Rezension über:

Justinus Maria Calleen / Rolf Jessewitsch (Hgg.): das leben des menschen ist eingehüllt in farbe. georg meistermann zum hundertsten geburtstag, Berlin: damm und lindlar 2011, 208 S., ISBN 978-3-9812268-7-4, EUR 36,00
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Rezension von:
Stefanie Lieb
Kunsthistorisches Institut, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
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Empfohlene Zitierweise:
Stefanie Lieb: Rezension von: Justinus Maria Calleen / Rolf Jessewitsch (Hgg.): das leben des menschen ist eingehüllt in farbe. georg meistermann zum hundertsten geburtstag, Berlin: damm und lindlar 2011, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 10 [15.10.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/10/20058.html


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Justinus Maria Calleen / Rolf Jessewitsch (Hgg.): das leben des menschen ist eingehüllt in farbe

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Für den Künstler und vor allem Glasmaler Georg Meistermann (1911-1990) jährt sich in diesem Jahr 2011 sein 100. Geburtstag. Anlass genug für seine Geburtsstadt ihm zu Ehren im Kunstmuseum Solingen eine Jubiläumsausstellung zu veranstalten. Meistermann, dessen Karriere als Maler nach schwierigen Jahren der Nazidiktatur in der Nachkriegszeit begann, etablierte sich besonders auf dem Gebiet der sakralen Glasmalerei und konnte hier neue Maßstäbe setzten, die international Anerkennung fanden. Als bekannte Glasfenster Georg Meistermanns sind beispielsweise anzuführen: das große Treppenhausfenster im Kölner WDR-Gebäude von 1952, die "Sonnenspirale" in der Heilig-Kreuz-Kirche von Rudolf Schwarz in Bottrop (1957) oder der Fensterzyklus in der romanischen Kirche St. Gereon in Köln von 1980-1986.

In dem vorliegenden Ausstellungskatalog wird aber nicht in erster Linie Meistermanns kunsthistorische Bedeutung vorgestellt und analysiert - dies ist bereits durch vorhergehende Publikationen und Ausstellungen erfolgt [1] -, sondern der Künstler selbst wird hier vielmehr durch 25 sehr heterogene Beiträge von Zeitgenossen, Freunden und Familienangehörigen in seiner Persönlichkeit und Kunst- und Lebensanschauung gewürdigt. So finden sich Äußerungen von Politikern wie Willy Brandt (für den Meistermann ein umstrittenes Kanzlerporträt anfertigte), Johannes Rau und Oskar Lafontaine neben Künstlerbeiträgen von Heinrich Böll, Markus Lüpertz oder Horst Antes.

In einem aussagekräftigen Interview des langjährigen Pfarrers und Leiters der Kunststation St. Peter in Köln, Friedhelm Mennekes, mit Georg Meistermann von 1985 treten die zentralen künstlerischen sowie politischen und religiösen Anschauungen des Künstlers hervor: gedemütigt und frustriert über seine Behandlung als verfemter Künstler im Nationalsozialismus und entsetzt über die Kulturpolitik der katholischen Kirche in dieser Zeit, hält sich Meistermann mit nur kleinen Aufträgen bis zum Kriegsende über Wasser. Er bleibt jedoch in Deutschland und setzt sich nach 1945 für die Reputation der als "entartet" diffamierten Künstler ein. Gegenüber Mennekes formuliert Meistermann sein künstlerisches "Glaubensbekenntnis": Kunst sei eine Sache, die auf den Menschen bezogen ist, sie sollte deshalb wahrhaftig sein. Und Kunst und Kirche sollten die Wahrhaftigkeit und die Ehrlichkeit ihrer Werke zusammenbringen (67). Im Bezug auf die Farbe als künstlerisches Mittel sagt Meistermann: "Für mich ist die Farbe die Möglichkeit des Menschen, seine eigene Temperatur zu artikulieren, seinen eigenen Geist zu erkennen." (69)

