Rezension über:

Volker Depkat: Lebenswenden und Zeitenwenden. Deutsche Politiker und die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts (= Ordnungssysteme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit; Bd. 18), München: Oldenbourg 2007, 573 S., ISBN 978-3-486-57970-3, EUR 69,80
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Rezension von:
Nikola Becker
München
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Nikola Becker: Rezension von: Volker Depkat: Lebenswenden und Zeitenwenden. Deutsche Politiker und die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, München: Oldenbourg 2007, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 7/8 [15.07.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/07/19795.html


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Volker Depkat: Lebenswenden und Zeitenwenden

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Volker Depkats 2007 erschienene, 2003 an der Universität Greifswald eingereichte Habilitationsschrift reiht sich in Forschungsansätze einer kulturhistorischen jüngeren Geschichtswissenschaft ein, deren Erkenntnisinteresse sich auf 'Erinnerungskulturen', kollektive Gedächtnisse und Identitäten richtet und die zu diesem Zweck erinnerungsgeschichtliche Materialien auswertet. Besonders die Perzeption von Themen wie Erster Weltkrieg [1] und Nationalsozialismus [2] in autobiografischen Texten ist zum Gegenstand einer rasch anwachsenden wissenschaftlichen Literatur geworden.

Auch Depkat zieht Autobiografien als Basis seiner zeitgeschichtlichen Studie heran und postuliert ihre Nutzbarkeit als Quellen, die den "Durchgriff auf eine dahinterstehende historische Realität" (22) erlauben. Somit bekräftigt er den referentiellen Charakter von Autobiografien, die in seinen Augen historische Erkenntnis ermöglichen, weil ihre Autoren sich mit der Empirie ihres gelebten Lebens auseinandersetzen und nicht 'frei' konstruieren. (504ff.)

Auf Basis eines Quellenkorpus von 14 Politikerautobiografien, deren Autoren zwischen 1870 und 1892 geboren sind, befasst Depkat sich mit den "Sozialisations- und Zäsurerfahrungen" (14) dieser Generation, ihrer Deutung der selbst erlebten, wechselvollen Geschichte von der Jahrhundertwende bis in die 1960er Jahre hinein. Leitende Fragen beziehen sich auf das Verhältnis von Biografie und Historie, auf Selbst- und Geschichtsbilder sowie auf Lern- und Umorientierungsprozesse in den Selbstzeugnissen. Depkat teilt seine Autoren nach politischen 'Lagern' in drei Gruppen ein: Die 'Sozialisten' Wilhelm Keil, Wilhelm Dittmann, Albert Grzesinski, Otto Buchwitz, Max Seydewitz stehen den 'bürgerlichen Männern' Konrad Adenauer, Arnold Brecht, Ferdinand Friedensburg , Hermann Pünder sowie den 'bürgerlichen Politikerinnen' Gertrud Bäumer, Marie Baum, Marie-Elisabeth Lüders, Toni Sender und Käte Frankenthal gegenüber. Alle drei Gruppen rechnet er dem 'liberal-demokratischen' Spektrum zu, wenn auch Buchwitz und Seydewitz zu den Gründervätern der DDR zählten. Gemeinsam ist ihnen außerdem das Eintreten für die Weimarer Republik und die Gegnerschaft zum Nationalsozialismus.

Aus dem ersten Teil seiner dreigliedrigen Studie, der sich mit der Genese der Autobiografien befasst, zieht Depkat das Fazit, dass die Entscheidung zur Abfassung eines Selbstzeugnisses als Ergebnis sozialer Kommunikation zu betrachten sei. Schreibeabsichten gehen demnach auf das 'Sinn- und Konsistenzbedürfnis' einer Generation zurück, die zwischen 1914 und 1945 einem radikalen Wandel der politischen uns gesellschaftlichen Ereignisse ausgesetzt war. In diesem Sinn nennt er sie eine 'Krisenüberwindungs-' und '-vermeidungsstrategie', die das Erlebte festhalten, erklären, einordnen und überliefern soll. Mit der dabei jeweils stattfindenden individuellen historischen Identitätsbildung manifestiert sich gleichzeitig eine kollektive, nämlich die von Deutungsgemeinschaften, indem die retrospektiv entworfenen Geschichtsbilder in Konkurrenz zu den autobiografischen 'Überlieferungen' anderer Gruppen schriftlich fixiert werden (126ff.).

