Rezension über:

Beate Sturm: 'wat ich schuldich war'. Privatkredit im frühneuzeitlichen Hannover (1550-1750) (= Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beihefte; Nr. 208), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2009, 336 S., ISBN 978-3-515-09431-3, EUR 62,00
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Rezension von:
Markus J. Wenninger
Institut für Geschichte, Alpen-Adria-Universität, Klagenfurt
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Markus J. Wenninger: Rezension von: Beate Sturm: 'wat ich schuldich war'. Privatkredit im frühneuzeitlichen Hannover (1550-1750), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 10 [15.10.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/10/18640.html


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Beate Sturm: 'wat ich schuldich war'

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Nicht erst die private und öffentliche Schuldenkrise der letzten beiden Jahre hat das Interesse der Historikerinnen und Historiker für mit Krediten zusammenhängende Probleme in der Vergangenheit geweckt. Im Zusammenhang mit aktuellen Diskussionen entstand schon im 19. Jahrhundert eine Anzahl von Arbeiten zur Zins- und Wucherproblematik während des Mittelalters und der Frühneuzeit, und im 20. Jahrhundert wurde das Thema unter vielfältigen Gesichtspunkten weiter verfolgt. Trotzdem gab es bisher keine Untersuchung über das Kreditwesen der Bevölkerung einer ganzen Stadt über einen längeren Zeitraum. Insofern greift man mit Interesse nach diesem Buch.

Nach einer Einleitung über Quellen, Literatur und Methodik sowie einer Einführung in das Thema behandelt Sturm kurz die einschlägigen rechtlichen Grundlagen, dann ausführlich die "Ursachen von Kredit" (recte die jeweils konkreten Gründe, warum jemand einen Kredit aufgenommen hat) und die "Akteure", also die verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Institutionen und ihren jeweiligen Anteil an den Kreditgeschäften. Daran schließen sich einige Kapitel, die "Kredit als soziale Praxis" behandeln, an. So lautet zwar nur der Titel von Kapitel 5, das die Abläufe einer Kreditvergabe von der "Bitte um Kredit" bis zur "Schuldentilgung" unter dem interessanten Aspekt nachvollzieht, wie die jeweiligen Akteure (inter)agierten und ihre Interessen verfolgten, aber auch in den folgenden vier Kapiteln geht es überwiegend um Interaktionen zwischen den verschiedenen Akteuren, bei denen das jeweilige Sozialverhalten eine ganz wesentliche Rolle spielt, ganz besonders im Kapitel 8 über Schuldkonflikte. Kapitel 10 "Kredit als gesellschaftliches Phänomen" ist im Wesentlichen, obwohl noch eine kurze "Schlussbetrachtung" folgt, die Zusammenfassung und Einordnung der Ergebnisse in einen größeren Zusammenhang. In den Text eingefügt sind insgesamt 46 "Abbildungen", meist statistische Auswertungen in Form von Säulendiagrammen.

Werfen wir zunächst einen Blick auf Sturms Quellen. Systematisch ausgewertet hat sie Gerichtsakten, das Schuldbuch des Rates (so 18; gegenteilige Aussage jedoch 50) und das Hypothekenbuch der Altstadt Hannover, selektiv berücksichtigt - nämlich soweit sich aus den Findbüchern ein Zusammenhang mit Schuldgeschäften ersehen ließ - verschiedene weitere Bestände. Daraus konnte sie mehrere tausend Schuldgeschäfte herausfiltern, also an sich eine hinreichende Grundlage für statistische Untersuchungen. Nicht berücksichtigt wurden - wohl aus arbeitsökonomischen Gründen - etwa die Überlieferung der Brüderschaften, aber auch Rats- und Gerichtsprotokolle (17f.). Um einen Vergleich für die einschlägigen Stadt-Umland-Beziehungen zu haben, hat Sturm solche auch für Hildesheim untersucht und dafür bestimmte Bestände des Stadtarchivs Hildesheim herangezogen.

