Rezension über:

Friedrich Weltzien: Fleck - Das Bild der Selbsttätigkeit. Justinus Kerner und die Klecksografie als experimentelle Bildpraxis zwischen Ästhetik und Naturwissenschaft (= Ästhetik um 1800; Bd. 6), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011, 481 S., 124 Farbabb., ISBN 978-3-525-47505-8, EUR 94,95
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Rezension von:
Isabelle von Marschall
Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Isabelle von Marschall: Rezension von: Friedrich Weltzien: Fleck - Das Bild der Selbsttätigkeit. Justinus Kerner und die Klecksografie als experimentelle Bildpraxis zwischen Ästhetik und Naturwissenschaft, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 4 [15.04.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/04/20897.html


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Friedrich Weltzien: Fleck - Das Bild der Selbsttätigkeit

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Friedrich Weltzien stellt in seiner Analyse die Klecksarbeiten des Arztes und Poeten Justinus Andreas Christian Kerner (1786-1862) als eine Technik der Bildproduktion der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor, die sich von älteren Formen des Klecksens maßgeblich unterscheidet. Der offensichtliche Verzicht auf das Wort "Klecksen", das in seiner Abhandlung durch "Fleckenmachen" ersetzt wird, steht Pate für die Grundthese seines Buches: bei Justinus Kerner sei der Fleck kein willkürlicher Akt, genauso wenig, wie er als vorbereitende Arbeit für eine höhere Bildgattung diene oder auf einen ästhetischen Zweck hin ausgerichtet sei. Vielmehr erfülle er seinen Zweck als "organische Äußerungsform des Seins" (342), er sei die Spur, die der Bildproduzent hinterlässt und somit Zeugnis seiner Selbst als individuelles Wesen.

Friedrich Weltzien geht inhaltlich folgendermaßen vor: er beginnt mit der Vorstellung des klecksografischen Œuvres Justinus Kerners. In einem weiteren Schritt wendet er sich den theoretischen Rahmenbedingungen in Ästhetik und Naturwissenschaften im zeitlichen Umfeld des Künstlers zu, um in einem letzten die Praxis der "Selbsttätigkeit" bzw. "Selbstaufzeichnung" als eine empirische Technik zum Erfassen des Unbekannten und Unfassbaren zu beschreiben, die zu Lebzeiten Kerners in unterschiedlichsten Formen von der Musik bis zur Fotografie ihren Ausdruck fand.

Der Fleck ist ein Abdruck des Menschen als organisches und geistiges Wesen, der zugleich seine Individualität und Einzigartigkeit unter Beweis stellt. Aus diesem umfassenden Menschheitsbegriff heraus resultiert auch die vielfältige Bedeutung von Kerners Klecksen zwischen naturwissenschaftlichen, spirituellen und ästhetischen Ansprüchen. Der Klecks ist ein menschlicher Abdruck, eine empirisch beobachtbare Spur. Er ist ein Sprachrohr für eine spirituelle Aufnahmefähigkeit, die Kerner bis hin zur Geisterseherei treibt. Die Interpretation des Flecks ist Teil dieser Spur und liegt nicht beim Betrachter sondern bei demjenigen, der den Fleck ausführt und anschließend überarbeitet. Denn durch die Überarbeitung des Flecks interpretiert der Autor letztlich sich selbst, sodass die Interpretation des Bildes zu einem weiteren Schritt in der Selbstoffenlegung wird.

Diese Fokussierung auf die Bildproduktion als individueller "selbsttätiger" Akt ist der Grund für die besondere Bedeutung, die Friedrich Weltzien den Arbeiten Justinus Kerners beimisst. Selbsttätigkeit ist die Grundlage sowohl dafür, dass er an diesem Beispiel die Einführung spontaner Handlungen als künstlerischen Selbstzweck wie auch deren gleichzeitige Rechtfertigung über Naturwissenschaft und Kunst demonstrieren kann. Beim Fleckenmachen wird der Mensch zum Aufzeichnungsgerät, die Flecken zu Daten, die Zeugnisse seines fühlenden und denkenden Wesens sind.

