Rezension über:

Jan Kostenec / Alexander Zäh (Hgg.): Wissenschaftlicher Nachlass der deutsch-böhmischen Expedition nach Lykaonien, Ostpamphylien und Isaurien (Kleinasien) durchgeführt im Jahre 1902 (= Österreichische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-Historische Klasse. Denkschriften; Bd. 393), Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2011, 131 S., 136 s/w-Abb., 1 Kartenbeigabe, ISBN 978-3-7001-6497-5, EUR 40,00
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Rezension von:
Oliver Hülden
Institut für Klassische Archäologie, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Oliver Hülden: Rezension von: Jan Kostenec / Alexander Zäh (Hgg.): Wissenschaftlicher Nachlass der deutsch-böhmischen Expedition nach Lykaonien, Ostpamphylien und Isaurien (Kleinasien) durchgeführt im Jahre 1902, Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 7/8 [15.07.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/07/21489.html


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Jan Kostenec / Alexander Zäh (Hgg.): Wissenschaftlicher Nachlass der deutsch-böhmischen Expedition nach Lykaonien, Ostpamphylien und Isaurien (Kleinasien) durchgeführt im Jahre 1902

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Im Jahre 1902 sandte die in Prag ansässige "Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Kultur in Böhmen" (GDWB) eine Expedition nach Kleinasien aus, die unter der Leitung des Altphilologen Heinrich Swoboda stand und darüber hinaus den Balkanologen und Linguisten Carl Ludwig Patsch, den Klassischen Philologen Julius Jüthner sowie den Bauingenieur und Fotografen Fritz Knoll umfasste. Geographisches Ziel der Unternehmung war Isaurien, wobei tatsächlich auch Teile Lykaoniens, Pamphyliens und Pisidiens in die Forschungen mit einbezogen wurden. Initiator war Otto Benndorf, der damalige Direktor des Österreichischen Archäologischen Instituts. Die wissenschaftliche Zielsetzung würde man heute mit dem Begriff Survey umschreiben. So sollte "die systematische Aufnahme des gesamten über Tag befindlichen Materials an Architekturresten, Skulpturen und Inschriften" erfolgen, und "antike und moderne Siedlungsverhältnisse" sollten einer genauen Beobachtung unterzogen werden (28). Nach Abschluss der Expedition ergingen noch 1902 briefliche Mitteilungen über die Ergebnisse an diverse wissenschaftliche Institutionen, und ein Jahr später lag dem Mitteilungsblatt der GDWB ein vorläufiger Bericht vor. Eine umfassende Publikation des Unternehmens ließ jedoch Jahrzehnte auf sich warten und erfolgte erst 1935. [1]

Jan Kostenec und Alexander Zäh haben sich nun jener widrigen Umstände angenommen, die zur Verzögerung der abschließenden Veröffentlichung geführt haben. Die Untersuchung basiert auf Unterlagen, die im Mai 2006 im Prager Stadtarchiv aufgefunden werden konnten. Dabei handelt es sich um Briefe und Dokumente, die sich den Jahren 1902 bis 1909 sowie 1927 bis 1935 zuordnen lassen. Ferner fanden sich Reste des Fotoalbums der Expedition mit einer Gesamtinventarliste von 168 Aufnahmen. Diese Dokumente werden ergänzt durch den Nachlass von Patsch, der auf unbekanntem Weg von Wien nach München ins Bayerische Hauptstaatsarchiv gelangte. Er erwies sich als besonders aufschlussreich, weil er die in Prag fehlenden Fotografien enthält und somit erstmals eine Rekonstruktion des gesamten Fotoalbums erlaubte.

Auf eine Reihe von Vorworten, Danksagungen und Einleitungen - darunter zwei Zusammenfassungen auf Türkisch und Tschechisch - folgt der von Zäh verfasste, gerade einmal 14 Seiten starke Textteil des Bandes. Er stellt zunächst die Teilnehmer der Expedition vor und verbindet damit die Geschichte der Vorbereitung und Durchführung der Expedition. Die Anreise in die Türkei erfolgte über die gesamte Strecke von Prag bis nach Konya mit der Bahn, wobei die Ausrüstung mit dem Schiff von Triest nach Konstantinopel verfrachtet wurde. Den Tross bildeten vier einheimische Griechen, ein dalmatinischer Diener sowie ein türkischer Feldgendarm. Ins Zielgebiet ging es dann zu Pferde, wobei mitunter schwierige Wegabschnitte bei der Überschreitung diverser Tauruspässe zu bewältigen waren. An archäologischen Fundstätten wurden die antiken Orte Pappa-Tiberioupolis, Mistheia, Ouasada, Amblada, Erymna / Orymna, Kotenna, Sennea oder Orokenda (?) sowie Isaura Palaia / Leontopolis besucht. Daneben streifte man kleinere, teils auch prähistorische Fundplätze wie das nahe dem Beyşehir-See gelegene hethitische Monument von Fassiler oder das bekannte, ebenfalls hethitische Quellheiligtum von Eflatun Pınarı. Abgesehen von einer knappen Thematisierung der Sicherheit bzw. Unsicherheit regionaler Zugehörigkeiten wie Identifizierungen der besuchten antiken Orte erfährt der Leser freilich kaum etwas über die dortigen archäologischen Entdeckungen und Untersuchungen. Auszüge aus zwei Briefen, die Swoboda an Freiherr von Wieser, den Präsidenten der GDWB, während der Unternehmung verschickt hat, vermitteln lediglich einen Eindruck von der landschaftlichen Schönheit des bereisten Gebiets (28f.).

