Rezension über:

Hans-Klaus Keul / Matthias Krischel (Hgg.): Deszendenztheorie und Darwinismus in den Wissenschaften vom Menschen (= KulturAnamnesen; 1), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2011, 141 S., ISBN 978-3-515-09921-9, EUR 32,00
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Rezension von:
Heinz-Jürgen Voß
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg
Redaktionelle Betreuung:
Maximilian Schochow
Empfohlene Zitierweise:
Heinz-Jürgen Voß: Rezension von: Hans-Klaus Keul / Matthias Krischel (Hgg.): Deszendenztheorie und Darwinismus in den Wissenschaften vom Menschen, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 6 [15.06.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/06/21838.html


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Hans-Klaus Keul / Matthias Krischel (Hgg.): Deszendenztheorie und Darwinismus in den Wissenschaften vom Menschen

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Im Jahr 2009 kamen zwei bedeutsame Ereignisse zusammen: der 200. Geburtstag von Charles Darwin und das 150. Jubiläum des Erscheinens seiner wichtigen Schrift Origin of Species. In diesem Zusammenhang sind zahlreiche Publikationen erschienen, die sich mit Darwin, seiner Evolutionstheorie und den daran anschließenden "Darwinismen" beschäftigen. Es fanden im "Darwin-Jahr" zahlreiche Veranstaltungen statt, Zeitschriften brachten Sonderausgaben heraus, und es erschienen Publikationen, die eine Bestandsaufnahme der Theorien Darwins und der "Darwinismen" versuchten.

Eine solche Bestandsaufnahme nimmt auch der Sammelband Deszendenztheorie und Darwinismus in den Wissenschaften vom Menschen vor. Herausgegeben von Hans-Klaus Keul und Matthias Krischel geht der Band auf eine Vorlesungsreihe an der Universität Ulm zurück, die im "Darwin-Jahr" stattfand. Diese Bestandsaufnahme gelingt, insbesondere aus einer traditionellen Sicht auf Darwins Schriften. Kritische Perspektiven, die beispielsweise darauf hinweisen, dass es auf Grundlage des vorliegenden fossilen bzw. archäologischen Materials fraglich sei, dass der Mann als steinzeitlicher Jäger wichtiger Ausgangspunkt für die evolutionäre Fortentwicklung des Menschen gewesen sei, werden nicht aufgenommen. Dies wäre jedoch notwendig, da auf gleicher Datenbasis - um beim Beispiel zu bleiben - mittlerweile auch Frauen als Jägerinnen nachgewiesen sind und der Anteil der Jagd als zentraler Angelpunkt der Evolution des Menschen - beispielsweise für die Entwicklung von Werkzeugen etc. - in Zweifel gezogen wird.

Die Sicht des Bandes ist somit traditionell, und das sollte der oder die Lesende im Blick haben. Aus einer solchen Perspektive liefert er aber einen prägnanten und guten Überblick über die Theorien Darwins und die an ihn anschließenden Darwinismen. So nehmen Ulrich Kutschera und Klaus Kornwachs Eröffnungsbeiträge eine grundlegende, den Band inhaltlich bestimmende Einordnung vor: Kutschera geht von einer biographischen Übersicht über Darwins Leben aus, kreist die zentralen Theorien Darwins ein und grenzt sie gegen die zahlreichen populären Vorannahmen ab - beispielsweise jene, wonach "der Mensch vom Affen abstamme". Darwin führte im Gegensatz hierzu aus, dass Mensch und Affen über gemeinsame Vorfahren verfügten. Mit zeitgenössischen Abbildungen bereits im Beitrag von Kutschera karikiert, erklärt Klaus Kornwachs, was das Aufsehen erregende an Darwins Schriften war und warum einige gesellschaftliche Kreise die Theorien vehement ablehnten. Darwin enthob den Menschen einer bis dahin geglaubten ausserordentlichen Stellung, indem er ihn nicht nur in eine Reihe mit anderen Tierarten stellte, sondern beschrieb, wie sich diese Tierarten - einschließlich des Menschen - aus gemeinsamen Vorfahren entwickelten. Nach der mit dem kopernikanischen Weltbild verbundenen "ersten Kränkung des Menschen" bedeutete Darwins Evolutionstheorie eine "zweite Kränkung" des Selbstbildes. Der Mensch wurde einer außergewöhnlichen Stellung enthoben.

