Rezension über:

Johannes Giessauf / Andrea Penz / Peter Wiesflecker (Hgg.): Im Bett mit der Macht. Kulturgeschichtliche Blicke in die Schlafzimmer der Herrschenden, Wien: Böhlau 2011, 206 S., ISBN 978-3-205-78629-0, EUR 29,90
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Rezension von:
Hiram Kümper
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld
Redaktionelle Betreuung:
Julia A. Schmidt-Funke
Empfohlene Zitierweise:
Hiram Kümper: Rezension von: Johannes Giessauf / Andrea Penz / Peter Wiesflecker (Hgg.): Im Bett mit der Macht. Kulturgeschichtliche Blicke in die Schlafzimmer der Herrschenden, Wien: Böhlau 2011, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 10 [15.10.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/10/19819.html


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Johannes Giessauf / Andrea Penz / Peter Wiesflecker (Hgg.): Im Bett mit der Macht

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Dass Politik oft genug auch im Schlafzimmer gemacht, geplant und verspielt wird, haben wir in den letzten Jahrzehnten immer wieder eindrucksvoll erleben dürfen - von Clinton bis Berlusconi. Dass ferner dieser Umstand eine lange Geschichte hat, steht zu vermuten; der vorliegende Sammelband demonstriert es uns nun anhand von zehn Beiträgen. Er ist aus einer im Wintersemester 2008/09 an der Karl-Franzens-Universität Graz veranstalteten interdisziplinären Ringvorlesung hervorgegangen.

Von den Pharaonen bis ins frühe 20. Jahrhundert erstreckt sich, trotz deutlichem Schwerpunkt in der Vormoderne, die Brandbreite der traktierten Epochen und Zeiten. Eine mögliche Disparität der Beiträge gestehen die Herausgeber daher gleich zu anfangs, in dem knappen einleitenden Vorwort ein - und nehmen damit jeder Kritik in diese Richtung den Wind aus den Segeln. Dabei wird man feststellen dürfen, dass die Breite des Untertitels erst gar keine Suggestionen solcher Kohärenz oder Exemplarität aufkommen lässt, das Situative und Fragmentarische vielmehr in der Blick-Metapher hinreichend verdeutlicht ist, und also solche Eingeständnisse geradezu zur "captatio benevolentiae" werden.

Der im Wesentlichen chronologisch fortschreitende Band beginnt in der römischen Antike mit einem Beitrag von Sabine Tausend über die Frauen der römischen Adoptivkaiser (11-26). In der Hauptsache auf der Basis numismatischer Befunde stellt sie die Bedeutung der Frauen für den Erhalt der Dynastie dar.

Einen kleinen chronologischen Rückschritt unternimmt Heribert Aigner (27-45), der seinen Beitrag mit Nitokris, der ersten bekannten Frau auf dem Pharaonenthron, und damit im dritten vorchristlichen Jahrhundert, beginnt, dann aber mit Kleopatras "vier Ehen" und damit chronologisch kurz vor Beginn der römischen Kaiserzeit endet. Der Beitrag stellt zugleich ein Göttinger Forschungsprojekt vor, das Quellenbelege zu altägyptischen Frauenpersönlichkeiten in einer Datenbank zusammenstellt. [1]

Danach geht es in großen Schritten voran ins Mittelalter - allerdings nicht ins europäische. Oder zumindest nicht unmittelbar. Sehr quellennah befasst sich Johannes Gießauf (47-66) mit der mongolischen Raubehe, dem Umgang des rauen Reitervolkes mit ihren Kriegsgefangenen und der herausgehobenen politischen Rolle mancher Hauptfrauen der großen Khane. Auch Gießaufs Quellen sind - man möchte sagen: natürlich - zu einem großen Teil europäische, sind Berichte vor allem geistlicher Reisender, die sich erschreckt zeigten über den Umgang der Mongolen mit ihren Frauen (und das wird auch manchem heutigen Leser so gehen). Aber auch die ältesten mongolischen, syrische und andere Geschichtswerke des außereuropäischen Mittelalters kommen zu Wort. Manches erinnert nicht nur den Leser, sondern offenbar auch den Verfasser an eine sehr, sehr raue Verwandtschaftsform eines orientalischen Harems, auch wenn der Begriff hier nur in Anführungszeichen verwendet wird.

Tatsächlich mit dem Harem - vornehmlich des 16. und 17. Jahrhunderts - und seiner politischen Bedeutung befasst sich dann aber Gisela Procházka-Eisl (67-80), die ihren Vortrag für die Druckfassung leider mit nur allerschmalsten Literaturhinweisen aufbereitet hat. Im Wesentlichen baut er, wie sie selbst gleich zu Beginn ausweist, auf Leslie Peirces "The Imperial Harem" von 1993 auf. [2] Die hier und da dann doch eingestreuten Verweise zeugen von wenig Zeit und / oder Muße bei der Überarbeitung des Manuskripts, denn Hinweise wie "Die Memoiren liegen auch in deutscher Übersetzungen vor" (68 Anm. 5) überlassen es dem interessierten Leser selbst, Titel zu recherchieren, und sind daher wenig bis gar nicht hilfreich.

