Rezension über:

Wilhelm Ribhegge: Erasmus von Rotterdam, Darmstadt: Primus Verlag 2010, 278 S., ISBN 978-3-89678-667-8, EUR 29,90
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Rezension von:
Christine Christ-von Wedel
Basel
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Christine Christ-von Wedel: Rezension von: Wilhelm Ribhegge: Erasmus von Rotterdam, Darmstadt: Primus Verlag 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/09/17019.html


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Wilhelm Ribhegge: Erasmus von Rotterdam

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Der Emeritus Wilhelm Ribhegge, der in Münster am Institut für Didaktik der Geschichte als Privatdozent über Neuere Geschichte und Zeitgeschichte gelesen hat, hat diese Erasmus-Biographie ohne Untertitel herausgegeben. Das ansprechend aufgemachte und gut lesbare Buch will also eine Gesamtwürdigung sein. Der Umschlagstext verspricht noch mehr. Diese Biographie sei ein Stück europäischer Geistesgeschichte des Humanismus und der Renaissance und sie ermögliche zugleich, den Europäer Erasmus wieder zu entdecken.

Um es gleich vorwegzunehmen: in die vom Humanismus geprägte europäische Geistesgeschichte der frühen Neuzeit wird der Leser kaum eingeführt. Er erfährt nichts über des Erasmus Auseinandersetzung mit dem Neuplatonismus und dem Neuaristotelismus seiner Zeit, nichts über die von Erasmus mitgetragene neue Wissenschaftsmethodik, nichts über die ebenfalls von Erasmus stark geprägte humanistische Jurisprudenz, nichts über die geistigen Hintergründe der Krise an den Universitäten oder der sozialen Unrast in Stadt und Land und, abgesehen von meist äußeren Daten zur Lutherischen Reformation und fünf Seiten zum Willensstreit (129-135), nichts über die großen theologischen Debatten der Zeit, in die Erasmus eingriff. Rechtfertigungs- und Sakramentslehre werden nicht behandelt. Die Wiederbelebung der Antike wird angesprochen, so werden etwa der Frühschrift "Antibarbari" mehrere Seiten gewidmet (21-25), aber auch da bemüht sich Ribhegge nicht, das Besondere der humanistischen Antikerezeption gegenüber der des Mittelalters herauszustellen.

Was das Buch leistet und will, ist, den "Europäer" Erasmus, der "bis zum Ende seines Lebens an der Einheit von Kirche, Religion, Bildung und Kultur in der europäischen Gesellschaft" festgehalten habe (205), dem deutschen Leser in seinem politischen Kontext vorzustellen. Ribhegge geht chronologisch vor. Die bekannten Lebensstationen werden breiter als in anderen Erasmusbiographien in die politische Geschichte eingebettet. Die zum jeweiligen Lebensabschnitt von ihm ausgewählten Erasmusschriften stellt der Autor in knapp kommentierten Inhaltsangaben vor. Er beschränkt sich auf die bekanntesten wie das "Enchiridion", die "Adagia" und die "Colloquien", das "Lob der Torheit" und die Friedens- und Erziehungsschriften. Ribhegges Hauptquelle ist die weitgespannte Erasmuskorrespondenz, die von Percy S. Allen († 1933) und seiner Frau Helen M. Allen - nicht von John Percy Allen (9)! - bis 1953 herausgegeben wurde und vollständig ins Französische und weitgehend ins Englische übersetzt ist. Ribhegge paraphrasiert auch weniger bekannte Briefe, so den Briefwechsel mit Herzog Georg von Sachsen (119-121). Geschickt benutzt er das von Peter Bietenholz (Hg.) in den drei lexikonartigen Sammelbänden "Contemporaries of Erasmus" (erschienen 1985-87) zusammengetragene Wissen, um den Leser mit den Korrespondenten des Erasmus bekannt zu machen und die zitierten Briefe in einen lebendigen Kontext zu stellen. Breiten Raum gibt der Autor der Freundschaft zwischen Erasmus und Thomas Morus. Im Zusammenhang mit Erasmus' "Querela pacis" fasst Ribhegge auch Morus' "Utopia" zusammen (87-91) und bespricht ausführlich den Scheidungsprozess von Heinrich VIII. (163-165 und 190f.), allerdings ohne auf die einschlägige juristische Diskussion einzugehen, die Erasmus brieflich mit Bonifacius Amerbach darüber führte (Allen epp. 2256 und 2267). Die engen und freundschaftlichen Verbindungen, die Erasmus zu fast allen europäischen Ländern hatte und durch die er auf das geistige Leben dort einwirkte, werden gleichsam beispielhaft vorgeführt an Spanien (144-149) und an Polen (151-158), wobei der Autor sich für Spanien vornehmlich auf Marcel Bataillons seinerzeit bahnbrechende Studie von 1937 und für Polen auf Claude Backvis Aufsatz von 1968 stützt.