In den weiteren Beiträgen werden Einblicke in "Darwinismen" gegeben, also Evolutionstheorien, die an Darwin anschlossen, die Theorien interpretierten und fortentwickelten. Dabei nehmen die Autoren des Bandes jeweils deutliche Positionierungen vor und es werden nur einige Facetten der Debatte dargestellt. Günter Ehret erläutert auf Darwins Theorien aufbauend "Die Evolution zum Menschen". Dabei führt er in die Theorien natürlicher und sexueller Selektion ein und verfolgt sie schließlich detaillierter zum Schwerpunkt Gehirn- und Sprachentwicklung. Ausgehend von dem Zusammenleben der Menschen in Gruppen und der dort notwendigen Kommunikation habe sich das Gehirn fortentwickelt. Die Verlagerung des Kehlkopfes habe schließlich eine vokale Feinartikulation ermöglicht. Auch Hans-Klaus Keul setzt in seinem Beitrag den Umgang der Menschen miteinander zentral. Der aufrechte Gang habe den Gebrauch der Hände "als Werkzeuge" ermöglicht, schließlich zeichne die Sprache den Menschen als Menschen aus. Davon ausgehend wendet er sich Fragen des Umgangs der Menschen untereinander zu - grundlegende, "natürliche" Sympathie, darauf basierende Moral und Ethik werden eingehend erläutert.

Eine Verbindung zwischen "natürlichen" Grundlagen des Menschen und menschlichem Verhalten zieht auch Thomas Junker. Allerdings arbeitet er in seinem Beitrag nicht wie Keul heraus, wie diese gerade im Kontext mit Entwicklung zu betrachten seien, wie beispielsweise der aufrechte Gang und der Handwerksgebrauch in Zusammenhang stünden. Vielmehr beschreibt Junker diese "natürlichen" Grundlagen menschlichen Verhaltens als starr und unveränderlich. Er erläutert damit die Grundhaltung der evolutionären Psychologie, die davon ausgeht, dass in den kurzen Zeitspannen der Menschheitsgeschichte, beispielsweise seit der "Zeit der Jäger und Sammler" (79), wesentliche Grundlagen des Verhaltens sich nicht verändert haben könnten. Rechnen Ehret und Keul der Kommunikation zwischen Menschen Bedeutung zu und beschreiben sie davon ausgehend als Formen kommunikativen Verhaltens, so wendet sich Junker gegen solche Sichten. Er verteidigt in seinem Beitrag die evolutionäre Psychologie gegen Kommentare in populären Zeitschriften wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Zwei Beiträge zu Vorgängern der Evolutionstheorie Darwins, ihrer zeitlich sich verändernden Rezeption und schließlich ihrer Fortentwicklung beschließen den Band. Sie runden damit den Band ab und machen noch einmal komprimiert deutlich, dass die Theorien von Darwin keineswegs aus "dem Nichts" kamen. Sie zeigen aber auch, dass Darwins Annahmen gesellschaftliche Komponenten dahingehend beeinflussen, welche Theorien gedacht und entwickelt werden können und warum sich die Intensität der Rezeption ändert.

Der Band zeichnet sich durch eine umfassende und gleichwohl knappe Darstellung der Theorien Darwins aus und vergisst dabei auch die Vorgänger nicht. So bringt er in Erinnerung, dass 2009 einem weiteren für die Entwicklungs- und Evolutionstheorien zentralen Ereignis hätte prominent gedacht werden können: Zum 250. Mal jährte sich das Erscheinen der bedeutsamen Dissertationsschrift Caspar Friedrich Wolffs, mit der er die Grundlage der modernen Epigenese-Theorien und damit des biologischen Entwicklungs- und Evolutionsdenkens legte.

Heinz-Jürgen Voß