Rezension über:

Todd Porterfield (ed.): The Efflorescence of Caricature, 1759 - 1838, Aldershot: Ashgate 2011, XVI + 224 S., zahlreiche s/w-Abb., ISBN 978-0-7546-6591-5, GBP 65,00
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Rezension von:
Claudia Hattendorff
Institut für Kunstpädagogik, Justus-Liebig-Universität, Gießen
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Claudia Hattendorff: Rezension von: Todd Porterfield (ed.): The Efflorescence of Caricature, 1759 - 1838, Aldershot: Ashgate 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 1 [15.01.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/01/19688.html


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Todd Porterfield (ed.): The Efflorescence of Caricature, 1759 - 1838

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Der von Todd Porterfield herausgegebene und eingeleitete Band vereinigt elf Beiträge verschiedener Autoren, die auf den Vorträgen einer Tagung in Montreal im Jahr 2006 fußen. Er versammelt auf diese Weise Einzelstudien zu großen und kleinen Problemkomplexen: zur Wissenschaftsgeschichte der Karikatur, zur Taxierung des Einflusses, den Karikaturen auf ihr Publikum haben konnten, zur Rolle des Karikaturisten, zu bestimmten Werkgruppen oder lediglich zu einzelnen Blättern. Den ungefähren Zeitrahmen für diese Studien markieren der Siebenjährige Krieg auf der einen und die Thronbesteigung Königin Victorias auf der anderen Seite. Die präzisen Jahreszahlen 1759 und 1838, die im Titel erscheinen, liefern allerdings (in wohl durchaus programmatischer Weise) die konkreten Forschungsgegenstände.

Das inhaltliche Spektrum der Beiträge sei kurz skizziert: Ségolène Le Men thematisiert mit Ernest Jaimes "Musée de la caricature" eine frühe, breit angelegte Sammlung von Einzeluntersuchungen zu Blättern, die 1838 unter einem weitgefassten Karikaturbegriff zusammengestellt wurden. Mike Goode unternimmt den Versuch, den Boom der Karikatur gegen Ende des 18. Jahrhunderts und das Entstehen und den Charakter einer bürgerlichen Öffentlichkeit in ein Verhältnis zu setzen. Dabei beschreibt der Autor ein Verhältnis, in dessen Rahmen der Einfluss der Karikaturen auf die Konstruktion von Öffentlichkeit als Verbreitung fest etablierter sozialer Typen und Karikatur nicht als Mittel der Überzeugung, sondern eher als Bestätigung von Vorurteilen bestimmt wird. Douglas Fordham, Helen Weston und Christina Oberstebrink untersuchen in ihren Beiträgen James Gillrays Haltung in den Jahren 1792 bis 1794 als Beobachter und Kritiker des britischen Imperialismus, die um 1800 anzutreffende Rollencharakterisierung von Projektionskünstlern nicht als Scharlatane oder Naturwissenschaftler, sondern als Verkünder von Wahrheiten und schließlich die von Gillray gespielte Künstlerrolle im Lichte von Charles Baudelaires Beschreibung des modernen Künstlers. Dominic Hardy zeichnet den Einsatz von Karikaturen in einem konkreten sozialen, politischen und militärischen Umfeld am Beispiel der Zeichnungen des George Townshend nach, die dieser 1759 im Zusammenhang mit dem Siebenjährigen Krieg in Québec fertigte und verbreitete. Pierre Wachenheim betont Traditionslinien, indem er die Motive Kopf, Prediger, Baum und Sieb ausgehend von holländischen Satiren des 17. Jahrhunderts bis in französische Blätter des 18. Jahrhunderts hinein verfolgt und dabei das Fortleben der emblematischen Tradition der Bildsatire konstatiert. Reva Wolf stellt die Figur des John Bull in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen und kommentiert dessen Ausformung einerseits zu einem nationalen Stereotyp und andererseits zu einem Sinnbild von Karikatur. Im Beitrag von Richard Taws wird die mediale Beziehung zwischen Karikaturen und den vielfach in Karikaturen kritisch diskutierten Assignaten beleuchtet. Robert L. Patten schließlich schlägt eine Definition von Karikaturen als arbiträre Zeichen vor, die historischem Wandel unterworfen seien, aber mithilfe fester Grundformen operierten, und erläutert dies am Beispiel der Birne, die gleichermaßen auf Georg IV. und seine Gattin, auf Louis Philippe oder auf Helmut Kohl Anwendung fand.

