Rezension über:

Franziska Torma: Turkestan-Expeditionen. Zur Kulturgeschichte deutscher Forschungsreisen nach Mittelasien (1890-1930) (= 1800/2000 Kulturgeschichten der Moderne), Bielefeld: transcript 2011, 282 S., zahlr. s/w-Abb., ISBN 978-3-8376-1449-7, EUR 34,80
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Rezension von:
Claudia Moisel
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Claudia Moisel: Rezension von: Franziska Torma: Turkestan-Expeditionen. Zur Kulturgeschichte deutscher Forschungsreisen nach Mittelasien (1890-1930), Bielefeld: transcript 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 1 [15.01.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/01/18525.html


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Franziska Torma: Turkestan-Expeditionen

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Die Geschichte von der Entdeckung der Bergwelt Turkestans durch deutsche Hochgebirgsforscher, Orientalisten und Alpinisten hat lange auf ihre Erforschung warten müssen. Jetzt liegt mit der Münchner Dissertation von Franziska Torma eine sorgfältig recherchierte und zudem gut lesbare Untersuchung vor, welche kulturgeschichtliche Perspektiven auf deutsche Forschungsreisen nach Mittelasien in den Jahren 1890 bis 1930 entwirft. Torma geht der Frage nach, welche neuen Einsichten die Geschichte der Mittelasien-Expeditionen über das Kaiserreich und die Weimarer Republik vermitteln (13). Dass ihr umfangreiches Quellenverzeichnis ausschließlich Bestände in deutschen Archiven verzeichnet, darunter eine große Anzahl von bisher kaum erschlossenen Nachlässen, scheint unter dieser spezifischen Fragestellung legitim.

Torma benennt postkoloniale Theorien einleitend als Quelle der Inspiration, ohne die von Autoren wie Edward Said vorgelegten Interpretationsmuster für ihre Suche nach Turkestan unhinterfragt zu übernehmen. Sie identifiziert koloniale Strategien im Imaginationshaushalt ihrer Protagonisten, gesteht zugleich der deutschen Faszination für den mittelasiatischen Raum einen kaum quantifizierbaren, aber vermutlich nicht unerheblichen Eigensinn zu. Ambivalenz und Vielfalt sind zentrale Schlüsselbegriffe der neuen Kulturgeschichte, die auch hier vielfältig zum Einsatz kommen. Neben dem Alpinisten und Forschungsreisenden Willi Gustav Rickmer Rickmers geraten Orientalisten, Reiseschriftsteller, Geografen und Legationsräte in den Fokus der Autorin. Als "bürgerlich, weiß und männlich" charakterisiert Torma nicht nur die Protagonisten der Turkestan-Expeditionen, sondern auch ihr bildungsbürgerliches Publikum im Deutschen Reich (20).

Torma hat sich gegen einen biographischen und für einen systematischen Zugriff auf Turkestan und seine Erforscher entschieden (15). Nicht die Lebensgeschichten der Forschungsreisenden, sondern "allgemeine Muster und verbindende Strukturen der Turkestan-Expeditionen" gliedern die Arbeit (18): Torma unterscheidet geografische und alpinistische Hochgebirgsexpeditionen sowie archäologische und nostalgische Forschungsreisen im Kaiserreich von militärischen Expeditionen im Ersten Weltkrieg, wirtschaftspolitisch motivierten Reisen und Großforschungsprojekten der Weimarer Zeit (18).

Im ersten Kapitel untersucht die Autorin zunächst vier Hochgebirgsexpeditionen in den Jahren 1882 bis 1908 und analysiert die Entdeckung der Bergwelt Turkestans an der Schnittstelle von Auslandsalpinismus und Hochgebirgsforschung. Zwar hätten geografische und landeskundliche Fragestellungen die Planung und Durchführung dieser frühen Entdeckungsreisen bestimmt, zugleich seien "imaginative Geografien" (45) handlungsleitend gewesen. Die Vorstellung vom Berg als "Fluchtraum" und die Suche nach den letzten "weissen Flecken" (52) interpretiert Torma als spätromantische Zivilisationskritik.

