Rezension über:

Jean-Louis Fournel / Jean-Claude Zancarini: La Grammaire de la République. Langages de la politique chez Francesco Guicciardini (1483-1540) (= Cahiers d'Humanisme et Renaissance; Vol. 94), Genève: Droz 2009, 566 S., ISBN 978-2-600-01292-8, EUR 62,24
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Therese Schwager
Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Therese Schwager: Rezension von: Jean-Louis Fournel / Jean-Claude Zancarini: La Grammaire de la République. Langages de la politique chez Francesco Guicciardini (1483-1540), Genève: Droz 2009, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 6 [15.06.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/06/18430.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Jean-Louis Fournel / Jean-Claude Zancarini: La Grammaire de la République

Textgröße: A A A

In der Ideengeschichte der Florentiner Republik wird der Historiograph Francesco Guicciardini meist von Niccolò Machiavelli in den Schatten gestellt. Eine Ausnahme bildet die Studie des Meinecke-Schülers Felix Gilbert zu Machiavelli und Guicciardini [1], die der deutschen Geschichtswissenschaft des 20. Jahrhunderts (Meinecke, Hintze) merklich verhaftet bleibt. Die beiden in Frankreich lehrenden Italianisten Jean-Louis Fournel und Jean-Claude Zancarini, die bereits einige bedeutende Publikationen auf dem Feld vorzuweisen haben, behandeln Guicciardini gleichfalls nicht isoliert von Machiavelli, wählen jedoch einen Zugriff, der die methodologischen Prämissen der eng mit dem Forschungskonzept des Republikanismus verbundenen politischen Sprachen gewissermaßen zu überbieten sucht. Damit folgt der Band der Tendenz einer neuen Politikgeschichte, die im Anschluss an eine französische Forschungsrichtung verstärkt auf die Entstehung neuer Methoden der politischen Gegenwartsanalyse abhebt. [2]

Wenn Fournel / Zancarini eingangs die Untersuchung republikanischer Codes und Sprachen (codes, langages, langues) in Florenz einfordern, dann knüpfen sie an eine ideenhistorische Forschungstradition an und grenzen sich gleichzeitig von dieser ab. Fournel / Zancarini distanzieren sich von der durch Hans Baron, Felix Gilbert, John G. Pocock und Quentin Skinner geprägten Historiographie der Florentiner Republik und deren Einbettung in den Republikanismus, den "klassischen Republikanismus" und den "Bürgerhumanismus". Statt einer longue durée der italienischen Republiken, die kaum deren im Lauf der Zeit entfaltete formale Pluralität berücksichtigt, einer teleologischen Erzählung sowie einer Geschichte des Niedergangs sehen die Autoren einen epistemischen Standpunkt, einen point d'observation, der "neuen" florentinischen Republik angelegt: Die Republik ab 1494 wurde von den Zeitgenossen selbst als Traditionsbruch, als "neu" empfunden. Die während der Kriegsverdichtung zwischen 1492 und 1530 entstandene Republik folgte auf die vielfältigen republikanischen Traditionen in der Florentiner Geschichte, das regimento comunale, die oligarchische Regierung (1378-1434) und die Mediceische Herrschaft (1434-1494).

Die Kritik an der Republikanismus-Forschung mündet in die Darlegung des methodischen Konzepts einer "politischen Philologie", die sich von der Untersuchung der politischen Sprachen, wie sie die Cambridge School der politischen Ideengeschichte kennzeichnet, dahingehend abhebt, dass sie das Augenmerk auf die Praxis des Übersetzens, gelehrte Sorgfalt, historische Analyse und eine minutiöse Beachtung der Sprache (langue) und der Begriffe (lexique) legt. Mehr als Skinner und Pocock neigen die Autoren Foucault zu, dem zufolge die Geschichte erkennbar wird "nach der Intelligibilität der Kämpfe, Strategien und Taktiken". Die Verbindung von "Ereignis", "Beschaffenheit der Zeit" und "Schreiben" ist herzustellen. Neben dem "lexikographischen Aspekt" (aspect lexicograpique) wird daher weiterhin der Aspekt des politischen Diskurses miteinbezogen. Dieser müsse jedoch in den nicht geäußerten Begriffen politisch-theoretischer Erwägungen neu gedacht werden, die ihren Sinn im Hinblick auf präzise historische Konjunkturen annehmen.

