Rezension über:

Jan Paul Niederkorn / Wolfgang Wüst / Gerhard Ammerer u.a. (Hgg.): Höfe und Residenzen geistlicher Fürsten. Strukturen, Regionen und Salzburgs Beispiel in Mittelalter und Neuzeit (= Residenzenforschung; Bd. 24), Stuttgart: Thorbecke 2010, 552 S., ISBN 978-3-7995-4527-3, EUR 70,00
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Rezension von:
Andreas Pečar
Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Pečar: Rezension von: Jan Paul Niederkorn / Wolfgang Wüst / Gerhard Ammerer u.a. (Hgg.): Höfe und Residenzen geistlicher Fürsten. Strukturen, Regionen und Salzburgs Beispiel in Mittelalter und Neuzeit, Stuttgart: Thorbecke 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/09/18689.html


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Jan Paul Niederkorn / Wolfgang Wüst / Gerhard Ammerer u.a. (Hgg.): Höfe und Residenzen geistlicher Fürsten

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Wie bereits der Titel ausweist, enthält der Sammelband zwei thematische Schwerpunkte, die miteinander verklammert sind: die Frage nach den Höfen geistlicher Fürsten generell sowie nach der Hofhaltung der Salzburger Erzbischöfe im Besonderen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen steht in den Beiträgen die Epoche der Frühen Neuzeit im Mittelpunkt. Sowohl die politische Bedeutung des Hofes als auch dessen Glanzentfaltung scheinen hier mehr als in anderen Epochen sichtbar zu werden. Der Band versucht diesem Reichtum im eigenen Erscheinungsbild zu entsprechen. An Farbabbildungen in bester Qualität wird nicht gespart (34 farbige Abbildungen), und auch sonst zeichnet sich der Band durch barocke Opulenz aus. Die insgesamt 25 Beiträge sind in drei thematische Sektionen gegliedert: Der allgemeine Teil über die Hofhaltung geistlicher Fürsten beinhaltet die Sektionen "Strukturen" und "Regionen"; die dritte Sektion stellt neue Forschungsergebnisse über die Hofhaltung der Erzbischöfe von Salzburg vor.

Man kann den Herausgebern nur zustimmen, wenn sie im Vorwort konstatieren, dass die Höfe geistlicher Fürsten in der historischen Hof-Forschung bislang sträflich vernachlässigt worden sind. Und in der Tat stellen sich zahlreiche Fragen nach den Gemeinsamkeiten zwischen der Hofhaltung weltlicher Dynasten und derjenigen geistlicher Fürsten sowie nach den Besonderheiten Letzterer. Welche Folgen ergeben sich aus der Tatsache, dass geistliche Fürsten nicht in dynastischer Kontinuität regieren konnten, ihr Vorgänger und ihr Nachfolger also in der Regel einer anderen Familie angehörte? Zielte die höfische Glanzentfaltung der geistlichen Fürsten vor allem auf die Repräsentation des Bischofsamtes, oder sollte die eigene Familie verherrlicht werden, bevor man den Bischofsstuhl einer anderen Familie zu überlassen hatte? Welche Rolle spielte für die Hofhaltung der Bischöfe im Reich das Beispiel des nachtridentinischen Papsthofes, wo der Papst die Rolle des Hofherren an einen nahen Verwandten, den Papstnepoten, delegierte, um selbst vor allem die Rolle des obersten Seelsorgers auszufüllen, und die Hofhaltung vor allem dazu diente, Mittel des Kirchenstaates dazu zu nutzen, die Papstfamilie über die Zeit des Pontifikats hinaus dauerhaft im Gedächtnis Roms sichtbar zu verankern? [1] In welcher ihrer beiden Rollen waren Bischöfe überhaupt mit Belangen fürstlicher Hofhaltung tangiert: nur in ihrer Rolle als weltliche Herrscher, oder auch in ihrer geistlichen Funktion als Kirchenoberste in ihrer Diözese? Woraus setzte sich schließlich der Hofstaat zusammen: vorwiegend aus Geistlichen, oder aus Mitgliedern des weltlichen Adels?

Leider werden diese Fragen im Sammelband weder gestellt noch beantwortet. Dadurch wird die Möglichkeit verschenkt, das besondere Profil der Höfe geistlicher Fürsten im Vergleich zu weltlichen Fürstenhöfen herauszuarbeiten. Auch auf den Papsthof der Frühen Neuzeit, etwa auf die prominenten Untersuchungen aus der Reinhardschule, wird kein Bezug genommen, obwohl dieser Vergleich sich angeboten hätte, da hier Forschungen geleistet wurden, die für die meisten Bischofshöfe im Reich noch ausstehen. Selbst wenn ähnliche Konflikte zur Sprache kommen wie im Falle der Auseinandersetzungen zwischen dem Würzburger Domkapitel und dem Schönborner Fürstbischof um die Einrichtung einer Familiengruft im Dom (85), bleiben solche Vergleiche aus. Und der Kunsthistoriker Eckhard Leuschner diskutiert in seinem Beitrag zwar sehr einleuchtend, inwiefern die Kunstpolitik Wolf Dietrich von Raitenaus in Salzburg von Rom beeinflusst worden sein könne - Fragen nach der politischen und sozialen Funktionalität der dabei besprochenen Bauten spart er dabei aber konsequent aus. Doch auch auf bereits existierende Musterstudien zur Hofhaltung geistlicher Fürsten im Reich, die im Kontext allgemeiner Debatten der Hof-Forschung entstanden sind wie Aloys Winterlings exzellente Arbeit über den Hof der Kurfürsten zu Köln, [2] finden sich nur in wenigen Beiträgen Verweise: Einzig Sylvia Schraut und Frank Göttmann nehmen sich in ihren Beiträgen der Aufgabe an, die Besonderheiten der Höfe geistlicher Fürsten im Vergleich zu weltlichen Fürstenhöfen herauszuarbeiten.

