Rezension über:

Christopher W. Tindale: Reason's Dark Champions. Constructive Strategies of Sophistic Argument (= Studies in Rhetoric/Communication), Columbia: University of South Carolina Press 2010, XIV + 178 S., ISBN 978-1-57003-878-5, USD 49,95
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Rezension von:
Katarina Nebelin
Heinrich-Schliemann-Institut für Altertumswissenschaften, Universität Rostock
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Katarina Nebelin: Rezension von: Christopher W. Tindale: Reason's Dark Champions. Constructive Strategies of Sophistic Argument, Columbia: University of South Carolina Press 2010, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 4 [15.04.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/04/18096.html


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Christopher W. Tindale: Reason's Dark Champions

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Reason's Dark Champions - als solche galten die Sophisten während eines Großteils der abendländischen Philosophiegeschichte. Den 'guten', ernsthaft nach Wahrheit und Erkenntnis strebenden Philosophen standen demzufolge auf der dunklen Seite der Vernunft deren 'böse' sophistische Widersacher gegenüber: Allein am eigenen Vorteil und am verantwortungslosen Spiel mit Worten interessiert, waren sie nicht auf der Suche nach Wahrheit, sondern manipulierten bloß die Meinungen ihrer Zuhörer. So stellte es zumindest Platon dar, und seine Darstellung erwies sich in der Folge als äußerst einflussreich.

Christopher W. Tindale folgt in seinem kurzen, aber gehaltvollen Band jedoch nicht Platon, sondern schließt sich jenen Autoren an, die dessen Schilderungen kritisch hinterfragen und im Gegenzug die Verdienste der Sophisten auf Gebieten wie der Aussagenlogik oder der politischen Philosophie hervorheben. Diese Neubewertung der Sophisten ist mittlerweile zum Mainstream der Forschung geworden. [1] Das eigentliche Thema von Tindales Arbeit verrät jedoch der Untertitel: Constructive Strategies of Sophistic Argument. Nicht die destruktive, sondern die konstruktive Seite der Sophisten und der von ihnen angewandten und gelehrten Argumentationsstrategien soll somit im Vordergrund stehen. Dafür spürt Tindale in den erhaltenen Texten jenen Argumentationsformen nach, die eine genuin sophistische, von der Philosophie distinkte Logik begründeten und dadurch den Grundstein für die Entstehung der antiken Rhetorik im 4. Jahrhundert v.Chr. legten, aber auch moderne Rhetoriktheorien nachhaltig prägten.

Tindales größte Schwierigkeit stellt hierbei seine Quellenbasis dar: Weil nur vereinzelt längere Auszüge oder gar vollständig erhaltene sophistische Schriften vorliegen, ist er bei der Rekonstruktion sophistischer Argumentationsformen vor allem auf Platon, den Gegner der Sophisten, angewiesen. Die Kapitel 1-3 setzen sich daher zunächst mit den antiken, aber auch modernen Berichten und vor allem Urteilen über die Sophisten auseinander: Kapitel 1 bietet einen kurzer Überblick über die neuere Forschung. In Kapitel 2 wird die altbekannte Charakterisierung der sophistischen Argumentation als Technik, das schwächere Argument zum stärkeren zu machen, einer Revision unterzogen. Tindale kommt dabei zu dem Ergebnis, dass es aus Sicht der Sophisten nicht darum gegangen sein könne, einem absolut schwächeren Argument zum Sieg über ein eigentlich stärkeres zu verhelfen, denn dies impliziere das Vorhandensein einer absoluten, den Menschen zugänglichen Wahrheit. Der sophistischen Logik zufolge - hier dient Protagoras' Homo-Mensura-Satz als Reverenz - seien den Menschen jedoch nur Sinneseindrücke und eigene Erfahrungen zugänglich, die für jeden einzelnen subjektiv als wahr gelten müssten; eine objektive Wahrheit könne hingegen nicht erkannt werden. Somit gäbe es aus sophistischer Sicht keine per se stärkeren oder schwächeren Argumente; ob sich ein Argument als das eine oder andere erweise, könne erst die Rede selbst zeigen.

