Rezension über:

Manar Hammad: Palmyre. Transformations urbaines. Développement d'une ville antique de la marge aride syrienne (= Librairie de l'architecture et de la ville), Paris: Librairie Orientaliste Geuthner 2010, XXVIII + 180 S., zahlr. Abb., ISBN 978-2-7053-3834-3, EUR 52,00
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Rezension von:
Julia Hoffmann-Salz
Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Julia Hoffmann-Salz: Rezension von: Manar Hammad: Palmyre. Transformations urbaines. Développement d'une ville antique de la marge aride syrienne, Paris: Librairie Orientaliste Geuthner 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 12 [15.12.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/12/20509.html


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Manar Hammad: Palmyre

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Manar Hammad legt mit dem Band Palmyre. Transformations urbaines den Versuch vor, eine umfassende Siedlungs- und Nutzungsgeschichte von Stadt und Oase von Palmyra von Beginn der Besiedlung bis ins islamische Mittelalter zu liefern. Eine solche Synthese ist schon lange ein Desiderat der Forschung und so ist es umso dankenswerter, dass sich endlich jemand dieser sehr schwierigen Aufgabe zugewandt hat. Denn zusammenhängende erzählende Quellen zur Geschichte der Oase existieren nicht; die epigrafischen Zeugnisse erlauben zwar einen Einblick in wichtige Aspekte des politischen, sozialen und ökonomischen Lebens der Stadt, können aber kaum für die Frage nach den Entwicklungsstadien der urbanen Siedlung genutzt werden. Man ist also im Wesentlichen auf die Erkenntnisse der Archäologie angewiesen. Doch trotz der langjährigen archäologischen Forschungen war es bislang schwierig, über den Einzelbefund hinaus eine kohärente Siedlungs- und Nutzungsgeschichte Palmyras zu fassen. Eine solche Geschichte dennoch zu schreiben ist daher ein mutiges Unterfangen.

Nach einer ersten Einführung in die naturräumlichen Bedingungen der Oase rekonstruiert Hammad im ersten Teil die urbane Entwicklung der antiken Stadt Palmyra, bei der er insgesamt sieben Phasen ausmacht. Dabei betont er insbesondere, dass Palmyra in seinen frühen Phasen als eine multipolare Siedlung begann, die erst im Laufe der Zeit zu einer geschlossenen Stadtanlage zusammenwuchs. Mit der ersten Phase bezeichnet er eine erste Besiedlung des Areals des späteren Bel-Tempels in der Bronzezeit. In der zweiten Phase folgte dann eine weitere Siedlung um den Baalshamin-Tempel ab ca. 140 v. Chr. Parallel dazu sei mit Phase drei um das Arsu-Heiligtum ebenfalls eine Siedlung entstanden. Diese deckt sich mit dem durch den Ausgräber Schmidt-Colinet "Hellenistische Stadt" getauften Gelände im Süden der späteren "römischen" Stadtanlage. In Phase vier sei um die Zeitenwende ein weiterer Siedlungskern um das Nabu-Heiligtum gewachsen. Ab ca. 130 n. Chr. habe sich dann in Phase fünf das Siedlungsgebiet um den Balshamin-Tempel deutlich erweitert und umfasste nun das Areal der "römischen Stadt" wie sie aus Publikationen zu Palmyra bekannt ist. Mit Phase 6 ab ca. 290 n. Chr. habe die Stadt innerhalb der Diokletianischen Stadtmauer ihre größte bauliche Geschlossenheit erreicht, bevor dann der Niedergang einsetzte und in Phase sieben ab 746 n. Chr. nur noch der Temenos-Bereich des Bel-Tempels besiedelt war. Jede dieser Phasen wird neben einem religiösen Zentrum einer spezifischen Wasserversorgung, einer Position innerhalb des naturräumlichen Reliefs und einer Zeitstellung zugeordnet. Seine Rekonstruktion der Besiedlungsgeschichte stellt Hammad in einem Zwischenfazit den auf den politischen Status ausgerichteten Überlegungen von H. Seyrig zur Periodisierung der palmyrenischen Geschichte entgegen und sieht hier eine deutliche Übereinstimmung (68): Die von Seyrig rekonstruierte Periode eins der Palmyrenischen Geschichte als unabhängige Siedlung ab ca. 41 v. Chr. decke sich mit den Siedlungsphasen zwei und drei, die Periode zwei Seyrigs mit dem Statuswechsel Palmyras zur tributpflichtigen Stadt ab ca. 13/17 n. Chr. mit der Siedlungsphase vier. In den weiteren drei Perioden Seyrigs mit dem Aufstieg Palmyras zur freien Stadt, dann römischen Kolonie und schließlich politischen Unabhängigkeit bis zur Rückeroberung zwischen 131 und ca. 260 n. Chr. sieht er die Entsprechung zur Siedlungsphase fünf. Mit Phase sieben könne die Zeit Palmyras als spätantike Garnisonsstadt parallelisiert werden.

