Rezension über:

Herbert Heftner: Alkibiades. Staatsmann und Feldherr (= Gestalten der Antike), Darmstadt: Primus Verlag 2011, 240 S., 4 Kt., ISBN 978-3-89678-732-3, EUR 29,90
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Rezension von:
Cynthia Göschel
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Cynthia Göschel: Rezension von: Herbert Heftner: Alkibiades. Staatsmann und Feldherr, Darmstadt: Primus Verlag 2011, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 11 [15.11.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/11/20483.html


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Herbert Heftner: Alkibiades

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Der Peloponnesische Krieg steht im Mittelpunkt vieler Monographien. Vor allem den Protagonisten der athenischen Seite wurde in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit geschenkt. [1] Alkibiades, der Staatsmann und Feldherr, der die Politik seit dem Jahr 420 bis zum Ende des Krieges mitbestimmte, wurde in der Forschung jedoch fast nur in einschlägigen Fachzeitschriften mit unterschiedlichen Fragestellungen behandelt. Zweifellos bildet die nun vorgelegte, in der Reihe "Gestalten der Antike" erschienene Biographie von Heftner eine Ausnahme in der deutschsprachigen Forschung. [2] Heftners Ziel ist es 'Alkibiades' Leben und seine Politik im Kontext der Ereignisse des fünften Jahrhunderts vor Christus nachzuzeichnen (9).

Um das bewegte und faszinierende Leben des Politikers Alkibiades im Zusammenhang des Krieges darzustellen, gliedert Heftner sein Werk in vier Abschnitte. Zunächst beleuchtet er die Kindheit und Jugend des Alkibiades und seine ersten politischen Prägungen (11-40). Mit episodenhaften Erzählungen von Plutarch versucht der Autor das Wesen des jungen Alkibiades einzufangen und charakterisiert ihn als einen "extrem willensstarken und weit über das normale Maß hinaus von sich eingenommenen jungen Aristokraten [...]" (16). Diese Charakterstudie erweitert Heftner um einen interessanten Aspekt. Er setzt Alkibiades' Lebensabschnitt der Jugend in den Kontext der kulturellen Vermächtnisse der Zeit. Er geht nicht nur auf die Wirkung des mächtigen Athener Bauprogramms auf der Akropolis und des intellektuellen und literarischen Lebens in den 430er Jahren ein. Es ist vor allem die Beziehung zwischen Alkibiades und Sokrates, die Heftner genauer analysiert. Er bestätigt eine zeitweilige engere Beziehung (25), plädiert jedoch dafür, der Beziehung als auch der Wirkung und dem Einfluss des Philosophen auf Alkibiades nicht zu viel beizumessen (26). Insgesamt erhält der Leser ein anschauliches Bild der politischen Situation in Athen und des Selbstverständnisses der Athener während der Demokratie dieser Zeit (26-34). Es gelingt Heftner, sowohl die Sicht der Athener und deren Erwartungen an Alkibiades als auch die Erwartungen und Ziele des jungen Alkibiades selbst zu schildern.

Mit Beginn des Peloponnesischen Krieges, dem kurzen Aufgreifen der Frage nach der Kriegsschuld und den ersten militärischen Aktivitäten des Alkibiades schließt Hefter den ersten und leitet zum zweiten Abschnitt des Werkes über (41-116). Hier untersucht er Alkibiades' politisches Handeln vor dem Hintergrund der Ereignisse des Peloponnesischen Krieges, immer mit aller Genauigkeit und Detailkenntnis eines Biographen. Eine Zwischenbilanz über das bis dahin ereignisreiche Auf und Ab seines politischen Lebens zieht Hefter im Anschluss an den spektakulären Auftritt von Alkibiades bei den Olympischen Spielen im Jahre 416 (79-86). Er führt dem Leser die politische Situation aus der Eigenperspektive des Alkibiades heraus vor und nimmt gleichzeitig eine ausführliche Charakterisierung dieser "unter Athens Politikern [...] eindrucksvollste[n] und dynamischste[n] Erscheinung [...]" (79) vor. Auf diese Art wird dem Leser vor allem das politische Agieren von Alkibiades in den nächsten Jahren des Krieges verständlich. Bei dem Kriegszug der Athener nach Sizilien im Jahre 415 untersucht Heftner vor allem die Hintergründe der Entscheidung und interpretiert die von Thukydides dem Alkibiades und Nikias in den Mund gelegten Reden (89-98). Doch kommen der Hermen- und Mysterienfrevel, die Anfänge des Kriegszuges nach Sizilien und die Abberufung des Strategen Alkibiades von Sizilien keineswegs zu kurz.

