Rezension über:

Hadumod Bußmann: "Ich habe mich vor nichts im Leben gefürchtet". Die ungewöhnliche Geschichte der Therese Prinzessin von Bayern 1850-1925, München: C.H.Beck 2011, 346 S., 51 s/w-Abb., 4 Kt., ISBN 978-3-406-61353-1, EUR 24,95
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Rezension von:
Karina Urbach
Institute of Historical Research, London
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Karina Urbach: Rezension von: Hadumod Bußmann: "Ich habe mich vor nichts im Leben gefürchtet". Die ungewöhnliche Geschichte der Therese Prinzessin von Bayern 1850-1925, München: C.H.Beck 2011, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 12 [15.12.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/12/19335.html


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Hadumod Bußmann: "Ich habe mich vor nichts im Leben gefürchtet"

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In Großbritannien lief unlängst eine Fernsehdokumentation mit dem Titel: "Als Banker noch gut waren". Im Mittelpunkt standen nicht die besseren Geschäftsmethoden von Bankiers des 19. Jahrhunderts, sondern ihre philanthropische Arbeit. Bedeutende viktorianische Bankiersfamilien spendeten einen Großteil ihres Vermögens an Wohltätigkeitsorganisationen - eine Tradition, die bedauerlicherweise nicht fortgesetzt wurde.

Zwischen Bürgertum und Adel entstand im 19. Jahrhundert ein Wettrennen der Wohltätigkeit. "Als der Adel noch gut war", könnte daher der Titel der vorliegenden Biografie lauten. Es geht hier um die Zeit vor 1918, bevor Teile des deutschen Adels mit den Nationalsozialisten ihre jeweiligen "Arrangements" trafen.

Die Heldin dieses Buches ist eine Prinzessin aus dem Hause Wittelsbach, Therese Prinzessin von Bayern (1850-1925). Es ist ein großes Verdienst der Literaturwissenschaftlerin Hadumod Bußmann an diese Frau zu erinnern.

Frauen in der Wissenschaft haben es bis heute bekanntermaßen nicht leicht, aber im 19. Jahrhundert waren sie völlig auf sich allein gestellt. In Bayern ermöglichte es 1903 Thereses Vater, Prinzregent Luitpold, dass Frauen sich ordentlich immatrikulieren konnten. Der Lebensweg seiner Tochter lieferte für diese Entscheidung ein gutes Argument - Therese war in jeder Hinsicht eine Gegenfigur zu ihrer Verwandten, der egomanischen Sissy, Kaiserin von Österreich.

Schon als Kind war Therese sprachbegabt und las alle verfügbaren Natur- und Reisebeschreibungen. Trotz anfänglicher Skepsis des Vaters erkämpfte sie sich sukzessive Reisen nach Tunis, Russland und Südamerika. Ihre ersten Notizen über die Tunisreise 1875 waren jedoch alles andere als vielversprechend. Sie zeigte sich als Rassistin ihrer Zeit und notierte, dass "Negerweiber zu dem hässlichsten, was die Natur in dieser Hinsicht hervorgebracht hat (gehören)" (90).

Das Niveau bessert sich im Laufe der Jahre. Thereses Stärke lag sicher nicht in der Beschreibung von Menschen, sondern in der Analyse exotischer Pflanzen und Tiere. Ihr Ziel war es, neben wissenschaftlichen Veröffentlichungen "möglichst viel botanische, zoologische, anthropologische und ethnographische Gegenstände für die bayerischen Staatsmuseen aufzuspüren" (136). Von ihrer zweiten Südamerikareise brachte sie 429 Pflanzenarten und 929 Tierarten mit, deren Bestimmung in den darauffolgenden Jahren 70 Wissenschaftler beschäftigte.

