Rezension über:

Peter Brachwitz: Die Autorität des Sichtbaren. Religionsgravamina im Reich des 18. Jahrhunderts (= Pluralisierung & Autorität; Bd. 23), Berlin: de Gruyter 2011, 328 S., ISBN 978-3-11-025186-9, EUR 99,95
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Rezension von:
Renate Wieland
Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Renate Wieland: Rezension von: Peter Brachwitz: Die Autorität des Sichtbaren. Religionsgravamina im Reich des 18. Jahrhunderts, Berlin: de Gruyter 2011, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 10 [15.10.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/10/19868.html


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Peter Brachwitz: Die Autorität des Sichtbaren

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Die im Rahmen des Sonderforschungsbereiches 573 "Pluralisierung und Autorität in der Frühen Neuzeit" an der Ludwig-Maximilians-Universität München entstandene Dissertation beschäftigt sich mit der Frage nach Entstehung, Austragung und Funktion von Konfessionskonflikten und Religionsgravamina im Alten Reich des 18. Jahrhunderts. Ausgehend von ihrer "medialen Sichtbarkeit" werden diese praktisch ausschließlich von protestantischer Seite formulierten Religionsbeschwerden primär unter einer kommunikationsgeschichtlichen Fragestellung untersucht. Die Arbeit nähert sich dem Themenkomplex dabei auf fünf Ebenen: Der erste Hauptteil bietet eine medienhistorische Analyse der bis weit über die Mitte des 18. Jahrhunderts protestantisch dominierten Reichspublizistik, die für Etablierung und Verbreitung der evangelischen Interpretation der Konfliktlagen verantwortlich war (Kapitel 2). Brachwitz zeigt, wie die Zeitungen ihre Berichterstattung großenteils aus der Kompilation der vom Corpus Evangelicorum herausgegebenen Drucksachen speisten. Diese Berichterstattung fand wiederum in den politisch-historischen Zeitschriften wie der Europäischen Staats-Canzley ihren Niederschlag und war dort jederzeit abrufbar, da diese Zeitschriften den Protestanten als Wissensspeicher und "Archivsubstitut" dienten.

Der Erklärung des völligen Verzichts auf Mediennutzung auf der katholischen Seite widmet sich der folgende Teil der Arbeit (Kapitel 3). Die auffällige Medien-Abstinenz sowie die ostentative "Nicht-Organisation" der katholischen Partei am Reichstag wird als "Invisibilisierungsstrategie" interpretiert, die sich im Laufe des 18. Jahrhunderts etablierte. Wie sehr das Bild zweier konfessioneller Corpora am Reichstag sich aber - der katholischen Ablehnung zum Trotz - durch die protestantische Reichsstaatsrechts-Publizistik eingegraben hat, zeigt Brachwitz anschaulich an den Arbeiten von Moser und Pütter. Dass die Erklärung für den ganz unterschiedlichen Umgang mit der Konfessionsproblematik in der gegensätzlichen Haltung zur Legitimität konfessioneller Corpora (96) - oder anders gesagt in der jeweils spezifisch katholischen beziehungsweise protestantischen Interpretation der nachwestfälischen Reichsverfassung liegt, ist schlüssig, es handelt sich dabei aber um kein neues Forschungsergebnis.

Unter dem Titel "Reichswahrnehmungshorizont" (Kapitel 4) wird untersucht, wie sich im 18. Jahrhundert das Corpus Evangelicorum als entscheidende Institution für die Austragung konfessioneller Konflikte auf Reichsebene etablierte. Dargelegt wird die Formierung dieser Institution in der Folge des Badischen Friedens und der Pfälzer Religionswirren um 1720 - ein ebenfalls von der bisherigen Forschung nahegelegter Schluss, dessen Nachvollziehbarkeit durch die zum Teil wirre und sprunghafte Beschreibung der politischen Rahmenbedingungen dieser Phasen erschwert wird. Schließlich konstatiert Brachwitz, mit der Regierungszeit Josephs II. und dessen Bemühungen um eine Reichsreform habe eine "Marginalisierung konfessioneller Normativität" und eine Veränderung bei der Behandlung von Religionsgravamina am Reichstag und am Reichshofrat stattgefunden, ohne dass klar wird, worin dieses "neue Verfahren" nun eigentlich bestand (Kapitel 4.4). Eine teilweise Erklärung findet der Leser schließlich im letzten Teil des Buches (277-278).

