Rezension über:

Sabine Ehrmann-Herfort / Michael Matheus (Hgg.): Von der Geheimhaltung zur internationalen und interdisziplinären Forschung. Die Musikgeschichtliche Abteilung des Deutschen Historischen Instituts in Rom 1960-2010 (= Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom; Bd. 123), Berlin: de Gruyter 2010, XVI + 205 S., ISBN 978-3-11-025073-2, EUR 39,95
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Andreas Linsenmann
Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Linsenmann: Rezension von: Sabine Ehrmann-Herfort / Michael Matheus (Hgg.): Von der Geheimhaltung zur internationalen und interdisziplinären Forschung. Die Musikgeschichtliche Abteilung des Deutschen Historischen Instituts in Rom 1960-2010, Berlin: de Gruyter 2010, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 9 [15.09.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/09/19266.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Sabine Ehrmann-Herfort / Michael Matheus (Hgg.): Von der Geheimhaltung zur internationalen und interdisziplinären Forschung

Textgröße: A A A

Mit seiner musikgeschichtlichen Abteilung verfügt das Deutsche Historische Institut (DHI) in Rom im Verbund der von der Stiftung Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland (DGIA) getragenen Einrichtungen über ein Alleinstellungsmerkmal: An keinem anderen Auslands-Institut ist die musikwissenschaftliche Forschung institutionell verankert. Dass die Musikwissenschaft überdies die einzige nicht-historiografische am römischen DHI angesiedelte Disziplin darstellt, akzentuiert sowohl das Gewicht der Abteilung wie das Gesamtprofil des DHI in Rom.

Aus Anlass des fünfzigjährigen Bestehens der Abteilung im Jahr 2010 liegt nun eine umfassende Würdigung dieser singulären Einrichtung vor, die sich als Forschungsstelle, Dienstleister und Diskussionsforum sowie als Instanz der Nachwuchsförderung zu einer hoch renommierten Institution entwickelt hat, welche sich immer wieder in aktuelle Diskurse der internationalen Wissenschaftslandschaft einbringt. Der von Sabine Ehrmann-Herfort und Michael Matheus herausgegebene Band verbindet in informativer Weise institutionengeschichtliche Ansätze mit einer breiten wissenschaftshistorischen Kontextualisierung.

Einleitend ordnet Michael Matheus die Etablierung der Abteilung in den Kontext der Entwicklung des auf das Jahr 1888 zurückgehenden DHI sowie die deutschsprachige kulturhistorische Forschung in Italien insgesamt ein. Er zeigt auf, dass bis 1945 in unterschiedlichen Konstellationen Anläufe scheiterten, in Rom bzw. Italien ansässige oder zu etablierende geisteswissenschaftliche Fächer unter einem gemeinsamen Dach zusammenzufassen. Einzig die Etablierung der Musikgeschichtlichen Abteilung des DHI gelang. Begünstigt wurde dies durch eine neue, auf Vertrauenserwerb zielende Wissenschafts- und Kulturpolitik der jungen Bundesrepublik (67). Hinzu kam ein wachsender Profilierungswettbewerb mit der DDR, schien diese doch mit dem 1957 in Rom eröffneten Centro Thomas Mann den westdeutschen Alleinvertretungsanspruch zu unterhöhlen. Gleichwohl erforderte es Geschick und ein - worauf auch der Titel der Publikation anspielt - geradezu konspiratives Vorgehen, die Abteilung zu institutionalisieren. Gelder wurden zunächst verdeckt verwendet und erst nach Jahren offen etatisiert.

Wichtige Voraussetzungen für die Abteilung wurden, wie Martina Grempler darlegt, bereits in den 1930er Jahren geschaffen. So erwarb der von 1938 bis 1943 als Wissenschaftlicher Assistent an der 1934 ins Leben gerufenen Kulturwissenschaftlichen Abteilung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Kunst- und Kulturwissenschaft tätige Musikwissenschaftler Josef Lohschelder systematisch für die Musikforschung relevante Titel. Diese bildeten 1958 den Grundstock der Bibliothek der Musikgeschichtlichen Abteilung. Grempler belegt überdies, dass die 1947 neugegründete Gesellschaft für Musikforschung (GfM) früh darauf drang, angesichts der Bedeutung Italiens für die Musikgeschichte in Rom eine Forschungsstelle einzurichten. Die GfM verstand die Abteilung in den ersten Jahren denn auch als "Außenstelle" der deutschen Musikwissenschaft (114).

