Rezension über:

Mary Fulbrook (ed.): Power and Society in the GDR, 1961-1979. The 'Normalisation of Rule'?, New York / Oxford: Berghahn Books 2009, 339 S., ISBN 978-1-84545-435-7, USD 95,00
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Rezension von:
Ralph Jessen
Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Ralph Jessen: Rezension von: Mary Fulbrook (ed.): Power and Society in the GDR, 1961-1979. The 'Normalisation of Rule'?, New York / Oxford: Berghahn Books 2009, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 3 [15.03.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/03/18267.html


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Mary Fulbrook (ed.): Power and Society in the GDR, 1961-1979

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Was ist schon "normal" in der Geschichte? Aus guten Gründen ist die Rede von "Normal-" und "Sonderwegen" in Verruf geraten. Bezieht sich die Normalitätsbehauptung gar auf die DDR-Geschichte, stellt sich meist ein emotionaler Abwehrreflex gegen die Vorstellung ein, die SED-Diktatur und die von ihr geschaffene Gesellschaft, deren Existenz letztlich von Stasi, Schießbefehl und Mauer abhingen, als "normal" anzusehen. Aber wenn die DDR "nicht normal" war, welcher Abschnitt der deutschen Geschichte war es dann? Und darf man "normal" mit "gut" gleichsetzen? Ehe man sich versieht, hat man sich in den konnotativen Fallstricken des unscheinbaren Wörtchens verheddert, dessen Bedeutung einmal "durchschnittlich", ein andermal "modellhaft", dann wieder "allgemein üblich" und nicht selten auch "gut" und "richtig" meint.

Die Londoner Historikerin Mary Fulbrook - bekannt und bestens ausgewiesen durch ihre zahlreichen Beiträge zur deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts - ist sich dieser terminologischen Probleme sehr wohl bewusst, wenn sie in dem vorliegenden Sammelband die Frage aufwirft, ob sich in der DDR der 1960er und 1970er Jahre eine "Normalisierung" von Herrschaft oder der allgemein geltenden Handlungsregeln - es ist nicht ganz klar, wie man "normalisation of rule" hier am besten übersetzen sollte - zu beobachten ist. In der Einleitung bemüht sie sich daher um begriffliche Klärung. "Normalisierung" sei weder normativ als Entwicklung zum "Guten" zu verstehen, noch als Angleichung an einen wie auch immer definierten objektiven Standard. "Normalisierung" sei vielmehr ein idealtypischer Begriff im Weberschen Sinne, der die relative Stabilisierung politischer und sozialer Strukturen und Prozesse nach einer vorherigen Krise oder Phase rapiden Wandels, den Grad der Routinisierung des Alltagslebens sowie die Formen thematisieren würde, in denen die handelnden Zeitgenossen diesen neuen Zustand als "normal" wahrnahmen. In diesem Sinne könnte man ihn auf die unterschiedlichsten historischen Konstellationen anwenden: auf die deutschen Territorien nach dem Dreißigjährigen Krieg, auf die USA nach dem 11. September 2001, auf Japan nach Fukushima oder eben auf die DDR in ihrer mittleren Phase zwischen dem Mauerbau von 1961 und dem Krisenjahrzehnt der 1980er Jahre. "Normalisierung" verbindet strukturelle Systemstabilisierung - also die Konsolidierung von Institutionen, die Fixierung von Regeln und die wachsende Vorhersehbarkeit von Abläufen - mit deren zeitgenössischer Perzeption als Rückkehr zu einer "Normalität", deren Maßstab sowohl in einer idealisierten Vergangenheit als auch in einer erhofften Zukunft liegen kann.

Die Beiträge der zwölf Autorinnen und Autoren des Bandes, von denen vier in dem von Mary Fulbrook am University College London geleiteten Forschungsprojekt "The 'normalisation' of rule" mitgewirkt haben, widmen sich jeweils zur Hälfte der strukturellen Ebene von Routinisierung und der eher subjektiven Ebene von Normalitätszuschreibungen durch die Bevölkerung der DDR. Das Ergebnis ist etwas gemischt. Die meisten Aufsätze bieten sehr aufschlussreiche, quellengestützte Einblicke in bisher wenig bekannte Aspekte der "stabilen Jahre" der DDR-Geschichte, einige knüpfen an Bekanntes an, alle beziehen sich mehr oder weniger explizit auf Fulbrooks Begriffsbildung und Fragestellung. Der empirische Ertrag ist erheblich, die Überzeugungskraft des Begriffs dagegen begrenzt.