Neben den Reisebeschreibungen nimmt Thereses Privatleben in diesem Buch einen breiten Raum ein. Bußmann zeigt die engen Frauenfreundschaften Thereses, stellt aber nicht die Frage, ob diese gelegentlich stark schwärmerischen Beziehungen nur platonischer Natur waren. Therese suchte sich - sicher unbewusst - einen unerreichbaren Mann als Lebensliebe aus - ihren geisteskranken Cousin Otto I. Die beiden verband in ihrer Jugend eine Art Seelenverwandtschaft, die vergleichbar ist mit der zwischen seinem Bruder Ludwig II. und Kaiserin Elisabeth. Bußmann räumt selbst ein, dass die Liebe zu Otto "unglaubwürdig" erscheint, hinterfragt sie aber nicht. Otto zu "lieben" war für Therese wohl auch ein Mittel, um ihre Freiheit zu bewahren und einer Ehe zu entgehen.

War Therese also eine Vorläuferin des Feminismus, eine Intellektuelle, die ständig neue Herausforderungen suchte, oder begab sie sich auf diese Reisen, um der Enge ihrer Umgebung zu entkommen?

Exotische Orte verschafften ihr in erster Linie ungeahnte Freiheiten. In München durfte sie ohne die Begleitung von Lakaien nicht einmal den Odeonsplatz überqueren. In Brasilien marschierte sie frei von allen Konventionen durch die gefährlichsten Gegenden. Während das Hofleben sie kränkeln ließ, ertrug sie auf ihren Reisen klaglos Lungenentzündung und Entbehrungen jeglicher Art.

Eine Feministin war sie sicher nicht, aber sie wurde trotzdem ein Vorbild für Frauen. 1892 ernannte man sie als erste Frau zum Ehrenmitglied der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften. 1897 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der LMU, die sie hundert Jahre später zur Namensgeberin für die Stiftung zur Förderung von Frauen machen sollte. Selbst nachdem 1918 der Adelsbonus verfiel, bekam die Autodidaktin weiterhin die Anerkennung von Wissenschaftlern.

H. Bußmann hat für diese Biografie unter anderem Zugang zum Geheimen Hausarchiv der Wittelsbacher erhalten und zitiert ausführlich aus dem Nachlass Thereses. Das ist sicherlich ein Gewinn, denn Therese reflektiert in ihren Tagebüchern schonungslos über sich selbst - ihre Depressionen, ihre Schüchternheit und ihre Minderwertigkeitsgefühle. Aufgrund des guten Quellenmaterials entwickelt Bußmann jedoch gelegentlich einen Tunnelblick. Sie will ihre Heldin als etwas Einmaliges darstellen und vernachlässigt dabei den Kontext. Adels- und Wissenschaftshistoriker haben sich auf internationaler Ebene mit diesem Typ Frau schon seit längerer Zeit beschäftigt. Therese war Teil einer allgemeinen Bewegung, die adeligen und großbürgerlichen Frauen im 19. Jahrhundert neue Möglichkeiten bot. Diese Emanzipation ging von Großbritannien aus, womit wir wieder bei den "guten" viktorianischen Bankern wären. Sie und ihre reichen Ehefrauen wollten soziale Nützlichkeit demonstrieren. Dies resultierte nicht nur in Wohltätigkeitsarbeit vor Ort sondern auch in der Unterstützung von Forschungsreisen. Es waren forschungsbegeisterte viktorianische Frauen, die als Erste ihre Reisetagebücher aus dem Empire veröffentlichten und Material für große Naturkundesammlungen herbeischafften. Diese Vorbilder müssen auch für Therese eine Rolle gespielt haben. Ihre engste Freundin, die bayerische Lady Charlotte Blennerhassett, war mit einem Iren verheiratet, und lebte zeitweise in London. Bußmann beschreibt, wie viel Einfluss diese Frau auf Therese hatte, stellt aber den Kulturtransfer nicht her.

Biografien sollten keine Liebeserklärungen sein. Dieses Buch begibt sich - trotz all seiner Meriten - in einen Grenzbereich. Das ist schade, denn "man merkt die Absicht und man ist verstimmt".

Karina Urbach