Rezension über:

Ruth Kohlndorfer-Fries: Diplomatie und Gelehrtenrepublik. Die Kontakte des französischen Gesandten Jaques Bongars (1554-1612) (= Frühe Neuzeit. Studien und Dokumente zur deutschen Literatur und Kultur im europäischen Kontext; Bd. 137), Tübingen: Niemeyer 2009, 315 S., ISBN 978-3-484-36637-4, EUR 79,95
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Rezension von:
Friedrich Beiderbeck
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Leibniz-Edition, Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Friedrich Beiderbeck: Rezension von: Ruth Kohlndorfer-Fries: Diplomatie und Gelehrtenrepublik. Die Kontakte des französischen Gesandten Jaques Bongars (1554-1612), Tübingen: Niemeyer 2009, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 6 [15.06.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/06/19006.html


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Ruth Kohlndorfer-Fries: Diplomatie und Gelehrtenrepublik

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Das Buch thematisiert die Kontakte des französischen Diplomaten und Gelehrten Jacques Bongars, der als ständiger Gesandter Heinrichs IV. von Frankreich nahezu ein Vierteljahrhundert bei protestantischen Fürsten und Städten des Reiches residierte. Die Verfasserin wählt eine sehr umfassende Ausgangsfragestellung: "Aus der geplanten politischen Biographie Jacques Bongars' wurde der Versuch einer Rekonstruktion von Bongars' politischen und gelehrten Kontakten, um die Funktionsweise frühneuzeitlicher Diplomatie und zwischenstaatlicher Kommunikation im Spannungsfeld von 'nationaler' Außenpolitik und internationaler Gelehrtenrepublik zu analysieren" (2).

Zunächst fällt das Fehlen eines Vorwortes auf, was ungewöhnlich und unüblich ist. So wissen nur Eingeweihte, dass es sich hier um die Druckfassung einer bereits 2000 am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München eingereichten Dissertation handelt. Hinweise auf den Entstehungskontext einer wissenschaftlichen Arbeit sowie auf in Anspruch genommene Unterstützungen etc. sind nicht beliebiges Beiwerk, sondern Ausdruck intellektueller Korrektheit. Das Fehlen entsprechender Angaben erschwert zudem die Einordnung der Studie in die einschlägige Forschungsentwicklung. Zwar finden sich im Literaturverzeichnis Publikationen bis 2007, allerdings legen die Fußnoten nahe, dass die nach 2000 erschienene Sekundärliteratur nicht mehr herangezogen wurde.

Untersucht werden die Kommunikation einer sozialen Elite in transnationaler Perspektive und deren Einfluss auf politische Entscheidungs- und Handlungsprozesse. Der Typus des gelehrten Diplomaten soll in den Mittelpunkt sich überschneidender Bezugs- und Interaktionsfelder gestellt werden, die mit frühneuzeitlicher Außenpolitik, "zwischenstaatlicher Kommunikation" und internationaler Gelehrtenrepublik recht anspruchsvoll gefasst sind. Um es vorweg zu nehmen: Existierende Netzwerke werden sichtbar gemacht, Kommunikationspraktiken und -gegenstände, ihre sozialen und materiellen Voraussetzungen werden konkret und anschaulich. Für die Beurteilung der Frage, inwieweit Bongars' Netzwerke die behauptete Voraussetzung für "das Funktionieren frühneuzeitlicher europäischer Diplomatie" (16) waren, wäre es allerdings auch notwendig gewesen, das im gesandtschaftlichen Funktionshorizont erzeugte politische Wissen zu untersuchen, sowohl als Gegenstand der Netzwerk-Kommunikation zwischen Politik und Gelehrtenwelt als auch auf seine inhaltliche Bedeutung für die politischen Auftraggeber hin. Insofern wurde das Erkenntnisziel, Funktion und Bedeutung internationaler Gelehrtennetzwerke für die Zwecke der Diplomatie zu analysieren und zu beurteilen, methodisch nur eingeschränkt realisierbar.