Aus dieser überaus günstigen Ausgangslage hat Sturm leider nicht jenen Gewinn geschöpft, den man sich wünschen würde. Das beginnt bei der technischen Aufbereitung des Materials, deren Beschreibung einen etwas ratlos zurücklässt: Basis der statistischen Untersuchung mittels einer FileMaker-Datenbank bilden zwei Dateien, jeweils einen Datensatz pro Schuldgeschäft enthaltend. Die eine "diente der Analyse der einzelnen Schuldvorgänge" und hat 4.363 Datensätze; die andere "diente der Analyse des Aktionsradius' der Akteure" und hat 6.206 Datensätze (24, Anm. 56), ohne dass auch nur im Geringsten klar würde, worauf die Differenz zwischen diesen beiden Dateien von immerhin fast 50 % beruht. Diese Unklarheiten werden gleich bei den ersten beiden Diagrammen noch vermehrt: In Abbildung 1 entsprechen 628 "Kredittransfers" 14,39 % der Vorgänge (29), die nur 611 Kredittransfers von Abbildung 2 entsprechen jedoch 17,53 % der Vorgänge (37f.). Auch später noch ähnliche Probleme: Abbildung 22 schlüsselt die 1550-1750 vergebenen Kredite nach ihrer Höhe auf, Abbildung 23 zusätzlich nach Zeitphasen (je 50 Jahre). Während jedoch Abbildung 22 insgesamt 2391 Geschäftsfälle zugrunde liegen, sind es bei Abbildung 23 nur mehr 972, obwohl der Titel dasselbe Ausgangsmaterial suggeriert, ohne dass Sturm über den Grund dieses Schwunds auch nur ein Wort verliert. Besonders gravierend wirkt sich das bei den Kleinkrediten aus, bei denen von etwa 500 nur mehr 12(!) übrig bleiben. Werden die dann noch auf vier Zeitphasen aufgesplittert, kann man nicht mehr von statistisch relevanten Ergebnissen sprechen.

Auch die Form der Diagramme trägt zu diesen Unklarheiten bei: Sämtliche Säulen wirken niedriger, als sie tatsächlich sind. Dazu kommen noch begriffliche Unschärfen, die schon im Titel beginnen: Unter "Privatkredit" versteht man üblicherweise Kredite, die von Privatpersonen für ihre persönlichen Bedürfnisse aufgenommen werden; Sturm subsummiert darunter jedoch alle Kreditvorgänge, an denen Private in irgendeiner Form beteiligt waren. Dagegen dürfte das, was Sturm unter "Lebenshaltungskosten" zusammenfasst (57f.) und damit eindeutig dem privaten Verbrauch zuordnet, tatsächlich auch "Firmenkredite" (nach heutiger Diktion) enthalten, denn wenn jemand "zu fortsetzung meiner Nahrung" Kredit aufnahm, dann bedeutete das eben nicht, dass er damit Lebensmittel kaufen, sondern dass er Arbeitsgeräte oder Rohstoffe erwerben wollte, die es ihm ermöglichen sollten, weiterhin durch seine Arbeit den nötigen Lebensunterhalt zu erwerben.

