Rezension über:

Gábor Almási: The Uses of Humanism. Johannes Sambucus (1531-1584), Andreas Dudith (1533-1589), and the Republic of Letters in East Central Europe (= Brill's Studies in Intellectual History; Vol. 185), Leiden / Boston: Brill 2009, XVIII + 387 S., 9 Abb., ISBN 978-90-04-18185-4, EUR 99,00
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Rezension von:
Matthias Roick
Göttingen
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Matthias Roick: Rezension von: Gábor Almási: The Uses of Humanism. Johannes Sambucus (1531-1584), Andreas Dudith (1533-1589), and the Republic of Letters in East Central Europe, Leiden / Boston: Brill 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/09/18825.html


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Gábor Almási: The Uses of Humanism

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Mit seiner aus einer Dissertation an der Central European University in Budapest hervorgegangenen Arbeit The Uses of Humanism legt Gabor Almási eine reichhaltige und wichtige Untersuchung vor, die ein Gebiet in den Blick nimmt, das in klassischen Studien zum Renaissancehumanismus nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatte, aber gerade in Hinsicht auf die außeritalienische Verbreitung des Humanismus im 16. Jahrhundert von großem Interesse ist: Ostmitteleuropa.

Almásis Leitfrage gilt, wie es im Vorwort heißt, zum einen den verschiedenen Funktionen, die der Humanismus im Leben gelehrter Männer innehatte: 'What functions did humanism play in the lives of men of learning?' (xiii) Zum anderen wendet er sich in einem weiteren Sinn den Funktionen zu, die der Humanismus in der Gesellschaft des 16. Jahrhunderts erfüllte.

Dabei interessiert Almási sich weniger für Einzelaspekte der humanistischen Gelehrsamkeit seiner Protagonisten als für ihren Karriereweg und ihre Inszenierungsstrategien. Für ihn stellt der Humanismus in Anlehnung an Gerrit Walther einen komplexen Code dar, der kulturelle Praktiken, Werte und Methoden umfasst.

Dieser Code ermöglicht einerseits den homines novi den sozialen Aufstieg, während er andererseits den Eliten ein neues Mittel der sozialen Abgrenzung in die Hand gibt. So entsteht ein in sich heterogenes, aber funktionierendes Netzwerk, eine 'republic of letters', die Almási beschreibt als 'a curious community made up of patrons and clients, princes, rich nobles and lowborn intellectuals with its own rules and values, a community that offered a great number of social advantages to all parties' (15).

Der erste Teil der Untersuchung holt einen weiten Anlauf, um diese republic of letters in ihren wichtigsten Aspekten zu beleuchten und sich den Fallstudien über Sambucus und Dudith zu nähern. Auf weit über hundert Seiten umreißt der Autor das Umfeld, in das er seine Protagonisten platzieren möchte, in drei großen Bereichen: Er skizziert zunächst die politische, kulturelle, ethnische und religiöse Situation Ostmitteleuropas, erläutert dann die Rolle von gelehrten Netzwerken in der Region und wendet sich schließlich dem Kaiserhof als wichtigstem Bezugspunkt für Patronage zu.

Der zweite und dritte Teil der Studie bestehen aus Fallstudien zu Johannes Sambucus (1531-1584) und Andreas Dudith (1533-1589). Almási versucht hier mit Nachdruck, seinen Lesern nicht nur die Gründe des Erfolgs der Ausnahmegestalten Sambucus und Dudith nahezubringen, sondern auch die Schwierigkeiten und Unabwägbarkeiten ihrer 'humanistischen' Karrieren aufzuzeigen.

Dabei stellt Almási ein ähnliches Karrieremuster bei seinen beiden Protagonisten fest: Ihre humanistische Bildung habe ihnen am Anfang genutzt: 'If humanist learning and peregrinatio was an 'investment' it started paying early and fast' (283). Danach trete eine humanistische Bildung im Vergleich mit politischen Beziehungen am Hof in den Hintergrund: '[...] after the first years, shared humanist interests had a questionable if not negligible influence on their relationship. Maintaining the sympathy of influential courtiers was a great deal more vital' (283).

Diese Sichtweise spiegelt sich in den Kapiteln wieder, die die Strategien humanistischer Selbstinszenierung und Identitätsbildung behandeln.

