Rezension über:

Andreas Urs Sommer: Die Münzen des Byzantinischen Reiches 491-1453. Mit einem Anhang: Die Münzen des Kaiserreichs von Trapezunt, Regenstauf: Battenberg Gietl Verlag 2010, 536 S., zahlreiche s/w-Abb., ISBN 978-3-86646-061-4, EUR 49,90
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Rezension von:
Georg-D. Schaaf
Weimar
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Georg-D. Schaaf: Rezension von: Andreas Urs Sommer: Die Münzen des Byzantinischen Reiches 491-1453. Mit einem Anhang: Die Münzen des Kaiserreichs von Trapezunt, Regenstauf: Battenberg Gietl Verlag 2010, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 5 [15.05.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/05/19848.html


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Andreas Urs Sommer: Die Münzen des Byzantinischen Reiches 491-1453

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Mit dem vorliegenden Buch veröffentlicht der Verfasser eine private Sammlung byzantinischer Münzen aus der Zeit von Kaiser Anastasios I. bis zum Kaiserreich von Trapezunt. Der Publikation vorausgegangen sind eine langjährige Auseinandersetzung des Philiosophiehistorikers Sommer mit der byzantinischen Numismatik sowie zahlreiche Aufsätze in Fachzeitschriften und der Katalog der byzantinischen Münzen der Universität Göttingen.

Das vorliegende Werk berücksichtigt auch Prägungen des lateinischen Kaiserreichs, der Kaiserreiche von Nikaia und Thessalonike sowie des Despotats von Epiros. Der Umfang wird mit ca. 4000 Stücken angegeben. Den Katalog ergänzt eine Handvoll Münzen verschiedener Kaiser, von denen die Sammlung kein Spezimen enthält; sie sind im Katalog entsprechend kenntlich gemacht. Das Werk erhebt den Anspruch, die erste repräsentative Gesamtschau der byzantinischen Münzprägung in deutscher Sprache zu sein. Nach Konzeption, Inhalt und Stil richtet sich das Handbuch in erster Linie an den privaten Sammler, will aber auch fachlichen Ansprüchen Rechnung tragen. Die Rezension beschränkt sich auf diesen letztgenannten Aspekt.

Der Aufbau des Buches ist mit Einführung, Katalog und Register dreigeteilt. Nach einem Vorwort folgen zunächst Erläuterungen zum Katalogaufbau, zur Münzbestimmung und zu den marktüblichen Bewertungskriterien. Daran schließen an ein historischer Abriss, Ausführungen zum byzantinischen Nominalsystem, zu den hauptsächlichen Münzbildern, zu Stil und Legenden, des weiteren Erläuterungen und Regierungsangaben auf Münzen sowie Angaben zu den Münzstätten und Offizinen. Abkürzungs- und Literaturverzeichnisse sind an das Ende der Einführung gesetzt.

Sommer beginnt sein Vorwort mit einem Statement für die Anerkennung der Leistungen privater Sammlertätigkeit bei der "Vergegenwärtigung der Vergangenheit" (7). Die pauschal geforderte Lockerung staatlicher Monopole beim Kulturgüterschutz ist wohl als Beitrag zur Kontroverse um illegale Ausgrabungen und den internationalen Antikenhandel zu verstehen. Der Hinweis auf den unbestritten hohen Anteil privater Sammler an Neuentdeckungen, im Vergleich zu den Ergebnissen staatlicher Fachvertreter, ist jedoch als Begründung für den Vorstoß unzureichend. Der Quellenwert einer Münze beschränkt sich nicht allein auf ihre ursprüngliche Funktion zum Zeitpunkt der Emission, sondern umfasst ebenso alle Phasen einer veränderten Nutzung und auch den archäologischen Kontext. Bei frei gehandelten Sammlungsobjekten sind jedoch in der Regel die Fundumstände nicht bekannt. Zudem bedingen die marktüblichen Bewertungskriterien, dass Nutzungsspuren, wie Graffiti, Gegenstempel, Schmuckfassungen, als wertmindernd eingestuft werden. Sommer selbst weist an anderer Stelle auf die häufige Diskrepanz zwischen dem historischem und dem Marktwert hin (12 f.). Angesichts der selektiv wirkenden Marktmechanismen ist eine Lockerung des Kulturgüterschutzes zugunsten privater Initiativen abzulehnen, da kontextorientierte Forschungsergebnisse kaum zu erwarten wären.

Der Katalog ist anschaulich gestaltet. Ein kurzer Überblick über die Regierungszeit leitet die Münzprägung eines jeden Herrschers ein. Die Anordnung der Prägungen erfolgt in bewährter Art nach Prägestätten und innerhalb dieser nach Nominalen. Fehlanzeigen in der Überlieferung bei einzelnen Kaisern werden als solche benannt. Nach gleichem Muster, aber in eigener Zählung schließen sich die trapezuntischen Münzen an die des byzantinischen Reiches an. Jedem Katalogeintrag ist eine monochrome Abbildung von Avers und Revers vorangestellt. Es folgen die Beschreibungen der Münzseiten, Angaben zu Referenzstücken, zur Datierung, zu Gewicht und Stempelposition. Varianten einer Prägung sind mit Unternummern dem jeweiligen Eintrag angehängt. Besonderheiten werden kurz charakterisiert, gegebenenfalls ergänzt um Literaturangaben. Als Orientierung für den Sammler dienen durchschnittliche Preisangaben der jeweiligen Stücke in den drei marktüblichen Bewertungskategorien.

