Rezension über:

Krešimir Matijević: Marcus Antonius. Consul - Proconsul - Staatsfeind. Die Politik der Jahre 44 und 43 v. Chr. (= Osnabrücker Forschungen zu Altertum und Antike-Rezeption; Bd. 11), Rahden/Westf.: Verlag Marie Leidorf 2006, 545 S., ISBN 978-3-89646-732-4, EUR 74,80
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Rezension von:
Kehne Peter
Historisches Seminar, Leibniz Universität, Hannover
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Kehne Peter: Rezension von: Krešimir Matijević: Marcus Antonius. Consul - Proconsul - Staatsfeind. Die Politik der Jahre 44 und 43 v. Chr., Rahden/Westf.: Verlag Marie Leidorf 2006, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/09/17841.html


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Krešimir Matijević: Marcus Antonius

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Einige Persönlichkeiten der Antike erfreuen sich anhaltender Beliebtheit. Dies gilt für Marcus Antonius, zu dem eine Fülle an Einzelstudien vorliegt, eine wirklich wissenschaftlich fundierte Biographie aber - unter anderem auch deswegen - ein Desiderat blieb. Dieser vom Augustus-Experten Kienast diagnostizierte Sachverhalt veranlasste Matijević zu seiner 2005 in Osnabrück angenommenen Dissertation. Zumal die zuvor viel verkaufte, anmerkungslose Antoniusbiographie der Vielschreiberin Southern [1] geradezu den Höhepunkt der beliebten modernen Kompilationen ohne eigenen wissenschaftlichen Wert repräsentiert.

Matijević will das bereits durch tendenziöse Quellenaussagen vielfach verzerrte Bild des Antonius mittels detaillierter Analyse seiner Politik zwischen Caesars Ermordung und dem Triumvirat mit Octavian und Lepidus revidieren. Nach einer halbseitigen Einleitung erläutert er die Quellen- (11-27) und Forschungslage (28-35); nennt dabei die wichtigsten Namen, teilt dem Leser jedoch nicht mit, dass nach Dettenhofers [2] wenig geglücktem Versuch Gotter [3] 1996 bereits eine umfassende und systemische Abhandlung zum selben Gegenstand vorlegte. Untersuchungsziel sei nicht, "Antonius von den Anschuldigungen in den antiken Quellen 'reinzuwaschen' und seine Politik durchweg einer Aufwertung zu unterziehen" (35), was Syme mit "The Roman Revolution" bereits 1939 tat, dem im Bemühen um ein "positives Bild" etliche folgten. Matijević beabsichtigt (nur), "die antiken Nachrichten für die Jahre 44/43 zu sammeln, den Forschungsstand wiederzugeben und letztlich beides der kritischen Prüfung zu unterziehen" (35).

In Ermangelung weiterreichender Fragestellungen fragt man sich: Quid novi? Denn anders als Dettenhofer und Gotter, die Antonius ausführlich (wenn auch allzu quellengläubig) im Interaktionsgeflecht von Politikern und Zeitumständen kontextualisieren, bietet Matijević nur eine einseitige Perspektive - allerdings beeindruckend tiefschürfende Analysen der Informationsgrundlage und Forschungspositionen. Die Hauptkapitel "Der Consul" (37-210) und "Proconsul und Staatsfeind" (211-370) dürften kein Detailproblem unberücksichtigt lassen, jedoch einige Teile zum Verhältnis zu Octavian. Die wenig überraschende Zusammenfassung (371-6) skizziert dann übergeordnete Aspekte, ohne "von Antonius' Ende auf eine Intention am Anfang schließen" zu wollen (371).

Gewohnheitsmäßigen Nacherzählungen antiker Berichte mit unreflektierten Übernahme ihrer Urteile erteilt Matijevićs mutige Generalrevision eindeutige Absagen. Antonius' Politik charakterisiert er für den analysierten Zeitraum als auf Ausgleich bedachte, keineswegs 'wendehafte', wobei Antonius kompromissbereit, rachelüsterne Caesarianer gemäßigt, von Caesar missachteten republikanischen Institutionen Respekt bezeugt und nie nach Alleinherrschaft gestrebt habe. Ob alles zutrifft und Matijević "Antonius' Erwartungshorizont" (372) korrekt ausmisst oder - für den auf einen Schlag reichsten Mann der antiken Welt mit der Option auf die bis dato größte Klientel der römischen Geschichte - eher für zu beschränkt hält, sei hier dahingestellt. Methodisch problematisch ist sicher die wegen angeblicher Unwahrheiten fast totale Ausklammerung von Angaben in Ciceros Philippicae, die sonst keine Bestätigung erfahren. Anstelle 'negativer' oder 'positiver' Darstellungen wäre eine Differenzierung in 'quellengläubig voreingenommen' und 'um Objektivität bemüht' förderlicher, da Matijević kaum Gattungsspezifika antiker Rechtfertigungs- und historiographischer Unterhaltungsliteratur mit ihren geradezu erwarteten Überzeichnungen thematisiert.

