Rezension über:

Wolfgang Reinhard: Paul V. Borghese (1605 - 1621). Mikropolitische Papstgeschichte (= Päpste und Papsttum; Bd. 37), Stuttgart: Hiersemann 2009, XXV + 715 S., eine CD-Rom, ISBN 978-3-7772-0901-2, EUR 218,00
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Bernward Schmidt
Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Bernward Schmidt: Rezension von: Wolfgang Reinhard: Paul V. Borghese (1605 - 1621). Mikropolitische Papstgeschichte, Stuttgart: Hiersemann 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 10 [15.10.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/10/18633.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Wolfgang Reinhard: Paul V. Borghese (1605 - 1621)

Textgröße: A A A

Wer heute den Lesesaal des Archivio Segreto Vaticano betritt oder verlässt, hat es unweigerlich mit dem Gründer dieser Institution zu tun: Das Porträt Pauls V. hängt dort unübersehbar über der Tür und erinnert nicht nur an den Borghese-Papst, sondern so manchen sicherlich auch an Wolfgang Reinhard. Der Freiburger Emeritus hat es in über vierzig Jahren Arbeit geschafft, dass der Pontifikat Pauls V. mittlerweile zu den am besten erforschten der gesamten Papstgeschichte gehört - und dass genau diese Aussage zum Allgemeinplatz geworden ist. Die Fondi der Familie Borghese im Vatikanischen Geheimarchiv und der Bibliothek gehören nicht nur zu den "chaotischen" (IX), sondern auch zu den besonders umfangreichen Beständen. Aufgrund dieses Quellenreichtums bot es sich geradezu an, den Pontifikat Pauls V. in einer für die Papstgeschichte bis dahin ungekannten Detailliertheit und mit eigener Methodik aufzuarbeiten. Im Lauf der Zeit entstanden in Reinhards "Werkstatt" zahlreiche Qualifikationsschriften, Aufsätze und Sammelbände - die Summe aus all diesen Bemühungen um Paul V. und seinen Pontifikat legt Reinhard mit dem hier vorzustellenden Buch vor.

Der voluminöse Band gliedert sich in zwei Teile, die "Mustern" und "Netzwerken" gewidmet sind: Während der erste damit eine eher allgemeine Darstellung der Funktionsweise der Kurie im frühen 17. Jahrhundert bietet, beschreibt der zweite sehr konkret die Verflechtungsmechanismen im Borghese-Pontifikat.

Im ersten Teil "Muster" erläutert Reinhard zunächst unter der Überschrift "Regeln" die begrifflichen und methodischen Grundlagen seiner Darstellung. Der frühneuzeitliche päpstliche Hof, der hier paradigmatisch untersucht wird, funktionierte nach bestimmten Regeln in Mikro-, Ressourcen-, Symbol-, Familien- und Netzwerkpolitik, die eingehend anhand zahlreicher Beispiele aus den gut anderthalb Jahrzehnten des Borghese-Pontifikats beschrieben werden. Der Theologe mag sich ein wenig verwundert die Augen reiben, dass seine Disziplin unter "Symbolpolitik" eingereiht ist, doch da es Reinhard an dieser Stelle vor allem auf die Demonstration des monarchischen Papats als ekklesiologisches Modell und die Heiligenverehrung als Sonderform von Patronage ankommt, hat diese Einordnung durchaus ihre Berechtigung.

Den Leser erwarten in diesem ersten Kapitel kaum neue Gedankengänge; wer die Arbeiten Reinhards und seiner Schüler ein wenig verfolgt hat, weiß, was ihn an dieser Stelle erwartet. Doch geschieht dies alles wie gewohnt auf höchstem Niveau und unter Berücksichtigung auch neuester Forschungsliteratur und ist zudem einer Summe, wie sie hier geboten werden soll, alles andere als unangemessen.

Das zweite Kapitel des ersten Teils befasst sich mit "Positionen und Institutionen" und bietet auf diese Weise nicht mehr und nicht weniger als eine umfassende Darstellung der Kurie und ihrer Organisation. Natur- und quellengemäß nehmen hier die Kardinäle den breitesten Raum ein, da sie im Lauf ihrer Karriere die meisten Ämter innehatten und ein Vorwärtskommen fast nur mit eben jenen mikropolitischen Mitteln möglich war, die im ersten Kapitel beschrieben wurden. Doch kommt die Sprache auch auf die weniger gut dokumentierten Positionen, etwa der Kongregationssekretäre, über die oft wenig mehr bekannt ist als der bloße Name. Dieses Kapitel fußt vor allem auf der dem Werk beigegebenen "Kuriendatenbank", von der gleich noch zu reden sein wird. Es spiegelt aber auch die von den Quellen her begründeten Grenzen der Reinhardschen Forschungen. Denn gerade über eines der wichtigen Ämter am päpstlichen Hof, dasjenige des Hoftheologen (Magister Sacri Palatii) wird kaum etwas gesagt, da bislang auch wenig mehr über die Amtsinhaber und ihre Amtsführung bekannt ist als das, was Giuseppe Catalani 1751 schrieb und zu einzelnen Vorgängen in den Archiven von Inquisition und Index überliefert ist; Hoffnungen könnten hier auf aktuellen Bemühungen ruhen, das Archiv der Dominikaner von S. Maria sopra Minerva in Rom der Forschung zu erschließen.

