Rezension über:

Bettina Hitzer / Thomas Welskopp (Hgg.): Die Bielefelder Sozialgeschichte. Klassische Texte zu einem geschichtswissenschaftlichen Programm und seinen Kontroversen (= Bd. 18), Bielefeld: transcript 2010, 461 S., ISBN 978-3-8376-1521-0, EUR 25,80
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Rezension von:
Marcel Zirpins
Fulda
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Marcel Zirpins: Rezension von: Bettina Hitzer / Thomas Welskopp (Hgg.): Die Bielefelder Sozialgeschichte. Klassische Texte zu einem geschichtswissenschaftlichen Programm und seinen Kontroversen, Bielefeld: transcript 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/09/18516.html


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Bettina Hitzer / Thomas Welskopp (Hgg.): Die Bielefelder Sozialgeschichte

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Eine Denkrichtung der Geschichtswissenschaft anhand von bereits erschienenen, aber verstreuten Texten der Protagonisten darzustellen, bedarf nicht nur der profunden Erläuterung, sondern auch der erklärenden Einordnung in den Entstehungs- und Diskussionskontext. Diesem Unterfangen haben sich zwei Historiker mit Bravour gestellt.

Der Begriff "Bielefelder Schule" ist längst zu einem Synonym für die deutsche Sozialgeschichte geworden. Diese pauschale Gleichsetzung führt aber auch zu einer Unschärfe, die einer Klärung bedarf. Bettina Hitzer und Thomas Welskopp unternahmen nun den Versuch, dem Leser die Möglichkeit zu eröffnen, "die von Mythen umwobene 'Bielefelder Schule' mehr als nur dem Namen nach zu kennen". Sie blicken zurück in die Entstehungszeit der Bielefelder Schule und bedienen sich früher Schriften, die kämpferisch "Aufklärungsarbeit im Geiste einer engagierten, kritische Geschichtswissenschaft [...] leisten" und mit einer Sozial und Strukturgeschichte das Politische aus dem Gesellschaftlichen deuten wollten. Dabei war und ist die nach ihrem Universitätsstandort benannte Bielefelder Schule keine feste ideologische Gemeinschaft, wenngleich einige Vordenker wie Hans-Ulrich Wehler, Jürgen Kocka, Reinhart Koselleck und Hans-Jürgen Puhle - um nur die prominentesten zu nennen - starken Einfluss ausübten. Dieser Bielefelder Kern propagierte ein neues Programm welches, ausgehend von dem Problem des Zivilisationsbruchs im Nationalsozialismus, einen weitreichenden analytischen Blick auf den Weg der Deutschen in die Moderne werfen sollte. Das Hauptinteresse lag auf Theorien bzw. Modellen des ökonomischen und gesellschaftlichen Wandels. Die entscheidenden Kräfte der Geschichte wurden vor allem in Wirtschaft, Gesellschaft und sozialer Ungleichheit gesehen.

Die beiden Autoren stellen dar, dass die Bielefelder Sozialgeschichte ihr neues Paradigma vor allem in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung "profiliert, geschliffen und verteidigt hat." So versammelt das Buch auch eine Anzahl von Texten prominenter Vertreter der Bielefelder Schule, um die Entwicklung dieser einflussreichen Strömung der Geschichtswissenschaft deutlich zu machen. Die Auswahl der Quellentexte orientiert sich an der Chronologie der Entwicklung sowie an wichtigen Kontroversen. Um die Konturen zu schärfen, haben die Autoren Positionen benachbarter Wissenschaftler sowie die entsprechenden Gegenpositionen und Abgrenzungen der Bielefelder Schule dargestellt.

Aus diesem Ansatz ergibt sich folgender Aufbau des Buches: In einer hervorragenden Einführung der Herausgeber werden zunächst die Entstehung, die Grundaxiome sowie die Etablierung der Bielefelder Schule dargestellt, um dann die folgenden Primärtexte in die zeitgenössische Diskussionslandschaft einzuordnen. Diesem etwa 50-seitigem Teil I folgen auf etwa 400 Seiten bereits erschiene Schriften zur Bielefelder Schule. Teil II ("Programmatische Aufbrüche") beinhaltet drei Aufsätze von Wehler und je einen Text von Berding, W.J. Mommsen, Puhle und Wehler, in welchen die Anfangsentwicklung und die sich etablierenden Grundströmungen dargestellt werden (aus der "Kritischen Sozialgeschichte" wurde eine "Historische Wissenschaft" und schließlich eine "Gesellschaftsgeschichte"). Ein dritter Teil - mit jeweils einem Text von Schieder und von Kocka - befasst sich mit der Sozialgeschichte als strukturanalytischem Zugang, während der vierte Teil mit Wehlers Essay zur Modernisierungstheorie die Auseinandersetzung mit anderen Theorieschulen aufzeigt. Der fünfte Teil (Kaiserreich und Sonderweg, jeweils ein Text von Wehler und Kocka) dokumentiert exemplarisch die neue, sehr breit gefächerte Herangehensweise an eine Epoche. Ein recht umfassender Teil VI befasst sich mit neueren Herausforderungen und Reaktionen. Hier werden programmatische Texte zur Begriffsgeschichte, zur Alltagsgeschichte, zur Frauengeschichte und der Neuen Kulturgeschichte mit jeweiligen Repliken von Wehler oder Kocka aufgeführt.