Der erste Teil entwickelt auf dem Hintergrund republikanischer Traditionen und dem republikanischen Erbe zentrale Begriffe wie die florentinische Freiheit (libertà), die bürgerliche Lebensform (civilità); darin werden Fragen nach dem Widerstand gegen den Tyrannen, zur Kenntnis des Feinds (woraus sich eine Kasuistik herausbildet) und die Frage nach dem Volk (plebs) als eines politischen Akteurs erörtert. In der Entwicklung der libertà wird auf die Rolle der Methode im Schreiben Guicciardinis selbst für den Wandel der Semantik abgehoben: Nicht der institutionelle Rahmen habe sich verändert, sondern die Analysemethode, wodurch sich der Sinn der libertà fiorentina veränderte (52). Militär (res militaris) und Politik, innere und äußere Angelegenheiten waren nunmehr stärker ineinander verwoben (126). Das Reichsrecht hingegen gilt seit der Wiederentdeckung des römischen Rechts weiterhin als Norm der Stadt und definiert den Rebellen, es entscheidet über "das Außen" (130). Die Frage der Waffen und der Verteidigung der Stadt ersetzt allmählich die Suche nach dem bonum commune als Dreh- und Angelpunkt der politischen Reflexion. Der Krieg wird in das Denken der inneren Krise eingeführt, ein Vorgang, der sich an dem Vokabular inimicizie, parzialità und guerre festmachen lässt (143).

Der zweite Teil handelt von der Sprache der Polis (cité). Darunter fasst Zancarini den Diskurs über die Stadt, worunter die Begriffe stato, governo, vivere, regimento fallen; er wendet sich der Konstruktion von Männern von Rang / Qualität und der Beschaffenheit der Männer ("Des hommes de qualité à la qualité des hommes") zu, dem Topos der Entwicklung der Tugend aus der Notwendigkeit heraus und schließt diesen Teil mit der Politisierung des historischen Gedächtnisses ab.

Ein dritter Teil bezieht sich auf einen wichtigen, bisher jedoch nur marginal behandelten Aspekt der politischen Historiker der Republik und erweist sich als eigentlicher Schwachpunkt des bisherigen Forschungskonzepts des Republikanismus: das Schreiben über den Krieg. Fournel / Zancarini differenzieren dieses in einen Diskurs über den Krieg (discours de la guerre) - hier finden sich Ausführungen zur unterschiedlichen politischen Bedeutung des Militärs und der Waffen bei Machiavelli und Guicciardini (283) - und in die diplomatische Praxis. Sie stellen den Diplomaten Guiccardini, dessen Lehren und Ausbildung vor. Hier wird ausführlich auf die unterschiedlichen Formen des (diplomatischen) Schreibens eingegangen: darunter die avvisi, ricordi, cronaca, riscontro; es erfolgt die Verknüpfung von avvisi (Fakten), ritratti (Analysen) conietture (Hypothesen) mit dem Ziel, die Information in einen politischen Rat umzuwandeln. Diagnostiziert wird eine sich in der Historiographie vollziehende neue Rationalisierung, die einer rechtlichen / juristischen, einer rhetorischen und politischen Logik folgt. Und Fournel / Zancarini zeichnen den Weg von der Selbsteinschätzung, der Reflexivität zum Gerichtshof der Geschichte (Consolatoria, Accusatoria, Defensoria) nach.

