Rezension über:

Duane R. Henderson (Hg.): Eneas Silvius Piccolomini: Dialogus (= Monumenta Germaniae Historica. Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters; Bd. 27), Hannover: Hahnsche Buchhandlung 2011, XCVIII + 240 S., ISBN 978-3-7752-1027-0, EUR 42,00
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Rezension von:
Markus Wesche
Kommission für das Repertorium "Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters", Bayerische Akademie der Wissenschaften, München
Redaktionelle Betreuung:
Claudia Zey
Empfohlene Zitierweise:
Markus Wesche: Rezension von: Duane R. Henderson (Hg.): Eneas Silvius Piccolomini: Dialogus, Hannover: Hahnsche Buchhandlung 2011, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 11 [15.11.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/11/20048.html


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Duane R. Henderson (Hg.): Eneas Silvius Piccolomini: Dialogus

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Die Eroberung von Konstantinopel Mai 1453 veränderte mit einem Schlag das Leben der Teilnehmer am politischen Kräftespiel. Einer davon war der Humanist und Bischof von Siena Eneas Silvius Piccolomini (1405-1464), seit 1442 politischer Berater am Hof des deutschen Königs und römischen Kaisers Friedrich III., bis er nach dem Tod Papst Nikolaus' V. (24.3.1455) Deutschland für immer verließ. Als Weihnachten 1453 der päpstliche Gesandte den Kaiser zum Kreuzzug aufforderte, antwortete Piccolomini in dessen Namen. Der Türkenkreuzzug blieb Piccolominis Lebensaufgabe als Papst Pius II., wenn auch ohne Erfolg. Mehr Bestand hatte ein Werk, das Piccolomini unter dem Eindruck der Hiobsbotschaften Ende 1453 bis "spätestens Frühjahr 1455" (XXI) verfasste und das in der Forschung als Dialogus de donatione Constantini oder ähnlich bekannt ist. Duane Henderson hat es nach seiner Münchner Dissertation von 2008 jetzt unter dem schlichten Gattungsnamen Dialogus - weil ohne authentischen Titel - nach der letzten Edition von 1883 erstmals kritisch und reich kommentiert herausgebracht.

Der Dialogus ist vielfach bemerkenswert: unvollendet, jedoch vom Autor publiziert; demselben Empfänger zweifach gewidmet; mit 17 noch erhaltenen Handschriften reich rezipiert. Eine autographe bzw. originale Überlieferung existiert allerdings nicht. Die beiden autornächsten Handschriften bieten keinen vom Autor kontrollierten Text, und Textzeugen seitens des Empfängers sind bislang nicht aufgetaucht. An der Frührezeption Piccolominis hatte er nicht teil, denn gedruckt wurde er erstmals im 18. Jahrhundert. Die Form ist die eines Gesprächs mehrerer Personen, eingebettet in eine Traumvision, die ins irdische Paradies führt. Einer der Teilnehmer fällt dabei gar wie durch das berühmte Kaninchenloch zwei Tigern vors Maul (19). Inhaltlich erscheint der Dialog als Potpourri disparater Themen: Kritik an der Jagd, die menschliche Willensfreiheit im göttlichen Heilsplan, der Ort des Paradieses, die Translatio imperii, ein Konzil Konstantins des Großen und seiner Nachfolger über das Schicksal Konstantinopels, die Verurteilung der "avaritia". Die historische Forschung hat damit nicht viel anfangen können und sich am ehesten mit der Ablehnung der Konstantinischen Schenkung durch Piccolomini befasst, die dieser mit historischen Argumenten für obsolet erklärt: Den Kirchenstaat haben die fränkischen Könige gemacht (76 ff.). Gegen Ende des Textes, als es endlich zum Zweck der Paradiesvision kommen soll, wird die Darstellung reichlich ausgewalzt. Der Autor hatte offensichtlich Mühe, das Werk gut disponiert zu Ende zu führen, hielt es jedoch in dieser Form dem ursprünglich vorgesehenen Empfänger für wert.