Der Aufsatz von Merrilyn Thomas befasst sich mit dem Politikfeld, das schon in der zeitgenössischen politischen Sprache am häufigsten mit dem Etikett der "Normalisierung" belegt wurde, nämlich mit der außenpolitischen Anerkennung der DDR im Zuge von Détente und "Neuer Ostpolitik". Kurzfristig habe dies, so die These, zur Stabilisierung der DDR geführt, langfristig dagegen den Niedergang des Regimes gefördert. Dies sei auch genau die Absicht der westlichen Politik gewesen: "Wandel durch Annäherung" sei letztlich die "Aggression auf Filzlatschen" gewesen, als die sie von östlicher Seite beargwöhnt worden war. Das wirkt ein wenig zu stark vom Ende her betrachtet und kann nur bedingt überzeugen.

Die fünf folgenden Beiträge rücken vor allem die Rolle der unteren und mittleren Funktionäre in den Fokus der Betrachtung, die zwischen den politischen Vorgaben und Kontrollansprüchen der Zentrale und den Ansprüchen, Bedürfnissen und manchmal auch Eigen-Sinnigkeiten der Menschen standen - mal als Transmissionsriemen, mal als Puffer, mal exekutierend, mal lavierend. Jeannette Madarász hebt in ihrem Beitrag zur "Unternehmenskultur" vor allem die große Heterogenität hervor, die sich unter dem Einheitslabel des "VEB" finden lässt, sobald man sich genauer auf die lokalen Verhältnisse einlässt. Nach außen stellten sich in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre nach Zeiten des Umbruchs und der Experimente Routine und Ruhe ein, innerhalb der Betriebe gab es allerdings oft Chaos und Desorganisation. Auch wenn Betriebsleitungen und Belegschaften ihre wechselseitigen Interessen aushandelten, öffnete sich die Schere zwischen den offiziellen Wohlstands- und Fortschrittsversprechen und der frustrierenden Realität des Mangels immer mehr. Routinisierung musste nicht mit Stabilisierung einhergehen.

Einen ähnlichen Eindruck hinterlassen die Beträge von George Last zu den lokalen LPG-Funktionären im Bezirk Erfurt und Dan Wilton zur Breitensport- und Kulturpolitik. In beiden Sphären gewöhnten sich die Menschen trotz z.T. heftiger Konflikte mehr und mehr daran, die Regeln des Spiels zu spielen, sich in den vorgegebenen Strukturen zu bewegen und die offizielle Sprache zu sprechen. Zugleich nahmen sie damit die Versprechungen des Regimes beim Wort. Nachhaltige Stabilisierungserfolge konnten kaum erzielt werden, da immer wieder die Leistungsgrenzen des Systems spürbar wurden.

Auch Esther von Richthofen befasst sich in ihrem Aufsatz über die unteren Kulturbundfunktionäre mit einer Scharniergruppe zwischen Apparaten und Bevölkerung. Sehr stark - aber nicht immer überzeugend - betont sie das Ausmaß an Eigenständigkeit und die große Bereitschaft dieser lokalen Funktionsträger, sich als Vertreter ihrer Klientel vor allem in den zahlreichen Freizeitvereinen zu verstehen. "Playing the Rules and Using the Rules" bedeutete für viele, die sich im Rahmen des Kulturbundes für unpolitische Hobbys und Freizeitvergnügen interessierten, die offiziellen Strukturen für eigene Bedürfnisse zu nutzen, dabei wenn nötig auch die SED-Rhetorik zu gebrauchen, im Zweifel auch Eingaben zu schreiben, und ansonsten Erich Honecker einen guten Mann sein zu lassen. "People could regain a sense of control over their own lives" heißt es am Schluss des Beitrags (150). Soweit damit gemeint ist, dass das Regime seinen aggressiven Belehrungs- und Bekehrungsanspruch zurückfuhr und die unpolitischen Freizeitbedürfnisse der Briefmarkensammler und Aquaristen akzeptierte, mag das zutreffen. Deutlich unterbelichtet bleibt in von Richthofens Beitrag allerdings, dass der Raum für eigenständiges, kritisches Denken und unabhängige künstlerische Praxis bis zum Ende sehr beengt und immer gefährdet war.