Mit Alkibiades' Flucht von Sizilien ins Exil nach Sparta beginnt der dritte Abschnitt in Heftners Werk (117-189). Heftner kombiniert Alkibiades' Aufenthalt in Sparta mit den Geschehnissen in Sizilien. Er zeigt unter anderem Alkibiades' Bemühen auf, politischen Einfluss in Sparta zu gewinnen. Mit den treffend gewählten Überschriften "missglücktes und gelungenes Hasardspiel" schildert Heftner das mit dem Jahre 412 beginnende, spannende Taktieren Alkibiades mit den Mächten Persien, Sparta und Athen. In aller Ausführlichkeit schildert Heftner gelungen für den Leser diese einzelnen Erlebnisse des Politikers Alkibiades. Das Ende des Peloponnesischen Krieges, die Niederlage Athens, bedeutet auch das Ende des Alkibiades. 404 v. Chr. wird er im persischen Phrygien ermordet. Die unterschiedlichen Überlieferungsstränge zur Ermordung greift Heftner präzise auf. Er sieht in der Ermordung einen Auftragsmord Lysanders (186-189).

Den faszinierenden Lebensweg des Alkibiades beendet Heftner mit einem Beitrag zur Rezeptionsgeschichte im vierten Teil seiner Biographie (191-207). Er rückt das in der Forschung bestehende Bild des Alkibiades in den Mittelpunkt und stellt es kritisch zur Diskussion. Heftner nimmt sich der Frage an, ob man angesichts der "widerstreitenden Wertungen zu einer fairen Beurteilung des Alkibiades kommen [kann]" (194). Er relativiert den von Alkibiades bereits zu Lebzeiten geschaffenen Mythos des Feldherrngenies und "militärischen Übermenschen" (197). Für ihn ist er "Diplomat, Volksredner und politischer Taktiker von überragenden Fähigkeiten [...]" (197). Jedoch bleibt Heftner nicht bei der bloßen Relativierung. Er unterzieht Alkibiades auch einer ganz neuen Bewertung. Er sieht seine historische Bedeutung "weniger in irgendwelchen positiven Leistungen als [vielmehr] in seiner Funktion als markanteste Repräsentativfigur einer glanzvollen, aber labilen und in sich widersprüchlichen Epoche"(207). Wie bereits in der Genauigkeit und Detailliertheit des ganzen Buches, begründet Heftner seine Position durch präzise Analyse des Lebenslaufes und der Persönlichkeit des Alkibiades.

Mit dieser Biographie liegt eine sehr lesenswerte, in Aufbau und Argumentation schlüssige Arbeit vor. Eine große Stärke des Buches ist es, dass Heftner immer wieder versucht, sich in Alkibiades selbst hineinzuversetzen und so dem Leser die Handlungen und Entscheidungen aus der Innenperspektive seines Protagonisten im Kontext der Zeit zu präsentieren. Sehr nützlich sind die Endnoten des Buches. Mit herausragender Ausführlichkeit trägt Heftner hier die antiken Quellenbelege und die unterschiedlichen Forschungsansätze zusammen. Zu selten jedoch tritt dabei die eigene Meinung des Autors hervor. Bei Heftners Anspruch, dem Leser einen Überblick über das Leben des Alkibiades zu geben, ist dies jedoch keineswegs verwunderlich. Insgesamt leistet die Monographie zweifellos einen wichtigen Beitrag für die Alkibiadesforschung und kann daher jedem interessierten Leser empfohlen werden.


Anmerkungen:

[1] Dies zeigen besonders die Biographien zu Perikles und Nikias; siehe Linda-Marie Günther: Perikles, Tübingen 2010; Gustav Adolf Lehman: Perikles, Staatsmann und Stratege im klassischen Athen, München 2008; Norbert Geske: Nikias und das Volk von Athen im Archidamischen Krieg, Stuttgart 2005.

[2] Die letzten zu Alkibiades erschienen Monographien im deutschsprachigen Raum siehe Fritz Taeger: Alkibiades, München 1943; Herbert Werner Rüssel: Alkibiades, Berlin 1939.

Cynthia Göschel