Den Abschluss der Expedition dokumentiert ein Brief, den Swoboda aus Isaura Palaia an von Wieser geschrieben hat und in dem er die geplante Rückreise über Konya, Smyrna, Ephesos, Athen, Triest und Wien nach Prag vorwegnimmt (30f.). Mit dem Schreiben leitet Zäh zu jenem Zeitabschnitt im Anschluss an die Expedition über, die durch das Prager Archivmaterial beleuchtet wird. Die erste Phase (1902-1909) berührt hauptsächlich den am Ende erfolgreichen Versuch des österreichischen Kunsthistorikers Josef Strzygowski, eine Genehmigung für den Abdruck entsprechender Abbildungen für sein Buch zu den Kirchenbauten Kleinasiens zu erwirken. [2] Außerdem umfasst sie den Briefwechsel mit Richard Kiepert, dem Sohn des berühmten Kartographen Heinrich Kiepert, bezüglich der Erstellung einer Expeditionskarte, die anscheinend aber niemals verwirklicht wurde.

Mit dem Tod Swobodas 1926 setzt die zweite Phase (1927-1935) der Bemühungen um die Publikation der Ergebnisse ein. Interessant ist, dass dabei das Heranrücken englischer und amerikanischer Forschungen an das ehemalige Expeditionsgebiet einen gewissen Motivationsschub bewirkt zu haben scheint (46). Als glücklicher Umstand erwies es sich, dass Josef Keil als Gesamtherausgeber gewonnen werden konnte, der die Publikation energisch vorantrieb, von den ehemaligen Teilnehmern aber nur noch Fritz Knoll zur Mitarbeit aktivieren konnte. Keil ist es schließlich zu verdanken, dass der Band gedruckt wurde und bereits zu Weihnachten 1934 erste Exemplare verschickt werden konnten. Die mit dieser Herausgebertätigkeit verbundenen Dokumente im Prager Archiv beleuchten eindringlich die teilweise erheblichen Probleme bei der Finanzierung der Publikation. Bei deren Bewältigung zeigt sich die Tatkraft Keils: Er gewann einen anonymen amerikanischen Spender, der mittlerweile als William Hepburn Buckler, das Gründungsmitglied der American Society for Archaeological Research in Asia Minor, identifiziert werden kann.

Auf den Textteil folgt der Katalog, der 30 Dokumente umfasst und den beiden genannten Phasen entsprechend in zwei Teile gegliedert ist. Daran schließt sich die mit einem Kommentar versehene Inventarliste der Expeditionsfotografien an, von denen 86 für den Tafelteil ausgewählt worden sind. Den Band runden ein Namens- und Ortsregister sowie der Abbildungsnachweis ab. Außerdem ist ihm die Übersichtskarte des 8. Bandes der Tabula Imperii Byzantini zu Lykien und Pamphylien beigegeben.

Insgesamt ist es den Autoren gelungen, ein "Dokument harmonischer Zusammenarbeit der Völker im Rahmen altösterreichischer Wissenschaft" vorzulegen, wie es Gerhard Dobesch in seinem Vorwort formuliert (7). Der Erkenntnisgewinn aus den Dokumenten und den durch sie beleuchteten forschungsgeschichtlichen Vorgängen hält sich jedoch selbst für eingefleischte Kleinasienforscher in Grenzen. Insofern liegt die Bedeutung des Bandes in der Würdigung der unbestreitbaren Verdienste der Expeditionsteilnehmer und jener Personen, denen die Publikation der Ergebnisse zu verdanken ist. Darüber hinaus kommt jenen erstmalig veröffentlichen Fotografien, welche die Teilnehmer während ihrer Unternehmung und Land und Leute des bereisten Gebiets zeigen, ein hoher dokumentarischer Wert zu. Als Altertumswissenschaftler hätte man sich allerdings eine etwas umfangreichere Kommentierung und Erläuterung nicht nur der Fotos, sondern auch der einzelnen Fundplätze gewünscht. Darin aber mag eine Aufgabe für die Zukunft liegen.


Anmerkungen:

[1] Heinrich Swoboda / Josef Keil / Fritz Knoll (Hgg.): Denkmäler aus Lykaonien, Pamphylien und Isaurien. Ergebnisse einer im Auftrage der GDWB von Julius Jüthner, Fritz Knoll, Carl Patsch und Heinrich Swoboda durchgeführten Forschungsreise, Brünn / Prag / Leipzig / Wien 1935.

[2] Josef Strzygowski: Kleinasien. Ein Neuland der Kunstgeschichte, Leipzig 1903.

Oliver Hülden