Ein erster biographischer Teil veranschaulicht die Voraussetzungen für Bongars' Kompetenz als Diplomat: Bildung, Publikationen, Reisen, Kontakte. Hilfreich ist, dass hier auch grundlegende zeitgenössische Traktate zum Berufsbild des Diplomaten um 1600 aufgegriffen werden. Die vielfältigen diplomatischen Tätigkeitsbereiche werden in den Kontext der komplexen Beziehungen zwischen dem Bourbonenkönig und den protestantischen Reichsfürsten gestellt: von Truppenrekrutierungen und Subsidiengesuchen bis zu den unterschiedlichsten Bündnissondierungen. Hinsichtlich der Deutungs- und Handlungsmuster des Hauptakteurs kommt die Verfasserin in einem fundamentalen Punkt zu widersprüchlichen Aussagen. So stellt sie bilanzierend fest, Bongars habe "politischen Motiven [...] Vorrang vor konfessionellen eingeräumt" (169, vgl. auch 266); an anderer Stelle behauptet sie das genaue Gegenteil (zum Beispiel 85). Tatsächlich dürfte für Bongars weder die eine noch die andere Position generell gegolten haben, sorgten doch - wie bei vielen protestantischen Parteigängern Heinrichs IV. - reformierter Bekenntnisstand und die Erfordernisse nationaler Interessenpolitik zeitlebens für erhebliche innere Konflikte.

Der zweite Teil beinhaltet eine Rekonstruktion verschiedener Netzwerke, mit denen Bongars in Verbindung stand. Die Verfasserin konzentriert sich weitgehend auf den äußerlichen Aspekt der Informationsbeschaffung und -weiterleitung. Dabei konnten "die Kontakte zu den Gelehrten mehr oder weniger punktuell" sein, während dagegen eher "Unternehmensstrukturen" - wie am Beispiel des niederländischen Kaufmanns van der Meulen demonstriert - "Stabilität und Kontinuität in der Nachrichtenbeschaffung" garantiert hätten (242). Es geht vielfach um den Nutzen Kommunikation stiftender Faktoren wie beispielsweise gemeinsamer editorischer Projekte oder wissenschaftlicher Interessen für die Funktionstüchtigkeit der politischen Gesandtentätigkeit. Verwandtschaftsgrade und Bekanntenkreise sind ebenfalls nützliche Hinweise bei der Rekonstruktion von Netzwerken. Zielführend für die Beantwortung der Frage, welche Art von Nachrichten durch wen übermittelt wurde und welchen Stellenwert diese für den französischen Hof hatten, sind sie weniger. Dass akademische Freundschaften und Gelehrtenkontakte für gesandtschaftliche Aktivitäten nutzbar gemacht wurden, steht außer Frage. In diesem Punkt liefert die Untersuchung ein komplexes und erhellendes Gesamtbild. Allerdings wäre es vielversprechend gewesen, beim Nachrichtenaustausch gerade die politischen Inhalte und ihre Transformation näher zu betrachten. Wirklich brisante Informationen dürften Bongars weitgehend mündlich erreicht haben und blieben - in chiffrierter Form - ausschließlich den Mitteilungen an den französischen Hof vorbehalten. In seinem privaten Briefwechsel findet sich davon nichts. So trifft man in der Korrespondenz mit Lingelsheim oder Camerarius dem Jüngeren - wenn überhaupt - eher auf allgemein bekannte politische Fakten und ihre Kommentierung. Diese grundlegenden Unterschiede verschwimmen in einer Darstellung, die den Eindruck erweckt, jedem Mitglied eines bestimmten Kommunikationskreises wäre prinzipiell jede Art von Nachricht zugänglich gewesen.