Anselm Gerhard unterstreicht in seinem Beitrag diese anfangs prägende Verbindung. Er lenkt den Blick auf Akteure, die die Etablierung der Abteilung vorantrieben - allen voran der Kölner Ordinarius Karl Gustav Fellerer, der ein vitales Interesse an der Erforschung der katholischen und vor allem der römischen Kirchenmusik hatte und es offenbar verstand, Friedrich Blume, den Präzeptor der westdeutschen Nachkriegs-Musikwissenschaft, für seine Pläne zu gewinnen. Der Abteilung attestiert Gerhard, mit ihrer "noch heute überall in Italien gerühmten bibliothekarischen Infrastruktur" (141) sowie philologisch präziser Forschung an weitgehend unerschlossenen Quellen, wesentliche Impulse im Prozess der Professionalisierung der italienischen Musikwissenschaft gegeben zu haben. Mehr noch: Von Beginn an habe die zunächst vorrangig auf die Erforschung der deutsch-italienischen Musikbeziehungen ausgerichtete Abteilung "überraschend innovative" Forschungsaktivitäten (143) entwickelt. Gerhard verweist  hier beispielsweise auf die Erschließung der als "Lärmoper" verpönten italienischen Oper des 19. Jahrhunderts als Forschungsfeld und der damit angestoßenen Beiträge zu Paradigmenwechseln in der Musikhistoriografie.

Die großen forschungsgeschichtlichen Linien sowie die Entwicklung von Methoden und Selbstverständnis arbeitet abschließend Sabine Ehrmann-Herfort heraus. Sie legt dar, dass sich die Musikgeschichtliche Abteilung in den 1960er und 1970er Jahren dezidiert in einer Vermittlerfunktion sah. Aus diesem Ethos heraus verstand man sich - nationale Selbstbezogenheit betont vermeidend - als "Zentralstelle italienisch-deutscher Musikstudien" (156). So wurde etwa in der hauseigenen Buchreihe Analecta musicologica (seit 1963) auf einen hohen Anteil von Beiträgen italienischer Musikologen geachtet und auch die als Gesprächsforen intendierten "italienisch-deutschen Colloquien" waren von dem Bemühen getragen, beide Seiten am Forschungsdiskurs zu beteiligen. Nahm im Themenspektrum zunächst die Gattung Oper breiten Raum ein, so trieb der 1964 bis 1996 amtierende Leiter Friedrich Lippmann neben der Pflege von Konstanten wie der geistlichen Musik eine Ausweitung der Forschungsfelder voran, in die ab den 1990er Jahren in wachsendem Maße kulturwissenschaftliche Fragestellungen einbezogen wurden. Unter Lippmanns Nachfolger Markus Engelhardt erfolgte überdies verstärkt die Einbindung von praktischer Musikausübung und Konzerten.

Die zentrale Ressource der mit der Notenreihe Concentus musicus (seit 1973) auch als Editionsinstanz ausgewiesenen Abteilung stellte, wie Ehrmann-Herfort betont, stets die 2010 auf rund 55.000 Bänden angewachsene, rege frequentierte vorzügliche Bibliothek dar. Neben Editionen und Raritäten führt sie unter anderem 435 Zeitschriftentitel, darunter 197 laufende Zeitschriften, und stellt nach wie vor eine der wichtigsten Adressen für musikhistorische Forschung in Italien dar.

Der Band bietet mit seinen instruktiven, gut lesbaren und einander ergänzenden Beiträgen eine quellensatte Würdigung der Gesamtleistung der Musikgeschichtlichen Abteilung des Deutschen Historischen Instituts in Rom. Dass dabei die Gründungsphase intensiv ausgeleuchtet wird, ist ein Verdienst, gleichwohl hätte man sich gewünscht, dass daneben Entwicklungen der letzten Dekade breiter angesprochen worden wären, zumal die Abteilung bei der Frage nach innovativen Forschungsdesigns und Kooperationsmodellen auf interessante Initiativen verweisen kann. Deutlich wird bei der Lektüre des durch ein Personen- und Ortsregister hilfreich erschlossen und durch Kartenmaterial, Fotografien und Quellen-Reproduktionen reich ausgestatteten Bandes nicht zuletzt, welch eindrucksvollen Beitrag die Musikgeschichtliche Abteilung des DHI in Rom nicht nur zu musikwissenschaftlichen Diskursen geleistet hat, sondern auch zu den deutsch-italienischen Beziehungen auf dem Gebiet der geisteswissenschaftlichen Forschung und darüber hinaus.

Andreas Linsenmann