Während die Zeitzeugnisse und unterschiedlichen Charakterisierungen des Menschen Georg Meistermanns sehr passend ausfallen und einem interessierten Leser neue Aspekte des Künstlers eröffnen, fallen die wenigen kunsthistorischen Ausführungen im Katalog eher schwach aus. Justinus Maria Calleens Interpretation des Schwebenden, des "Schwingen"- und "Flügel"-Motivs im Werk von Meistermann beginnt überzeugend auch durch die Fundierung mit Quellenzitaten seines Großvaters, endet jedoch in einer zu stark psychoanalytisch gefärbten Deutung, die mit Themen wie "Orgasmus" und "Loslassen und Festhalten" hantiert (20ff.). Die Beiträge von Inge Herold und Liane Wilhelmus zur Öl- und Glasmalerei Meistermanns erläutern die Position des Künstlers zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion in der Zeit von Informel und Abstraktem Expressionismus und arbeiten seine Bezüge zum Kubismus und Künstlern wie Hans Arp, Willi Baumeister und Joan Miró heraus. Die gestalterischen Innovationen, die Meistermann dann ab den 1950er-Jahren in der Glasmalerei umsetzte, werden zwar aufgeführt, aber zu wenig in ihren künstlerischen Dimensionen charakterisiert (48-51). Leider ist auch die Qualität der zugehörigen Abbildungen von Meistermann-Fenstern sehr unterschiedlich: einige Fotos lassen im Ausschnitt und in der Farbechtheit zu wünschen übrig.

Ein letzter Themenbereich im Katalog sei am Schluss noch erwähnt, der eher Unverständnis und Verwirrung als neue Erkenntnisse hervorruft. Es geht wohl um eine bereits mehrere Jahre andauernde Debatte über die von J.M.Calleen vorgenommene polarisierende Darstellung Georg Meistermanns als "verfemtem Künstler" im Nationalsozialismus und entsprechend dem Bildhauer Hanns Scherl aus Wittlich als "regimetreuem Nazikünstler". Die Stadt Wittlich hat 2010 diesem Künstler Scherl eine Jubiläumsausstellung zum 100. Geburtstag im Wittlicher Georg-Meistermann-Museum gewidmet - gegen den Willen der Meistermann-Erben, die versuchten, die Ausstellung durch Drohung mit einem Entzug des Meistermann-Namens für das Museum zu verhindern. Die Stadt führte die Ausstellung dann im umbenannten Museum durch. Nun kommt noch erschwerend hinzu, dass der Stiefenkel Meistermanns (und der Mitherausgeber des vorliegenden Ausstellungskatalogs), Justinus Maria Calleen, nicht nur Nachlassverwalter Meistermanns ist, sondern bis 2009 Kulturamtsleiter der Stadt Wittlich und Leiter des dortigen Georg-Meistermann-Museums war und u. a. offenbar wegen seiner Arbeit und Ausstellungspolitik seine Stelle dort verloren hat. Einem überregionalen Betrachter erscheint dies eher als Provinzposse, einem neutralen Kunsthistoriker, der sich die vermeintlichen "Nazi-Kunstwerke" Hanns Scherls anschaut, als völlig überzogene Klassifizierung. Der größte Beitrag im Katalog widmet sich leider unter dem Titel "Die unnötige Diskussion der Vergangenheit...ausgelöst von einer kleinen Clique" (90-105) dieser provinziellen "Schlammschlacht" und deren zentraler Figur J.M. Calleen. Ein Außenstehender ist davon eher peinlich berührt, der reflektierende Kunsthistoriker weiß, dass mit polemischer Schwarz-Weiß-Malerei, noch dazu aufgrund persönlicher mannigfacher Betroffenheit, noch nie eine ehrliche künstlerische bzw. kunsthistorische Aussage getroffen wurde. Nur schade für Georg Meistermann!


Anmerkung:

[1] Ausst-Kat. der Retrospektive Georg Meistermann. Reden zur Eröffnung. Josef-Haubrich-Kunsthalle Köln 1991; Justinus Maria Calleen: Georg Meistermann in St. Gereon zu Köln. Diss. Köln 1993; Liane Wilhelmus: Georg Meistermann. Das glasmalerische Werk. Diss. Saarbrücken 2011 (erscheint demnächst).

Stefanie Lieb