Der zweite Teil, "Netzwerke", widmet sich personalen, organisationalen und lokalen Netzwerken, die sich in Abhängigkeit von Paul V. und seiner Familie bildeten, wofür selbstverständlich wiederum die bereits erwähnte Datenbank die Grundlage bietet. An erster Stelle sind hier die immensen Netzwerke Camillo und Scipione Borgheses zu nennen, des späteren Papstes also und seines Nepoten. Reinhard behandelt sie in drei Teilen als Korrespondenten, Freunde und Kreaturen sowie Patenschaften. Doch werden auch die Verflechtungen und Netzwerke weiterer wichtiger Papst- und Kardinalsfamilien (Aldobrandini, Montalto, Sfondrato, Farnese, Este, Gonzaga) im Kontext des Borghese-Pontifikats besprochen.

Bei den organisationalen Netzwerken beschränkt sich Reinhard auf Orden und beleuchtet neben dem Oratorium und den Maltesern vor allem Konflikte zwischen Jesuiten und Dominikanern (Gnadenstreit und "Fall Galilei"). Es ist durchaus spannend, diese theologischen und philosophischen Konflikte des frühen 17. Jahrhunderts einmal durch die mikropolitische Brille zu betrachten, birgt jedoch die Gefahr der Verkürzung in sich. Zu fragen ist aber, ob es nicht auch andere organisationalen Netzwerke gab, die im behandelten Kontext bedeutsam gewesen sein könnten (z.B. römische Universität, Akademien). Möglicherweise aber bewegt man sich damit jedoch zu weit vom ursprünglichen Fragehorizont weg.

Drei weitere Kapitel befassen sich mit lokalen Netzwerken im Kirchenstaat, in Oberitalien sowie im katholischen Europa. Hierbei kann sich Reinhard neben eigenen Recherchen nicht zuletzt auf zahlreiche Arbeiten seiner Schüler und Weggefährten stützen, die in Monographien und Aufsätzen zu diesen Themen gearbeitet haben.

Die dem Werk auf einer CD-Rom beigegebene Datenbank erweist sich nicht nur als die für das Buch grundlegende Datensammlung, sondern auch als prosopographische Fundgrube. Auf Filemaker-Basis erstellt, lässt sie sich entweder direkt von der CD starten oder problemlos auf dem eigenen PC installieren. Freilich scheint man dabei nur an Windows-Nutzer gedacht zu haben, denn es findet sich kein Hinweis, wie Nutzer anderer Betriebssysteme (Mac, Linux) mit der Datenbank umgehen sollen. Das Datenmaterial lässt sich nach Personen oder Positionen durchsuchen, entweder durch manuelle Suche in einer Liste oder mittels einer einfachen Suchfunktion. Diese aber kann nur bei Personen auch in den Volltexten der Einträge suchen, nicht aber bei Positionen; Verknüpfungen von den in "Positionen" gefundenen Einträgen zu den Personendaten gibt es nicht. Summa summarum enttäuscht diese Datenbank nicht durch ihren Inhalt, wohl aber durch ihre technische Verarbeitung; denn auf Filemaker-Basis wurden für ähnliche Zwecke schon wesentlich benutzerfreundlichere (aber wohl auch komplexere) Datenbanken realisiert.

Mit der "mikropolitischen Papstgeschichte" hat Wolfgang Reinhard im wahrsten Sinn des Wortes eine große Summe seiner Arbeiten am Pontifikat Pauls V. vorgelegt. Sie ist ein Kompendium zum Personal im Pontifikat Pauls V. und zugleich ein Handbuch zur Organisation der frühneuzeitlichen Kurie. Auch wenn die Quellenlage für den Borghese-Pontifikat wohl günstiger ist als für andere, wäre doch zu wünschen, dass langfristig auch andere wichtige Pontifikate der Frühen Neuzeit in ähnlicher Weise bearbeitet würden. Dann ließe sich eines Tages vielleicht einmal eine Geschichte der Mikropolitik an der römischen Kurie schreiben.

Bernward Schmidt