Rezension über:

Desanka Schwara: Kaufleute, Seefahrer und Piraten im Mittelmeerraum der Neuzeit. Entgrenzende Diaspora - verbindende Imaginationen, München: Oldenbourg 2011, 592 S., ISBN 978-3-486-70487-7, EUR 72,80
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Rezension von:
Michael Kempe
Leibniz-Forschungsstelle, Hannover / Universität Konstanz
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Michael Kempe: Rezension von: Desanka Schwara: Kaufleute, Seefahrer und Piraten im Mittelmeerraum der Neuzeit. Entgrenzende Diaspora - verbindende Imaginationen, München: Oldenbourg 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 9 [15.09.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/09/19761.html


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Desanka Schwara: Kaufleute, Seefahrer und Piraten im Mittelmeerraum der Neuzeit

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Die vorliegende Studie untersucht das neuzeitliche Mittelmeer aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive als grenzüberschreitenden Kommunikationsraum. Der Anspruch der Grenzüberwindung ist dabei ein doppelter und wechselseitig aufeinander verweisender: zum einen bezogen auf den Forschungsgegenstand, nämlich die Untersuchung von unterschiedlichen Diasporagemeinschaften, also sozialen Gruppierungen, die gesellschaftliche und geographische Räume per se entgrenzen, zum anderen auf den Forschungsansatz, das heißt die Überwindung der Beschränkung nationaler Geschichtsschreibungen, so dass sich beide - Gegenstand und Ansatz - gegenseitig zu bestätigen scheinen. Denn für die Untersuchung solcher Gruppen erscheint der gewählte Ansatz ebenso notwendig wie umgekehrt der Untersuchungsgegenstand die Unverzichtbarkeit transnationaler Geschichtsschreibung unterstreicht.

Der zeitliche Rahmen der Studie erstreckt sich - zuzüglich zeitlicher Rückblenden - auf die Epoche zwischen dem Ende des russisch-türkischen Krieges durch den Frieden von Küçük Kaynarca 1774 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts als Übergangsperiode von vormodernen Kontexten zum nationalstaatlichen Ordnungsprinzip. Der räumliche Rahmen reicht von der Iberischen Halbinsel bis an den Bosporus. Lissabon und Istanbul bilden die räumlichen Extrempole, Cádiz, Livorno, Ancona, Ragusa und Belgrad - über die Save und Donau mit dem Schwarzen Meer verbunden - die Knotenpunkte der als Netzwerkverbindungen beschriebenen raumübergreifenden Sozialbeziehungen kaufmännischer, seeraubender oder religiöser Art. "Das eigentliche 'Territorium' dieser Städte war das Wasser, das ihren Bewohnern ermöglichte, ihre Handelsnetze in alle Welt zu spannen" (484). Untersucht werden nicht nur räumlich mobile und politisch dynamische Entitäten sozialökonomischer Konkurrenz, sondern auch deren Vorstellungswelten und Interaktionsformen. "Bewegung und Verortung", "Kaufmännische Imaginationen", "Präsenz, Aktion, Interaktion", "Quarantäne" und "(Un)freiheiten" sind die zentralen systematischen Kategorien, die den Gang der Untersuchung leiten.

Den Autorinnen und Autoren der Studie gelingt es, ein lebendiges Panorama mit einander verflochtener Beziehungen bunt gewürfelter Personengruppen - von Seeleuten und Kaufmannsfahrern, von Korsaren und Konsuln - auf der Suche nach wirtschaftlichem Gewinn, Abenteuern oder neuen Möglichkeiten des Überlebens zu skizzieren. Überzeugend dargelegt werden die soziale Heterogenität, die politische Vielschichtigkeit und kulturelle Uneindeutigkeit in Bezug auf all die faszinierenden Akteure mit ihren je eigenen und gruppenspezifischen Überlebensstrategien. Besonders spannend lesen sich etwa die Ausführungen zur mediterranen guerra corsara. Zu Recht wird darauf hingewiesen, dass sich keine trennscharfe Unterscheidung von christlichen Korsaren aus Europa einerseits und muslimischen Korsaren aus dem Osmanischen Reich und Nordafrika andererseits durchhalten lässt. Die Wertesysteme hier wie dort erweisen sich, so wird plausibel ausgeführt, als doch überraschend ähnlich. Nicht nur Seebeutepraktiken, sondern auch Seebeuterechtspraktiken sind im christlich-europäischen Kontext als auch im muslimisch-osmanischen Zusammenhang in vielerlei Hinsicht miteinander vergleichbar. Nicht ganz unproblematisch sind jedoch die längeren Abschnitte zur Frage nach dem Verhältnis von Fakten und Fiktionen in der Piraterie-Geschichtsschreibung, weil hier Bezüge zur Karibikpiraterie im "Golden Age of Piracy" etwas zu wenig differenziert auf Verhältnisse im mediterranen Korsarenkrieg übertragen werden.

Die Veröffentlichung versteht sich als Hauptergebnis eines vom Schweizer Nationalfond geförderten und von Desanka Schwara geleiteten Forschungsprojektes zum Thema "Entgrenzende Diaspora - verbindende Imaginationen". Etwas merkwürdig erscheint, dass die Mitwirkenden auf der Titelseite nicht als gleichberechtigte Ko-Autorinnen und Ko-Autoren, sondern nur unter der (eine nachrangige Beteiligung suggerierenden) Überschrift "unter Mitarbeit von" aufgeführt werden, obwohl einige von ihnen - vor allem Luise Müller und Patrick Krebs - weite Teile des Buches mit verfasst haben und als Autoren bzw. Mitautoren einzelner Kapitel im Inhaltsverzeichnis auch genannt werden.

Geschrieben ist das Buch flüssig und lesenswert, obgleich manchmal auch umständliche Formulierungen und gelegentlich sehr ausgedehnte, teils seitenlange Zitate den Lesefluss etwas stören. Die Studie zeigt gerade auch in ihren stärksten Passagen, wie schwierig es ist, theoretische Ansätze der für die historische Erforschung großer geographischer Kulturräume - im Sinne von Fernand Braudels Konzept der "Méditerranée" - so wichtigen transnationalen Geschichtsschreibung in die Praxis der empirischen Quellenarbeit umzusetzen. Die Studie selbst ist - gerade durch die mit dem Projekt verbundenen Promotionsvorhaben - zwar sehr quellengesättigt, mit reichen Früchten aus zahlreichen Archiven in Malta, Ancona, Livorno, Lissabon, Cádiz, Belgrad und Dubrovnik. Aber der Transfer vom mikrosoziologischen Detail in die makrosoziologische Perspektive gelingt nicht immer überzeugend. Gelegentlich mündet die Analyse in sehr allgemeine Beobachtungen in der Art wie: "Es ist alles mit allem verbunden" (478). Ein bisschen präziser und tiefergehender hätte man es sich an manchen Stellen im Buch - auch in der synthetischen Zusammenführung der Resultate - doch gewünscht. Dennoch bleibt es das Verdienst der Studie, innovative und zukunftsfähige Forschungsperspektiven transnationaler Geschichtswissenschaft in der empirischen Forschung konkretisiert zu haben. Wenngleich die Studie nicht gänzlich ihren Anspruch einzulösen vermag, so ermuntert sie doch, den eingeschlagenen Weg national entgrenzter Historiographie in der Verbindung von Theorie und Praxis weiter zu gehen.

Michael Kempe