Rezension über:

Barbara Skinner: The Western Front of the Eastern Church. Uniate and Orthodox Conflict in the 18th-century Poland, Ukraine, Belarus, and Russia, DeKalb, IL: Northern Illinois University Press 2009, 274 S., ISBN 978-0-87580-407-1
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Rezension von:
Stefan Rohdewald
Universit├Ąt Passau
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Rohdewald: Rezension von: Barbara Skinner: The Western Front of the Eastern Church. Uniate and Orthodox Conflict in the 18th-century Poland, Ukraine, Belarus, and Russia, DeKalb, IL: Northern Illinois University Press 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/09/20499.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Barbara Skinner: The Western Front of the Eastern Church

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Barbara Skinners sehr gründliche Studie hat zum Gegenstand, unter welchen Umständen sich die Grenzverschiebung zwischen der Unierten und der Orthodoxen Kirche im 18. Jahrhundert umkehrte: Seit der Union von Brest 1596 hatte sie sich bis zur Ostgrenze Polen-Litauens mit dem Moskauer Großfürstentum beziehungsweise dem Russländischen Reich bewegt. Nach den Teilungen der Vielvölkerrepublik Ende des 18. Jahrhunderts kehrte sich ihre Bewegung um: Die kirchliche und konfessionelle Grenze wich rasch nach Westen zurück, bis die Union von 1596 im 19. Jahrhundert vom ganzen russländischen Gebiet getilgt wurde. Der damit verbundene Vorgang der Entstehung einer "Westgrenze der russischen Orthodoxie" sei weder "peripher noch marginal", sondern, so die Absicht Skinners, erneut "in die Hauptbetrachtung religiöser Entwicklung, imperialer Politik und Identitätszusammenhänge" durch Russlandhistoriker einzugliedern (6). Sie setzt sich zum Ziel, die "inneren Entwicklungen" unter den Ruthenen zu beobachten, die eine Verfestigung der religiösen Teilung zugelassen hatten. In den Blick nimmt sie außerdem die äußeren Faktoren, die die Grenze zuerst nach Osten und dann nach Westen verschoben, sowie auch die "Kämpfe und Traumata", die mit diesen Veränderungen zusammenhingen (5). Im Rahmen der begrifflichen Definitionen betont Skinner dabei nachdrücklich eine übergreifende "kollektive ruthenische Identität", die wichtiger war als lokale Unterschiede. "Ukrainisch" und "belarusisch" seien bis ins 19. Jahrhundert "mehr geographische als ethnische" Begriffe gewesen (6). Mit der Untersuchung des "religiösen Kreuzzuges" Katharinas II. gegen die Unierten (12) richtet sie ihr Augenmerk auf die Einbindung Russlands in konfessionsgeschichtliche Zusammenhänge und Auseinandersetzungen, die für West- wie Ostmitteleuropa und damit auch für Polen-Litauen seit der Frühen Neuzeit entscheidend gewesen waren. Methodisch lehnt sie sich bei ihrem Zugang teilweise an das Konfessionalisierungsparadigma an. Wesentlich ist für sie die Vorstellung klar abgegrenzter konfessioneller Identitäten. Katholische Doktrin und griechischer Ritus machen für die Autorin die Arbeitsdefinition einer unierten Konfession aus (13 f.).

In einem ersten Teil untersucht Skinner die Entwicklung beziehungsweise Entstehung zweier im wechselseitigen Wettkampf stehender Kirchen mit östlichem Ritus in Polen-Litauen im Zusammenhang kirchlicher Reformen. Insbesondere mit dem Wirken Petro Mohylas setzte die Konturierung konfessioneller Identität nach westlichem Vorbild zuerst unter den Orthodxen ein. Wesentlich für die Festigung des Gegensatzes war die römisch-katholische und unierte Deutung des Todes des unierten Polocker Erzbischofs Josafat in Vitebsk 1623 als Märtyrertod und dessen Seligsprechung 1643 (32). Aber erst in der Synode von Zamość 1720 erkennt Skinner die Konsolidierung einer unierten konfessionellen Identität. Es folgt eine detaillierte Analyse von zahlreichen Kirchgemeinde- und Visitationsberichten. Auf der Suche nach "liturgischer Identität" (58) beobachtet sie dabei eine weitverbreitete Mischung lateinischer und ostkirchlicher Elemente im unierten Gottesdienst. Zudem betont sie den Einfluss lateinischer Moraltheologie auf Lehrbücher des Basilianerordens (87).