Mit großem Gewinn liest man den Artikel von Jan Palmowski, der am Beispiel zweier Lokalfunktionäre die Handlungsbedingungen und Freiheitsgrade von "Heimat"-Aktivisten auslotet. Vor allem seit dem geschichtspolitischen Schwenk der 1970er Jahren versuchte die SED, die emotionalen Bindungskräfte von "Heimat"-Bewusstsein, lokalgeschichtlichen Interessen, traditionellen Bräuchen und Festen für sich zu nutzen. Dies eröffnete Lokalfunktionären die Chance, mit geschicktem und manchmal opportunistischem Lavieren Unterstützung und Ressourcen von oben zu mobilisieren und zugleich den örtlichen Vereinsmeiern den Rücken freizuhalten. Mit dem Normalisierungsbegriff kann Palmowski allerdings nicht viel anfangen - weder findet er ihn in der zeitgenössischen Sprache noch erscheint er ihm analytisch ertragreich.

"Normalisation as internalisation?" lautet das Leitthema zum zweiten Teil des Buches. Alf Lüdtke nimmt es als erster auf und knüpft in seinem Beitrag "Practices of Survival - Ways of Appropriating 'The rules'" an seinen vielbeachteten Begriff des "Eigen-Sinns" und seine Forschungen zum Arbeitsethos an. Seine Vignetten zu den unterschiedlichen emotionalen Aufladungen von Arbeit zeigen die Vielfalt von Arbeitsorientierungen, die Spannungen zwischen offizieller Aktivierungspropaganda und individuellen Sinnzuschreibungen und auch die beide verbindende Hochschätzung von "Arbeit" als solcher. Allerdings zögert auch er, dies unter den Begriff einer verinnerlichten Normalität zu fassen. Ina Merkel hat da weit weniger Skrupel, wenn sie die DDR als "a normal country in the centre of Europe" (194) beschreibt. Sie versteht die DDR als Aushandlungsgesellschaft - ein Terminus, den schon Wolfgang Engler vor Jahren einmal vorgeschlagen hatte -, in der die Beziehungen zwischen Politik und sozialen Akteuren weder in Konformismus noch in Widerstand aufgingen, sondern beides meist widersprüchlich verbanden. Auf einer sehr generellen Ebene mag dies so gewesen sein, aber zu einer schlüssigen Interpretation führt es trotzdem nicht, zumal das Disziplinierungs- und Unterdrückungspotential dieses Normalitätsregimes bei Merkel kaum in den Blick gerät.

Präziser und erhellender sind dagegen Dorothee Wierlings Überlegungen, wie sich ihre generationengeschichtlichen Forschungen mit dem "Normalisierungs"-Konzept verbinden lassen. Für viele Angehörige der HJ-Generation der "29er" bedeutete Normalisierung in den Farben der DDR das Versprechen von Sicherheit, politisch-moralische Orientierung und Aufstieg, für die nachgeborenen "49er" dagegen oft Kontrolle, Beengung, Fremdbestimmung und Mangel an Autonomie. Angela Brocks folgt in ihrem Artikel einem ähnlichen methodischen Weg, wenn sie auf Basis von Zeitzeugeninterviews den Erfolgen oder Misserfolgen des staatlichen Erziehungssystems bei der Produktion einer neuen "Sozialistischen Persönlichkeit" nachgeht. Eine Internalisierung des offiziellen Wertekanons kann sie vor allem auf der Ebene allgemeinethischer Haltungen wie Solidarität, Friedensliebe oder Hilfsbereitschaft feststellen, während explizit politische Inhalte eher abperlten und spätestens dann, wenn die Schule mit ihren Zwängen verlassen worden war, möglichst ignoriert wurden.

Wie schwer es letztlich fällt, "Normalisierung" auf der strukturellen mit der Internalisierung des offiziellen Wertekanons auf der mentalen Ebene zu verbinden, zeigt Mark Allisons Studie über das Jahr 1977 als mutmaßlich "normalstem" Jahr der DDR-Geschichte. Routine und business as usual überall, keine besonderen Vorkommnisse, und doch lassen sich unter der Oberfläche Unzufriedenheit, Frustration und Utopieverlust in der Bevölkerung und die rapide Erosion der Glaubwürdigkeit des Regimes spüren. Scheinbare "Normalität" bedeutet auch in den ruhigen 1970ern keine wirkliche Stabilität.