Im zweiten Teil analysiert Depkat die temporalen Grundstrukturen der Selbstzeugnisse, um das dahinterstehende Epochenbewusstsein rekonstruieren und daraus entstehende Geschichtsbilder eruieren zu können. Er kommt hier zu dem Ergebnis, dass das Epochenbewusstsein maßgeblich auf den radikalen Zäsurerfahrungen von 1933 und 1945 beruht. Das Jahr 1945 wird dabei als noch weitaus stärkerer Bruch als 1933 wahrgenommen. (247ff.)

Der dritte Teil untersucht die Verflechtung von Biografie und Geschichte in den Texten und fragt nach dem Stellenwert des zeithistorischen Zusammenhangs in den individuellen Identitätsbildungsprozessen. Konkret geht es um die Relevanz des erlebten Wandels in der Schilderung des eigenen Lebens, wobei sich nach Dekat spezifische 'Silhouetten' der einzelnen Gruppen ergeben. Allen gemeinsam ist der Entwurf gebrochener Lebensbilder, in denen die politischen Wenden von 1914, 1918/19, 1933 und 1945 auch einen Wandel in der eigenen Biografie nach sich ziehen: Zeithistorische und persönliche Krisen sind eng miteinander verbunden. Gleichzeitig entsteht daraus aber autobiografisch auch eine Form von Kontinuität, indem die geistige Auseinandersetzung damit zur politischen Bewusstseinsbildung entscheidend beiträgt. Die Deutung der Zäsuren unterscheidet sich dann jedoch nach Milieu, Geschlecht und weltanschaulicher Orientierung. Für die 'Sozialisten' und 'bürgerlichen Politikerinnen' konstatiert Depkat eine fundamentale Politisierung bereits für die Zeit des Kaiserreichs vor dem Einschnitt des Ersten Weltkriegs, während die 'bürgerlichen Männer' hier erst später nachziehen. Denn die Erfahrung von Ungleichheit führte bei den ersten beiden Gruppen bereits vor 1914 zum Entwurf alternativer Utopien, die auf eine reformierte Geschlechterordnung bzw. die sozialistische Gesellschaft zielten. Die bürgerlichen Männer hingegen entdecken erst nach seinem Ende infolge des Kriegserlebnisses Alternativmodelle zum wilhelminischen Staat, der von ihnen vorher nicht in Frage gestellt wurde. Bei allen Gruppen stellt der Weltkrieg eine Zäsur dar, die Sozialisten erfahren ihn als Zerreißprobe für die Einheit der Arbeiterbewegung, die Frauen betonen den damit einhergehenden Emanzipationszugewinn und den Anspruch auf Gleichberechtigung. Die bürgerlichen Männer führt er zur Delegitimierung des Nationalismus und der politischen Ordnung des Kaiserreichs. Die Darstellung der Weimarer Republik erfolgt bei allen Autoren unter dem Gesichtspunkt ihrer eigenen aktiven Stellungnahme für die republikanische Staatsform. Ein Konsens besteht auch darin, dass das Scheitern nicht als unausweichlich angesehen wird. Die Autobiografen betonen vielmehr Chancen und die Gestaltungsmöglichkeiten individuellen politischen Handelns. Insofern liefern sie das Bild einer bis 1932 offenen Situation im 'Ringen' der demokratischen und antidemokratischen Kräfte. Die 'Machtergreifung' löst in den Texten einen Wechsel der Erzählperspektive aus, da die Vernichtung der Republik auch eine Zerstörung der eigenen Lebensumstände zur Folge hatte. Die Autoren schildern sich als 'Ausgestoßene' und 'Beobachter' im 'Dritten Reich' und artikulieren eine auch aus den Erfahrungen Weimars gespeiste Warteposition des 'Lernens' für die Zeit nach der NS-Diktatur. Für die Zeit ab 1945 werden dann Motive des 'Wiederanschließens' aufgegriffen, sowohl für die eigene Biografie als auch den allgemeinen politischen Neubeginn. Hierin treten nun die Autobiografien entscheidend auseinander: Die für die DDR eintretenden Politiker beschwören den Wiederanschluss an die Zeit vor 1914 mit der bedingungslosen Reaktivierung des Klassenkampfs. Die Gründung der DDR kann somit retrospektiv als Erfüllung sozialistischer Jugendutopien gedeutet werden. Aus Sicht der Politiker in der Bundesrepublik geht es um die Anknüpfung an die 1918/19 in Gang gesetzte Demokratisierung in Staat und Gesellschaft, allerdings unter Berücksichtigung und Korrektur von Fehlern aus der Weimarer Zeit. Depkat diagnostiziert eine "substantielle Neuorientierung" angesichts des mit dem Datum 1945 so wahrgenommenen 'Nullpunkts' (513).

