Rezension über:

Heinrich Holze: Die Kirchen des Nordens in der Neuzeit (16. bis 20. Jahrhundert) (= Kirchengeschichte in Einzeldarstellungen; III/11), Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2011, 291 S., 6 Kt., ISBN 978-3-374-02497-1, EUR 34,00
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Rezension von:
Burkhard Büsing
Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Redaktionelle Betreuung:
Johannes Wischmeyer
Empfohlene Zitierweise:
Burkhard Büsing: Rezension von: Heinrich Holze: Die Kirchen des Nordens in der Neuzeit (16. bis 20. Jahrhundert), Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 4 [15.04.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/04/20934.html


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Heinrich Holze: Die Kirchen des Nordens in der Neuzeit (16. bis 20. Jahrhundert)

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Eine Überblicksdarstellung der neuzeitlichen Kirchengeschichte von gleich sieben Ländern zu schreiben, ist ein mutiges Unterfangen. Dass die Auswahl der Länder aber durchaus sinnvoll ist, erklärt der Autor mit den weitreichenden Verknüpfungen in der Geschichte der Länder untereinander und so zählt er zu dem europäischen Norden neben Skandinavien auch Finnland, Grönland, Island und die Faröer.

Das Werk ist chronologisch gegliedert. Unter den drei Hauptkapiteln (Frühe Neuzeit, 19. und 20. Jahrhundert), die in etwa den gleichen Raum einnehmen, findet sich in jedem Unterpunkt eine Einzelbetrachtung der sieben nordischen Länder. Holze beschreibt den in den Anfängen von den dänischen beziehungsweise schwedischen Königen bestimmten Weg der nordischen Länder von der Reformation bis zu den National- und Volkskirchen heutiger Zeit. Die beschriebenen Stationen der nordischen Kirchengeschichte, seien es Pietismus, Gedanken der Aufklärung oder Erweckungsbewegung und innere Mission, lassen die Parallelen zu Deutschland und die stetigen Einflüsse, die von der deutschen Theologie auf den Norden wirkten, erkennen - entweder über Pastoren, die in Deutschland studiert hatten, oder über Geistliche wie zum Beispiel August Hermann Francke, der die nordischen Länder bereiste und vor allem schwedische und finnische Soldaten in russischer Kriegsgefangenschaft mit seinem Pietismus mitriss (die Kenntnis der deutschen Kirchengeschichte der Neuzeit wird beim Leser stets vorausgesetzt). Gleichzeitig werden aber die Besonderheiten, so die obrigkeitlich und staatskirchliche Entwicklung der nordischen Kirchen in der Frühen Neuzeit und "die Entdeckung nordischer Identität(en)" (104) im 19. Jahrhundert beschrieben. Für das 20. Jahrhundert zeigt sich schließlich die Unterschiedlichkeit der Kirchen, insbesondere für die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Während die norwegische Kirche fast geschlossen gegen die von den Nationalsozialisten diktierte sogenannte "Quislingkirche" in den Widerstand ging und dabei eine von der Staatsethik des 19. Jahrhunderts abweichende Neubewertung von Luthers Zwei-Reiche-Lehre vornahm, deutete die schwedische Kirche diese derart, dass die Kirche sich in die Politik nicht einzumischen habe. Das Spektrum reichte von der an der Seite Deutschlands stehenden "Vereinigung der Waffenbrüderpfarrer" in Finnland über das neutrale Schweden bis zum Widerstand in Norwegen und Dänemark. Nach der Zäsur des Zweiten Weltkrieges engagierten sich die Kirchen des Nordens stark in der Ökumene, vor allem die angelsächsischen Beziehungen wurden bis zum Abkommen von Porvoo (Finnland) 1992, das zwischen den anglikanischen Kirchen von England, Schottland, Wales und Irland und den lutherischen Kirchen Skandinaviens, Islands, Finnlands und dem Baltikum die volle sichtbare Kirchengemeinschaft brachte, intensiviert. Für die kleineren beziehungsweise lange Zeit nicht selbstständigen Länder (also auch Norwegen und Finnland) wird stets der Weg von der Abhängigkeit vom Mutterland zur Autonomie oder Unabhängigkeit im Auge behalten. Dieser Weg sollte in allen Fällen durch die kriegsbedingte Abschneidung der Beziehungen zu Dänemark beziehungsweise Schweden in der Mitte des 20. Jahrhunderts einen besonderen Schub bekommen. Auch wird die herausragende Rolle der Kirchen dieser Länder für die Ausbildung und Entwicklung der eigenen Sprache und die Eigenstaatlichkeit hervorgehoben. Freilich finden auch Besonderheiten, etwa die Rolle der orthodoxen Gläubigen in Finnland oder die Mission der Samen dort und der Inuit im Osten Grönlands ihren Raum.