Anhand der Quellen aus der Aufbruchsphase und des Ringens mit anderen Richtungen gelingt es den Autoren wesentliche Grundlagen und Definitionen der Bielefelder Schule aus deren eigener Feder zu versammeln (zum Beispiel wenn Kocka Struktur und Strukturgeschichte im Sinne der Bielefelder Schule definiert; wenn Wehler in seiner Einleitung der Deutschen Gesellschaftsgeschichte eine Positionsbestimmung in Abgrenzung zu den anderen Modellen vornimmt ). Aufgrund der damals aktuellen Auseinandersetzungen um die Bielefelder Schule sind die Texte situativ bedingt teilweise scharf formuliert. So der Text Kockas "Kontroversen um Frauengeschichte" in welchem dieser gegen den Ausschluss von Männern aus einer Tagung zur Frauengeschichte protestiert und seinen Briefwechsel mit Annette Kuhn kurz Revue passieren lässt. So auch die ironisch-sarkastisch formulierte Zurückweisung der Kulturgeschichte durch Wehler ("Dr. Oetkers Götterspeise für den kulturhistorischen Geschmack"; "Glasperlenspiel reichlich abstrakter [...] Überlegungen"), der er Beliebigkeit in der Gewichtung historischer Prozesse bzw. der Themenwahl überhaupt vorwirft. Gerade diese unmittelbare Authentizität der Debatte macht neben den inhaltlichen Aspekten auch den Reiz dieser Textsammlung aus.

Allerdings beschränken sich die Autoren in der Textauswahl fast ausschließlich auf die beiden Protagonisten dieser Schule, nämlich Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka (von insgesamt 18 im Buch aufgeführten Fremdtexten - Kritiker der Bielefelder Schule mitgerechnet - stammen zwölf aus ihrer Feder).

Gerade der Teil "Herausforderungen und Reaktionen" zeigt in der Auswahl zudem eine Verengung auf eine Auseinandersetzung mit verwandten Ansätzen, beziehungsweise mit Autoren, die selbst die damals tradierten Wege der Geschichtswissenschaft erweitern wollten. Diese würden sich selbst nicht unbedingt als explizite Kritiker der Bielefelder Schule verstehen.

Ausgehend von der Grundintention des Buches, die Hauptthesen dieser von Mythen umgebenen und damit etwas vernebelten Bielefelder Schule deutlich hervortreten zu lassen, ist diese Fokussierung auf Randbereiche, in denen sich Unschärfen ergeben können, sinnvoll. Die Abgrenzungen, die hier von Vertretern der Bielefelder Schule selbst vorgenommen werden, dienen der Schärfung des eigenen Profils. Es wird deutlich, wo die Unterschiede zu anderen, teilweise benachbarten Forschungsansätzen liegen.

Ausgehend von dem Untertitel des Buches "Klassische Texte zu einem geschichtswissenschaftlichen Programm und seinen Kontroversen" vermisst man eine grundsätzlichere Kritik an der Herangehensweise und den Prämissen dieser Geschichtswissenschaft. Stellungnahmen grundsätzlicher Kritiker von außen, beziehungsweise andere Ansätze wie zum Beispiel von Thomas Nipperdey oder Lothar Gall kommen leider nicht zu Wort. Dies ist insofern schade, als dass es gerade diese Kontroversen sind, welche ebenfalls eine gute Einordnung der Bielefelder Schule in die breitere Forschungslandschaft erlauben würden und welche zudem unterschiedliche Ansätze pointierter zutage treten lassen würden. So hätte ein wissenschaftliches Plädoyer für eine traditionelle politische Geschichte neben der Sozialgeschichte Wehlers auch die (damals) aktuellen Alternativen aufgezeigt.

Freilich muss man den tendenziell eher der Bielefelder Schule zugeneigten Autoren zugute halten, dass allein schon das erste Unterfangen, bei der hier dargelegten Gewissenhaftigkeit, ein über 450seitiges Werk in Anspruch nimmt. Ein weiter gefasster Rahmen hätte unter diesen Ansprüchen den Umfang des Buches deutlich gesprengt.

Insgesamt handelt es sich bei dem vorliegenden Werk um eine profund eingeführtes und durch die Wahl der Texte sehr lesenswertes Buch, welches eine wertvolle Grundlage für das Verständnis der Bielefelder Schule bildet. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Analysen und Textsammlungen dieser Art und dieser Qualität zu anderen Ansätzen der Geschichtswissenschaft erscheinen.

Marcel Zirpins