Rezension über:

Georg Strack / Julia Knödler (Hgg.): Rhetorik in Mittelalter und Renaissance. Konzepte - Praxis - Diversität (= Münchner Beiträge zur Geschichtswissenschaft; Bd. 6), München: Utz Verlag 2011, 490 S., ISBN 978-3-8316-0951-2, EUR 52,00
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Rezension von:
Thomas Woelki
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Woelki: Rezension von: Georg Strack / Julia Knödler (Hgg.): Rhetorik in Mittelalter und Renaissance. Konzepte - Praxis - Diversität, München: Utz Verlag 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 7/8 [15.07.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/07/21221.html


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Georg Strack / Julia Knödler (Hgg.): Rhetorik in Mittelalter und Renaissance

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Forschungen zur mittelalterlichen Rhetorik erleben seit einiger Zeit eine Konjunktur. Die Aussagekraft von Reden als historische Quellen muss längst nicht mehr demonstriert werden. Die von der Münchener Nachwuchsforschergruppe "Kulturelle und religiöse Diversität in Mittelalter und Renaissance" im Oktober 2009 organisierte Tagung, deren Beiträge nun im Druck vorliegen, verfolgt ein darüber hinaus gehendes, hochinteressantes Konzept: Sie integriert die Erforschung mittelalterlicher Rhetorik in die "Diversity Studies", die im Moment eine gewisse Resonanz in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen erfahren. Der Ruf nach Interdisziplinarität ist hier also inhaltlich begründet und wird in vorbildhafter Weise umgesetzt. Wenngleich die historischen Studien überwiegen, wird der Dialog mit Philologen, Philosophen - auch eine Musikwissenschaftlerin ist mit an Bord - gesucht. Die Beiträger sind zumeist Nachwuchswissenschaftler, deren Arbeitsfelder eng mit der Erforschung mittelalterlicher Redekultur verknüpft sind.

Das gemeinsame Ziel der thematisch recht unterschiedlichen Beiträge besteht also darin, anhand rhetorischer Zeugnisse Aushandlungsprozesse von gesellschaftlicher und kultureller Differenz und Identität zu untersuchen. Die untersuchten "rhetorischen" Quellen können dabei sowohl Medien als auch Zeugen dieser Prozesse sein; sowohl theoretische Konzepte als auch rhetorische Praxis sind Gegenstand des Interesses. Die konsequenterweise zu vielfältigen Methoden und Problemfeldern führenden Artikel werden im Wesentlichen chronologisch angeordnet. Eine darüber hinausgehende strukturelle Einteilung fehlt dem Band, der keine systematische Erschließung anstrebt, sondern "erste Orientierungspunkte" (12) setzen möchte.

Die Beiträge lassen sich gleichwohl in drei verschiedene Zugangswege zur mittelalterlichen Redekultur gliedern, welche in jeweils unterschiedlicher Gewichtung angesprochen werden:

1) Gegenstand mehrerer Beiträge sind Rhetoriklehrbücher, welche als Indikatoren für Diffusions- und Transformationsprozesse verschiedener Bildungskulturen untersucht werden.

2) Eine weitere Gruppe von Beiträgen befasst sich mit der Analyse von konkret gehaltenen oder für die schriftliche Verbreitung verfassten Reden als Versuche der Schaffung oder Überwindung von Diversitätskonstruktionen.

3) Einige Artikel analysieren die Verwendung rhetorischer Mittel in Literatur und Chronistik. Alle drei Gruppen werden durch Beispiele aus verschiedenen Epochen des Mittelalters abgedeckt. Ein deutliches Übergewicht kommt dem 15. Jahrhundert zu.

Zu 1) Die Studien zu mittelalterlichen Rhetoriklehrbüchern eröffnet Bernd Posselt (17-40) mit einer Detailanalyse zu einer in karolingischer Zeit angefertigten Glosse zu dem spätantiken Rhetoriktraktat des Martianus Capella. Florian Hartmann (41-62) demonstriert die Bedeutung der oberitalienischen 'artes dictandi' des Hochmittelalters für die Rekonstruktion kommunaler Wertesysteme. Christian Kaiser (291-313) stellt für Georg von Trapezunt († 1472/73) ein harmonisches Zusammenspiel von Rhetorik und Philosophie fest und relativiert das Bild eines "cholerischen Streithahns". Zur Rekonstruktion des Rhetorikunterrichts an der Universität Ingolstadt untersucht Maximilian Schuh (315-336) das Lehrbuch des Paul Lescher und stellt eine spürbar pragmatische Ausrichtung an der Lebenswelt und den Bedürfnissen der Studenten fest, welche zu einem Zusammenfließen traditioneller und humanistischer Vorstellungen führte. Einen noch stärker spürbaren funktionellen Pragmatismus konstatiert Jan Hon (455-475) für das 16. Jahrhundert anhand der zum größten Teil aus Mustertexten bestehenden Briefrhetorik des Alexander Huge († ca. 1530).

