Rezension über:

Alison Luchs: The Mermaids of Venice. Fantastic Sea Creatures in Venetian Renaissance Art, London / Turnhout: Harvey Miller Publishers 2010, VII + 273 S., ISBN 978-1-905375-45-5, EUR 125,00
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Rezension von:
Xenia Ressos
Institut für Kunstgeschichte, Leopold-Franzens-Universität, Innsbruck
Redaktionelle Betreuung:
Cristina Ruggero
Empfohlene Zitierweise:
Xenia Ressos: Rezension von: Alison Luchs: The Mermaids of Venice. Fantastic Sea Creatures in Venetian Renaissance Art, London / Turnhout: Harvey Miller Publishers 2010, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 9 [15.09.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/09/20461.html


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Alison Luchs: The Mermaids of Venice

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Die Meerjungfrau, ein Mischwesen, das vom Scheitel bis zum Nabel die Gestalt eines Mädchens besitzt und dessen Körper von der Hüfte abwärts in denjenigen eines Fisches übergeht, tummelt sich in Spätmittelalter und Früher Neuzeit vor allem in Frankreich und Italien auf Kunstwerken aller Art.

Alison Luchs nahm ihr Vorkommen in der venezianischen Kunst der Renaissancezeit genauer in Augenschein. Mit ihrer Publikation The Mermaids of Venice. Fantastic Sea Creatures in Venetian Renaissance Art erschien 2010 eine profunde Untersuchung, die der Ikonografie und Ikonologie dieser Gestalt in verschiedenen Kontexten auf die Spur geht. Insgesamt ist für ihre Arbeit jedoch weniger der erste, als vielmehr der zweite Teil des Buchtitels Programm. So widmet sie sich nicht nur dem mädchenhaften Meereswesen, sondern der Gesamtheit der maritimen Hybriden, zu denen neben den männlichen Tritonen auch allerlei fantastisches Getier, antike Gottheiten und Meeresungeheuer zählen.

Die unterschiedlichen Gattungen und Sphären, in denen weibliche wie auch männliche maritime Mischwesen auftauchen, bestimmen die Gliederung der Arbeit. In fünf Kapiteln werden in übersichtlicher Art und Weise anhand ausgewählter Beispiele die Besonderheiten der Darstellungen sowie ihre möglichen Bedeutungshintergründe vorgestellt. Luchs beginnt mit der Untersuchung des Themas in der Buchmalerei des späten 15. Jahrhunderts, widmet sich anschließend ihrer Verwendung in der venezianischen Grabplastik sowie ihrem Vorkommen als dekorative Elemente in der Sakral- und Profanarchitektur. Sie schließt mit der Behandlung des Sirenenmotivs in dem für den Privatgebrauch bestimmten Kunsthandwerk und bietet dem Leser am Ende des Buches eine sorgfältige und umfangreiche Bibliografie zum Thema.

Wie bei ikonografischen Arbeiten üblich, verfolgt Alison Luchs in einer längeren Einleitung zunächst die Ursprünge des Motivs. Sie stellt fest, dass die fischschwänzigen Geschöpfe bereits in der Frühzeit die Fantasie der Menschen bewegten und weltweit seit tausenden von Jahren auf Stein oder Ton ihre Spuren hinterließen. Die Grundlage für die Entstehung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Darstellungen in Zentraleuropa bilden die künstlerischen wie auch die literarischen Zeugnisse der griechisch-römischen Antike. Hier sind in Bauschmuck, Grabplastik und Vasenmalerei die mythologischen Ahnen der Meerjungfrau zu finden, deren Abenteuer durch die Schriften antiker Autoren wie Apollonius Rhodius (3. Jh. v. Chr.) oder Pausanias (2. Jh. n. Chr.) überliefert sind. Luchs fasst ihre ikonografische Entwicklung von ein- oder zweischwänzigen, männlichen und weiblichen, fisch- oder schlangenartigen Meereswesen prägnant zusammen und vergisst auch nicht, die spätere Verquickung der Meerjungfrauen mit den im griechischen Altertum vogelbeinigen Sirenen darzulegen.