Nicht nur die Korrespondenz, auch die Friedenschriften sind überzeugend in den politischen Kontext eingebettet. Der Spezialist erfährt indessen kaum Neues. Das scheint auch nicht das Ziel des Autors zu sein. Er will vielmehr "den Europäer" Erasmus neu ins Bewusstsein des gebildeten Deutschen rufen, der anders als die Gebildeten im angelsächsischen Raum kaum etwas von Erasmus wisse (10). Ribhegge geht von Rolf Dahrendorfs Erasmusbild aus, das den Rotterdamer als den Prototyp des Liberalen darstellt, der sich von keiner Ideologie oder Partei vereinnahmen ließ, stets kritisch blieb und, nur der Vernunft verpflichtet, nach Wahrheit strebte, wobei er die Widersprüche und Konflikte des Lebens nicht aufzulösen versuchte, sondern in vorbildlicher Toleranz stehen lassen konnte. Dahrendorf, so unterstreicht Ribhegge, habe die "Botschaft des Erasmus", des Vordenkers "der intellektuellen Tradition Europas" angezogen (8). Ribhegge deutet mit eigenen Worten eine entsprechende zusammenfassende Würdigung von Erasmus nur an. Den Schluss des Buches bildet ein Brief Pjor Tomickis, des Krakauer Bischofs und Vizekanzlers beim polnischen König Sigismund I., ein Brief, der erst nach Erasmus' Tod 1536 in Basel eintraf. Tomicki reagierte darin auf die Weigerung des Humanisten, den Kardinalshut anzunehmen, den der neugewählte Papst Paul III. ihm angeboten hatte (205). Was Tomicki an Erasmus schrieb, um ihn doch noch zur Annahme zu bewegen, benutzt Ribhegge gleichsam als Schlussbetrachtung: "Du hast bisher die Päpste, Kardinäle, Könige und christlichen Fürsten belehrt, wie sie sich verhalten sollen. Trete jetzt, wo Gott dich ruft, an ihre Stelle. Stelle dich ihnen als ein lebendiges Beispiel dar. Komme der schwankenden Kirche zu Hilfe!" (209).

Die Forschungsdebatte um den Einfluss antiker Denkschulen und mittelalterlicher Traditionen auf Erasmus und die in den letzten Jahrzehnten vertieft untersuchten herausragenden Leistungen des Humanisten auf editorischem, philologischem und theologischem Gebiet interessieren Ribhegge nicht. Das einflussreiche kommentierte "Neue Testament" von Erasmus würdigt er auf nur zwei Seiten (81-83), die weit verbreiteten "Paraphrasen" oder die "Copia" gar nicht. Umso nachdrücklicher stellt er Erasmus als den bekannten regen Denker dar, der auf seinen Reisen und brieflich freundschaftliche Beziehungen in ganz Europa knüpfte und pflegte, die europäischen Fürsten zu einer friedlichen Politik ermahnte, Duldsamkeit in Glaubensfragen forderte, für eine weitherzige Erziehung eintrat und für einen höflichen und rücksichtsvollen Umgang unter Menschen jeglicher Herkunft warb.

Christine Christ-von Wedel