Zu 2) Die weitaus überwiegende Anzahl der Beiträge befasst sich mit der Analyse einzelner Reden oder Redesequenzen. Zumeist stehen dabei rhetorische Bemühungen einzelner Redner um die Schaffung oder Überwindung von Feindbildern im Mittelpunkt. So bemühte sich der von Johannes Bernwieser (63-93) in den Blick genommene Kardinallegat Hugolinus von Ostia 1218 in einer minutiös dokumentierten Rede um die Aussöhnung von Mailand und Cremona und orientierte sich hierbei an kommunalen Rhetorikmustern und nicht etwa am Predigtstil. Anhand einer lexikalischen und syntaktischen Analyse einer altenglischen Predigt des Londoner Bischofs Wulfstan (ca. 1014) weist Monika Kirner (95-119) eine fortgeschrittene Integration der skandinavischen Einwanderer im England des 11. Jahrhunderts nach. Georg Strack (121-144) zeigt für die Reden und Predigten Papst Gregors VII. († 1085), dass die persuasive Funktion hinter die Selbstvergewisserung und Vertiefung des bestehenden Konsenses im eigenen Lager zurücktrat. Eine der berühmtesten Reden des Mittelalters, den Kreuzzugsaufruf Papst Urbans II. in Clermont (1095), untersucht Martin Völkl (145-166) in der Fassung Roberts des Mönchs und zeigt hierbei ein mehrfach gestuftes System von Diversitätskonstruktionen zwischen Christen und Muslimen auf. Kaum weniger berühmt ist die von Julia Knödler (167-190) untersuchte Rede Wilhelms des Eroberers vor der Schlacht von Hastings (1066), ein Modellfall einer zur Schlacht einpeitschenden Feldherrenrede. Die drastisch apokalyptische Rhetorik des thüringischen Geißlerführers Conrad Schmid analysiert Frances Courtney Kneuper (255-265). Der von Mirjam Eisenzimmer (267-289) vorgestellte Marquard von Randeck († 1381) zeichnete sich durch theologisch und juristisch ausgefeilte Gesandtschaftsreden im Auftrag Ludwigs des Bayern aus. Paolo Rosso (337-367) zeigt schließlich anhand einer hier edierten akademischen Festrede des berühmten Zivilrechtsprofessors Catone Sacco (1438), dass sich auch angesehene Legisten bei Bedarf humanistischer Gestaltungsmittel bedienen konnten.

Neben den rhetorischen Einzelprofilen thematisieren eine ganze Reihe von Artikeln Konfliktsituationen, welche auch mit oratorischen Mitteln ausgefochten wurden. Sita Steckel (231-254) arbeitet identitätsbildende Strategien in den "Kampfpredigten" der Weltkleriker im Pariser Mendikantenstreit (um 1250) heraus. Für gelehrte Heidelberger Grabreden konstatiert Manuela Kahle (369-391) eine noch lange fortdauernde Orientierung an traditionellen Redemustern, welche erst im frühen 16. Jahrhundert von humanistischen Einflüssen überlagert wurde. Brian Jeffrey Maxson (393-412) zeigt subtile Mittel der Annäherung und Entfremdung in den Reden der Florentiner Gesandten am Hof des Königs von Neapel auf. Einen Sonderfall aufeinanderprallender rhetorischer Diversität analysiert Nikolaus Egel (413-427): Auf dem Unionskonzil von Ferrara-Florenz 1438/39 traf die scholastische Argumentationsgewalt der päpstlichen Theologen auf Griechen, die eher assoziativ-homiletisch nach Art der Kirchenväter zu argumentieren gewohnt waren. Anhand der nach dem Fall Konstantinopels (1453) einsetzenden "Türkenreden" rekonstruiert Karoline Döring (429-453) eine abendländische Identitätsdebatte.

Zu 3) In zwei Artikeln schließlich stehen einzelne rhetorische Figuren im Mittelpunkt. Stefanie Rüther (191-212) zeigt auf, wie die Figur des Söldners protonationale Wahrnehmungen dominierte, besonders bei den "typischen Söldnervölkern" Schweizer, Böhmen und Deutsche. Anhand umfangreicher Listen von Musikinstrumenten in literarischen Werken, zunehmend auch orientalischer Herkunft, stellt Veronika Steiger (213-230) Techniken zur Schaffung exotischer Exklusivität dar.

Ein nach Personen und Werken, Orten und Handschriften gegliedertes Register erschließt die vielfältigen behandelten Inhalte. Eine Zusammenfassung, die dem Band leider fehlt, hätte wertvolle Verbindungslinien zwischen den thematisch breit gefächerten Artikeln ziehen können. Insgesamt bieten die Beiträge vielfältige Anknüpfungspunkte für die Erforschung mittelalterlicher Redekultur und zeugen von der Fruchtbarkeit und Dynamik eines noch längst nicht ausreichend beachteten Forschungsfeldes.

Thomas Woelki