Die im Sammelband vereinigten Beiträge lassen sich daher weniger der historischen Hof-Forschung zuordnen als vielmehr allgemeinen Untersuchungen zur Reichskirche. Nicht das Problem des Hofes steht hier im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern die Diskussion um die vermeintliche Rückständigkeit geistlicher Territorien im Reich, die gleich von mehreren Beiträgern aufgegriffen wird (Franz Brendle; Wolfgang Wüst). Interessant ist auch Werner Freitags Adaption des Max Weberschen Begriffs "Amtscharisma" auf die Repräsentation der Bischöfe des Reiches im konfessionellen Zeitalter, in dem der geistlichen Rolle des Bischofs als oberstem Seelsorger eine im Vergleich zu früheren Zeiten ungleich größere Bedeutung zukam. Wieweit dieses neue Rollenbild dann bei den Gläubigen und den Untertanen verankert war und deren Erwartungshaltung prägte, zeigen Proteste der Trauergemeinde anlässlich der Beerdigungsfeierlichkeiten für den verstorbenen Würzburger Bischof Franz Ludwig von Erthal, die in Stefan Römmelts Beitrag über Literarische Bischofsspiegel erwähnt werden: Die Gemeinde reagierte empört auf die Leichenpredigt des Theologieprofessors Franz Berg, welcher Erthal in verklärender Absicht als aufgeklärten Fürst, nicht aber länger als katholischen Geistlichen würdigte. Hier erfährt man auf Umwegen Grundsätzliches über den politischen Handlungsspielraum geistlicher Fürsten und dessen Grenzen sowie über die Besonderheiten der Repräsentation von Bischöfen in der Frühen Neuzeit. Dies gilt auch für Barbara Marx' sehr instruktiven Beitrag über die Konkurrenz zwischen dem weltlichen Kurfürsten Friedrich dem Weisen von Sachsen und dem Erzbischof von Magdeburg Kardinal Albrecht von Brandenburg um die Heiligkeit ihrer jeweiligen Residenzorte Wittenberg und Halle.

Insgesamt sieben Beiträge widmen sich schließlich der Hofhaltung der Salzburger Erzbischöfe. Im Einzelnen geht es um Burg- und Residenzbauten der Erzbischöfe seit dem frühen Mittelalter (Patrick Schicht), um den politischen Handlungsspielraum Wolf Dierichs von Raitenau als Erzbischof, dessen Hofhaltung und Finanzierung (Gerhard Ammerer und Katharina Karin Mühlbacher), die Landkartengalerie Raitenaus in dessen Salzburger Residenz (Lisa Roemer), die vom Erzbischof Franz Anton von Harrach in der Residenz etablierte Raumfolge und deren Ausstattung (Ulrike Seeger); ein weiterer Beitrag berichtet über laufende Forschungen zum Aufgabengebiet des Hofbaumeisteramtes sowie über die Provenienzrecherche zur Gemäldesammlung der Salzburger Erzbischöfe; Christoph Brandhuber informiert über das Begräbniszeremoniell und Ingonda Hannesschläger über die Hauskapelle des Erzbischofs Schwarzenberg im 19. Jahrhundert. Hierbei handelt es sich ausnahmslos um neuere Forschungsergebnisse, zumeist um Grundlagenforschung. Dies erklärt, warum - mit Ausnahme des überaus gehaltvollen Beitrags von Ulrike Seeger über die Raumfolge in der Salzburger Residenz in vergleichender Perspektive - nur selten auf grundsätzliche Aspekte der Hofhaltung außerhalb Salzburgs Bezug genommen wird.

Insgesamt findet sich in dem Sammelband viel Wissenswertes zusammengetragen, zur Reichskirche ebenso wie zur Repräsentationspraxis der Erzbischöfe von Salzburg. Es mangelt hingegen sowohl an innerer Kohärenz der Beiträge untereinander als auch an Bezügen zur aktuellen Hof-Forschung. Das letzte Wort zur Hofhaltung geistlicher Fürsten ist mit diesem Band jedenfalls noch nicht gesprochen.


Anmerkungen:

[1] Wolfgang Reinhard: Nepotismus. Der Funktionswandel einer papstgeschichtlichen Konstante, in: Zeitschrift für Kirchengeschichte 86 (1975), 145-185; ders.: Papal Power and Family Strategy in the Sixteenth and Seventeenth Century, in: Ronald G. Asch / A. M. Birke (eds.): Princes, Patronage and the Nobility. The Court at the Beginning of the Modern Age, London / Oxford 1991, 329-356; Volker Reinhardt: Der päpstliche Hof um 1600, in: August Buck (Hg.): Europäische Hofkultur im 16. und 17. Jahrhundert, Hamburg 1981, 709-715; ders.: Kardinal Scipio Borghese (1605-1633). Vermögen, Finanzen und sozialer Aufstieg eines Papstnepoten, Tübingen 1984; Markus Völkel: Römische Kardinalshaushalte des 17. Jahrhunderts: Borghese - Barberini . Chigi, Tübingen 1993; Arne Karsten: Künstler und Kardinäle. Vom Mäzenatentum römischer Kardinalnepoten im 17. Jahrhundert, Köln / Weimar / Wien 2003.

[2] Aloys Winterling: Der Hof der Kurfürsten von Köln: 1688-1794. Eine Fallstudie zur Bedeutung "absolutistischer" Hofhaltung, Bonn 1986.

Andreas Pečar