Rezension über:

Felix Biermann / Oliver Auge / Christopher Herrmann (Hgg.): Glaube, Macht und Pracht. Geistliche Gemeinschaften des Ostseeraums im Zeitalter der Backsteingotik (= Archäologie und Geschichte im Ostseeraum; 6), Rahden/Westf.: Verlag Marie Leidorf 2009, 386 S., 187 Abb., ISBN 978-3-89646-466-8, EUR 79,80
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Rezension von:
Ulrich Fürst
Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Tobias Kunz
Empfohlene Zitierweise:
Ulrich Fürst: Rezension von: Felix Biermann / Oliver Auge / Christopher Herrmann (Hgg.): Glaube, Macht und Pracht. Geistliche Gemeinschaften des Ostseeraums im Zeitalter der Backsteingotik, Rahden/Westf.: Verlag Marie Leidorf 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/09/18172.html


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Felix Biermann / Oliver Auge / Christopher Herrmann (Hgg.): Glaube, Macht und Pracht

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Der geografische Schwerpunkt der Publikation, hervorgegangen aus einer international besetzten Tagung am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald, lag erklärtermaßen auf dem Südwesten der Ostseeregion mit dem eigentlichen Kernbereich Mecklenburg und Pommern. Wie der einführende Beitrag von Felix Biermann in einem Referat wichtiger Schlüsselereignisse und Phänomene entwickelt, war inhaltlich vor allem "die komplexe Bedeutung der geistlichen Gemeinschaften für die Mission und die christliche Spiritualität, für die Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte sowie die herrschaftlichen und politischen Belange der Länder des Ostseeraums in der Zeit der großen Umbrüche zwischen dem 11./12. und 15. Jahrhundert zu beleuchten" (9).

Der gewählte Oberbegriff der "geistlichen Gemeinschaften" eröffnet zwar eine wünschenswerte Breite der Betrachtung von durchaus heterogenen kirchlichen Organisationsformen, er bleibt aber deshalb unscharf, weil sich die Herausgeber klärender Definition enthalten. In beiläufigen Wendungen wie "Mönchs-, Nonnen- und Ritterorden" (5) oder "Rolle der Klöster für die mittelalterliche Geschichte dieser Großregion" (9) bleibt beispielsweise der Stellenwert von Klerikergemeinschaften im Range eines Kollegiatstifts offen. Dabei hätten die Baumassen von St. Nikolai in Greifswald, die den Teilnehmern der Tagung im tatsächlichen Sinne im Blick standen, für die Wichtigkeit dieser Variante geistlicher Gemeinschaft gebürgt: Durch die Umwandlung in ein Kollegiatstift im Jahr 1456, eigentümlich verknüpft mit der Universitätsgründung, war es dem Patriziat von Greifswald gelungen, das Patronat einer anderen Kommunität, des Zisterzienserklosters Eldena, über die Pfarrkirchen der Stadt abzulösen - ein plakatives Exempel für das Ineinandergreifen von geistlichen Gemeinschaften und städtischer Identität.

Auch der Beitrag von Oliver Auge ("Geistliche Gemeinschaften, Dynastien und Landesherrschaft im Ostseeraum") streift Unterscheidungen wie die zwischen Klöstern und "weltlichen Kollegiatkirchen" (306) allenfalls, wenn er funktionale Zusammenhänge zwischen 'Kirche und Welt' im Allgemeinen darstellt (Stiftungswesen, Memoria, Versorgungseinrichtung, Ausbau der Landesherrschaft). Bei den von Carola Fey behandelten Kirchenschätzen ("Silber, Gold und heilige Gebeine - sakrale Schätze geistlicher Gemeinschaften im Ostseeraum") ist eine solche Differenzierung angesichts der sehr wenigen erhaltenen Objekte kaum möglich. Einen Kontrapunkt gegen den verallgemeinernden Blick auf die Klosterkultur setzt der Beitrag von Rainer Szczesiak ("Die mittelalterlichen Ordensgemeinschaften in Mecklenburg-Vorpommern - dargestellt am Beispiel der Institutionen der Herrschaft Stargard (Südostmecklenburg)", der zum Zisterzienserinnenkloster Wanska, zu den Johanniterkommenden Mirow, Gardow und Nemerow sowie zum Neubrandenburger Franziskanerkloster Fallstudien in engerem territorialen Rahmen anbietet, in denen das Ordensspezifische deutlicher hervortritt. Einen partiellen Eindruck von Besiedlungsdichte und -anteilen der verschiedenen Kommunitäten ermöglichen die tabellarischen und kartografischen Übersichten bei Szczesiak sowie in den Beiträgen von Göran Tangesson, Marian Rebkowski und Helmut Flachenecker (108f., 126, 142, 144f., 324f.).

