Rezension über:

Elsbeth Bösl / Anne Klein / Anne Waldschmidt (Hgg.): Disability History. Konstruktionen von Behinderung in der Geschichte. Eine Einführung (= Disability Studies; Bd. 6), Bielefeld: transcript 2010, 255 S., ISBN 978-3-8376-1361-2, EUR 26,80
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Rezension von:
Sebastian Barsch
Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Sebastian Barsch: Rezension von: Elsbeth Bösl / Anne Klein / Anne Waldschmidt (Hgg.): Disability History. Konstruktionen von Behinderung in der Geschichte. Eine Einführung, Bielefeld: transcript 2010, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 4 [15.04.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/04/19370.html


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Elsbeth Bösl / Anne Klein / Anne Waldschmidt (Hgg.): Disability History

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Seit etwas mehr als einem Jahrzehnt entfaltet sich im Kontext der Disability Studies eine geschichtswissenschaftliche Zugangsweise zum Phänomen "Behinderung", die den Versuch unternimmt, sich von herkömmlichen historischen Rekonstruktionen "verkörperter Differenz" abzugrenzen. Behinderung wird hierbei nicht mehr in erster Linie in Bezug auf medizinische Kategorisierungen untersucht, sondern im Sinne eines kulturwissenschaftlichen Zugangs "in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext gestellt und nach historisch wandelbaren Wahrnehmungs-, Thematisierungs- und Regulierungsmechanismen" (8) hin untersucht. In ihrer Einführung in die "Disability History" unternehmen die Herausgeberinnen den Versuch, diese bislang hauptsächlich im Angloamerikanischen Raum verbreitete Disziplin für den deutschsprachigen Diskurs fruchtbar zu machen.

Die insgesamt 12 Aufsätze sind in vier Teile eingeteilt. In den "Grundlagen der Disability History" umreißen die Herausgeberinnen elementare Fragen nach dem "Neuen" dieser Zugangsweise. Anne Waldschmidt befasst sich mit pragmatischen Überlegungen und stellt dar, warum dieser Zugang ihrer Ansicht nach überhaupt eine notwendige Ergänzung herkömmlicher Geschichtswissenschaft ist. Sie bezieht sich auf die grundlegenden Positionen der Disability Studies, demnach "die herrschende Sichtweise auf Behinderung reduktionistisch ist" (14). Bei der "Disability History" handele es sich um eine Querschnittsdisziplin, die "die wirkmächtigen 'großen Erzählungen' der Moderne kritisch zu hinterfragen" (15) versucht, indem sie den Konstruktcharakter von Behinderung herausarbeitet. Dabei betont Waldschmidt, dass es sich hierbei nicht um Wissenschafts- und Institutionsgeschichte handelt, denen ein "verklärender Fortschrittsoptimismus" (21) zugrunde liegt. In dieser Aussage deutet sich bereits ein generelles Problem der "Disability History" an: Sie ist außerordentlich Standortgebunden. An Stelle eines Fortschrittsoptimismus tritt meist eine pessimistische Sichtweise der Vergangenheit, in der gesellschaftliche Machtverhältnisse stets zu Ungunsten derjenigen gedeutet werden, die vom heutigen Standpunkt aus als "Behindert" gelten. Auch wenn Anne Waldschmidt explizit äußert, dass es gerade darum nicht geht (23), basieren die meisten Aufsätze dieses Sammelbandes auf die Normvorstellungen der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft kritisierenden Sichtweisen. Dies mag mit grundlegenden methodischen Fragen zusammen hängen, die Anne Klein in ihrem Beitrag zusammenfasst. Der Methodenpool dieser Disziplin scheint stark durch französische Poststrukturalisten beeinflusst zu sein, geht es doch bei der "Disability History" neben der Rekonstruktion von Behinderung in der Geschichte auch um Machtanalysen und diskurstheoretischen Verfahren. "In der Disability History werden die historischen Erzählungen von Opfern zu Geschichten von Subjekten" (57f.). So kommt dieser Disziplin auch ein emanzipatorisch-pädagogischer Auftrag zu.

Im zweiten Teil des Bandes wenden sich drei Aufsätze unter der Überschrift "Wissenschaftliche Konstruktionen und subjektive Erfahrungen" exemplarisch dem wechselseitigen Wirken von gesellschaftlichem Diskurs und institutionellen Praktiken seit 1900 zu. Susanne Pohl-Zucker etwa analysiert am Beispiel der Zelltherapie in der 1960/70er Jahren "grundlegende Denkfiguren, die diesen Ansprüchen auf 'Fortschrittlichkeit' im medizinischen Diskurs zugrunde lagen" (86). Hier wird deutlich, wie konstant biologistisch-deterministische Sichtweisen bezogen etwa auf das Down-Syndrom über mehrere Jahrzehnte sind. Gleichwohl ließe sich in diesem Kontext auch erwähnen, dass eine biologistische Sichtweise das Leben vieler Menschen mit Down-Syndrom überhaupt erst ermöglicht, etwa bei der Behandlung von Herzfehlern, die viele Neugeborene mit Trisomie-21 aufweisen.

In "Institutionen und Politiken", dem dritten Teil, werden drei sozial- bzw. politikgeschichtliche Forschungsarbeiten versammelt. Gabriele Lingelbach rekonstruiert die Entwicklung der Spendenwerbung der Aktion Mensch von 1964 bis in die 1990er. Urs Germann skizziert die Behindertenpolitik in der Schweiz von 1900-1960 und Wilfried Rudloff befasst sich mit den Wandel der Konzeptionen von Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderungen in der Bundesrepublik im Kontext von Institutionalisierung und Deinstitutionalisierung seit den 1970er Jahren.

Im letzten Teil befassen sich drei Aufsätze mit dem Thema "Körper, Kunst und Kultur". Bernd Wedemeyer-Kolwe rekonstruiert am Beispiel des Nationalsozialismus einen Aspekt der Behindertensportgeschichte. In ihrem kunstgeschichtlichen Beitrag befasst sich Maaike von Rijn mit "Darstellungen kleinwüchsiger Menschen in der bildenden Kunst". Dieser und der folgende Beitrag von Claudia Gottwald über "Lachen über verkörperte Differenz im historischen Wandel" sind übrigens auch die einzigen, die sich Zeiträumen vor 1900 zuwenden.

"Disability History" ist trotz des generellen Problems der Standortgebundenheit - die freilich auch ein Problem anderer geschichtswissenschaftlicher Disziplinen ist - ein spannender und erkenntnisreicher Einstieg in die Thematik. Die versammelten Aufsätze zeigen, dass das Phänomen "Behinderung" in der Geschichte auch auf Basis eines kulturwissenschaftlichen Zugangs gewinnbringend und erkenntniserweiternd rekonstruiert werden kann. Der Band zeigt darüber hinaus eindrucksvoll, welche Bandbreite die Zugänge zum Gegenstand der Forschung haben können. Kritisch muss der pädagogisch-emanzipatorische Anspruch betrachtet werden, der jedoch in den meisten Aufsätzen nur in Form eines pragmatischen Statements für denselben angerissen wird, für den Gang der jeweiligen Untersuchung jedoch nicht relevant ist. Schade ist, dass sich kein Aufsatz explizit mit der Vormoderne befasst.

Sebastian Barsch