Der ist Kardinal Juan de Carvajal (1399/1400-1469), seit 1443 mit Piccolomini gut bekannt, zentrale Persönlichkeit der kurialen Diplomatie. Durch seine Legationstätigkeit in Deutschland hielt er sich immer wieder am Hof Friedrichs III. auf; nach dem Fall Konstantinopels war es sein Auftrag, den Türkenkreuzzug zu organisieren. Carvajal war Piccolominis steter Briefpartner und Empfänger der literarischen Produktion, wie aus den insistierenden Briefen des Bischofs von Siena April 1453 hervorgeht (Briefwechsel, hg. von Rudolf Wolkan, III/1, Wien 1918, S. 131, 134 , 140) - so etwas wie Piccolominis "Vorgesetzter" und sein Protektor. Als Piccolomini, seit dem 18. Dezember 1456 selbst Kardinal, seine unvollendete Schrift mitsamt seiner übrigen Habe im Frühjahr 1457 aus Deutschland erhielt (XXIII), hatte er nichts Eiligeres zu tun, als seinen Dialog dem Carvajal am 31. Mai 1457 (XXII f., anders jedoch 4 Anm. 8) zuzustellen. "Die 'Entdeckung' des unvollendeten Dialogs und die Aktualisierung der Widmung hängen wohl mit der Wiederaufnahme der Bemühungen um einen Kreuzzug gegen die Türken [...] zusammen" - so Hendersons Einschätzung (XXIII), der sich auf die scribendi causa (3 Z. 12), den Verlust Konstantinopels, stützen könnte. Doch wie weit hängt das Türkenthema mit dem Inhalt und der bizarren Struktur des Werkes zusammen?

Der Türkensieg ist nicht Gegenstand des Dialogus, sondern nur Folie für die Disputation. Deren Anführer ist der dem Autor persönlich bekannte franziskanische Volksprediger Bernardinus von Siena († 1444) im Part des weltklugen, doch unbestechlichen christlichen Sittenlehrers, während der Kurialsekretär Pietro da Noceto den bisweilen nativ argumentierenden Vertreter der weltlichen Vernunft, Piccolomini den humanistischen Gelehrten abgibt. Bernardinus ergreift gleich zu Beginn im Traumreich die Gelegenheit, dem Bischof Piccolomini sein Aufgehen in leerer weltlicher Geschäftigkeit vorzuhalten. Dieser Grundakkord bestimmt das ganze Werk: die Trennung von geistlicher und weltlicher Sphäre sowie ihre unauflösliche Symbiose. Dazu gehört auch die Diskussion über den Ort des Paradieses, das auf Erden liegt, wenn auch unerreichbar. Höhe- und Mittelpunkt des Dialogus ist die ausgiebige Erörterung des Problems der Willensfreiheit, und auch die folgenden Abschnitte des Dialogus lassen sich am roten Faden der Theodizee reihen. Die kirchenpolitisch größte Provokation liegt wohl im gewitzten Vorschlag des Bernardinus, der Christenheit sei mit einer Führung durch die - reichlich verklärte - Priesterschaft auch im weltlichen Regiment am besten gedient (93, 2).

Mit dem Dialogus holt Piccolomini nach, was bislang in seinem Œuvre fehlte: eine aus theologischen Quellen geführte Auseinandersetzung um die Grundlagen des Glaubens, seine persönlich formulierte Theodizee. Dabei war nicht Originalität der Gedanken vonnöten - im Gegenteil, vielmehr ging es um die Absolvierung eines theologischen Grundkurses, als Kenntniserweis gewissermaßen. Hier war Carvajal wohl der richtige Adressat, zwecks Weiterempfehlung: bei der ersten Widmung des Bischofs für eine höhere Würde, bei der zweiten des Kardinals für eine angemessene Platzierung im Kollegium vor einem bald absehbaren Konklave. Für den Kardinal mit Ambitionen musste der Dialogus deshalb auch in unfertigem Zustand in die Öffentlichkeit. Das Werk wird so im Oeuvre und in der Karriere Piccolominis zum theologisch-dogmatischen Scharnier zwischen den bislang verfassten historiographischen und aus der Politikberatung erwachsenen Werken und den Memoranden des Kardinals wie der Historia Bohemica und den Commentarii des Papstes, die theologische Problemstellungen in ihren Zeitbezug stellen.