Sturm klebt einerseits sehr an Formalia, ist bestrebt, alles übergenau zu belegen (trotzdem fehlen im Literaturverzeichnis mehrere in den Anmerkungen nur kurz zitierte Arbeiten, etwa die 91, Anm. 218-220, genannten von Michael Toch), schießt dabei andererseits deutlich über das Ziel hinaus: Bei sämtlichen Diagrammen betont sie, dass es sich um eine "eigene Erhebung" handelt; oft und oft stellt sie fest, dass dieses oder jenes von ihr in Hannover beobachtete Phänomen auch durch "die Forschung" oder "die Literatur" bestätigt würde, obwohl sich die zugehörigen Belege oft nur auf einzelne Orte, noch dazu nicht selten in völlig anderem Umfeld (England, Südfrankreich) beziehen. Damit korrespondieren Angaben im Quellen- und Literaturverzeichnis, die auf der einen Seite übergenau sind (zum Beispiel die Zitierung jedes einzelnen verwendeten Artikels aus dem Handwörterbuch zur Rechtsgeschichte oder dem Deutschen Rechtswörterbuch oder die penible Aufzählung aller aus einzelnen Archivbeständen verwendeten Nummern), auf der anderen Seite jedoch wesentliche Angaben vermissen lassen (Quellen welcher Art enthält denn zum Beispiel der "Best. A" oder der "Best. B" im Stadtarchiv Hannover?), wodurch letztlich sehr unklar bleibt, welche Bestände durchgesehen wurden. Solche Angaben erhält man bestenfalls durch Nebenbemerkungen im Text, wie etwa dass geschuldete Tonnen wie auch Schmuck und Wertgegenstände fast nur in den Richtscheinen des Untergerichts verzeichnet sind, dass ebendiese aber nur für wenige Jahre vorliegen (49 bzw. 55), so dass daher solche Angaben nur für kurze Zeiträume vorhanden sind. Trotzdem werden sie in Abbildung 2 genau so gezählt wie andere Verschuldungsursachen, für die es Belege aus dem gesamten zwei Jahrhunderte langen Untersuchungszeitraum gibt. Ähnliche Verzerrungen ergeben sich in Abbildung 1 im Zusammenhang mit der Pfandleihe, die dort nur einen ganz kleinen Anteil an allen Geldgeschäften einnimmt. Aber im Gegensatz zu Darlehen und Kreditkauf wurden Pfandgeschäfte im Allgemeinen mündlich abgeschlossen, so dass sie fast nur bei Konflikten schriftlichen Niederschlag fanden. Die Aussagekraft dieser und anderer Tabellen wird dadurch doch sehr erheblich eingeschränkt.

Zu den interessanten Ergebnissen zählt zum Beispiel der verschwindend geringe Anteil lediger Personen an den Kreditgeschäften. Unbefriedigend ist freilich die Begründung dafür: "Dieses Ergebnis erstaunt nicht, da in der Frühen Neuzeit wenige Menschen ledig blieben" (70). Das war's auch schon; keine weitere Feststellung, obwohl sich hier ein Blick auf Zusammenhänge zwischen Heiratsalter und wirtschaftlicher Selbständigkeit geradezu aufdrängt: Hat man so jung geheiratet, dass wirtschaftliche Selbständigkeit vor der Ehe schon allein aus Altersgründen kaum gegeben war? Oder gingen der Schritt in die wirtschaftliche Selbständigkeit und der Schritt ins Eheleben unabhängig vom Lebensalter weitgehend parallel?

Auch die Untersuchungen über die Anteile einzelner Berufsgruppen an der Gläubiger- wie auf der Schuldnerseite (77, Abbildung 13) sind durchaus verdienstvoll, wenngleich die Ergebnisse mehrheitlich nicht überraschen. Aber auch hier dasselbe Problem: "Die starke Teilnahme von Angehörigen der Textil, Metall und Holz verarbeitenden Gewerbe am Kreditwesen resultiert m.E. u.a. daraus, dass diese in Hannover stark vertreten waren und [...] Grundbedürfnisse sicherten" (77). Es ist Sturm auch aufgefallen, dass das Ranking dieser drei Berufsgruppen auf der Schuldner- und der Gläubigerseite sehr unterschiedlich aussieht (in der Gruppe Textil ist der Schuldneranteil deutlich höher als der Gläubigeranteil, in der Gruppe Metall sogar fast doppelt so hoch, dagegen in der Gruppe Holz der Gläubigeranteil fast dreimal so hoch wie der Schuldneranteil), aber sie verliert kein Wort über die möglichen Ursachen dieser Unterschiede und bringt sich dadurch selbst um die Chance, wichtige Zusammenhänge aufzuzeigen. Bei diesem mangelnden Verständnis für historische Fragestellungen wundert man sich schließlich doch nicht darüber, dass Sturm bei den Akteuren "Frauen und Juden" in einem Kapitel zusammenfasst (84ff.).

Insgesamt verliert Sturm im ersten Teil über der ausufernden und oft problematischen Statistik historische Fragestellungen oft aus den Augen. Es steckt sicher viel Mühe und Arbeit in diesem Buch, und im Detail kann man ihm, vor allem im zweiten Teil, auch eine Reihe interessanter Ergebnisse entnehmen. Um viele mögliche weitere Ergebnisse hat sich Sturm selbst gebracht.

Markus J. Wenninger