Stefan Schima (81-108) befasst sich in einem sehr lesenswerten Beitrag mit der Vita und der "Familienpolitik" Pauls III., jenes skandalträchtigen Farnese-Papstes (dazu das schöne Wortspiel von der "Papa Fregnese", 105), der noch heute in den Stammbäumen der wenigen verbleibenden katholischen Monarchen in Europa auftaucht. Dass er "ein gewissenhafter Familienvater war, lässt sich nicht bestreiten" (93) - das zeigt Schima sehr schön und an vielen Beispielen päpstlichen Nepotismus. Das Bild Pauls III. als eines "Vaters der Gegenreformation" (Einrichtung der römischen Inquisition, Bestätigung des Jesuitenordens, Einberufung und Eröffnung des tridentinischen Konzils) wird dagegen stark relativiert.

Dass die Heirat zu den zentralen machtpolitischen Praktiken vormoderner Herrschaft gehörte, ist allseits bekannt und bis hierher auch im vorliegenden Band schon mehrfach demonstriert worden. Was das praktisch für die europäischen Fürstenhöfe der frühen Neuzeit heißen konnte, zeigt Peter Wiesflecker in seinem umfassenden Beitrag von hoher genealogischer Dichte (109-143). Im Zentrum stehen dabei vor allem die Habsburger.

Beatrix Müller-Kampel widmet ihren knappen Beitrag der Figur des Don Juan und deren "Zivilisierung" im 20. Jahrhundert, etwa bei Max Frisch oder Ödön von Horváth, aber auch auf der Opernbühne, in den Inszenierungen des Klassikers von Da Ponte / Mozart (145-154). Während ihr Überblick über die Stoff- und vor allem die Inszenierungsgeschichte sehr einleuchtet, ist der analytische Schluss, nämlich die Rückbindung an Norbert Elias' "Prozess der Zivilisation" ziemlich dünn, weil sehr allgemein geraten - was in der passim-Anmerkung zu Elias ohne genaueren Verweis (153 Anm. 19) auch sinnfällig wird. So nachvollziehbar der Schluss ist, so unnötig scheint es, dafür eigens Elias zu strapazieren.

Einen viel unbekannteren, freilich kaum weniger spannenden Lebemann behandelt Mitherausgeberin Andrea Penz (155-174): John Wilmot Earl of Rochester. Politisch wird aber dann nicht das Bett dieses Edelmannes, sondern das königliche Schlafgemach Karls II. selbst, das Wilmot in einem Spottgedicht thematisierte. Er wirft ihm darin physische Impotenz (daher die Notwendigkeit eines "signior dildo" für die Königin) als Sinnbild für die herrschaftliche Impotenz vor, das Land angemessen zu regieren.

Aus seinen Forschungen vor allem im Wiener Rotlichtmilieu - und auch ein wenig aus dem Leben - berichtet der Soziologe Roland Girtler (175-192). Die spannende, leicht zu lesende und eingängig formulierte Lektüre hat aber ein durchaus analytisches Anliegen: Girtler nämlich will beobachtet haben, dass die Kunden von Prostituierten stets Wert auf eine gewisse "Noblesse" legten - und dass dieser Wunsch der Freier auch explizit befördert und bedient werde. Man wolle ein "feiner Herr" sein. Diese Beobachtung, die Girtler an verschiedenen Materialen illustriert, wird noch ein wenig - aber leider nur andeutungsweise - durch eine historische Dimension, den Vergleich nämlich mit Prostitution im antiken Griechenland, gewürzt. Hier hätte man gern mehr gelesen.

In seinem zehn Seiten knappen "Rundgang" durchschreitet Lorenz Mikoletzky, Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchiv, rund zweihundert Jahre Habsburgergeschichte (193-203). Manchmal geht ihm dabei die Eleganz der eigenen Darstellung durch, etwa wenn allen Ernstes festgestellt wird, dass Joseph II. und Leopold II. das "'Fremdgehen' [...] von ihrem Vater geerbt haben" dürften (195). Dass das kaum ernst gemeint sein dürfte, liegt auf der Hand. Aber solche Flapsigkeit stößt unangenehm auf - gerade weil der Beitrag sonst gesättigt an Kenntnis und gekonnt in der Synthese einer ziemlichen Flut von Personen und Anekdoten daherkommt.

Blickt man zurück auf die versammelten Beiträge sind es doch sehr unterschiedliche Betten und sehr unterschiedliche Orte, Institutionen und Praktiken von Macht, die da besprochen werden. Der Band leistet also, was man von der Dokumentation einer Ringvorlesung, zumal einer interdisziplinär angelegten, erwarten wird: ein Florilegium von Beiträgen, die sich dem gemeinsamen Oberthema aus sehr unterschiedlichen Perspektiven nähern. Er leistet nicht mehr - vor allem natürlich keine gleich wie vorläufige Synthese -, aber auch nicht weniger.


Anmerkungen:

[1] Zu finden unter http://www.frauendatenbank.de.

[2] Leslie Peirce: The Imperial Harem. Women and Sovereignty in the Ottoman Empire, New York u.a. 1993.

Hiram Kümper