Mag die Gliederung auf den ersten Blick einleuchtend wirken, so erkennt man beim Lesen bald, dass die vorgenommene Aufteilung das Buch sehr kleinteilig macht und den Lesefluss stört; zudem wirken gerade die Absätze zu den kleinen dänischen Territorien (Faröer, Grönland, Island) durch die vielen Parallelen oft als Wiederholung der Abhandlung über das Mutterland. Wiederholungen zeigt die Darstellung auch über Staatsgrenzen hinaus, zum Beispiel beim Papstbesuch Johannes Pauls II. im Jahr 1989: Für jedes besuchte Land wird der Aufenthalt des Oberhaupts der römisch-katholischen Minderheit in sehr ähnlicher Weise geschildert. Hier wären großflächigere Kapitel, die die Länder gemeinsam betrachten und mehr vergleichende Aspekte aufweisen, von Vorteil gewesen. Das selbstauferlegte Korsett der chronologischen Vorgehensweise auch in den Unterkapiteln trägt zusätzlich dazu bei, Sinnzusammenhänge zu zerreißen und den Leser zu verwirren - so stellt sich etwa die Frage, warum nach einem Kapitel "Konfessionalisierung der nordischen Kirchen" das übernächste Kapitel "Die Entstehung lutherischer Konfessionskirchen" (dazwischen: der Dreißigjährige Krieg) sich noch einmal ausschließlich mit landesherrlicher Konfessionalisierung beschäftigt und diese nicht im vorgenannten Kapitel Widerhall fand.

Dass eine Überblicksdarstellung über sieben Länder einem Galoppritt gleichen muss, sollte dem Leser im Voraus bewusst sein. Dennoch wünscht man sich an einigen Stellen, der Autor hätte dem Leser mehr Erklärungen der theologischen Hintergründe oder Streitpunkte gegönnt. Wichtige Schriften sollten nicht nur mit ihrem Titel genannt werden; zumindest ein knapper Einblick in ihre Inhalte wäre wünschenswert. Dafür hätte der Autor die zum Teil zu langen Erläuterungen der politischen Geschichte oder das Kapitel zu volksreligiösen Vorstellungen in der Frühen Neuzeit kürzen können. Letzteres beinhaltet tatsächlich nur Hexenverfolgungen und bietet nicht einen größeren Blick über die obrigkeitliche Politik hinaus - dieser kommt insgesamt etwas zu kurz.

Zwar weist das Buch in einem zweiseitigen Literaturverzeichnis nur Überblickswerke aus, doch es zeichnet sich durch die umfangreichen und weiterführenden Literaturverweise im Anmerkungsapparat aus. Der Blick darauf zeigt, dass die sehr überschaubare deutschsprachige Literatur über die Kirchen Nordeuropas einer Erweiterung bedurfte und Holze alles in allem diese Lücke geschlossen hat. Angesichts der vielen Namen von Geistlichen, die im Buch Erwähnung finden, ist es hilfreich, dass das Werk zumindest mit einem Personenregister ausgestattet ist. So wird das Buch insgesamt dem Anspruch gerecht, einen ersten Einblick in die Materie zu vermitteln; dem Interessierten wird es leicht gemacht, von diesem Punkt aus weiterzuarbeiten.

Burkhard Büsing