Mit den "Turfan-Expeditionen" steht im zweiten Kapitel die archäologische Forschung im Mittelpunkt, deren kulturimperialistische Ambitionen kritisch hinterfragt und bewertet werden: "Archäologische Forschung ist ohne Frage eine Form kulturimperialistischer Machtpolitik." (59) Die vom Berliner Museum für Völkerkunde in den Jahren 1902 bis 1914 organisierten Expeditionen zu den Oasen der zentralasiatischen Wüste Taklamakan lassen sich ohne Zweifel als Raubzüge beschreiben. Sollten hier Ambivalenzen möglich sein, so hat Torma diese zumindest nicht in den Blick genommen.

Abenteuer und Nostalgie identifiziert Torma dagegen in den Reiseberichten von Willi Rickmers, die im dritten Kapitel in ihren spezifischen Aussagen über Raum- und Zeiterfahrungen analysiert werden. Die Orientpolitik des Auswärtigen Amts im 1. Weltkrieg wird im vierten Kapitel als deutsch-muslimische Verflechtungsgeschichte erzählt. Im fünften Kapitel vermisst Torma den zeitgenössischen Diskurs der selbsternannten "Wirtschaftspioniere" im Auswärtigen Amt und interpretiert deutsche Wirtschafts- und Siedlungsprojekte in Turkestan als postkoloniale Fantasie (169).

Das sechste Kapitel schließlich ist der "Suche nach Neuland" und damit der größten und spektakulärsten Expedition gewidmet, die der vorliegende Band versammelt: die deutsch-sowjetische Alai-Pamir-Expedition von 1928. Die internationale Forschungsreise auf das "Dach der Welt", finanziert unter anderem von der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft und vom Alpenverein, aber auch von einer Reihe privatwirtschaftlicher deutscher Firmen gesponsert, interpretiert Torma als Versuch, die Natur- und Kulturräume des Pamir in das Koordinatensystem der europäischen Wissenschaft zu integrieren und zugleich Deutschlands Identität als global agierende Kulturnation zu festigen: "Erforschung bedeutete, die irrationalen Geschichten durch eine rationale Landesbeschreibung abzulösen." (188). Eindrucksvoll analysiert Torma die ambivalenten Erfahrungen der Expeditionsteilnehmer, welche das gewachsene Interesse an Rationalisierungsmethoden und modernen Planungsstrategien für das Großforschungsprojekt ebenso einschließen konnten wie die Suche nach alternativen Lebensformen. Die auf Zeit geschlossene Expeditionsgemeinschaft beschreibt Torma als spezifischen Erfahrungsraum und "Experimentierfeld alternativer Gemeinschaftsformen" (206).

Nach der Bedeutung Turkestans für die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts fragt Torma in ihrem Schlusswort, welches die inzwischen klassische Frage nach Brüchen und Kontinuitäten der deutschen Geschichte aus der Perspektive der Expeditionen beleuchtet (233). Intensiv setzt sich Torma an dieser Stelle noch einmal mit Detlev Peukerts "klassischer Moderne" [1] auseinander, um die Anwendbarkeit des Konzepts auf eine Geschichte der Turkestan-Expeditionen abschließend zu verneinen. Ihr Schlusswort liest sich über weite Strecken als ein Plädoyer für die "lange Jahrhundertwende" [2], die in ihrer Darstellung mit dem Jahr 1928 zu Ende geht. Während Peukert eine Vorgeschichte der nationalsozialistischen Zeit vorgelegt habe, möchte Torma die Weimarer Zeit als transnationalen Möglichkeitsraum mit offenem Zukunftshorizont neu interpretiert wissen (214).

