Rezension über:

Jorge Martínez-Pinna Nieto: Las leyendas de fundación de Roma. De Eneas a Rómulo (= Col.lecció Instrumenta; 39), Barcelona: Publicacions. Universitat de Barcelona 2011, 186 S., ISBN 978-84-475-3502-6, EUR 30,00
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Rezension von:
Eike Faber
Historisches Institut, Universität Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Eike Faber: Rezension von: Jorge Martínez-Pinna Nieto: Las leyendas de fundación de Roma. De Eneas a Rómulo, Barcelona: Publicacions. Universitat de Barcelona 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 3 [15.03.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/03/19737.html


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Jorge Martínez-Pinna Nieto: Las leyendas de fundación de Roma

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"fuimus Troes, fuit Ilium et ingens / gloria Teucrorum[...] (Aen. 2,325 f.)" Für Vergil und seine Leser stand fest, dass Rom durch die Nachkommen des Aeneas gegründet wurde, der die trojanischen Penaten nach Italien gerettet hatte. Durch diese Legende wird zugleich das regierende Geschlecht der augusteischen Prinzipatsherrschaft auf das Engste mit der Gründung der Stadt verbunden.

Aeneas, Sohn der Göttin Venus, ist der Stammvater der Iulier. Der regierende Princeps konnte somit eine lange Reihe göttlicher Ahnen vorweisen. Sein Geschlecht war älter als die urbs selbst, hatte die Stadt gegründet und beherrscht. Die zeitgenössische Botschaft ist eindeutig: Bei dem Iulier Augustus sind die Stadt Rom und ihr Weltreich in den besten Händen.

Ohne dass wir noch an die göttliche Abstammung Iulius Caesars oder Octavian / Augustus' glaubten, ist doch die vergilische Darstellung der Stadtgründung Roms gewissermaßen die kanonische Fassung. Daneben stehen eine ganze Reihe weiterer und älterer Gründungserzählungen aus den Werken griechischer und lateinischer Autoren. Im hier zu besprechenden Band analysiert mit Jorge Martínez-Pinna ein ausgewiesener Kenner des frühen Rom diese, von Vergil in den Schatten gestellten, Gründungserzählungen. [1]

Die Untersuchung besteht aus zwei Kapiteln, je eines zur griechischen Überlieferung (13-63) und zur indigenen / lateinischen Überlieferung (65-127), sowie zwei Anhängen, einem zu den mythischen Königen von Latium (129-147), dem weiteren zur Figur des Riesen Cacus aus der Herakles-Sage (147-158). Drei Indices (Stellen, Namen, Orte) erschließen den Band.

Im Abschnitt zur griechischen Überlieferung findet sich folgendes Zitat zur Methode (14): " [...] es necesario utilizar, hasta donde sea posible, los criterios anteriores, esto es, el cronológico y el temático, así como el grado de influencia de la tradición indígena y los intereses de los diferentes círculos políticos y culturales griegos implicados en la elaboración de las leyendas, siempre y cuando existan suficientes elementos de juicio." [2]

Wie das praktisch durchgeführt wird, lässt sich gut am Beispiel des Hellanikos verdeutlichen (Jacoby, FGH III b1, S. 4ff.). Martínez-Pinna führt Beispiele an, die er beide vor dem Hintergrund der zeitgenössischen athenischen Interessenlage erklärt (26-32):

Zunächst ist festzustellen, dass sich Hellanikos der Gründungslegende natürlich nicht zuwendet, weil Rom so bedeutend gewesen wäre. Vielmehr wird (so Martínez-Pinna) Rom mit dem etruskischen Herrschaftsbereich identifiziert. Dieser wird über die "leyenda troyana" (30 und häufiger), also der Erzählung von der Gründung Roms durch den Trojaner Aeneas, mit den Mythen der griechischen Welt verbunden und zumindest literarisch von Sparta entfremdet: Nachkommen der Trojaner konnten der Heimatstadt des Menelaos nicht wohlgesonnen sein.