Den Schlusspunkt des Bandes setzt die Herausgeberin mit Ergebnissen aus einer 2005 durchgeführten Befragung von 271 ehemaligen DDR-Bürgern, die u.a. mit deutlicher Mehrheit die Meinung vertraten, in der DDR hätte man durchaus ein ganz normales Leben führen können. Der Stasi spielte in der Erinnerung der meisten kaum eine Rolle, und auf die Frage, welches denn die schlimmste Zeit ihres Lebens gewesen sei, gab es zwei eindeutige Häufungen: die unmittelbare Nachkriegszeit und die Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR, als die Ostdeutschen durch die Wirren der Vereinigungskrise stolperten.

Diese Befunde sind interessant und bestätigen, dass die meisten Menschen wohl geneigt sind, ihr gelebtes Leben ungeachtet der politischen Umstände zunächst einmal als "normal" zu erinnern, wenn es nicht durch extreme Ereignisse durcheinandergewirbelt wird: das ganz private Leben, Beruf und Familie, Liebe und Leid, Glück und die mehr oder weniger großen Erfolge und Misserfolge - all das spielt für die Normalitätserinnerung eine zentrale Rolle, wird individuell zugerechnet und meist als von den politischen Umständen des Lebens getrennt wahrgenommen - wie berechtigt oder unberechtigt, sei dahingestellt. Zeiten dramatischen Wandels, großer Unsicherheit und des Zerfalls bisheriger Ordnungen wurden und werden dagegen als bedrohlich und als "nicht normal" perzipiert.

In diesem allgemeinen Sinn sind Fulbrooks Befunde plausibel. Es erhebt sich allerdings die Frage, wie belastbar sie im Einzelnen sind. Unter den Befragten scheinen ehemalige Profiteure des SED-Regimes und Verlierer der Wende eine besonders große Rolle gespielt zu haben. Auch hätte die Interpretation viel stärker berücksichtigen müssen, dass die Antworten fünfzehn Jahre nach dem Ende der DDR gegeben wurden. Wie wären sie wohl 1985 ausgefallen, oder im Herbst 1989? Und wie wären sie ausgefallen, wenn man nicht nur in Eisenhüttenstadt, Marzahn oder Treptow gefragt, sondern auch in Stuttgart oder Köln nach denen gesucht hätte, die der DDR vor oder nach 1989 den Rücken gekehrt hatten? In den nachträglichen Urteilen vermengen sich Gegenwartserfahrung und Erinnerung an die Vergangenheit auf schwer zu entwirrende Weise. Ob uns solche Erinnerungskonstruktionen wirklich Auskunft über die "Normalitäts"-Wahrnehmung von DDR-Bürgern geben, ist sehr zweifelhaft.

Nach der Lektüre des Bandes bleibt ein gemischter Eindruck zurück: Er stellt wichtige Fragen, macht herausfordernde Begriffsangebote und liefert aufschlussreiche empirische Beobachtungen zu einem zentralen Problem der DDR-Geschichte: Wie gelang es dem SED-Regime, seine Herrschaft zu veralltäglichen, zu routinisieren, Millionen von Menschen zu systemkonformem Mitmachen zu bewegen, sie zu integrieren und zu disziplinieren? Und wie nahmen die Bürger der DDR ihre Handlungschancen war, wie agierten sie in der politisch geschaffenen Umwelt, welche Erwartungen hegten sie und welche Enttäuschungen haben sie wie verarbeitet? Diese Fragen bleiben aktuell und Fulbrooks Band gibt einige sehr lesenswerte Antworten. Versteht man Fulbrooks "Normalisierungskonzept" als Herausforderung oder Provokation zur Diskussion, als zugespitzte Formulierung einer wichtigen Forschungsfrage, dann bringt es uns weiter. Als Lösung des Problems überzeugt es allerdings nicht. Zum einen deshalb nicht, weil der Begriff der "Normalisierung" wohl viel zu breit und unspezifisch ist, um die Fülle der Phänomene zu erfassen. Selbst die Begriffe "Stabilisierung", "Routinisierung" und "Internalisierung", die ihn hier spezifizieren sollen, sind immer noch denkbar weit. Hier braucht es größere Präzision. Zum zweiten ist es fraglich, wie "theoriefähig" die Rede von der "Normalisierung" eigentlich ist. Auch wenn man den Begriff in idealtypischer Absicht verwendet, sind seine Komplexität und sein Erklärungsgehalt doch deutlich geringer als die anderer historischer Konzepte. Drittens dürfte es in diesem Fall noch schwerer als bei anderen Termini fallen, Beschreibung, Analyse und Wertung halbwegs auseinanderzuhalten, vor allem dann, wenn man mit ihm strukturellen Wandel, Erfahrungen und Erinnerungen zugleich erfassen will.

Ralph Jessen