängigkeit vom spanischen Nachbarn zu gewinnen.

Besonders plastisch zeichnet dieses Bemühen Susana Münch Miranda in ihrem Aufsatz "António de Freitas Branco und die Verhandlungen über die Hochzeit von Maria Sophia Pfalzgräfin zu Rhein-Neuburg mit König Pedro II. von Portugal" nach. Der verwitwete Regent, der aus erster Ehe lediglich eine Tochter besaß, musste sich um die Fortdauer seiner Dynastie sorgen. Eine Allianz mit der eng mit dem Kaiserhaus verwandten und noch dazu streng katholischen "Aufsteigerfamilie" aus Neuburg bot da glänzende Perspektiven. Die Autorin schildert plastisch den nicht nur diplomatischen Einsatz des mit der Brautsuche beauftragten Freitas Branco. Ihre Beschreibung steht beispielhaft für den Heiratsmarkt dieser Zeit. Eine Kostprobe sei an dieser Stelle angefügt: " [Mit] Hilfe einer der Hofwäscherinnen hieß er sie gebrauchte Wäsche und Strümpfe der Prinzessinnen bringen. Auf diese Weise konnte er die Körper- und Fußmaße beider Prinzessinnen in Erfahrung bringen" (76).Nachdem auch Kriterien wie Charakter und Aussehen, aber auch eingesetzte Monatsblutung und Körperbehaarung geprüft waren, fiel Pedros Entscheidung für Maria Sophia. Sie sollte sieben Kinder gebären und trug in Portugal entscheidend bei zur Sicherung der Dynastie.

Einen weiteren Text, der eine Besonderheit deutsch-portugiesischer Interaktion veranschaulicht, liefert Jorun Poettering. Die hanseatischen Kaufleute pflegten enge Beziehungen zu ihren Handelspartnern am Atlantik. So schickte mancher norddeutsche Kaufmann seinen Sohn zur Hospitanz nach Lissabon. Dort trafen die deutschen Protestanten auf eine tief im katholischen Glauben verwurzelte Gesellschaft. Ihre fremde Glaubenseinstellung wurde zwar toleriert, doch förderten die Suche nach Anschluss in einer fremden Umgebung und auch Gedanken an eine langfristige Etablierung den Übertritt zum Katholizismus. Dabei dürften sich in diesem von Religionskonflikten nicht armen Zeitalter eine vergleichsweise "Banalität" der Konversion der evangelischen Christen und die zumindest für die erste Zeit nach dem Übertritt durchaus vorhandene Nachsicht der Inquisition einander ergänzt haben. Kulturräume übergreifend, zeigt sich hier ein Beispiel zumindest begrenzter religiöser Toleranz.

Portugal und das Heilige Römische Reich bietet neben den beiden hier herausgegriffenen vielfältige weitere Spezialuntersuchungen. Weitgehend unbeleuchtete Themenkomplexe, die auch gerade die Gesellschaft des Heiligen Römischen Reichs und deren Blick auf die Welt bezeichnen, werden untersucht. Mit dem notwendigen Vorwissen ausgestattet, kann der Leser neue Aspekte kennenlernen. Diese Stärke ist aber auch zugleich die Schwäche des Bands. Als Einführung in Thema und Zeit ist er leider nicht zu empfehlen. Ein "roter Faden", eine Einführung, welche Grundlinien festschreiben und die abgedruckten Beiträge miteinander verbinden würde, ist leider nicht vorhanden. So beschränkt sich das versprochene Ausleuchten einer sich zwischen dem Reich und Portugal überschneidenden Geschichte auf die Darstellung von Einzelaspekten.

Andreas Morgenstern