Insgesamt bilanziert Depkat einen mehrfachen Erkenntnisgewinn der von ihm untersuchten Politikerautobiografien. Zum einen erscheinen ihm die von einem drastischen Zäsurenbewusstsein und im 20. Jahrhundert sich radikal beschleunigenden Wandel getragenen Geschichtsbilder bemerkenswert in Hinblick auf die geschichtswissenschaftliche Tendenz, Umbrüche zu Gunsten von Kontinuitäten zu relativieren, etwa in Bezug auf einen deutschen 'Sonderweg'. Zum anderen illustrieren sie die Deutungskämpfe im Prozess historischer Identitätsbildung innerhalb von bzw. zwischen Gesellschaften, gerade auch in der Abgrenzung von Geschichtsbildern zwischen den beiden deutschen Staaten nach 1945. Besonders betont wird von ihm schließlich ihr Aufklärungscharakter über 'Lernprozesse' der Autoren aus der Bundesrepublik: Deren in den Texten fassbare, immer stärkere Übernahme demokratisch-liberalen Gedankenguts sei ein wichtiger Faktor für die Stabilisierung der Demokratie in der Bundesrepublik und Voraussetzung für Modernisierungsentwicklungen der 1950er und 1960er Jahre. Nicht nur Besatzung und äußerliche Zwänge des 'Kalten Krieges' haben - so die überzeugende These - zum Erfolg der deutschen Demokratie beigetragen, sondern auch das in autobiografischen 'Selbsthistorisierungen' hervortretende Lernen aus der erlebten Zeitgeschichte.

Ein häufiges Problem von Untersuchungen, die Autobiografien als Basis verwenden, besteht in der unzureichenden methodischen Auseinandersetzung mit ihren Quellen. Depkat ist dies nicht vorzuwerfen, er diskutiert ausführlich und im Forschungskontext eingebettet die gattungsspezifischen Merkmale autobiografischer Texte, um schließlich plausibel seinen methodischen Ansatz darzulegen, der die These reiner Textualität zugunsten der referentiellen Erkenntnismöglichkeiten verwirft. Er fasst seine Selbstzeugnisse als durch soziale Kommunikation entstehende, auf persönlicher historischer Erfahrung, rückblickender Interpretation und für die Gegenwart bedeutsam werdende Identitätsfindungsprozesse: Dadurch erlauben sie dem Historiker Zugriff auf kollektive Mentalitäten ihrer Autoren. Kritikwürdig mag dagegen Depkats Beschränkung auf sein so von ihm genanntes 'Sample' einer vergleichsweise geringen Anzahl von Autobiografien erscheinen, zumal auch in der Eingrenzung auf Angehörige des liberal-demokratischen und sozialistischen Spektrums. Konservativ-nationale Zeiterfahrungen, die innerhalb der Masse an nach 1945 entstandenen Elitenautobiografien über ein großes Gewicht verfügen - aber langfristig die Deutungshoheit wie Depkat zutreffend bemerkt verloren -, bleiben so ausgespart.

Depkats Studie belegt die Ergiebigkeit - kontextuell zu lesender! - autobiografischer Texte für die Eruierung politischer Mentalitäten und Weltbilder von 'Entscheidungsträgern' und die dadurch ermöglichte Freilegung von hochkomplexen Deutungsprozessen, die aus anderen Quellen kaum in dieser Qualität zugänglich scheint. Depkat zeigt überzeugend, dass für die Beurteilung des Handelns politischer 'Eliten' die Freilegung ihres geistigen Profils vermittels ihrer autobiografisch formulierten zeithistorischen Erfahrungen von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist.


Anmerkungen:

[1] Vgl. z.B.: Patrick Krassnitzer: Die Geburt des Nationalsozialismus im Schützengraben. Formen der Brutalisierung in den Autobiographien von nationalsozialistischen Frontsoldaten, in: Jost Dülffer / Gerd Krumeich (Hgg.): Der verlorene Frieden. Politik und Kriegskultur nach 1918 (= Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte, Neue Folge, 15), Essen 2002, 119-148. Im selben Band: Markus Pöhlmann: "Daß sich ein Sargdeckel über mir schlösse." Typen und Funktionen von Weltkriegserinnerungen militärischer Entscheidungsträger, 149-170.

[2] Vgl. die Beiträge des Sammelbands: Angelika Schaser (Hg.): Erinnerungskartelle. Zur Konstruktion von Autobiographien nach 1945 (= Herausforderungen. Historisch-politische Analysen, 14), Bochum 2003.

Nikola Becker