Rezension über:

Alexander Sigelen: Dem ganzen Geschlecht nützlich und rühmlich. Reichspfennigmeister Zacharias Geizkofler zwischen Fürstendienst und Familienpolitik (= Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Reihe B: Forschungen; Bd. 171), Stuttgart: W. Kohlhammer 2009, XXXI + 622 S., ISBN 978-3-17-020509-3, EUR 49,00
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Rezension von:
Karl Vocelka
Institut für Geschichte, Universität Wien
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Karl Vocelka: Rezension von: Alexander Sigelen: Dem ganzen Geschlecht nützlich und rühmlich. Reichspfennigmeister Zacharias Geizkofler zwischen Fürstendienst und Familienpolitik, Stuttgart: W. Kohlhammer 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/09/16725.html


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Alexander Sigelen: Dem ganzen Geschlecht nützlich und rühmlich

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Die Geschichtswissenschaft verlief in den letzten Jahrzehnten in Modeerscheinungs-Wellen, deren Anhänger sich oft geradezu missionarisch bekämpfen, da manche nur "ihren" methodischen Zugang für erheblich halten bzw. hielten. In diesem Sinne der vielen "turns" der letzten Jahrzehnte lag eine biographische Arbeit (wie es der Titel zunächst vermuten lässt) nicht sehr im Trend. Doch die vorliegende Studie, die als Dissertation bei Wolfgang Reinhard (Freiburg) entstanden ist, stellt keine Biographie im traditionellen Sinne dar, auch wenn die bedeutende Persönlichkeit des Reichspfennigmeisters Zacharias Geizkofler (1560-1617) im Mittelpunkt steht. Nur ein relativ kurzes Kapitel fasst die biographischen Daten Geizkoflers zusammen. Liest man das Kapitel über Fragestellungen und Methoden, so wird schnell klar, dass die Arbeit eine weit über das Leben des Mannes hinausgehende Absicht verfolgt. Methodisch ist sie an den Theorien von Pierre Bourdieu orientiert, dessen Terminologie sie auch anwendet. Zentrale Begriffe sind dabei soziales und kulturelles Kapital, Habitus und Feld, die auf Geizkofler und seine Familie Anwendung finden. Ziel der Arbeit ist es, einen Beitrag zur politischen Kultur im Heiligen Römischen Reich zu leisten. Im Überblick über den Forschungsstand stellt Sigelen klare Bezüge zur Geschichte des Reiches und der Adelsnetzwerke, deren Untersuchung in letzter Zeit boomt, her. Die Höfe, speziell hier der Kaiserhof, als Institution bilden seit einigen Jahren ein besonders wichtiges Forschungsthema, wobei der Autor klar macht, dass der Hof Kaiser Rudolfs II. und noch mehr der Kaiser Matthias' - was die politisches Ebene anlangt - zu wenig Beachtung fanden. Die Arbeit - so definiert auch der Verfasser selbst - stellt somit einen Brückenschlag zwischen der Makro- und der Mikrogeschichte (20), zwischen der Reichsgeschichte und der Biographie eines Einzelmenschen dar.

Das "Startkapital" (so der Titel des ersten Kapitels) Geizkoflers war das kulturelle Kapital seiner sehr guten, standesgemäßen Erziehung, aber auch sein soziales Kapital der Netzwerke, die aus Angehörigen der Familie, seiner weiteren Verwandtschaft und den Freunden bestanden. Auch die Förderer im Sinne des Systems der Patronage und die Diener gehörten zur sozialen Struktur seines Netzwerkes.

Das zweite Kapitel mit dem Titel "Fürstendienst" beschreibt Geizkoflers Funktion an den Höfen des Reiches, speziell im Dienst der Habsburger, da er zunächst Rat des Erzherzogs Ferdinand von Tirol war und von dort her, durch die entsprechenden Netzwerke, an den Kaiserhof Rudolfs II. in Prag selbst kam, wo er mit der Position der Reichspfennigmeisters eine führende Stellung einnahm. Institutionen- und finanzgeschichtliche Aspekte stehen in diesem Abschnitt im Vordergrund, aber auch die Analyse der adeligen Netzwerke ist wieder von Bedeutung. Nach 1603 war Geizkofler als Rat der Kaiser Rudolf II. und Matthias, aber auch des Erzherzogs Maximilian III. des Deutschmeisters, der Administrator Tirols und der Vorlande war, tätig. Die bedeutsame Rolle, die er im Dienste der Habsburger einnahm, ist deshalb so bemerkenswert, weil er als Protestant in der Zeit der Gegenreformation einen beachtlichen Einfluss auf die Politik des erzkatholischen Kaiserhauses nehmen konnte. Ein weiterer Teil des Kapitels widmet sich den Beziehungen Geizkoflers zu Fürsten des Reiches, vor allem dem Pfalzgrafen von Neuburg und den Herzögen von Württemberg, und den Netzwerken, die er an diesen Höfen unterhielt. Ökonomische Fragen, Klientel und Konfession sind auch in diesem Zusammenhang zentrale Gesichtspunkte. Weit über Geizkoflers in der bisherigen Literatur wahrgenommene Funktion als Finanzpolitiker geht der Abschnitt des Buches, der sich mit seinem politischen Denken beschäftigt, hinaus, der wichtige Einblicke in die Persönlichkeit Geizkoflers, aber auch in die zeitgenössischen Meinungen zu heute diskutierten Fragen der Reichsgeschichte gestattet.

Der dritte große Abschnitt, der die Überschrift "Profite" trägt, analysiert sowohl das ökonomische (reale) Kapital Geizkoflers als auch das symbolische Kapital mit Unterthemen wie Statussymbole, Lebensstil und Memoria, die stark im Zeichen seiner lutherischen Orientierung stand. Der letzte Abschnitt beschäftigt sich mit der Familienpolitik, den Aufstiegs-und Heiratsstrategien sowohl im weiteren Familienverband als auch spezifisch in der Kernfamilie Geizkoflers.

Die gründliche Arbeit basiert nicht nur auf der reichen Sekundärliteratur, sondern auch auf Archivstudien in verschiedenen Territorien des Alten Reiches (Augsburg, Dessau, Innsbruck, Karlsruhe, Ludwigsburg, Stuttgart), vor allem aber auf dem für die Reichsgeschichte unverzichtbaren Quellenmaterial des Österreichischen Staatsarchivs und seiner Abteilungen in Wien, also dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv, dem Hofkammerarchiv, dem allgemeinen Verwaltungsarchiv und dem Kriegsarchiv. Verschiedene Tabellen, Karten und Abbildungen ergänzen die schöne Studie sinnvoll.

Die Arbeit geht, wie schon anfangs ausgeführt, weit über eine klassische Biographie hinaus und zeigt, wie eine Verbindung von Forschungsfragen und struktureller Ansätze für die biographische Forschung fruchtbar gemacht werden kann. Die Arbeit kann als geradezu idealtypisch für einen zeitgemäßen Zugang zu Individuen in der Geschichte gesehen werden.

Karl Vocelka