Platons Verdammung der angeblich relativistischen sophistischen Argumentationslogik ist somit primär das Resultat seiner gänzlich anderen epistemologischen Grundannahmen: Es gibt eine absolute Wahrheit, und diese kann von Menschen erkannt werden. Dennoch, so Tindale in Kapitel 3, sei Platon eine adäquate Quelle für die Ansichten und Methoden der Sophisten, denn für deren effektive Zurückweisung sei es erforderlich gewesen, sie möglichst adäquat widerzugeben. Ähnlich verhält es sich Kapitel 4 zufolge mit Aristoteles: Dieser stütze sich bei seiner Betrachtung logischer Trugschlüsse auf sophistische Argumentationsformen, übersehe dabei jedoch ebenso wie Platon, dass diese ganz andere Ziele verfolgten als die aus Aristoteles' Sicht 'wahren', d.h. philosophischen Methoden der Widerlegung. So zielten die Sophisten allein auf die Widerlegung ihrer Gegner ab, ohne dabei weitergehende argumentative Ziele wie die Etablierung positiver Wahrheitssätze zu verfolgen. Ebenso wie Platon stellt Aristoteles die Sophisten also durchaus korrekt dar, beurteilt sie aber anhand seiner eigenen Maßstäbe.

Auf dieser Basis werden im zweiten Teil des Werks zentrale Argumentationsformen aus den erhaltenen sophistischen Schriften, aber auch aus Platons Dialogen herausdestilliert: Das Wahrscheinlichkeitsargument (eikos; Kap. 5), dessen Umkehr (peritrope; Kap. 6), Antilogien und Antithesis (Kap. 7), die argumentative Nutzung von Zeichen, Allgemeinplätzen und Anspielungen (Kap. 8) sowie die Bezugnahme auf den Charakter (ethos) des Redners bzw. seines Gegenredners (Kap. 9). In einem abschließenden Kapitel geht Tindale der Frage nach, welche Art von Gerechtigkeit diese sophistischen Argumentationsformen zu stiften vermögen.

Auch im zweiten Teil wird die Untersuchung von Tindales Bemühen bestimmt, den sophistischen Argumentationsformen zu ihrem Recht zu verhelfen und sie nicht an Maßstäben zu messen, die ihnen fremd waren. So wendet er sich etwa in Kapitel 5 (69-82) gegen Platons Behauptung, Wahrscheinlichkeitserwägungen (eikos-Argumente) zielten nur auf die Etablierung von Meinungen, nicht aber von Wahrheiten ab. Vielmehr seien sie auch aus Sicht der Sophisten direkteren Begründungs- und Belegformen wie etwa Zeugenaussagen unterlegen gewesen und daher nur dann angewandt worden, wenn solche 'stärkeren' Beweismittel nicht verfügbar waren.

Das letzte Kapitel (Kap. 10, 143-152) zu "Justice and the Value of Sophistic Argument" untermauert noch einmal Tindales Kernthese, dass sich sophistisches Argumentieren durch seinen "focus on humanism with its deciding of matters in human terms, using human experience" (148) auszeichne: Anstatt absoluten Wahrheiten nachzujagen, konzentrierten sich die Sophisten auf das den Menschen zugängliche, notwendig in soziale Kontexte eingebundene Wissen und eine ebensolche, 'menschliche' Gerechtigkeit.

Alles in Allem bietet Tindales Buch einen guten, übersichtlichen und knappen Überblick über sophistische Argumentationsstrategien. Neu sind seine Thesen allerdings oftmals nicht. Zudem muss er sich fragen lassen, ob er die Konstruktivität sophistischen Argumentierens nicht bisweilen überschätzt. [2] Aus Sicht der Historikerin unbefriedigend erscheint zudem, dass der sozial- und ideengeschichtliche Kontext, in welchem die Sophisten ihre Argumentationsmethoden entwickelten und anwandten, unterbeleuchtet bleibt. Hier hätte sich der Autor ruhig stärker an der sophistischen Forderung nach einer gesellschaftlichen Einbettung rhetorischer Strategien (und deren wissenschaftlicher Darstellung) orientieren dürfen.


Anmerkungen:

[1] Beispielhaft seien hier neben George B. Kerferd: The Sophistic Movement, Cambridge 1981, nur die neueren Monographien zur sophistischen Rhetorik von Susan C. Jarratt: Rereading the Sophists. Classical Rhetoric Refigured, Carbondale / Edwardsville 1998, und Edward Schiappa: The Beginnings of Rhetorical Theory in Classical Greece, New Haven / London 1999, genannt; zu Platons Darstellung der Sophisten siehe bspw. Andrea W. Nightingale: Genres in Dialogue. Plato and the Construct of Philosophy, Cambridge 1994, und Hakan Tell: Plato's Counterfeit Sophists (= Hellenic Studies; 44), Cambridge/Mass. / London 2011.

[2] Dass die sophistische Rhetorik durchaus auch eine 'dunkle', sogar dämonische Seite hat, zeigt etwa Thomas Buchheim: Die Sophistik als Avantgarde normalen Lebens, Hamburg 1986.

Katarina Nebelin