Nicht alle Ausführungen vermögen im Einzelnen zu überzeugen. So wird der mediale Zusammenhang von Assignaten und Karikaturen, den Taws konstruiert, gedanklich überstrapaziert und nicht vollständig plausibel gemacht. Wolf erkennt nicht, dass bei der Beeinflussung französischer durch englische Karikatur die französischen Adaptionen englischer Bilderfindungen auch deren Wirkung auf dem Kontinent neutralisieren sollten. Oberstebrink kann (oder will) nicht erläutern, was der Fall Gillray über die Baudelairesche Konstruktion des modernen Künstlers aussagen könnte, sodass es bei einer vergleichenden Betrachtung von Gillrays Künstlerrolle und dem von Baudelaire 1863 in "Le peintre de la vie moderne" entwickelten Künstlerbild bleibt. Im Beitrag Westons wird bei der Betrachtung der satirischen oder karikierenden Darstellungen, in denen die Betreiber einer Laterna Magica figurieren, die in der Bildpublizistik der Französischen Revolution nicht seltene Darstellung von Diogenes, der mit seiner Laterne den Menschen sucht, vernachlässigt; außerdem verdankt sich das Bild der Laterna Magica als Produzentin von Wahrheiten wohl eher der Literatur als der Bildpublizistik. Gegen Goodes Bestimmung der Wirkung von Karikaturen als einer bloßen Bestätigung und Befestigung von Vorurteilen könnte die erstaunliche inhaltliche und formale Komplexität eines Teils der englischen Karikaturproduktion aus der Zeit um 1800 sprechen.

Von Monita dieser Art einmal abgesehen, präsentieren die unterschiedlichen Beiträge eine Fülle von anregenden Überlegungen. Todd Porterfield fällt als Herausgeber dieser Texte die nicht einfache Aufgabe zu, aus den Einzelperspektiven ein forschungsperspektivisches Gesamtbild zu formen. Sein einleitender Beitrag gibt dafür gleich mehrere Losungen aus.

Eingangs plädiert er für eine weite Fassung des Karikaturbegriffs, möchte darunter also auch eine emblematisch operierende Bildsatire fassen. Dem ist entgegenzuhalten, dass es inhaltlich durchaus sinnvoll ist, eine spätere, von der italienischen Caricatura-Tradition berührte Karikatur von einer früheren, emblematischen Bildsatire zu unterscheiden (zu leugnen, dass es solche Unterschiede im Sinne einer historischen Entwicklung gegeben habe, schießt ein wenig über das Ziel hinaus). Es ist allerdings auch richtig, dass nicht wenige Bilderfindungen der "emblematischen Zeit" in die "Caricatura-Zeit" hineinragen und zumindest bis in die Zeit um 1800 virulent blieben (wie der Beitrag von Wachenheim belegt) - hier keine Zusammenhänge zu sehen und zu stiften, ist in der Tat nicht hilfreich.

Porterfield führt außerdem aus, dass die Beiträge des vorliegenden Bandes weitere "doxa" der Karikaturforschung in Zweifel zögen: So würden sie Karikatur nicht als der Hochkunst prinzipiell entgegengesetzt begreifen, diese nicht grundsätzlich als Ausdruck freiheitlich-demokratischer Bestrebungen sehen, sie auch nicht generell als einfache und überzeugende Form der Kommunikation verstehen. Für all diese Forschungstendenzen bieten die Beiträge des in Rede stehenden Bandes ohne Zweifel anschauliche Belege; jedoch muss die Bemerkung erlaubt sein, dass all diese Einsichten so neu nicht sind. Dafür steht nicht zuletzt ein Teil der Beiträger mit ihren wissenschaftlichen Œuvres ein; davon legt auch die ausführliche Biografie am Ende des Bandes Zeugnis ab.

Als etwas zu prätentiös ist auch eine letzte Ankündigung Porterfields zu bewerten: dass mit den Beiträgen des in Rede stehenden Bandes endlich die Dominanz der englischen Karikaturproduktion in der wissenschaftlichen Betrachtung gebrochen würde. In der Tat ist es so, dass die englische Bildsatire und Karikatur von Hogarth bis zu Gillray und den Cruikshank in der Forschung besondere Aufmerksamkeit genießen und die kontinentale Produktion (und eben auch die französische vor ca. 1830) dahinter zurücksteht. Notwendigerweise ergibt sich dadurch ein verzerrtes Bild, bei dem vor allem die in technischer und inhaltlicher Hinsicht exzeptionellen Arbeiten Gillrays fälschlicherweise für das Ganze einstehen. Wesentliche Aspekte wie die Fortführung hergebrachter Bildtraditionen, die Massenhaftigkeit der Produktion bei einer gewissen Gleichförmigkeit, der sehr unterschiedliche inhaltliche Anspruch der Karikatur um 1800 sowie die nicht-englische und nicht unter englischem Einfluss operierende Produktion geraten zwangsläufig aus dem Blick. Dass aber auch im vorliegenden Band ein besonderer Akzent auf dem Werk Gillrays liegt, könnte man als Ironie des Materials bezeichnen, zeigt es doch nur, dass sich gute wissenschaftliche Vorsätze angesichts des Sogs, der von künstlerischer Qualität auszugehen scheint, nur bedingt Geltung verschaffen konnten. Vielleicht bedeutet diese Akzentuierung aber auch nur die Bekräftigung der historischen Tatsache, dass Gillray in der Zeit um 1800 eine Figur von überragendem Einfluss darstellt.

Der von Porterfield herausgegebene Band, dessen Ziel ein "newly faceted image of caricature's greatest period" (2) ist, stellt sich der Aufgabe, solche historischen Tatbestände zu (re-)konstruieren, im Großen und Ganzen sehr überzeugend, reiht sich vergleichbaren Unternehmungen aber eher ein, als dass er sich davon abhöbe.

Claudia Hattendorff