Bevorzugt konzentrieren sich die Beiträge auf den Zisterzienserorden; den Franziskanern und Prämonstratensern widmen sich jeweils zwei, dem Deutschem Orden ein gewichtiger Beitrag, während die Gemeinschaften der Dominikaner, Karmeliten und Augustiner oder der Johanniter, Birgitten und Kartäuser allenfalls am Rande in Erscheinung treten. Gleiches gilt auch für die Ordensgemeinschaften der Frauen, denen sich die jüngere Forschung ansonsten intensiv widmet. Ausgegrenzt wurden die Kanoniker der Domstifte, obwohl auch diese eine regularisierte Gemeinschaft von Geistlichen darstellen. Allerdings wurde ein Beitrag über den 'Papenbrand' von Stralsund (1407) aufgenommen, ein Konflikt zwischen dem bischöflichen Archidiakon von Tribsees und dem Rat der Stadt, bei dem geistliche Gemeinschaften keine wesentliche Rolle gespielt haben.

Auch von einer umfangreichen Tagung kann die Fülle monastischer Lebensformen nicht einmal anteilig abgebildet werden. Doch hätte sich eine systematische Differenzierung empfohlen, denn in der Lektüre der einzelnen Beiträge wird rasch erkennbar: Die besondere Verfasstheit der jeweiligen Kommunität war bei ihren besonderen Leistungen für Mission, Landesausbau, Wirtschafts- und Kunstgeschichte ein wesentlicher Faktor. Je näher die Autoren konkreten Vorgängen und Denkmälern kommen, desto klarer treten ordensspezifische Merkmale hervor. Das gilt insbesondere für die Beiträge mit kunst- und vor allem architekturhistorischem Akzent, die in dem Band größeren Raum einnehmen als ein Reihentitel wie 'Archäologie und Geschichte im Ostseeraum' vermuten lässt, sodass auf sie im Folgenden nur in Auswahl eingegangen werden kann:

Die Verflechtung von Ordensstrukturen und politischem Expansionswillen sowie die daraus für die Architekturgeschichte erwachsenden Folgen machen zwei Beiträge anhand der Zisterzienser in Pommern deutlich. Jens E. Olesen ("Der Einfluss dänischer Klöster im Ostseeraum") stellt den historisch-politischen Kontext dar, wobei zwei bestimmende Faktoren hervortreten: einerseits die ordenstypische Filiation mit der Besiedlung der Klöster Dargun, Kolbatz und Eldena durch das Mutterkloster im seeländischen Esrom, eine Filiationslinie, der schließlich immerhin 14 Klöster zuzurechnen waren; andererseits die dänische Großmachtpolitik, die durch die Gründung von Klöstern neu eroberte Gebiete an die Krone anbinden und einen Nukleus für die Ansiedlung von dänischen und deutschen Siedlern gewinnen wollte. Eigentlich auf eine enge Zeitspanne vor 1200 begrenzt, hatte die Gründungstätigkeit der Dänen bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts hinein Auswirkungen, was sich nicht nur in der Wahl dänischstämmiger Äbte abzeichnet. Denn Hans Krongaard Kristensen ("Architectural relations between Danish Cistercian churches and the Daughters of Esrum at Dargun, Eldena and Kołbacz") kann trotz der nur teilweise erhaltenen und ungenügend erforschten Denkmäler (erhaltene Bauten in Logum und Sorø sowie Überreste und Grabungsbefunde) eine Fülle von Parallelen aufzeigen, vom Grundkonzept des 'bernhardinischen Plans' über Wölbformen und Pfeilervorlagen bis hin zu charakteristischen Details der neu aufgekommenen Backsteintechnologie. Der Beitrag reißt eine Fülle von Gesichtspunkten an, die bei eingehender systematischer Untersuchung vielfältige Einsichten in die Entstehungs-, Etablierungs- und Ausbreitungsprozesse einer neuen Baukultur verspricht. Dabei müssten insbesondere die leider unpublizierten Ergebnisse der jüngeren Bauforschung zu Eldena aufgegriffen werden. Der Beitrag "Kołbacz (Kolbatz) and Białoboki (Belbuck) - archaeology of two 12th century monasteries in Pomerania" von Marian Rebkowski ergänzt dies, indem er in der Gründungsphase Unterschiede zwischen Zisterzienser- und Prämonstratenserorden aufweist und erläutert, was Grabungsbefunde dazu, insbesondere im Hinblick auf die Siedlungsdichte, auszusagen vermögen.