Die Kapitel zur territorialen und lokalen Ebene (Kapitel 5 und 6) widmen sich vor allem der Untersuchung von Religionskonflikten in so genannten Territoria non clausa im fränkischen Raum, also Gebieten, deren Herrschaftsrechte auf mehrere Herrschaftsträger aufgeteilt und damit häufig umstritten waren - eine reizvolle Auswahl, insbesondere um das Verhältnis von konfliktschürenden Maßnahmen der jeweiligen Landesherrschaften und die Konfliktführung vor Ort in den Blick zu nehmen. Infolge der Beobachtung, dass neben der konfessionell motivierten Solidarität auch andere "Kalküle" bei den Entscheidungsfindungen der territorialen Verwaltungen eine Rolle spielten, wird der unterschiedliche semantische Umgang mit den Beschwerden analysiert: Diskreditierung der Beschwerden auf katholischer - religiös überhöhte Leidenssemantik auf protestantischer Seite. Als besonders interessant hervorzuheben sind die an Fallbeispielen aus dem fränkischen Raum herausgearbeiteten Einflüsse, die die spezifischen Bedingungen vormoderner Verwaltung mit ihren Dysfunktionalitäten auf die Entstehung und Langlebigkeit der Religionskonflikte hatten. Die Frage, warum nicht alle untersuchten Fälle, in denen ein Vergleich erreicht wurde, "reichssichtbar" wurden, also auf der in den Kapiteln 3 und 4 untersuchten Reichsebene verhandelt wurden, beantwortet Brachwitz allerdings nur mit der lapidaren Feststellung, hierbei handle es sich um ein "kontingentes Ereignis" - oder eben schlichter ausgedrückt: um Zufall (223).

Auch in der Analyse der Konfliktführung vor Ort beschreibt Brachwitz überzeugend, in welchen unterschiedlichen Konstellationen die betroffenen Gemeinden ihre Beschwerden anbringen konnten - beispielsweise über den Schultheiß oder über Deputierte - und welche Konsequenzen dies im Einzelfall auf den Verlauf der Konflikte haben konnte. Abschließend zeigt Brachwitz, dass die Relevanz der Religionsgravamina - und damit ihre Sichtbarkeit - nach 1770 deutlich nachließ, ein Befund, der auch die spätere (historiographische) Einschätzung als Nichtigkeiten und Quisquilien erklärt.

Auffällig ist angesichts des Erscheinungsdatums der Arbeit, dass der Autor offenbar weder die Veröffentlichungen Frank Kleinehagenbrocks (2006/07) noch Andreas Kalipkes (2008) wahrgenommen zu haben scheint, die sich intensiv mit konfessionellen Konflikten des 18. Jahrhunderts beziehungsweise dem Corpus Evangelicorum beschäftigen. Differenzierte Argumentation und detaillierte Darstellung werden häufig durch subjektive Meinungsäußerungen und inhaltliche Sprünge ersetzt. In formaler Hinsicht bleiben selbst unter der Annahme, neue und alte Kommasetzung seien hier gleichermaßen berücksichtigt worden, zu viele Zeichensetzungsfehler zu kritisieren.

Den Anspruch, das Phänomen der evangelischen Religionsgravamina im 18. Jahrhundert auf den verschiedenen Ebenen ihrer Behandlung zu untersuchen, löst die Arbeit ein. Die Stärken liegen dabei klar in den Kapiteln zur Medienanalyse sowie zur Konfliktführung auf der territorialen und lokalen Ebene. Für die Ebene des Reiches, also für die Zusammenhänge von Konfessionskonflikt und Reichsverfassung, die Ausgestaltung der konfessionellen Corpora und die spezifischen Konjunkturen konfessioneller Themen in der Reichspolitik, bietet die Arbeit wenig neue Erkenntnisse. Insbesondere die bereits im Titel anklingenden Kategorien der "Autorität" und "Sichtbarkeit" bzw. "Unsichtbarkeit" tragen zur Klärung der Bedeutung konfessioneller Auseinandersetzungen für die politische Kultur des Alten Reiches im 18. Jahrhundert wenig bei.

Renate Wieland