Die Verfasserin liegt allerdings richtig mit der Einschätzung, dass Bongars das Gros seiner politischen Nachrichten aus dem Umkreis der Höfe in Heidelberg und Kassel bzw. der oberdeutschen Reichsstädte, vor allem Straßburgs, bezog. Der Bongars zur Verfügung stehende Pool an Korrespondenzpartnern und ihrem jeweiligen Umfeld hätte jedoch viel stärker nach inhaltlichen Kriterien und Vorlieben für politische Themenfelder differenziert werden können, um die Effektivität der angeführten Netzwerke bei der Erfüllung genuin gesandtschaftlicher Aufgaben zu beurteilen. Eine thematisch-inhaltliche Fokussierung hätte eine deutlichere Eingrenzung der "amis" Bongars' bei der Nachrichtenbeschaffung ermöglicht und den falschen Eindruck vermieden, das Miteinander politischer und gelehrter Interessen hätte unterschiedslos für jeden Korrespondenzpartner gleichermaßen gegolten.

Wichtig für die französische Reichspolitik waren interne Informationen aus den höfischen Machtzirkeln. Fraglich ist, ob ein Camerarius der Jüngere diese beibringen konnte - er gilt als herausragender Mediziner und Botaniker seiner Zeit, dass seine politischen Informationsmöglichkeiten für den französischen Hof wirklich brauchbar waren, darf bezweifelt werden.

Bongars selbst verlor spätestens mit der sogenannten Bouillon-Krise 1603/06 seine bis dahin dominante Informationsfunktion für die französische Reichspolitik. Der französisch-reichsständische Dialog war geradezu eindimensional durch die Sprache des Kriegswesens geprägt. Bis zum Frieden von Vervins 1598 hatte sich die Diplomatie Heinrichs IV. in erster Linie um Hilfeleitungen für den Krieg gegen Spanien und die Liga zu kümmern. 1609/10 ging es dann um die Einbindung der Protestantischen Union in ein Angriffsbündnis gegen Spanien-Habsburg. Bongars war nicht der einzige Gesandte, der dafür wichtige Aufgaben zu übernehmen hatte. Diplomaten wie Philippe de Fresnes-Canaye, Nicolas de Harlay-Sancy, Robert de Harlay-Montglat, Jean de Hotman-Villiers und Jean-Robert de Thuméry-Boissise besaßen jedoch im Unterschied zu Bongars weitgehende Verhandlungs- und Vertragsvollmachten. Bongars' Reichskenntnisse und sein Kommunikationsnetz waren für die Vorbereitung der Missionen hochrangiger Gesandter sehr wertvoll. Als Kenner der Reichsverfassung und der Verhältnisse an den deutschen Fürstenhöfen stärkte er die Kompetenzen französischer Außenpolitik durch Basiswissen und aktuelle Informationen. Gleichwohl ist die Schlussfolgerung, Bongars' Gelehrtennetzwerke hätten "als Surrogat für die noch fehlende diplomatische Infrastruktur" gedient (267), wohl zu optimistisch.

An anderer Stelle äußert die Verfasserin zu Recht grundsätzliche Skepsis hinsichtlich des Einflusses gelehrter Zirkel auf Machteliten und ihre Entscheidungen. Das dafür angeführte Beispiel des Späthumanisten De Thou ist jedoch unzutreffend (264). Der Parlamentspräsident und Historiker gehörte als staatsloyaler "Politiques" zu den engen Gefolgsleuten Heinrichs IV. und übte unter anderem als Mitverfasser des Edikts von Nantes erheblichen politischen Einfluss aus.

Der Gesamteindruck bleibt zwiespältig. Zwar bietet das Buch eine Fülle von Details über die vielfältigen Kontakte Bongars' zu unterschiedlichen Netzwerken und die damit gegebenen Möglichkeiten von Informationsübermittlung. So entsteht eine durchaus nützliche Übersicht über personale Zusammensetzungen und entsprechende Interdependenzen von Kommunikationsräumen, die durch Bildung, Wissenschaft und Konfession motivierte Interessengemeinschaften formierten. Über die Effektivität der Gelehrtenkorrespondenz als Medium politischer Nachrichten sagt das jedoch nicht unbedingt viel Konkretes aus. Eine systematische Betrachtung, die die Generierung politisch-diplomatischer Nachrichten in den Netzwerkstrukturen, deren konstruktive Bedeutung gerade in Bezug auf politische Willensbildungsprozesse und für entsprechende Handlungsträger zum Gegenstand hätte, bietet das Buch nicht.

Friedrich Beiderbeck