Rezension über:

Vejas Gabriel Liulevicius: The German Myth of the East. 1800 to the Present, Oxford: Oxford University Press 2009, 312 S., ISBN 978-0-19-954631-2, GBP 34,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Rüdiger Ritter
Forschungsstelle Osteuropa, Universität Bremen
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Rüdiger Ritter: Rezension von: Vejas Gabriel Liulevicius: The German Myth of the East. 1800 to the Present, Oxford: Oxford University Press 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 7/8 [15.07.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/07/20210.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Vejas Gabriel Liulevicius: The German Myth of the East

Textgröße: A A A

Den "deutschen Mythos vom Osten" will Vejas Gabriel Liulevicius behandeln, und dafür stehen ihm knapp 300 Seiten zur Verfügung - ein gewagtes Unternehmen, auch dann, wenn der Schwerpunkt auf dem Zeitraum von 1800 bis heute liegt, wie der Untertitel einschränkt. Denn Liulevicius arbeitet, und das ist ein wichtiges positives Merkmal, mit großer historischer Tiefe. Auch wenn der Begriff kein einziges Mal fällt, so steht doch die Vorstellung der longue durée im Hintergrund, nach der langfristige Tiefenstrukturen die aktuellen Prozesse mehr oder weniger intensiv bestimmen, selbst wenn die Betrachtung eines einzelnen Zeitabschnitts das nicht immer sogleich erkennen lässt.

Die Anlage des Buches trägt diesem Gedanken Rechnung: In chronologischer Reihung geht der Autor die wichtigsten politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Ereignisse durch, und zwar nicht erst seit 1800, sondern seit der Völkerwanderung und der Zeit der Sesshaftwerdung germanischer Stämme. Mit diesem Verfahren kann Liulevicius seine Hauptthese demonstrieren, nach der ein deutscher Mythos vom Osten erst mit dem Aufkommen des modernen Nationalismus entstand, auch wenn vorher die Begegnungen mit dem "Osten" - ein Begriff, den der Autor weniger streng geografisch, sondern eher im übertragenen Sinne verstanden wissen will - keineswegs weniger intensiv gewesen waren. Im weiteren Verlauf seines chronologischen Durchgangs durch die Geschichte zeigt Liulevicius auf, wie diese älteren Begegnungen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert in nationalistisch-anachronistischer Manier in ein negatives Bild des Ostens eingebaut wurden, dessen Höhepunkt mit dem NS-Regime erreicht wurde. Sodann weist er darauf hin, dass in der Zeit der deutschen Teilung die Idee des Ostens gewissermaßen in das eigene Land Einzug gehalten hatte, als man die DDR-Bewohner als "Ostdeutsche" und nach der Vereinigung als "Ossis" bezeichnete.

Der Vorteil des deskriptiven Verfahrens, das Liulevicius gewählt hat, liegt darin, dass er überzeugend demonstrieren kann, dass der "deutsche Mythos vom Osten" keine primordialistische Konstante war, sondern in einer bestimmten historischen und geistesgeschichtlichen Konstellation entstand. Der Nachteil liegt allerdings darin, dass eine Deskription zwar eine Beschreibung des Phänomens, aber noch keine Erklärung darstellt. Besonders deutlich wird dieser Unterschied zwischen Deskription und Erklärung in der Behandlung des Wandels in dem Zeitraum zwischen NS-Regime und der Epoche des Kalten Krieges: Interessanterweise lässt der Autor mit dem Kriegsende 1945 nicht auch, wie so viele andere Darstellungen, ein Kapitel enden, um der Zeit danach ein neues zu widmen, sondern er setzt die Zäsur anders: Die Zeit von 1943 bis 1955 behandelt er in einem Kapitel, in dem er zeigen will, dass der "Osten" aus extremer geografischer Ferne immer weiter an das deutsche Kerngebiet heranrückte. Was er nicht erklären kann und was ihm aber anscheinend auch nicht wichtig ist, ist die Frage, wohin denn der noch kurz zuvor doch so wirkungsmächtige Mythos vom Osten als "Lebensraum" so plötzlich verschwunden ist? Liulevicius beschreibt und konstatiert den Wandel lediglich, erklärt ihn aber nicht. Trotz der Souveränität, mit der er zeigt, wie jede Zeit ihr eigenes Bild vom "Osten" hervorbrachte, hinterlässt gerade diese Leerstelle Unzufriedenheit beim Leser.