Sommer weicht formal mehrfach von dem in wissenschaftlichen Katalogen üblichen Beschreibungsschema ab. Fehlstellen in Legenden werden, soweit die Abbildungen das erkennen lassen, in der Regel nicht gekennzeichnet (wie Kat. 1.10, 1.13.1, 2.9, 16.8). Der Verfasser scheint sich hier nicht am Erhaltungszustand der ihm vorliegenden Münzen zu orientieren, sondern an besser erhaltenen Stücken in anderen Sammlungen. Hilfreich wäre jeweils eine Wiedergabe beider Fassungen, sei es direkt am Ort, wie im Göttinger Katalog, oder mit einem Index der Avers- und Reverslegenden.

Ungewöhnlich ist ferner die Referenzierung der Münzen mit Byzantine Coins and their Values von David. R. Sear, das nicht als fachlich anerkanntes Standardwerk gelten kann. Bei den Beschreibungen schließlich verzichtet der Verfasser auf Maßangaben. Ohne Erläuterung setzt er beim Leser die Kenntnis des gewählten Abbildungsmaßstabs voraus, der der Originalgröße der Münzen entsprechen dürfte.

Nur vereinzelt sind Unstimmigkeiten bei den Beschreibungen festzustellen: gelegentlich eine unzutreffende Verwendung des Attributs "retrograd" (wie Kat. 13.6 Rs), Abweichungen zwischen Abbildung und Beschreibung (wie Kat. 1.4 Rs, 2.45 Rs, 2,52 Rs, 11.122 Rs, 17.12 Vs) und fehlerhafte Referenzierungen (wie Kat. 1.15.3 zu DOC 23f statt DOC 24f, 1.17 zu DOC 23 statt DOC 231). Nicht immer exakt ist die Wiedergabe der Buchstaben in den Legenden (wie Kat. 6.1, 12.32, 12.35). Einer kritischen Prüfung bedarf die von Sommer zitierte These von dem pestbeulenversehrten Bildnis Justinians II. (Kat. 4.21). Ein die Legitimation infrage stellendes ikonographisches Detail im kaiserlichen Bildprogramm erscheint wenig plausibel.

Nicht für jeden Münztyp, den Sommer darstellen möchte, enthält die Sammlung das passende Spezimen. Überall, wo lediglich ein Ersatz gezeigt werden kann, steht eine entsprechende Erläuterung. Dabei kann es sich um Beischläge handeln (wie Kat. 1.1), um mögliche Fälschungen (wie Kat. 31.16), um 'Münzen' aus Blei (wie Kat. 34.8, 34.9) oder um Überprägungen byzantinischer bzw. arabischer Münzen (wie Kat. 17.12, 21.12). Ein Index dieser Stücke fehlt, anders als im Göttinger Katalog. Münzen mit anderen Besonderheiten, wie Graffiti oder Gegenstempeln, sind ebenfalls nicht separat erschlossen. Der Bildindex der Münzherren und -herrinnen, bestehend aus vergrößerten Ausschnitten von Münzabbildungen nennt jeweils Namen und Seitenzahl des Abschnittsbeginns, jedoch nicht die Katalognummer.

Bei den Herrscher- und der Ortsnamen orientiert sich Sommer überwiegend an den in der englischsprachigen Forschung üblichen lateinischen Schreibweisen. Bisweilen stoßen dabei lateinische und griechische Namensformen in Namen und Beinamen ein und derselben Person aufeinander (Constaninus V. Kopronymos oder Michael V. Kalaphates). Überwiegend sind die Beinamen latinisert. Eine Vereinheitlichung wäre sinnvoll gewesen, die Orientierung an den griechischen Namensformen thematisch angemessen.

Einer strikten Satzkontrolle wären wohl die uneinheitliche Überschriftenstruktur und leicht verschobene Kapitelanfänge aufgefallen. Das Handbuch ist sonst äußerst sorgfältig lektoriert und hat eine im Ganzen überzeugende und leserfreundliche Gestalt. Die vorstehend geäußerte Kritik mag den Nutzen für den privaten Sammler, für den das Buch in erster Linie geschrieben ist, nicht oder kaum beeinträchtigen. Auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Sammlung wirken die genannten Aspekte jedoch einschränkend.

Es bleibt zu wünschen, dass die qualitätvolle und facettenreiche Sammlung weiterhin Gegenstand des fachlichen Interesses bleibt und möglichst viele der hier erstmals veröffentlichten Münzen in Einzelpublikationen ausführlicher gewürdigt werden, als es in einem Katalog möglich ist.

Georg-D. Schaaf