Rezension über:

Mirek Němec: Erziehung zum Staatsbürger? Deutsche Sekundarschulen in der Tschechoslowakei 1918-1938 (= Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa; Bd. 33), Essen: Klartext 2010, 434 S., ISBN 978-3-8375-0065-3, EUR 49,95
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Rezension von:
Andreas Pehnke
Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Greifswald
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Pehnke: Rezension von: Mirek Němec: Erziehung zum Staatsbürger? Deutsche Sekundarschulen in der Tschechoslowakei 1918-1938, Essen: Klartext 2010, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 1 [15.01.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/01/21121.html


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Mirek Němec: Erziehung zum Staatsbürger?

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Diese Studie, die bereits 2006 von der Philosophischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau als Dissertation angenommen wurde, untersucht die Rolle des deutschen Schulwesens in der Tschechoslowakei während der Zwischenkriegszeit. Mirek Němec favorisiert für seine Analyse den kulturwissenschaftlichen Ansatz, um den Prozess der staatlichen Integration einer ethnisch differenzierten Bevölkerung im Allgemeinen sowie die Motivationen und Gefühle wie auch die Auswahl des Wissens, das in der deutschen Mittelschule in der Tschechoslowakei im Hinblick auf eine staatliche Konstruktion vermittelt wurde, im Besonderen darstellen zu können.

Die 1918 entstandene Tschechoslowakische Republik (ČSR) war als ein Nachfolgestaat der Habsburgermonarchie ethnisch überaus heterogen. Zu Beginn der 1920er Jahre lebten in dieser Republik - neben den 6,7 Millionen Tschechen und 2,0 Millionen Slowaken - immerhin 3,1 Millionen Deutsche, 747 000 Magyaren, 461 000 Russen und Ukrainer, 180 000 Juden und 76 000 Polen. Damit avancierte die Gestaltung einer ausgewogenen Nationalitätenpolitik zur wohl wichtigsten innenpolitischen Herausforderung für die tschechoslowakische Regierung. In Bezug auf die Schulfrage wurde der jungen Republik auferlegt, für die nicht tschechisch oder slowakisch sprechenden Kinder einen angemessenen Unterricht in ihrer Muttersprache anzubieten. Faktisch erhielt jede nationale Gruppe ein eigenes Schulwesen. Die Deutschen konnten in der Republik zudem Hochschulabschlüsse in ihrer Muttersprache erwerben.

Die Lebensfähigkeit des Staates hing davon ab, ob sich ein friedliches Zusammenleben aller Nationalitäten in der multiethnischen ČSR gestalten ließ. Dabei erhielt die Ausbildung auf den höheren allgemeinbildenden Schulen im Kontext eines multinationalen Staates als Instrument staatlicher Integration einen zentralen Stellenwert. Die Untersuchung rekonstruiert auf einer bemerkenswert breiten Quellenbasis (unter anderem Schuljahresberichte, Lehrbücher, Publikationen von Lehrern und Lehrervereinen sowie Memoiren) erstmals die Bildungspolitik der tschechoslowakischen Schulbehörden und die Reaktionsmuster deutschsprachiger Pädagogen und ihrer Berufskorporationen (vor allem des Reichsverbands der deutschen Mittelschullehrer in der Tschechoslowakei), wobei dem Schulalltag vor dem Hintergrund des deutsch-tschechischen beziehungsweise deutsch-slowakischen Nationalitätenkonfliktes das Hauptaugenmerk in dieser Analyse beigemessen wird. Es zeigt sich, dass für die deutschen Pädagogen die spannungsgeladene Situation zwischen der von ihnen als tschechoslowakischen Staatsbeamten geforderten staatsbürgerlichen Loyalität auf der einen und der Solidarität mit dem eigenen deutschen Volk auf der anderen Seite zum Kardinalproblem für die Ausgestaltung des deutschen Schulwesens in der ČSR werden sollte. Die Studie veranschaulicht des Weiteren, welche Auswirkungen 1933 der Machtwechsel in Deutschland auf das sich bis dahin allmählich aufgebaute Vertrauensverhältnis zwischen den deutschen Pädagogen und der tschechischen Bildungsadministration haben sollte.

Dem Autor gelingt am Beispiel des Schulwesens insgesamt eine jederzeit überzeugende Darstellung, wie die Chancen und Möglichkeiten für das historische Projekt einer multinationalen Tschechoslowakei einerseits sowie der Hindernisse und Grenzen andererseits ausgelotet wurden. Schließlich hinterfragt Němec, in welchem Maße es Freiräume und so genannte Nischen für die deutschen Pädagogen gab. Als besonders problematisch, weil mit zahlreichen alten Stereotypen und Vorurteilen belastet, war dabei das Verhältnis zu der nicht nur zahlenmäßig starken deutschen Bevölkerungsgruppe. Die in Böhmen, Mähren und dem tschechoslowakischen Teil Schlesiens lebenden Deutschen, circa ein Drittel der Gesamtbevölkerung der böhmischen Länder, kennzeichnete ein aus der Zeit der Monarchie überliefertes Selbstbewusstsein, das sich - bestärkt durch ihr erhebliches wirtschaftliches und kulturelles Potenzial - nicht selten in einem Überheblichkeitsgefühl gegenüber den tschechischen Nachbarn entfaltete. Němec beleuchtet in geradezu mikroanalytischer Manier besonders die Probleme einer schulischen Sozialisation, die den deutschen Schülern Werte hätte vermitteln können, durch die ihnen ein Bekenntnis als tschechoslowakische Staatsbürger deutscher Nationalität ermöglicht worden wäre. Solche in der deutschen Schule vermittelbaren Integrationsangebote - ergänzt mit Lehrinhalten, welche hätten helfen können, die gegenseitige Rivalität und Isolation zwischen Deutschen und Tschechen zu beseitigen - werden in der vorliegenden Studie unter dem Sammelbegriff der staatsbürgerlichen Erziehung erfasst.

Das von Němec eindrucksvoll erforschte Wertesystem in der deutschen Mittelschule erhält in Hinblick auf das Leben der deutschen Mittelschicht in der ČSR die Funktion eines Seismografen, der Auskunft über zentrale Facetten des deutschen Alltagslebens in der zwanzigjährigen Geschichte der ČSR zu geben vermag. In diesem Zusammenhang kann die vorliegende Publikation auch als eine Mentalitätsgeschichte der in der ersten Tschechoslowakischen Republik lebenden Deutschen gelesen werden.

Andreas Pehnke