Wenn Torma sagen möchte, dass Peukert es versäumt hat, in seiner inzwischen als "Klassiker der Zeitgeschichte" gehandelten Darstellung Turkestan in den Blick zu nehmen, dann ist das zutreffend. Und wenn sie darauf beharrt, dass dieses Versäumnis zu bedauern ist, weil die Geschichte der deutschen Forschungsreisen ein ganzes Bündel an Bilderwelten und Vorstellungshaushalten, an kolonialen Fantasien und wirtschaftspolitischen Ideen erschließt, die für das frühe 20. Jahrhundert charakteristisch sind, dann hat sie dafür überzeugende Argumente vorgelegt. Ob damit zugleich der Beweis geführt ist, dass die "Krisenjahre der Moderne" als heuristisches Instrument unbrauchbar sind, mag dahingestellt sein. Peukerts Buch ist inzwischen 25 Jahre alt, zu seiner Zeit war das Buch aufregend und neu.

Wichtiger und zentraler scheint Tormas Erkenntnis, dass die Erschließung der letzten "weissen Flecken" auf der Landkarte um 1900 abgeschlossen sein mochte, Entdeckungsreisen jedoch noch viele Jahrzehnte lang "ein fester Bestandteil des Imaginationshaushalts und des kulturellen Repertoires europäischer Gesellschaften" blieben (216). Aus diesem Blickwinkel scheint Turkestan nach der Lektüre der mehr als 200 Seiten ein sehr viel weniger entlegener Ort, als das der Leser zunächst annehmen mochte.

Abenteuer- und Reiseliteratur beflügelte allerdings auch in den fünfziger Jahren noch die Fantasie der Bundesbürger. Auch die von Torma selbst aufgezeigten personellen Kontinuitäten weisen weit über das Jahr 1930 hinaus und lassen vermuten, dass mit der vorliegenden Studie ein wichtiges Forschungsfeld der deutschen Zeitgeschichte vielmehr erstmals erschlossen und vermessen als bereits abschließend behandelt worden ist. Torma benennt mit dem nationalkonservativen Diplomaten und Orientexperten Otto Werner von Hentig, der 1915/16 mit einem indischen Prinzen über das Dach der Welt nach Kabul reiste (124f.) und im Nationalsozialismus Planungen für eine panturanische Bewegung im Kampf gegen die Sowjetunion unterstützte (221) einige wichtige Verbindungslinien in die Bundesrepublik, ohne diese im Rahmen ihrer Arbeit näher ausführen zu können. Gleiches gilt für den renommierten und dezidiert antikommunistischen Russlandforscher Gerhard von Mende, der Turkestan erforschte und seine im Reichsministerium für die besetzen Ostgebiete begonnene Karriere an der Bundeszentrale für politische Bildung fortsetzte (223).

Das eingangs benannte Versprechen mit einer Geschichte der Turkestan-Expeditionen zentrale Einsichten zu vermitteln über "die Selbstverständigungsdebatten der deutschen Gesellschaft in einer Zeit der Veränderungen und des weltweiten Wandels" (13) hat Franziska Torma überzeugend eingelöst. Zu zeigen, dass es von der Turkestan-Faszination der langen Jahrhundertwende zur Ostraumpolitik der nationalsozialistischen Zeit ein weiter, keineswegs zwingender und alles andere als geradliniger Weg war, ist ihr ein Anliegen (222). Nostalgie und Fortschrittsoptimismus, Abenteuerfantasien und Erschließungsutopien verdichteten sich in den Reisen nach Mittelasien in spezifischer Weise. Die Suche nach den utopischen Orten des Kaiserreichs und der Weimarer Republik führt nach Turkestan.


Anmerkungen:

[1] "Es scheint daher auch im kulturellen Bereich angemessen zu sein, als klassische Moderne die gesamte Epoche von den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts bis zu den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts anzusehen und innerhalb dieser Epoche die Zeit der Formierung bis zum Ersten Weltkrieg von der darauffolgenden Zeit der Ausgestaltung und Krise zu unterscheiden." Vgl. Detlev Peukert: Die Weimarer Republik, Frankfurt/M. 1987, 166.

[2] Vgl.: Arnold Boecklin and the Problem of German Modernism, in: Germany at the Fin de Siècle: Culture, Politics and Ideas, ed. by Suzanne Marchand / David Lindenfeld, Baton Rouge 2004.

Claudia Moisel