Rezension über:

Christoph Friedrich Weber: Zeichen der Ordnung und des Aufruhrs. Heraldische Symbolik in italienischen Stadtkommunen des Mittelalters (= Symbolische Kommunikation in der Vormoderne. Studien zur Geschichte, Literatur und Kunst), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2011, X + 647 S., 8 Farbabb. auf 8 Tafeln, ISBN 978-3-412-20494-5, EUR 74,90
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Rezension von:
Marco Veronesi
Historisches Seminar, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Marco Veronesi: Rezension von: Christoph Friedrich Weber: Zeichen der Ordnung und des Aufruhrs. Heraldische Symbolik in italienischen Stadtkommunen des Mittelalters, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 5 [15.05.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/05/19854.html


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Christoph Friedrich Weber: Zeichen der Ordnung und des Aufruhrs

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Die Münsteraner Dissertation, hervorgegangen aus dem SFB 496 "Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme", widmet sich den wechselseitigen Einflüssen von kommunaler Entwicklung in Ober- und Mittelitalien und den heraldischen Zeichen, der heraldischen 'Symbolisierung' dieser Kommunen. Gegenstand der Untersuchung sind die "kommunalen Wappen im engeren Sinne, also die heraldischen Zeichen, die für kommunale Institutionen standen, mit denen Herrschaft im Namen der Kommune ausgeübt wurde und mit denen sich die Gesamtheit oder Gruppen, die beanspruchten, für diese zu sprechen, identifizierten" (3). Ausgehend von der Beobachtung, dass sich Heraldik und Kommune in weitgehender zeitlicher Parallele entwickelten, gilt Webers Augenmerk der Frage, inwieweit zwischen der Ausbildung kommunaler Formen und Institutionen und der Entstehung einer kommunalen Heraldik ursächliche Zusammenhänge bestanden. Methodisch wird dabei vorausgesetzt, dass Wappen "handlungsleitend auf Ordnungsvorstellungen und Herrschaftskonzepte [verwiesen]" (11). Weber löst damit den Gegenstand seiner Untersuchung aus seiner bisherigen Verortung in den Historischen Hilfswissenschaften und fragt immer wieder nach dem "Sitz im Leben" der jeweiligen Wappen.

Das erste Kapitel stellt eine umfassende Einleitung in das Thema dar (1-56). Weber entwickelt hier anhand zweier Fallbeispiele aus Siena und Mailand zunächst seinen Begriff einer "heraldischen Symbolik", die auf drei Ebenen zu verorten sei: der des Zeichens, derjenigen ihres Trägermediums und schließlich der Ebene übergeordneter Diskurse über Wappen und ihre Verwendung. Gemäß dieses Modells werden in den folgenden Kapiteln weitere Fallbeispiele zur 'symbolischen Heraldik' der italienischen Kommunen diskutiert. Da diese ganz unterschiedlichen Quellengattungen entnommen sind, werden je nach ihrer Signifikanz die Aspekte des Zeichenhaften, der Funktionszusammenhänge der Wappen oder aber der Reflexion über die beiden ersten Kategorien, also der heraldischen Deutung und der Interpretation ihrer Verwendung, in unterschiedlicher Gewichtung erörtert.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit einer ersten Phase heraldisch-symbolischer "Herrschaftspräsentation" während des "langen" 12. Jahrhunderts (57-180). Neben Fallbeispielen, die Mailand, Cremona und Tortona betreffen, widmet sich Weber ausführlich der Heraldik Genuas. Er zeigt auf, dass Wappen zunächst fast ausschließlich auf dem Trägermedium der Fahne zur Verwendung kamen. In Genua waren dies die rote Lehnsfahne der Kommune, ein Gonfanon mit dem Georgsbild als Heerbanner sowie die Fahne mit dem Georgskreuz. Die Wappen fielen damit vorwiegend in die Bereiche von Wehrordnung, Kriegsführung und Investitur. Noch war die 'Heraldik' der Fahnen aber 'offen'. Erst mit "sich verstetigenden Fahnenbildern, die das individuelle Fahnentuch überdauerten und sich auch auf anderen Medien, wie den Siegeln, wiederfanden" (174), übertrug sich "die Rechtsverbindlichkeit der mit dem Trägermedium durchgeführten Handlung [...] auch auf die Wappenbilder" (513). Wappen spiegelten in dieser Phase das Verhältnis von Sondergemeinden und Gesamtkommune und damit die "Ausdifferenzierung kommunaler Strukturen" wieder. Das Ausgreifen in den Contado förderte die Annahme kommunaler Wappen (180).