Als Bestandteil des griechischen Kulturguts gelangte Letztere sogar in die griechische Übersetzung des Alten Testaments. Hieraus fischten sie die frühmittelalterlichen Kirchenschriftsteller wie Isidor von Sevilla (frühes 7. Jh.), um sie moralisierend als Sinnbilder der Wollust auszulegen. So konnotiert und ikonografisch durch illuminierte Manuskripte und Bestiarien wie dem um 700 entstandenen Liber monstrorum vorgebildet, fand die fischschwänzige Sirene Einzug in die christliche Kunst. Die frühneuzeitliche Wiederentdeckung der Antike spülte sie schließlich in einer zweiten Welle auch auf Artefakte der weltlichen Sphäre.

Der spielerische Umgang mit der Doppeldeutigkeit des Wortes "serena", das einerseits für die Stadt Venedig und andererseits als Bezeichnung der singenden und Schiffsleute verführenden Meerjungfrau gebraucht wurde, ist in der italienischen Dichtung ab dem ausgehenden Cinquecento belegt. Der Gedanke liegt nahe, dass sich eine Verquickung dieser beiden Bedeutungen auch in der Kunst der Zeit niederschlägt. Eindeutige Beispiele, in denen die Sirene als Personifikation Venedigs auftritt, können jedoch nicht ausgemacht werden. Während in den Reliefs der Camerini d'alabastro von Alfonso d'Este in Ferrara vielmehr Neptun als Repräsentant der Serenissima gedeutet werden kann (148f.), stehen die an prominenten Stellen in Venedig abgebildeten Mischwesen dagegen in ihrer Gesamtheit als maritimes Personal für die segenbringende Symbiose von Stadt und Meer. In diesem Sinne ziert z.B. ein Reigen unterschiedlichster Meeresbewohner, denen Füllhörner, Ährenbündel und früchtetragende Putti beigegeben sind, die Fahnenmastpostamente auf der Piazza San Marco.

Auch für die am Durchgang zum Presbyterium angebrachten Reliefs der Kirche Santa Maria dei Miracoli, die z.T. von einem Gefährten begleitete und von Putten offensichtlich malträtierte Meerjungfrauen abbilden, kann kein Bezug zu Venedig nachgewiesen werden. Vielmehr sind sie in gängiger Art und Weise christlich zu deuten und unterscheiden sich in ihrem Sinngehalt nicht von jenen Sirenen, die vor allem in der Lombardei die Kirchenbauten bevölkern. Aus diesem Landstrich stammen auch die Künstler, die die Darstellungen in Santa Maria dei Miracoli sowie den Großteil der weiteren, von Luchs vorgestellten Skulpturen wie z.B. am Palazzo Ducale und verschiedenen Grabmälern geschaffen haben: Pietro Lombardo, seine Söhne Tullio und Antonio sowie unbekannte Werkstattmitarbeiter. Diese Tatsache regt die Überlegung an, ob die Gründe für das besonders zahlreiche Auftreten der hybriden Seekreaturen um 1500 in Venedig möglicherweise nicht nur in der dortigen Beliebtheit für das Meer im Allgemeinen, sondern auch in der Wirkungsgeschichte der verantwortlichen Künstlerpersönlichkeiten zu suchen sein könnte.

Auch wenn die Darstellungen im Allgemeinen keine spezifischen, über den bekannten Sinngehalt als Vertreter des Meeres hinausgehende Interpretationen zulassen und neben anderen maritimen Motiven in rein dekorativer Funktion verwendet wurden, stellt Alison Luchs dem Leser einige der schönsten Beispiele des Motivs in der venezianischen Kunst der Renaissance vor. Ihre interessanten Ausführungen machen diese durch 234 hervorragende Schwarz-Weiß-Abbildungen und weitere 44 Farbtafeln reich illustrierte Untersuchung zu einem unterhaltsamen und höchst informativen Lesevergnügen.

Xenia Ressos