Als Hellanikos diese Beziehung im letzten Viertel des 5. Jahrhunderts v.Chr. in den Herapriesterinnen in Argos herstellte, waren seine Zielgruppe eine athenische Öffentlichkeit sowie verschiedene sizilische und unteritalische Städte (genannt werden Segesta, Eryx, Thurioi). Diese Orte galt es in ein Netzwerk gegen das "dorische" Syrakus einzubinden. Dass zugleich auch Odysseus neben Aeneas unter den Stadtgründern auftritt, hält Martínez-Pinna für eine Erfindung des Hellanikos, deren Bedeutung sich nach verwandtem Muster ergibt, nämlich als eine Geste der captatio benevolentiae gegenüber den epirotischen Städten und vorgelagerten Inseln, aufgrund des athenischen Interesses am Seeweg nach Westen. [3]

Ferner erhöht Hellanikos (innerhalb seiner mythisch-geschichtlichen Argumentation!) die Plausibilität der "leyenda troyana" dadurch, dass er mit der Trojanerin Rhome eine eponyme Heroin einführt (30). Andreas Alföldi hat sie als "Stammmutter der Römer" bezeichnet [4], Martínez-Pinna weist auf eine durch Chiliasmus konstruierte Beziehung zu den ältesten indigenen Traditionen hin (31): Die Trojanerin Rhome verleiht Rom ihren Namen, dagegen trägt die Mutter von Romulus und Remus, die Latinerin Ilia, einen von Troja, Ilion, abgeleiteten Namen.

Hellanikos' Bericht über die Stadtgründung Roms wird damit in den Kontext des Nikias-Friedens (421 v.Chr.) und der Vorbereitung der Sizilischen Expedition gestellt. Martínez-Pinna betont die hypothetische Natur solcher Erklärungsmuster. In jedem Fall wird jedoch deutlich gemacht, dass vielfältige außer-römische, ja außer-italische Interessen vorlagen, die dazu beitrugen, ein breites Spektrum verwandter, zusammengehöriger, aber unterschiedlicher Gründungserzählungen der Stadt Rom hervorzubringen und zu tradieren.

Als es im Interesse und im Rahmen der Möglichkeiten des ersten Mannes Roms lag, entstand dann die eingangs erwähnte quasi 'kanonische' vergilische Fassung der Gründungslegende Roms.

Die dargestellte Methode der Deutung verschiedener Charaktere und Motive in den fragmentarisch erhaltenen Berichten der Stadtgründung Roms wird konsequent auf die umfangreiche Reihe der Zeugnisse angewandt. Martínez-Pinna zeigt sich in seiner Gesamtdarstellung der Legenden der Ursprünge Roms als kompetenter Historiker und klassischer Philologe, der die gesamte Spanne von der Interpretationen weniger Zeilen bis zur großen ideologischen Deutung souverän beherrscht.


Anmerkungen:

[1] J. Martínez-Pinna Nieto publiziert seit den 1980er Jahren zum frühen Rom. Unter seinen einschlägigen Veröffentlichungen stechen folgende hervor: En torno a los orígenes de Roma, in: Gerión 2 (1984), 356-368; Algunas reflexiones sobre el nacimiento de la ciudad en el Lacio, in: Gerión Extra 2 (1989), 201-212; Rómulo y los héroes latinos, in: José María Blázquez Martínez / Jaime Alvar Ezquerra (Hrsg.), Héroes y antihéroes en la antigüedad clásica, 1997, 95-132; Los reyes de Roma entre la leyenda y la Historia, in: Gerión 19 (2001), 689-708; La fundación de Roma en los fragmentos históricos griegos, in: Revista de historiografía 1 (2004), 20-37; Sobre la fundación y los fundadores de Roma, in: ders. (Hrsg.), Initia rerum: sobre el concepto del origen en el mundo antiguo 2006, 163-186: Algunas observaciones sobre la monarquía romana arcaica, in: Potestas: Religión, poder y monarquía. Revista del Grupo Europeo de Investigación Histórica 1 (2008), 193-211.

[2] Etwa: "ist es nötig, soweit dies möglich ist, die genannten Kriterien, das heißt das der Chronologie und das des Inhalts, ebenso wie den Grad des Einflusses der indigenen Überlieferung und die Interessen der verschiedenen politischen und kulturellen griechischen Kreise, die an der Ausarbeitung der Legende beteiligt waren, stets mit heranzuziehen sofern ausreichende Elemente zur Beurteilung verfügbar sind."

[3] Zusammenfassend auf Seite 30: "En la perspectiva de Helánico, Eneas personifica una componente muy común en la propaganda ateniense de la época, la leyenda troyana, mientras que Odiseo viene a ser un personaje nuevo en estos juegos, pero atractivo para Atenas y sus intereses estratégicos en el Occidente de Grecia. La asociación de ambos representa por tanto un elemento pseudohistórico de la propaganda ateniense en sus proyectos occidentales."

[4] Andreas Alföldi: Die trojanischen Urahnen der Römer, Basel 1957, 9.

Eike Faber