Wichtige neue Erkenntnisse zur Öffentlichkeit von Franziskanerklöstern im städtischen Raum präsentiert der Beitrag von Matthias Untermann ("Öffentlichkeit und Klausur: Beobachtungen zur franziskanischen Klosterbaukunst in der Provinz Saxonia"). Eine systematische Auswertung von partiell erhaltenen Anlagen und Grabungsbefunden ergibt, dass in der Ordensprovinz Saxonia das Phänomen zweier Kreuzgänge - einer davon als Teil der eigentlichen Klausur zumeist kleiner und unregelmäßiger, einer halböffentlich und architektonisch 'vollständig' realisiert - nicht etwa Ausnahme oder individuelle Lösung war, sondern es sich vielmehr "um einen echten Bautyp handelt, und zwar den häufigsten Typ für die Franziskanerkonvente des 13./14. Jahrhunderts" (201). Der im Selbstverständnis der Franziskaner eigentlich nicht relevante Bautypus Kreuzgang scheint einer Erwartungshaltung städtischer Eliten Rechnung zu tragen. Die stadtöffentliche Nutzung sowie die Parallelen bei anderen Mendikantenorden und in anderen Provinzen bedürfen weiterer Untersuchungen. Wegen der wenigen erhaltenen Denkmäler können die Mendikantenklöster in Schweden zu diesem Aspekt leider kaum etwas beitragen, doch beleuchtet Göran Tagessons Beitrag ("Urban Monastic Culture in Medieval Sweden") den Anteil der Klöster bei der Entstehung von Städten in einer Übersicht und am Fall Linköping: Niederlassungen der Bettelorden nicht nur als Begleiterscheinung, sondern als zentrale Komponente mittelalterlicher Stadtkonzepte.

Noch deutlicher wird der Zusammenhang zwischen Ordensidentität und Architektur bei den Konventssitzen des Deutschen Ordens. Diese Ausprägung der Konventsburgen, die einen geschlossenen Baublock über rechteckigem Grundriss bilden und im Inneren jeweils eine sehr ähnliche Raumfolge aufweisen, beschränkt sich auf die Niederlassungen in Preußen und Livland und wurde in den Jahren um 1270/80 mit einer Konsequenz eingeführt, die sich nur durch entsprechende Beschlüsse der Führungsgremien erklären lässt. Christofer Herrmann ("Kloster und Burg - die Architektur des Deutschen Ordens in Preußen und Livland") sieht den bestimmenden Faktor jedoch weniger in der Regel als im Übergang von der kriegerischen Durchsetzung zum systematischen Landesausbau nach der Niederwerfung des zweiten Preußenaufstands. Über die architektonische Funktionalität hinaus verweist Hermann vor allem auf Qualitäten des Bildhaften im Sinne einer "bewussten Inszenierung" oder der Selbstdarstellung (216, 219): Den Status einer geistlichen Gemeinschaft tragen insbesondere der Innenhof mit seinem doppelstöckigen Kreuzgang sowie Raumkomponenten wie Kirche, Kapitelsaal, Dormitorium und Refektorium vor, welche der Typologie von Klöstern entsprechen. "Bei der Außenansicht erschienen die blockartigen, quadratischen Kolosse als Sinnbild der perfekten Burg", als "Wahrzeichen einer wohlgeordneten und strengen Herrschaft" (216). Gerade in dieser Verbindung von Kloster- und Herrschaftsarchitektur dokumentiert sich die spezifische Verfasstheit des Deutschen Ordens.

Der vorliegende Tagungsband lenkt die Aufmerksamkeit auf die Klosterkultur in einer generell zu wenig beachteten Großregion, lässt deren Vielgestaltigkeit in Ausschnitten aufscheinen, verweist auf zukünftige Fragen- und Aufgabenstellungen und überzeugt davon, dass diesbezügliche Ergebnisse über den regionalen Bereich hinaus von Bedeutung sein können. Nicht nur für Kunsthistoriker sind noch zu empfehlen die Beiträge von Ernst Badstübner ("Grundlagen und Ausprägungen der Backsteingotik im Ostseeraum"), eine gekonnt verdichtete, pointierte Einführung in diese Materie, sowie die beachtliche Neuinterpretation von Caspar David Friedrichs 'Abtei im Eichwald' (Christian Scholl, "Ruinen-Versetzungen: Das Eldena-Motiv und die Rezeption der Backsteingotik bei Caspar David Friedrich").

Ulrich Fürst