Die im 17. Jahrhundert beginnenden russischen Interventionen beendeten um 1760 die "sichere Vorherrschaft" der Unierten Kirche (143). Für die Zeit von 1773 bis 1793 erkennt Skinner Parallelen zwischen dem diskriminierenden Umgang mit Orthodoxen in Polen-Litauen sowie der Lage von Unierten im Russländischen Reich (194). Die forcierten Bekehrungen des Jahres 1794 machten deutlich, dass in den neuen Gebieten des Reiches nur eine einzige konfessionelle Identität zugelassen würde. Als Ergebnis hält sie zunächst die Teilhabe der Ruthenen am ostmitteleuropäischen Konfessionalisierungsvorgang fest. Die überwältigende Vorherrschaft der Union hatte einen entscheidenden Einfluss auf die "entstehenden ukrainischen und belarussischen Identitäten" (227). Der erhebliche Druck von katholischer Seite führte dabei zu einer tief in die Gesellschaft reichenden Frontenverhärtung zwischen Orthodoxen und Unierten. Die orthodoxe ruthenische Geistlichkeit zog das Russländische Reich in den konfessionellen Konflikt hinein. Katharina II. übernahm die Argumentation dieser Geistlichen, der polnische Staat und der katholische Glaube seien unvereinbar mit ostslavischer orthodoxer Identität. Entscheidend für die neue imperiale Identität war die Deutung der "Westrussen" als zum "wahrgenommenen ethnischen Kern des Russländischen Reiches" zugehörig. Damit lässt sich bereits 50 Jahre vor der Dekretierung einer "offiziellen Nationalität" unter Nikolaus II. eine ähnliche Politik erkennen (231 f.).

Im 19. Jahrhundert veränderte sich mit dem modernen Nationalismus der Kontext, aber nicht die Argumentation zur Rechtfertigung der Konvertierungen, wie die Zwangsvereinigung der unierten Bischöfe mit der Orthodoxie 1839 und die letzte Konvertierungskampagne in der Region um Cholm (Chełm) nach dem polnischen Aufstand 1863 zeigen. Skinner macht sich mit guten Gründen für Studien zu Ruthenien im 18. Jahrhundert stark, das neben dem 17. und dem 19. Jahrhundert bisher zu wenig untersucht wurde. Für diese Zeit ist, wie die Autorin zu Recht betont, von einer nationalen polnischen, ukrainischen, belarussischen oder russischen Einengung abzusehen: Übergreifende osteuropäische kulturelle und identitätsbildende Vorgänge sind in das Zentrum zu rücken. In diesem Vorgehen liegt ein deutlicher Vorteil gegenüber nur auf interne polnisch-litauische bzw. ruthenische Auseinandersetzungen zentrierten Zugängen. Der Einfluss der geschilderten Auseinandersetzung auf die Festigung einer russischen imperialen Identität auch in den östlich "Westrusslands" gelegenen Kerngebieten bleibt dabei allerdings eingehender zu untersuchen, wie auch andererseits die Intensivierung einer katholisch-polnischen Identität in den polnischen Kernlanden im Rahmen der Auseinandersetzung noch stärker hätte mit einbezogen werden können.

Ein Beispiel gibt die in der Studie nur kurz angesprochene Verehrung des Erzbischofs von Polock (Polack) Josafat Kuncevyč ab, der 1673 durch den Reichstag zu einem der Schutzherren ganz Polen-Litauens ernannt wurde. Seine Rolle war auch im polnischen Kontext des 18. Jahrhunderts nicht unwichtig, von 1705 an verehrten die Jesuiten ihn und seine als Reliquie nach Warschau überführte linke Hand. Die Gründung einer Josafat-Bruderschaft im preußischen Posen 1862 und Josafats Heiligsprechung nach Eingaben führender polnischer Magnaten 1867 sind im Vor- bzw. im Nachfeld des Januaraufstands einzuordnen. Für Russland sind explizit in diesem Zusammenhang die kirchenhistorische Argumentation der Slavophilen sowie die Gründung von "Kirchlichen Bruderschaften" nach 1863 gemäß dem angeblichen Vorbild der ruthenischen, nach tridentinischem Beispiel entstandenen Laienbruderschaften des 17. Jahrhunderts von "Westrussland" über Zentralrussland bis in den Fernen Osten und deren identitätspolitische Indienstnahme zu nennen. Die Beispiele zeigen, wie eine noch weitere räumliche und zeitliche Ausdehnung des von Skinner sehr verdienstvoll konturierten Forschungsfelds die Wirkung der Auseinandersetzung um die konfessionelle Grenze im Sinne einer überregionalen Verflechtungsgeschichte verdeutlichen könnte.

Stefan Rohdewald