Das dritte Kapitel ist der heraldischen Symbolik innnerhalb der Podestà-Herrschaft und der Faktionskämpfe zwischen Guelfen und Ghibellinen im 13. Jahrhundert gewidmet. Es basiert auf der außergewöhnlichen Überlieferung eines Prozesses, den der kurz zuvor von den Todiner Ghibellinen vertriebene Bologneser Podestà gegen die Kommune führte. In den Aussagen der vor das Gericht geladenen Zeugen wird deutlich, auf welche unterschiedliche Art und Weise und mit welchem unterschiedlichem Vorwissen die an den Geschehnissen beteiligten Personen, in erster Linie Soldaten auf der einen, heraldisch geschulte Notare auf der anderen Seite, die Wappen und ihre Trägermedien interpretierten. Gegenstand der Untersuchung ist hier ein ganzes "Ensemble von Wappen", durch welche die "kommunale Herrschaftsordnung (repräsentiert wurde)" (515), unter anderen das von den Todiner Ghibellinen geführte Wappen Konradins als König von Sizilien, ein, so Weber, seltener Beleg dafür, dass "ein Wappenbild selbst unmittelbare Relevanz besaß, allgemein bekannt war und kommunikative Reaktionen herausforderte" (344). Kapitel 4 ist der kommunalen Herrschaft in Stadt und Contado gewidmet und schildert die Entwicklung "regelrechter heraldischer Systeme, deren Ordung die Kommune visualisierte" (516), etwa die Heraldik der popolaren Waffengesellschaften oder die 'Überschreibung' der Zeichen und Wappen des eroberten Umlandes. Kapitel 5 befasst sich mit der Heraldik in der kommunalen Geschichtsschreibung des Trecento und damit der späteren Interpretation überkommener Wappenbilder. Kapitel 6 schließlich gilt einem Vergleich mit London und den flämischen Städten.

Webers Studie ist gespickt mit scharfen Analysen, einem profunden Wissen über das kommunale Italien und basiert auf einer beeindruckenden Kenntnis der relevanten, in ganz unterschiedlichen Kontexten überlieferten Quellen. Dass sich Weber fast ausschließlich auf gedrucktes Material stützt, ist der Bandbreite der Untersuchung geschuldet und gereicht ihr deshalb nicht zum Schaden. Kritisch ist allerdings zu vermerken, dass sich die einzelnen Teile des Buchs kaum zu einer konsistenten Erzählung zusammenfügen. Dies kann zu großen Teilen der Heterogenität der Überlieferung angelastet werden, liegt aber ebenso in der Form der Darstellung begründet. So nimmt Weber immer wieder bereits abgeschlossene Erzählstränge erneut auf, um sie zu differenzieren und zu nuancieren, was den Leser stets zu einer Neupositionierung der vorgebrachten Argumente innerhalb der übergeordneten Erzählung zwingt. Die einzelnen Kapitel sind jeweils mit eigenen Einleitungen versehen, die vorhergehende Ergebnisse resümieren, andere Ergebnisse vorwegnehmen und teils weitere Fallstudien bieten. Geradezu irritierend ist es, wenn die jeweiligen Kapitelzusammenfassungen abermals mit bis dahin nicht erörterten Fallbeispielen eingeleitet werden. Dazu kommt schließlich Webers stetiges Bemühen, den symbolischen Gehalt der heraldischen Zeichen zu verdeutlichen, was bei einem Gegenstand, der kaum anders als unter symbolischen Gesichtspunkten betrachtet werden kann, zu teils wenig erhellenden Erkenntnissen führt. So ist etwa auf Seite 344 zu lesen, dass "Wappen [...] in etablierten Verfahren als Zeichen der Herrschaft über die gesamte Kommune zur Geltung gebracht [wurden] und [...] im städtischen Aufruhr als Orientierungszeichen [dienten], mit denen die eigene Partei mobilisiert und die gewaltsam errungene Stadtherrschaft signalisiert wurde." An anderer Stelle heißt es. "Die Wappenbilder verwiesen dabei auf Autoritäten, zu denen man das eigene Handeln in Beziehung setzte. Legitimation erwuchs den Fahnen der Ghibellinen aber auch aufgrund ihrer Multifunktionalität: Da sie über ihre Funktion im Kampf zu Siegeszeichen geworden waren, konnten sie die erwiesene Rechtmäßigkeit der eigenen Sache symbolisieren." (304)

Letztlich ist Webers Studie aber ein eindrucksvolles Werk, das die Bedeutung heraldisch-symbolischer Kommunikation in der Phase der Konstituierung der italienischen Kommunen und vor allem ihre bis zum Ende des Mittelalters hin steigende Bedeutung und "Verobrigkeitlichung" (520f.) plausibel herausarbeitet.

Marco Veronesi