Im zweiten Teil widmet sich Hammad der Peripherie Palmyras. Hier liefert er die erste umfassende Synthese der bisherigen Erkenntnisse zu Wasserversorgung und Nutzungsgeschichte der Oasengärten, deren Phasen er ebenfalls zu rekonstruieren sucht. Dabei kann er alle bislang verfügbaren Informationen zur Oase und eigene Anschauung nutzen, um diesen unverständlicherweise bislang völlig vernachlässigten Aspekt der Raumgeschichte Palmyras zu beleuchten. Es folgen Teile zu den Nekropolen, Verteidigungsanlagen und Grenzen der Stadt. Letzteres Teilkapitel untersucht dabei auch die semantische Artikulation Palmyras durch die Prozession zu Ehren von Akītu. An der von ihm rekonstruierten Route dieser Prozession und deren Veränderung im Laufe der Zeit lassen sich erneut die von Hammad aufgezeigten Phasen der Besiedlung, ebenso wie deren Konzentration auf bestimmte religiöse Zentren ablesen.

Ein letzter Teil fragt nach "Les connexions de Palmyre" und verortet die Stadt im Netz ihrer Außenanbindungen. Hammad gelingt es überzeugend, die durch die naturräumlichen Gegebenheiten bedingten Verkehrsverbindungen zu rekonstruieren. Dabei wird besonders deutlich, dass Palmyra am Kreuzungspunkt verschiedener Routen aus allen Himmelsrichtungen liegt, die nur hier das natürliche Hindernis der die Stadt umgebenden Bergketten durchbrechen können. Ein weiterer Teil des Kapitels widmet sich der im Norden der Stadt ausgemachten Zone des Karawanenaustausches, deren archäologische Erfassung sich bislang meist auf Luftbildaufnahmen beschränkte. Daraus ergeben sich im Folgenden Überlegungen zu möglichen Vororten Palmyras, also nicht systematisch als Stadtteile angelegte Nutzungsräume, die sich durchaus zu regulären Stadtvierteln entwickeln konnten. Das Kapitel schließt mit Fragen nach den Zugängen zur Stadt durch feste Punkte wie Stadttore etc. und deren innerstädtischen Entsprechungen in Straßen und Kommunikationsachsen.

Da es zu der Mehrzahl der von Hammad angesprochenen Fragen nur sehr dürftiges Quellenmaterial gibt, ist er immer wieder auf einen deduktiven Ansatz angewiesen. Dabei erweist sich seine Argumentation als in ihrer Logik bestechend - allein an "harten Fakten" beweisen kann er seine Thesen nicht. Dieses methodische Problem durchzieht den gesamten Band und wird auch vom Autor offen angesprochen. So verweist er immer wieder darauf, dass seine Überlegungen etwa "un travail déductif" seien, "dont les résultats sont approximatifs" (84) etc. Völlig spekulativ sind seine Überlegungen jedoch nicht, da er sie immer wieder an belegbare Erkenntnisse aus der Geomorphologie Palmyras und seiner Umgebung anbindet und so in einen nachvollziehbaren Rahmen stellt. Seine Argumentation wird außerdem durch zahlreiche teils spektakuläre Fotos Palmyras und seiner Oase sowie ältere und neuere Karten, Pläne und Luftaufnahmen unterstützt, die den Band auch optisch lohnenswert machen. So preist der Verlag das Buch zu Recht als "un album de belles images et [...] un livre d'archéologie" an.

Obwohl die Rekonstruktionen des Autors dabei im Laufe des Buches eine geradezu hypnotische Überzeugungskraft entwickeln und man immer wieder zustimmen möchte, dass etwas "logiquement postérieur" (24) oder "très probable" (148) ist, so würde man sich doch für die Zukunft eine für den akademischen Gebrauch belastbarere Beweislage wünschen. Es steht zu hoffen, dass die Situation am Ort selbst eine weitere intensive archäologische Erforschung bald wieder möglich macht. Schon jetzt ist aber das Werk von Hammad der einzige ernstzunehmende Versuch einer umfassenden Synthese bisheriger Erkenntnisse, um den weitere Arbeiten zu Palmyra nicht herumkommen werden.

Julia Hoffmann-Salz