An diesem Punkt wirkt sich das Fehlen einer systematischen Anlage der Untersuchung nachteilig aus. Hier hätten sich Chancen geboten, deren Nutzung den Wert des Buchs wesentlich hätte steigern können. Wolfgang Wippermann etwa, dessen Buch [1] Liulevicius lobend hervorhebt, unternimmt eine Typisierung und spricht von einem "religiösen", "orientalischen", "europäischen" und "politischen" Osten. Diese spezielle Typisierung nun muss man nicht annehmen; sie unterliegt selbstverständlich wie jede Hypothesenbildung der kritischen Diskussion. Hier soll lediglich darauf hingewiesen werden, dass Typisierungen dieser Art Ansatzpunkte bieten können, die als Erklärungsmuster für Wandlungen dienen können. Die bloße phänomenologische Schau hingegen, wie Liulevicius sie vollführt, bleibt unbefriedigend. Er versteckt lediglich Ansätze zur Charakterisierung des von ihm in den einzelnen Kapiteln dargestellten Mythos im Abriss der laufenden Ereignisse, so dass der Leser auf der Suche nach einer systematisierenden Zusammenfassung der Hauptaussagen des Buches sich diese Passagen selbst zusammenstellen muss.

Ein weiterer Nachteil des deskriptiven Ansatzes besteht im Problem, dass die Facetten des "Mythos vom deutschen Osten" so zahlreich sind, dass die Beschreibung auf deskriptiver Basis den Rahmen des Buches gesprengt hätte. Auch wenn Liulevicius eine bemerkenswert dichte Reihung von historischen Ereignissen und Zusammenhängen präsentiert, kann ein einzelner Zusammenhang angesichts von über 1000 Jahren Betrachtungszeitraum kaum mehr als in Handbuchqualität dargelegt werden. Vieles bleibt daher notwendigerweise unberücksichtigt. So gab und gibt es ja nicht nur einen Mythos vom "Osten", sondern auch von einzelnen Ländern und Völkern in diesem "Osten" - und diese Mythen und Bilder waren in sich und untereinander höchst unterschiedlich, wie allein der Hinweis auf die völlig gegensätzlichen und ihrerseits einem stetigen Wandel unterworfenen deutschen Bilder von Polen und von Russland zeigen. Das gewählte Verfahren macht es auch unmöglich, diejenigen interessanten Ansätze zu diskutieren, die Liulevicius präsentiert, wie etwa den Vergleich zwischen dem deutschen Ost-Denken und dem US-amerikanischen frontier-Gedanken. Auch weist Liulevicius darauf hin, dass die Mythisierung eines Ostens keineswegs ein ausschließlich deutsches Phänomen war. Leider bleibt es bei diesem Hinweis - aber gerade Liulevicius, der mitunter durch seine ein klein wenig ausführlichere Behandlung der litauischen Zusammenhänge die Sympathie für sein Herkunftsland erkennen lässt, thematisiert beispielsweise die vollkommen anderen Bilder des Ostens von Litauen oder von Polen nicht. Dabei wären es möglicherweise gerade diese bislang kaum betrachteten Vergleiche zwischen den Ost-Bildern unterschiedlicher europäischer Nationen im Sinne einer transnationalen Kulturgeschichtsschreibung gewesen, die zu tatsächlich neuen Erkenntnissen geführt hätten.


Anmerkung:

[1] Wolfgang Wippermann: Die Deutschen und der Osten. Feindbild und Traumland, Darmstadt 2007.

Rüdiger Ritter