Der Primärtext ist allenthalben gut lesbar. Die Fußnoten nehmen allerdings oft mehr als eine halbe Seite ein. Und gut handhabbar ist die sperrige, einschließlich Münzkatalog (385-451; rein beschreibend mit zu vielen Literaturbelegen und nicht-einschlägige Typen), Chronologie, Quellen- (458-466) und Literaturverzeichnis (467-500) sowie 4 Indices 545 Seiten starke Fleißarbeit im DIN A 4-Format mit 2,2 kg wahrlich nicht. Denn sie geht enorm verschwenderisch mit Platz um. Eine kleinere Schriftgröße für die Anhänge, Verzicht auf (fast) leere Seiten, auf gelehrige aber extensive und hier ohnehin nicht vermutete numismatische oder topographische Erörterungen, auf Redundanz, Wiederholung des schon hinlänglich Bekannten, bloße lexikalische und damit irrelevante Literaturhinweise, rein additive Autorenbelege (einmal 16 in Anm. 396 ) für Bagatellen, dafür platzsparende Zitierweisen (10-mal "Botermann 1968" in Anm. 298; 13-mal der Zusatz "[z. Jahr 44]" in Anm. 326; Jahreszahlen bei Autoren mit nur einem mehrfach zitierten Werk) etc., hätten leicht 180 Seiten gespart, ein leserfreundlicheres Format ermöglicht und damit die Rezeption der vielen im Anmerkungsapparat enthaltenen innovativen Argumente verbessert, auf die hier einzugehen der Raum fehlt.

Drei Jahre nach Matijević legte Pasquali [4] eine weitere, eher am gängigen Bild literarischer Quellen als an Forschungsfragen interessierte und damit wissenschaftlich überflüssige Monographie vor, die sich einmal mehr Antonius' vielbehandelter, bereits für Zeitgenossen rhetorisch inszenierter Feindschaft mit Cicero sowie der auch propagandistisch ausgedrückten Rivalität zu Octavian widmet. Man darf gespannt sein, ob nun die angekündigte Antonius-Biographie von Halfmann dem Desiderat einer wissenschaftlichen Gesamtbiographie endlich abhilft. Einen wichtigen exemplarischen Baustein dazu bietet Matijevićs 'gewichtiges' Werk, das enorme Mengen an Detailforschung differenziert zuordnet und im wuchernden Meinungs-Dschungel mutig Schneisen bahnt. Künftigen Forschungen zum politischen Scheitern der Caesarmörder und Zustandekommen des Triumvirats schafft diese gleichsam zum Handbuch mutierte Dissertation eine verlässliche neue Grundlage. Und Matijević erweist sich als ungemein kenntnisreicher, ebenso sorgfältig wie gründlich arbeitender und zur eigenständigen Urteilsbildung befähigter Althistoriker, von dem noch viel Förderliches zu erwarten sein wird.


Anmerkungen:

[1] Pat Southern: Mark Antony, Stroud 1998; deutsche Ausgabe (u. a.): Marcus Antonius. Ein Lebensbild, Essen 2003.

[2] Maria Dettenhofer: Perdita Iuventus. Zwischen den Generationen von Caesar und Augustus (= Vestigia, Bd. 44), München 1992, hier 262-326.

[3] Ulrich Gotter: Der Diktator ist tot! Politik in Rom zwischen den Iden des März und der Begründung des Zweiten Triumvirats (= Historia Einzelschriften, Bd. 110), Stuttgart 1996.

[4] Johannes Pasquali: Marcus Antonius - Todfeind Ciceros und Rivale des Octavianus, Bochum und Freiburg 2009.

Kehne Peter