Eine weitere Facette des Schreibens über den Krieg ist die eigentliche Kriegsgeschichte. Unter dem Titel "Narration der Schlacht" (Ravenna und Novara) postulieren die Autoren eine sich von dem technischen Erklärungsansatz der Militärgeschichte und der Militärischen Revolution im Besonderen (Michael Roberts, Geoffrey Parker) abhebende Annäherung an die Kriegsliteratur der Zeit. In der Kriegsgeschichte sei eine neuartige Schnelligkeit (Rapidität) angelegt - für diese Deutung steht Paul Virilio Pate. Die Eigenschaften und Deutungsmuster des Krieges seien dessen Brutalisierung und Barbarei.

Der vierte Teil umfasst die Bereiche Politik, Ethik und Religion. Topoi wie Christ und Weltmann (uomo del mondo), die Pflicht eines guten Mannes, der Fortuna die Stirn zu bieten, werden entfaltet. Es folgen Ausführungen zur Geschichte der weltlichen Macht der Päpste und zu den Räumen, Formen und Zeiten der Zensur der Storia d'Italia.

Der Ausblick umreißt die Guicciardini-Rezeption von der Mitte des 16. bis zum 19. Jahrhundert. Francesco Guicciardini wird hier als ein zwischen Region und Europa stehenden Florentiner, Toskaner und Europäer gezeichnet. Besonders die Rezeption in Frankreich wird thematisiert, dessen Geschichte in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit der Italiens eng verzahnt war. Rezipiert wurde zudem nicht die Geschichte der italienischen Halbinsel, sondern die Geschichte Europas von 1494 bis 1534.

Resümierend bleibt festzuhalten, dass der Band zweierlei leistet: Zum einen bricht er das in einer langen Dauer angelegte und zur Meistererzählung tendierende historiographische Republikanismus-Konzept mit seinem besonderen Fokus auf der Bürgermiliz auf. Zum anderen löst er - nicht zuletzt mit dem Augenmerk auf das Schreiben über den Krieg und die diplomatische Rationalität - res militaris und Krieg aus einer auf die technisch explizierende Militärische Revolution angelegten "neuen" Militärhistorie des letzten Jahrhunderts, ohne Gefahr zu laufen, Krieg und Gewalt zum Gegenstand politischer Kommunikation zu erheben. Der Band hebt auf den Diskurs der Stadt und des Krieges ab, der sich nicht im evidenten institutionen- und begriffsgeschichtlichen Feld erschließt; er verweist auf die konjunkturelle und nicht mehr strukturelle oder schier kontextuelle Rolle des Krieges für das historisch-politische Schreiben. Eine Vernachlässigung erfährt allerdings die für das Programm einer "politischen Philologie" unabdingbare Humanismus-Rezeption, die insbesondere bei Machiavelli eingehender darzulegen wäre. So ist nicht nur der Transfer von der juristischen Sprache in die politische Vernakularsprache zu verfolgen (Fournel / Zancarini), sondern auch die strategische Lehre (die in dem Fokus auf Guicciardini ins Hintertreffen gerät) wäre in der Herausbildung von Traditionen, Ordnungen und Formen des Wissens in Verbindung mit dem politischen und philologischen Methodenspektrum sowie den vernakularen Kulturen zu berücksichtigen.


Anmerkungen:

[1] Felix Gilbert: Machiavelli and Guicciardini. Politics and History in Sixteenth-Century Florence, Princeton 1965.

[2] Diese nimmt jedoch in Deutschland explizit den Ausgangspunkt bei Machiavelli; Cornel Zwierlein / Annette Meyer (Hgg.): Machiavellismus in Deutschland. Chiffre von Kontingenz, Herrschaft und Empirismus in der Neuzeit (= Historische Zeitschrift. Beiheft 5), München 2010; Philippe Desan: Naissance de la méthode (Machiavel, La Ramée, Bodin, Montaigne, Descartes), Paris 1987.

Therese Schwager