"Fleck - Das Bild als Selbsttätigkeit" ist im Sonderforschungsbereich "Ästhetische Erfahrungen im Zeichen der Entgrenzung der Künste" an der Freien Universität in Berlin entstanden. Im Rahmen seiner Habilitation forschte Friedrich Weltzien im Unterprojekt "Protomodernes Sehen zwischen ästhetischer Weltwahrnehmung und wissenschaftlichem Objektivitätsanspruch", das in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin durchgeführt wurde.

Dies ist insofern von Bedeutung, als die Habilitationsschrift des Autors als wesentlicher Baustein dieses Forschungskomplexes gesehen werden muss. In den letzten Jahren sind hier immer wieder Arbeiten zu ähnlichen Themen entstanden. So beschrieb etwa Werner Busch in seinem Buch "Das unklassische Bild" verschiedene Aspekte der Hell-Dunkel-Malerei am Beispiel von Tizian, Constable und Turner und griff Vorformen der "Selbsttätigkeit" sowohl in seinen Analysen der "blots" Alexander Cozens als auch der Illustrationen und Texte Laurence Sternes auf. [1] Peter Geimer - um nur ein weiteres Beispiel zu nennen - , der mehrere Jahre am Max-Planck-Institut für Forschungsgeschichte tätig war und heute an der FU Berlin lehrt, veröffentlichte 2010 ein Buch über "Bilder aus Versehen". Er wies dabei auf frühe Formen der experimentellen Aufzeichnung mithilfe einer Kamera in Naturwissenschaft und Kunst hin. [2]

Die Arbeit Friedrich Weltziens ist sowohl dem wirkungsästhetischen wie auch dem empirischen Ansatz verbunden und bietet doch einen ganz eigenen und neuen, indem er einen Bereich des Kunstschaffens aufgreift, der sich jenseits von gängigen Wegen befindet. Ihm geht es darum zu verdeutlichen, dass nur durch die Verbindung von Wissenschaft und Ästhetik der Weg für die Abstraktion geebnet werden konnte. Der Kunstbegriff Kerners erreicht gewissermaßen in der maximalen Ausreizung der Subjektivität absolute Objektivität. Erst indem die Darstellung des aufzeichnenden Individuums zum eigentlichen Bildzweck wird, kann auch eine abstrakte Figur absolute Wahrhaftigkeit beanspruchen.

Das klecksografische Œuvre Justinus Kerners ist ein Produkt der Salonkultur. Seine Fleckenbilder entstanden im privaten Rahmen und wurden als Briefbeigaben kommentiert und ausgetauscht, um schließlich in Alben festgehalten zu werden. Auch wenn sie publiziert wurden, was mit den berühmten "Hadesbildern" Kerners erst posthum geschah, waren sie nie für eine öffentliche Präsentation als Kunstwerke gedacht. So macht zwar Weltzien deutlich, dass unter den besonderen Rahmenbedingungen des privaten Umfelds der reinen Figur Bedeutung beigemessen werden konnte. Bis jedoch die Selbstaufzeichnung als eigentlicher oder gar einziger Bildinhalt Teil eines öffentlichen Kunstdiskurses werden sollte und diese Ergebnisse womöglich öffentlich präsentiert werden konnten, sollte noch einige Zeit vergehen.


Anmerkungen:

[1] U.a. Werner Busch: Das unklassische Bild. Von Tizian bis Constable und Turner, München 2009; Werner Busch: Great wits jump. Laurence Sterne und die bildende Kunst. München 2011.

[2] Peter Geimer: Bilder aus Versehen. Eine Geschichte fotografischer Erscheinungen, Hamburg 2010.

Isabelle von Marschall