Zur Beurteilung der Leistung des Piccolomini bedarf es der Leistung des Editors. Hier hat der Herausgeber durch den präzisen und umfangreichen Nachweis der Quellen, die er unter anderem aus nur handschriftlich vorliegenden lateinischen Übersetzungen griechischer Werke gezogen hat, Großes geleistet. So lässt sich die Arbeitsweise Piccolominis vorzüglich nachvollziehen. Er arbeitet grosso modo die Quellen blockartig ab, Band für Band wird aus dem Regal geholt und bald wieder zurückgestellt.

Die beiden Handschriften, die Quellen der gesamten Überlieferung, stammen aus dem Umfeld des Autors und wurden zu dessen Lebzeiten abgeschrieben. Deren Archetypus zeigt allerdings Flüchtigkeiten, die fehlende Kontrolle des Autors erkennen lassen, wie bei Verschreibungen von Eigennamen: der groteske Inventus für Iuvencus (27 w) oder Iovimanus für Iovinianus (151 b). Die Verschreibung "amisit" für "commisit" im Archetyp (169 z) lässt vermuten, dass vor dem Archetyp eine Kürzung in Form einer "9", graphisch wie "a", vorlag, wie sie in den Autographen des Autors nicht geläufig ist. Die Emendation des Archetypus ist nicht immer transparent: Es finden sich hier auch Lesarten, die nur orthographische Eigenheiten des Autors darstellen wie überflüssige oder fehlende Aspiration vor "o" (37 w, 66 f, 120 x). Ähnliches gilt für die austauschbaren Formen omnis / omnes (8 z, 24 d), die noch im Apparat vermerkt sind, obwohl sie bereits als normierte Orthographica verbucht sind. Bei Fehlschreibungen in Zitaten, die durch die Vorlagen erklärt sind, wäre besser die Autorfassung in den Text zu setzen (7 t, 30 p). Bei 24 y' ist die Lesart des Archetyps adita = adyta der Konjektur abdita vorzuziehen, ebenso bei 189 f pessumdaverit - pessumdavi gehört neben pessumdedi zum Sprachgebrauch des Autors (vgl. Enea Silvio, Historia Bohemica, hg. von D. Martínková u.a., Prag 1998, S. 96 Z. 1145). Bei einem Text, der von Hexameterschnipseln durchschossen ist, mag man gelegentlich noch Similien finden. Eine unsystematische Kontrolle ergab: 64, 6 fehlte der Nachweis Vergil, Aeneis 10,111 f. (siehe Anm. 322); 65, 3 quicquid agit mortale genus ist Seneca, Oedipus 983; 114, 24 agros frugibus aptos vgl. Claudian, In Eutropium 1,354 iam frugibus aptum / aequor; 136, 17 cognomine dignus Ovid, Ex Ponto 2,5,49; 184, 14 vgl. Vergil, Aeneis 6,93 causa mali tanti coniunx.

Solcherlei Ausstellungen treten jedoch zurück hinter der großartigen Erschließungsleistung des Herausgebers für einen lesenswerten, sogar amüsanten Text. Er ist auch sehr dem literarischen Charakter des Dialogus gerecht geworden und dazu den Vorbildern und der Gattungsproblematik des Traumdialogs nachgegangen. Ein weiterer Gewinn ist die auf den Punkt gebrachte Kommentierung, die auch Biographisches präzise erschließt. Diese Edition wird in Hinsicht der Quellen Piccolominis und der Kenntnis seines geistigen Horizonts in Zukunft ein unverzichtbarer Teil der Forschung sein, auf der jede weitere Beschäftigung mit dem Humanisten wird aufbauen müssen - ein schlagender Beweis, dass in geduldiger Arbeit am Text und an der Überlieferung oft ein größerer Erkenntnisfortschritt zu erzielen ist als durch Regale von Kongressbänden, wie dies schon an der komplexen MGH-Edition von Piccolominis Historia Austrialis durch Julia Knödler und Martin Wagendorfer (2009) zu erfahren war.

Markus Wesche