Im Fall von Sambucus spricht der Autor von einer 'conflicted identity of the court humanist'. Der höfische Humanismus bewegt sich demnach zwischen einer 'politischen' und einer 'gelehrten' Sphäre. Der humanistischen Rhetorik nach seien diese Sphären getrennt, in der Praxis gelte es dagegen, den 'richtigen Abstand' zur Macht zu finden (203, auf Dudith bezogen auch 325).

Wie Almási zeigt, stellen die verschiedenen humanistischen Praktiken und Techniken - das Verfassen von Emblembüchern, das Schreiben von Gedichten und Briefen, die Herausgabe antiker Texte, das Anlegen von Manuskript- und Münzsammlungen - immer eine Art von Verhandlung zwischen einer 'freien', 'interesselosen' Gelehrsamkeit und den Ansprüchen eines durch Machtinteressen geprägten Netzwerkens dar.

Was Dudith angeht, spricht der Autor von 'Verschiebungen' seiner 'public personae'. So tritt Dudith zunächst als Humanist, dann als Bischof, dann als Ehemann auf. Diese verschiedenen Rollen versucht er, vor allem in Hinsicht auf seine Zuverlässigkeit als Politiker und Diplomat miteinander zu vermitteln. In Briefen, Verteidigungsreden und Selbstdarstellungen schreibt er gegen seine Kritiker und gegen seinen Autoritätsverlust an. Als eine Reaktion auf seine im Prinzip gescheiterte politische Karriere zieht er sich zudem in ein otium cum dignitate zurück. Wie Almási abschließend bemerkt: "Dudith's post-marriage reintegration into the republic of letters [...] may also be read as a struggle for social-intellectual life, a struggle for an identity" (326). Die Arbeit schließt mit einem Epilog über Konfessionalisierung und Humanismus.

Almásis Buch ist eine gut lesbare, breit angelegte Untersuchung, die sich darum bemüht, ein detailliertes Bild des ostmitteleuropäischen Humanismus im 16. Jahrhundert zu geben. Der Autor macht seine Leser nicht nur mit seinen Protagonisten Sambucus und Dudith bekannt, sondern eröffnet ihnen auch ein anregendes Panorama mit vielen Spuren, die weiterverfolgt werden können. Almási konzentriert sich dabei bewusst auf eine Sozialgeschichte des Humanismus, die nicht seine Inhalte oder intellektuellen Leistungen, sondern seine 'Funktionen' herausstellen will.

Kritisch zu bemerken ist, dass es vor allem auf begrifflicher und methodologischer Ebene manche Unschärfe gibt. Obwohl der Autor mit einem Begriff des Humanismus arbeitet, der Praktiken, ideologische Denkmuster und die Konstruktion von Identitäten in den Vordergrund stellt, geht er mit diesen Begriffen eher intuitiv um.

So läuft Almási zuweilen Gefahr, den performativen Charakter der Äußerungen seiner Protagonisten zu übersehen und ihre Aussagen mit einer - wie auch immer bestimmten - Wirklichkeit abzugleichen. Damit büßt die Untersuchung einen Teil ihrer analytischen Kraft ein.

Was den Begriff der Identität angeht, steht in Frage, ob Humanisten wie Sambucus und Dudith von ihren Zeitgenossen in ähnlich proteischer Weise wahrgenommen wurden wie von uns. Vielleicht hat unsere Verwunderung über die Vielseitigkeit der Humanisten auch mit einer Verschiebung unserer eigenen 'Wahrnehmungskoordinaten' zu tun: Was uns als ein Konglomerat verschiedener Identitäten oder personae erscheint - Dichter, Sammler, Philologe, Diplomat - mag sich in der Sichtweise des 16. Jahrhunderts zu einem spannungsreichen, aber in sich stimmigen Bild oder ethos zusammenfügen.

Trotz dieser Kritikpunkte handelt es sich bei Uses of Humanism um eine durchweg lesenswerte Studie. Es bleibt zu hoffen, dass die vielen Untersuchungsstränge, die diese Arbeit ausmachen, auch in Zukunft weiter verfolgt werden und die von Almási eingeschlagene Richtung beibehalten.

Matthias Roick